9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Ideen

Jetzt klopft der Volkswirt Niko Paech in der taz der Wohlstandsgesellschaft, die sich mit der angeblichen Energiewende nur beruhigen will, kräftigst auf die Finger. Der ökologische Gulag muss her! "Was die Energiewende politisch attraktiv werden ließ, war das Versprechen, mittels technischer Innovationen lediglich die Umrandung, aber nicht das Innere des Wohlstandskorpus umzubauen. Liebgewonnener Konsum- und Mobilitätskomfort sollte weiter bestehen und wachsen dürfen, nur eben ersetzt durch grünere Substitute mit serienmäßig eingebauter Gewissensberuhigung. Kein Wunder, dass damit Wahlen zu gewinnen waren. Nun ist diese grüne Seifenblase geplatzt. Das bedeutet, die einzig wirksame politische Steuerung kann nur noch darin bestehen, den von der Bevölkerungsmehrheit zunehmend praktizierten ökologischen Vandalismus, sein Kosename lautet 'individuelle Freiheit', radikal einzuschränken." (In der Literarischen Welt lehnt Jonathan Franzen diesen Ansatz genauso radikal ab, siehe auch efeu)

Insekten sind als Nahrungsmittel nicht das Patentrezept für eine wachsende Menschheit, schreibt in der taz Andrew Müller, Autor einer Studie über "Entomophagy and Power". Dass das Sammeln wilder Insekten ökologische Gleichgewichte zerstört, habe sich in Ländern wie Thailand schon gezeigt. "Thailand ist auch Pionier bei der Zucht von Insekten. Es gibt nach Schätzungen der Universität Khon Kaen und des Landwirtschaftsministeriums etwa 20.000 Grillenfarmen, allesamt in den letzten gut zwei Jahrzehnten entstanden. Die dort produzierten Tiere sind zwar deutlich günstiger als wild gesammelten Insekten, aber immer noch teurer als Fleisch. Höchster Kostenfaktor ist das Futter. Es wird industriell gefertigt und muss proteinreich sein, wenn die Grillen schnell wachsen sollen. Daher enthält es neben importiertem Soja auch Fischmehl - ein ökologisch hochproblematischer Zusatz." Der Entomologe Victor Benno Meyer-Rochow unterstützt aber im Gespräch mit Müller die Idee des Insektenessens.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2019 - Ideen

Die ungarische Regierung tut das beste, um die Erinnerung an Georg Lukács auszuradieren, berichtet Rudolf Walther für die taz. Eine Statue in Budapest wurde bereits geschleift. Und "schon vor gut einem Jahr erklärte die Budapester Akademie, deren Etat von Orbán zusammengestrichen wurde, der Zugang zum Lukács-Archiv sei nicht mehr zu gewährleisten und die Arbeiten an der Digitalisierung von Werken und Briefen des Philosophen müssten eingestellt werden. Ob es der Internationalen Lukács-Gesellschaft gelingt, Geld zur Erhaltung und Digitalisierung des Nachlasses zu mobilisieren, ist noch nicht geklärt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2019 - Ideen

Fake News sind im Grunde nur etwas für Alte. Die Jungen neigen eher zu "radikaler Authentizität", schreibt Simon M. Ingold, ein "Senior Manager bei einem Schweizer Unternehmen", in der NZZ: "Zahlreiche Studien belegen, dass Personen über 65 Jahre für Verschwörungstheorien am empfänglichsten sind und mit Abstand am meisten Fake-News auf Social Media verbreiten. Die Generation der Babyboomer teilt sieben Mal mehr Fake-News-Beiträge auf Facebook als Erwachsene unter dreißig Jahren." Als Beispiel für die jetzt angesagte radikale Authentizität zitiert Ingold Rihannas neue Lingerielinie, "die explizit die Vielfalt weiblicher Körperformen und -typen betont. Im Vordergrund stehen Natürlichkeit und Selbstbewusstsein, auch hinsichtlich der eigenen physischen Unvollkommenheiten." Ingold bezieht sich auf ein Buch des Werbemanns Jeetendr Sehdev, der die "radikale Authentizität" offenbar eher bei Kim Kardashian als bei Greta Thunberg realisiert sieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2019 - Ideen

Die Feuilletons reichen jetzt große Agnes-Heller-Nachrufe nach (hier die ersten Meldungen und Nachrufe vom Samstag). In der FAZ schreibt Jürgen Habermas, der seit den fünfziger Jahren mit Heller befreundet war: "Zu dieser Person passt nur ein plötzlicher Tod. Und nun die Nachricht, dass sie vergangenen Freitag während ihres Urlaubs auf den Plattensee hinausschwamm - und nicht zurückkehrte." Was sie für ihn "als Philosophin auszeichnet und mit Hannah Arendt tatsächlich verbindet, ist die Fähigkeit, diese Emphase für erhebende Ideen mit den verblüffend einfachen Evidenzen alltagskluger Erfahrungen und Weisheiten zusammenzuführen".

