9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2019 - Ideen

Der israelische Schriftsteller Sami Berdugo misstraut zutiefst allen Versuchen, die Grenze zwischen Politikern und Volk zu verwischen. "Der Ministerpräsident trinkt Bier aus der Flasche, twittert, tritt gegen einen Fußball und füttert einen Hund. Er spielt die Rolle des 'einfachen Mannes' und weiß mit großer Bauernschläue, dass das Volk die 'Figur' und den 'Bund' zwischen ihm und seinen Untergebenen erkennt und begreift", schreibt er in der FR. "Und genau hier, in dieser fiktiven Kongruenz zwischen Herrschendem und Beherrschten, beginnt der zynische Missbrauch des Instruments Populismus, das so fatal und schrecklich wirkt, weil es nicht einmal der Demagogie bedarf. ... Der Einzelne erkennt schon keine Autorität mehr an, die seine Äußerungen oder Ansichten in Zweifel zieht oder gar sein Verhalten. Denn genauso halten es ja auch die Vertreter der Macht. Die Ironie liegt darin, dass wir meinen, genauso funktioniere Demokratie, ein Vorwand für alle, und dass wir uns in einer Zeit reinster Aufgeklärtheit befänden. Aber so ist es nicht, denn wenn die Herrschaft verschlagen agiert und die eigenen Bürger missbräuchlich blendet, vollzieht sich eine 'sanfte Diktatur', die man weder sieht noch hört."

Welt-Autor Thomas Schmid vergleicht die "Fridays-For-Future-" und die 68er-Bewegung, die in ihrer Unbedingheit einiges gemein hätten. Aber während die 68er den Begriff der Gesellschaft geradezu vergötterten, werde der FFF-Bewegung "ihr mangelndes Gespür für Gesellschaft schaden. Ihre Vorstellung, man müsse nur die richtigen Hebel umlegen oder auf die richtigen Bremsen treten, hat etwas Vormodernes. Es gibt keinen archimedischen Punkt der Weltenrettung. Moderne Gesellschaften schaffen einen eisernen Zwang zur Kontinuität. Wirkliche Brüche wären gefährlich, weil niemand ihre Folgen absehen könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2019 - Ideen

Das mächtige, ehrgeizige, innovative China steigt unaufhaltsam auf, doch für den Westen bleibt Wladimir Putin die Bête Noire, wundert sich Ivan Krastev in der FAZ, dabei sei Russland doch ein Gespenst der Vergangenheit, eine Mischung aus Scheitern und Banalität. Fürchten die westlichen Demokratien etwa, dass sie Russland ähnlicher werden, fragt Krastev: "Nicht der Aufstieg des Autoritarismus, sondern die Verwischung der Grenzen zwischen Demokratie und Autoritarismus lähmt das liberale Denken im Westen. Was ist der Unterschied zwischen der Behauptung des Kremls, es gebe keine Alternative zu Putin, und unserer These, es gebe keine Alternative zur aktuellen Wirtschaftspolitik? Was unterscheidet Putins Russland von Erdogans Türkei, Modis Indien oder Bolsonaros Brasilien? Und unterscheidet es sich so deutlich von Orbáns Ungarn oder Trumps Amerika? Sind wir sicher, dass wir noch in liberalen Demokratien leben?"

Herfried Münkler
, oberster Geostratege des Landes, erklärt uns im taz-Gespräch mit Stefan Reinecke die EU als Imperium mit multinationaler Identität und - natürlich - mit Einflusssphären. Wenn Münkler allerdings Europas künftige Rolle in der globalen Weltordnung beschreibt, wird es mitunter auch esoterisch: "Wenn eine unipolare Ordnung zerfällt, entstehen oft Systeme mit fünf Akteuren. Nachdem die kaiserliche Macht in Italien im 13. und 14. Jahrhundert zerfiel, entstand die Lega von Lodi mit Mailand, Florenz, Venedig, Neapel und dem Kirchenstaat. Als das Habsburger System am Ende des Dreißigjährigen Krieg zerfiel, blieben fünf Machtzentren: der Kaiser in Wien, Spanien, Frankreich, England, Schweden. Als Napoleons Imperialprojekt zu Ende ging, waren es wieder fünf: Preußen, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Russland... Jetzt zeichnet sich ein Szenario mit den USA, China, der EU, Russland und Indien als neue Imperien ab. Wenn die EU vereinigt bleibt, kann sie die Regeln mitbestimmen. Wenn nicht, wird Europa zur Einflusssphäre eines der anderen Imperien werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Ideen