Ralf Leonhard schreibt in der taz: "Wenige Philosophen und Philosophinnen haben ihr eigenes Denken so sehr in Frage gestellt und immer wieder kritischer Reflexion unterzogen wie Heller, die in ihrem 2017 erschienenen Buch 'Eine kurze Geschichte meiner Philosophie' einen kritischen Blick auf ihr eigenes Denkgebäude wirft. Dabei habe sie nicht alles verworfen, was sie vorher geschrieben hatte, vielmehr 'muss ich Teile durch andere Teile ersetzen, aber nicht das ganze Gebäude niederreißen'. Sonst könne man 'kein anderes Gebäude aufbauen', erklärte sie damals."

Weitere Nachrufe: Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer, in der SZ Willi Winkler, in der Welt Mara Delius.

Traditionelle Institutionen wie Parteien, Kirchen und Medien schmelzen wie Eis in der Sonne, es entstehen unkontrolliert irrationale Identitätsideologien. Schuld am ganzen Verfall sind staatsübergreifende Organisationen wie die Europäische Union, die Globalisierung und die Säkularisierung, diagnostiziert der ehemalige Verfassungsrichter und heute konservative Publizist Udo Di Fabio in der FAZ: "Die Säkularisierung und Individualisierung westlicher Demokratien hat den Identitätsbedarf, sich in einer Gemeinschaft zu finden, nicht verschwinden lassen. Es gibt auch in der rationalen Gesellschaft eine metaphysische Konstante. Ein Land, das sich von traditionellen Religionen entfernt, kann plötzlich und gerade auch im säkularen Bereich einer metaphysischen Sehnsucht folgen. Wachsende Rationalität führt nicht zu einem Verschwinden des Hungers nach Emotionalität, sondern lässt ihn nur an neuen Orten und in neuen Gestalten auftreten."

Schuld an der Blüte der Identitätsdiskurse sind nicht nur rechte bis rechtsextreme Politiker wie Donald Trump, auch Politikerinnen der Demokraten sorgen für eine immer stärkere Ausrichtung der Politik nach Identitäten, schreibt Anna Sauerbrey im Tagesspiegel. eine schwarze Politikerin wie Kamela Harris betone anders als noch Barack Obama stets ihre persönliche Diskriminierungserfahrung - für Sauerbrey kann das politisch nicht funktionieren: "Nun steht natürlich außer Zweifel, dass jeder Mensch, auch jeder Politiker, von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt ist und dass Weiße tatsächlich die Erfahrung nicht nachempfinden können, als Schwarzer in einer rassistischen Gesellschaft leben zu müssen. Doch in der Politik geht es nicht um das 'Nachempfinden', es geht darum, zu verstehen und politische Lösungen zu entwickeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2019 - Ideen

Agnes Heller, eine der letzten großen antitotalitären Denkerinnen, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Meldung kam spät gestern. Vorerst kursieren die pauschalen Ticker, etwa hier bei Zeit online. Stefan Dornuf schreibt in einem ersten Nachruf für die NZZ: "Heller vertrat eine - später von ihr als illusionär widerrufene - Dichotomie, wonach das Sowjetmodell schon seit Lenin durchgängig eine Pervertierung der ursprünglich durchaus emanzipatorischen Absichten von Marx darstellte. Verworfen wurde nun, als elitär, das 'zugerechnete Bewusstsein' und zumindest hinterfragt auch die Kategorie der 'Totalität'." Hier ein Zeit-Porträt, das Elisabeth von Thadden zu ihrem Neunzigsten am 12. Mai geschrieben hat. Auch Blanka Weber hat sie zu ihrem Neunzigsten für die Jüdische Allgemeine porträtiert.

In Deutschland - wo sie anders als Jaron Lanier oder Carolin Emcke nicht mal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat - hat sie sich zuletzt in der Zeit zu Jürgen Habermas' Neunzigstem geäußert, mit dem sie befreundet war. Im Mai war sie noch unter Intellektuellen, die Emmanuel Macron in den Elysée-Palast eingeladen hat. Sehr präsent war sie bis zuletzt in ungarischen Medien, wie unsere Resümees aus der Magazinrundschau zeigen.


Sehr dezidiert hat sie sich zu Viktor Orban geäußert, etwa hier im August letzten Jahres in politicalcritique.org: "Seit seiner Ernennung zum Premierminister Ungarns war Orban stets daran interessiert, die gesamte Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Ich würde ihn als Tyrannen bezeichnen. Er ist ein Tyrann, weil in Ungarn nichts passieren kann, was er nicht will, und alles, was er will, wird in Ungarn verwirklicht. es ist eine sehr tyrannische Herrschaft."

Dlf Kultur hat aus seinem Archiv ein großes Gespräch mit Agnes Heller aus dem Jahr 2017 wieder online gestellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2019 - Ideen

In der NZZ erinnert sich der schottische Schriftsteller John Burnside wehmütig an die Zeit, als Boris Johnson und sogar Donald Trump lustig waren. Jetzt sind sie nur noch großmäulige Rassisten. Wie konnten sie aber so weit kommen? "Das überzeugendste und verstörendste Argument geht dahin, dass wir es sind (und zwar wir alle, mitnichten nur diejenigen, die den Kandidaten am Ende ihre Stimme geben), die solches möglich machen. Wir lachen, wir fühlen uns überlegen, unterschätzen den Gegner - und dieser gewinnt. Schlimmer noch, wir vergessen, was Emerson so scharfsinnig festgestellt hat: 'Welche Satire über die Staatsmacht käme der scharfen Missbilligung gleich, die im Wort 'politisch' mitschwingt? Seit Jahrhunderten wird es mit Hinterlist gleichgesetzt, mit der Annahme, dass der Staat ein Betrug sei.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2019 - Ideen

In der SZ ist die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann stark beeindruckt von Libra, dem "modernsten und technisch vielversprechendsten, global skalierbarsten Währungssystem..., das noch dazu von seinem ökonomischen Design her eine Chance sein könnte, Stück für Stück aus einem labilen Bankwesen zu migrieren". Wäre es nur nicht ausgerechnet Facebook, das auf diese Idee gekommen ist, seufzt Spiekermann, die um die Daten der Kunden fürchtet. Sie macht einen Vorschlag: "Für die USA wäre die Verarbeitung der digitalen Weltwährung in US-amerikanischen Datenzentren allerdings ein großer Machtvorteil. Genau diesen Datenverarbeitungsstandort könnten jedoch die europäischen Regierungen mit Libra aushandeln. Wer in einem Land einem Bürger ein digitales Portemonnaie oder Libra-basierten Bezahlservice anbieten will, muss die gesamte Datenverarbeitung in dem Land organisieren, in dem dieser gemeldet ist. Im Joint Venture mit europäischen Unternehmen. Telekomanbieter könnten sich unter nationalstaatlicher Aufsicht ein neues Geschäftsfeld aufbauen. Big-Data-Verarbeitungs-Know-how würde in Europa gestärkt."

1989 - war das ein Sieg für den Westen oder nicht doch eine Niederlage? Man weiß es bald nicht mehr, meint in der NZZ Sonja Margolina, die den Westen inzwischen korrumpiert sieht: "Während die westliche Zivilgesellschaft demokratische Werte in postkommunistischen Staaten zu verankern suchte, flossen in den Westen andere Werte. Ein wilder Kapitalismus trug im Osten zum Entstehen oligarchischer und krimineller Strukturen bei, die das Volksvermögen der ehemaligen sozialistischen Staaten im Wert von Milliarden an sich rissen - Gelder, von denen ein Großteil im Westen gewaschen, investiert oder auf Offshore-Konten transferiert wurde. Cash kam nicht nur aus Russland, aber als reicher Ressourcen-Staat spielte es die erste Geige. Das halbkriminelle Geld war im Westen willkommen, es hat viele Verfechter der Demokratie reich und gefügig gemacht. Freilich blieben die Verschiebung gigantischer Vermögenswerte nach Westen, die Geldwäsche im großen Stil und die Ballung von Offshore-Konten nicht ohne Folgen für die politischen Systeme und strategische Entscheidungen."

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk widerspricht in der FAZ dem Soziologen Detlef Pollack, der vor einigen Tagen der Bürgerrechtsbewegung nicht allzu viele Verdienste beim Mauerfall zusprach (unser Resümee): "Anders als Pollack behauptet, gibt es in der Forschung auch einen Konsens darüber, dass die Bürgerbewegungen von entscheidender Bedeutung für die Revolution waren. Warum? Sie waren diejenigen, die im Sommer und Frühherbst überhaupt erst viele Menschen mobilisierten und motivierten, sich zu engagieren, auf die Straße zu gehen. Sie boten ein Podium, eine Möglichkeit gemeinsamen Handelns."