Auch mit Politikern wie Alexandria Ocasio-Cortez oder Bernie Sanders droht den USA noch lange kein Staatssozialismus, winkt der amerikanische Philosoph Mark R. Reiff im Interview mit Zeit online ab: Er findet das ganze Gerede vom Sozialismus kontraproduktiv und plädiert für einen liberalen Kapitalismus. Derzeit habe man nämlich einen illiberalen Kapitalismus. Reiff erklärt die Unterschiede so: "Liberale bevorzugen Freiheit, Illiberale Autorität. Liberale misstrauen der Konzentration von Macht in den Händen weniger, Illiberale nicht. Liberale glauben, niemand stehe über dem Gesetz. Illiberale stellen Sicherheit und Stabilität über alles, sogar über das Gesetz. Liberale sind der Meinung, alle Menschen hätten den gleichen moralischen Wert, Illiberale schreiben den Mitgliedern ihrer jeweiligen Gemeinschaft einen höheren Wert zu. Liberale finden, die Regierung sollte neutral sein gegenüber unterschiedlichen, vernünftigen Konzepten des guten Lebens. Illiberale glauben, es gebe nur eine Art, ein moralisches Leben zu führen - und die Regierung sollte dafür sorgen, dass jeder seines entsprechend ausrichtet. ... Sozialdemokratisch geprägte Länder in Europa mit einem starken Wohlfahrtsstaat stellen eine mögliche Ausprägung des liberalen Kapitalismus dar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2019 - Ideen

Es kommt nicht immer nur darauf an, dass man das "Richtige" denkt oder glaubt, meint in einem langen Interview mit Zeit online der Philosoph Philipp Hübl. Oft reicht es auch einfach, seine Emotionen zu zügeln: "Ich glaube, dass wir von der Möglichkeit, unsere emotionalen moralischen Intuitionen durch Nachdenken zu überprüfen, im Alltag zu wenig Gebrauch machen. In meinen Augen ist es Zivilisation, wenn wir es schaffen, unsere moralischen Impulse immer wieder zu überschreiben. Ein Beispiel: Wer in einem homophoben Elternhaus aufgewachsen ist, mag Unwohlsein empfinden, wenn er sieht, wie zwei Männer sich küssen. Die Frage ist dann: Handelt er auch danach und beschimpft die Männer oder kontrolliert er sich?"

Braucht der Liberalismus immer einen Gegner - Islamisten, Orban, Trump -, der ihm hilft, das eigene Profil zu schärfen, fragt sich in der SZ der Politologe Jan-Werner Müller und winkt gleich ab:  "Ein Liberalismus, der sich nur an Gegnern in der unmittelbaren Gegenwart abarbeitet und um der normativen Eindeutigkeit willen keine größeren strukturellen Herausforderungen sieht, verengt seine Perspektive ungebührlich - und produziert blinde Flecken."