Charisma ist out, Doppelspitze ist heute gefragt, jedenfalls in Deutschland. Das mögen die Institutionen auch viel lieber, stellt Herfried Münkler in der NZZ fest. Das kann tatsächlich eine zeitlang ausgleichend wirken, wie die Grünen gezeigt haben. "Bevor jedoch die Verteilung der Ämter auf mehrere zum Patentrezept für alle Probleme erhoben wird, ist zu bedenken, dass sie sich vor allem für die Rolle einer Oppositionspartei oder die eines kleineren Koalitionspartners eignet. Sie gerät aber unter Druck, sobald es bei Wahlen um die Macht geht. Dann nämlich tritt die Frage nach dem Spitzenkandidaten in den Vordergrund; jetzt geht es um einen Einzigen oder eine Einzige, und wer auf diese Frage mit einem Doppel oder einer Gruppe antwortet, zeigt, dass er an seine Machtoption nicht glaubt."

Und: Ebenfalls in der NZZ denkt Konrad Hummler über den Wert von Disruptionen nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2019 - Ideen

Vor dem morgigen 14. Juli erinnert Jean-Marie Magro in der SZ daran, dass die Französische Revolution auch deshalb scheiterte, weil sie ihr eigenes Freiheitsversprechen nicht einlösen konnte: "Hannah Arendt erklärte es später so, dass Menschen erst von Zwang und Not befreit sein müssten, um wirklich frei sein zu können. Sie nannte dies 'die Freiheit, frei zu sein'. Das schafften die Revolutionäre nicht. Die Armen blieben arm und hungerten weiter." Und die Liberalen mahnt er: "Freiheit bedeutet danach eben nicht die Unantastbarkeit des Eigentums, sondern, sich politisch beteiligen zu können."

Pascal Bruckner sieht als Folge der Revolution vor allem einen grassierenden Hass auf die Reichen, Missgunst und die Verschleierung des eigenen Misserfolgs, wie er in der NZZ beklagt: "Wenn man hasserfüllt auf die Reichen blickt, übersieht man freilich nicht nur die Beiträge, die sie zum Funktionieren des Gemeinwesens leisten. Auch Arbeit, Aufwand und Anstrengung sind nie je ein Thema. Man nimmt immer nur die äußeren Zeichen des Geldes wahr: das schöne Haus, das große Auto, den glitzernden Schmuck, die maßgeschneiderten Kleider. Dass dahinter eine Leistung steht, dass die Besitzenden Opfer erbringen mussten, um den jetzt sichtbaren Zustand zu erlangen, wird nicht besprochen." Aber, meint Bruckner, eigentlich sei die Verachtung des Reichtums in Frankreich auch ein Erbe der Aristokratie: "Diese hatte für Handel und harte Arbeit immer nur Verachtung übrig gehabt und sich vorzugsweise auf Jagden und in Kriegen verausgabt - im Unterschied etwa zum englischen Adel, der stark unternehmerisch auftrat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2019 - Ideen

Im Gespräch mit Martin Reeh von der taz versucht der Historiker Andreas Rödder zu erklären, was er heute als "konservativ" versteht: "Ein Konservativer sollte im 21. Jahrhundert so postmodern sein, zu akzeptieren, dass es keine Essenz im Sinne der gottgewollten Geschlechterordnung oder der naturgegebenen Nation gibt. Andersherum wird ein Schuh draus: Konservatives Denken ist immer darauf angewiesen zu begründen. Deshalb sind die Konservativen heute die eigentlichen Anwälte der Aufklärung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2019 - Ideen

Auf der "Sinn und Verstand"-Seite der Zeit beklagt der Soziologieprofessor Hartmut Rosa unser aller "Aggressionsverhältnis zur Welt und schließlich auch zu uns selbst. Es zeigt sich in der immer rücksichtsloseren Nutzung aller Naturressourcen, einschließlich der psychischen Ressourcen des Menschen." Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie, setzt Rosas Klage die Notwendigkeit eines "politischen Kampfs für eine überlebenstaugliche, zukunftsfähige Form des Wirtschaftens, die sich mit Natur versöhnt, anstatt weiter Krieg gegen sie zu führen", entgegen.
Stichwörter: Rosa, Hartmut, Welzer, Harald