Außerdem: In der NZZ skizziert der Historiker Niall Ferguson die neuesten "Feiglingsspiele" in der Weltpolitik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2019 - Ideen

Phänomene wie die Digitalisierung kommen nicht als etwas Fremdes über die Gesellschaft, sie können überhaupt nur gedeihen, weil die Gesellschaft sozusagen dafür schon innerlich bereit ist, schreibt Armin Nassehi in der Welt (und nimmt Thesen seines neuen Buchs auf, das in diesen Tagen erscheint). Im 19. Jahrhundert erkennt er so etwas wie eine Urgeschichte des Digitalen: "Die Etablierung von Nationalstaaten, Betriebskapitalismus, Sozial-, Hygiene-, Gesundheits- und Bildungsplanung, der Betrieb urbaner Konglomerationen, Mobilität und Transport, staatliche Investitionsplanung - all das brauchte Informationen, die der Welt nicht mehr so einfach abgetrotzt werden konnten. Man machte die Erfahrung, dass sich vieles tatsächlich nur digital, also zählend, statistisch, in Mittelwerten, in der Erkennung von Regelmäßigkeiten, in der Erfassung typischen Verhaltens für bestimmte Gruppen, Regionen und Klassen bestimmen lässt." Lässt sich das Internet so beschreiben, als wäre es an die Stelle des Rechenschiebers getreten?

In Deutschlandfunk Kultur sprechen Vera Linß und Marcus Richter mit Nassehi über seine Idee der Digitalisierung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Ideen

Im Interview mit dem Guardian stellt der Physiker Neil Johnson eine originelle Theorie (sie wurde gerade in Nature veröffentlicht) über die rechtsextreme Szene im Netz auf: Menschen benehmen sich im Kollektiv wie Moleküle, sagt er, oder besser: wie Blasen. Und er hat auch eine Theorie, wie man die Ansammlung von Blasen verhindern kann: "Wenn ich verhindern will, dass Wasser kocht, dann nützt es nichts zu verhindern, dass einzelne Molekülen im Dampf hochspringen, ich muss verhindern, dass sich die Blasen bilden. Wir wissen, dass sich die großen Blasen aus den kleineren bilden. Der erste Vorschlag ist, die kleineren Blasen anzugreifen. Kleinere Blasen sind schwächer, haben weniger Geld, weniger mächtige Unterstützer, können aber zu großen anwachsen. Die Beseitigung kleinerer Blasen - und das haben wir mathematisch gezeigt - lässt das ganze Ökosystem schrumpfen. So schneidet man die Versorgung ab. Zweitens: Wegen der guten Vernetzung der Rechten ist es wenig effektiv, einzelne Personen auszuschließen. Wir haben gezeigt, dass man eigentlich nur etwa zehn Prozent der Konten weltweit entfernen muss, um die Bindungskraft des ganzen Netzwerks zu schwächen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2019 - Ideen

In der SZ fordert Daniel Dettling keine Klimarevolution mit Verboten und Drohungen, sondern eine Klimademokratie " - eine zivilgesellschaftliche und lokale Bewegung von unten, die bei den Bürgerinnen und Bürgern, den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern wurzelt. 'Wenn Bürgermeister die Welt regierten, wären viele globale Probleme längst gelöst', schrieb der 2017 verstorbene US-amerikanische Professor für Zivilgesellschaft Benjamin Barber."
Stichwörter: Dettling, Daniel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2019 - Ideen

In der Possible-Minds-Reihe von edge.org, die die SZ übersetzt, erinnert der Ökonom Carl Benedikt Frey mit dem Beispiel der Laternenanzünder, die ihre Jobs mit Einführung der Elektrizität verloren, daran, dass neue Technologien zwar positiv für die Allgemeinheit sein können, aber nicht jeder davon profitiert, wie man in seiner Studie hier nachlesen kann. Das wird auch bei der Robotik der Fall sein: "Der Hauptunterschied zu früher besteht darin, dass die Werktätigen heute politische Rechte haben. Um starke Gegenbewegungen zur Automatisierung zu vermeiden, müssen Regierungen eine Politik verfolgen, die das Produktivitätswachstum ankurbelt, aber gleichzeitig die Arbeitnehmer dabei unterstützt, sich auf die Automatisierungswelle einzustellen."

Saskia Sassen unterhält sich mit Sabine von Fischer in der NZZ über ihr Buch "Die globale Stadt", das schon vor dreißig Jahren das Entstehen einer neuen globalisierten Klasse in den Städten thematisierte. Von Investoren sprach sie damals als "Raptors": "Ich habe einige dieser Investoren der neuen Finanzmärkte sicher sehr hart kritisiert, aber ich will damit nicht sagen, dass sie stehlen oder plündern. Im Gegenteil sogar, sie bedienen sich ausgeklügelter Instrumente von bewundernswerter Komplexität, wie hochkomplexer Algorithmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2019 - Ideen

Der bekannte Princetoner Populismustheoretiker Jan-Werner Müller sucht nach Autoren, die den Trumpismus intellektuell fundieren und wird tatsächlich bei einigen randständigen Reaktionären und Extremisten fündig. Grundlage ihres Denkens sei der Nationalismus, in einem Land, in dem Nationalismus als unfein galt und nur Patriotismus zählte: "Die Gefahr einer taktischen Kooperation zwischen am gesellschaftlichen Wandel verzweifelnden Wertkonservativen und autoritär gestimmten Rechtspopulisten gibt es allerdings nicht nur in den Vereinigten Staaten. Und sie hat historische Vorläufer, denn sie gemahnt an die unheilige Allianz zwischen Christen und Faschisten in der Zwischenkriegszeit."

Christian Marty erinnert in der NZZ an den Gesellschaftsphilosophen Hellmuth Plessner, dessen Plädoyer für Gesellschaft und gegen "Gemeinschaft" von großer Aktualität sei: "Der zentrale Teil des Argumentationsgangs liegt beim Begriff der Distanz. Im Gegensatz zur Gesellschaft gehe es in der Gemeinschaft primär darum, den Einzelnen ans Kollektiv zu binden, bekundet Plessner nicht nur mit Sicht auf rechtsgerichtete 'Bluts-', sondern auch auf linksgerichtete 'Sachgemeinschaften': Weil Gemeinschaften sich dadurch charakterisierten, dass sie die Distanzen zwischen den Individuen klein hielten, ließen sie diesen wenig Entwicklungsräume. Das sei in Gesellschaften anders, denn da bleibe die Distanz zwischen den Individuen groß, wodurch es für jene viel Spielräume gebe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2019 - Ideen

Der Mensch ist frei geboren - das gilt seit der Aufklärung als gesetzt. Aber egal, wie man die Freiheit bekommt, als Geburtsrecht oder als Geschenk, am Ende zählt, was man daraus macht, erklärt Agnes Heller in ihrem Eröffnungsvortrag für das diesjährige Europäische Forum Alpbach, den sie noch kurz vor ihrem Tod verfasste und den die FAZ abdruckt. "Die Moderne ist auf Freiheit aufgebaut, allerdings, ich wiederhole es: Die Freiheit ist ein Fundament, das nicht fundiert. Menschen sind frei, sich Diktatoren, Tyrannen, Oligarchen und totalitären Regimen zu unterwerfen. Totalitäre Regime können kollabieren, ebenso liberale Demokratien - das zwanzigste Jahrhundert bietet dafür mehrere Beispiele. Es ist vernünftig anzunehmen, dass die Welt nicht von selbst einfach so weiterläuft, dass Friede nicht ewig halten wird, dass die dunklen Wolken am Horizont der liberalen Demokratien sich nicht von selbst auflösen werden; dazu müssen die Bürger dieser Staaten erkennen, dass die Sicherheit der Welt, von Gesellschaften und von zukünftigen Generationen von unserer Freiheit abhängt, genauer gesagt: von unserem Gebrauch der Möglichkeit zur Freiheit. Sie hängt vom Narrativ der politischen Freiheit ab, aber auch davon, für dieses Narrativ Verantwortung zu übernehmen."

Außerdem: In der SZ fragt sich Felix Stephan, ob man den Hass wirklich der Rechten überlassen sollte.