In der
SZ ist die Wirtschaftsinformatikerin
Sarah Spiekermann stark beeindruckt von
Libra, dem "modernsten und technisch vielversprechendsten, global skalierbarsten
Währungssystem..., das noch dazu von seinem ökonomischen Design her eine Chance sein könnte, Stück für Stück aus einem labilen Bankwesen zu migrieren". Wäre es nur nicht
ausgerechnet Facebook, das auf diese Idee gekommen ist, seufzt Spiekermann, die um die Daten der Kunden fürchtet. Sie macht einen Vorschlag: "Für die USA wäre die Verarbeitung der digitalen Weltwährung in US-amerikanischen Datenzentren allerdings ein großer Machtvorteil. Genau diesen
Datenverarbeitungsstandort könnten jedoch die europäischen Regierungen mit Libra
aushandeln. Wer in einem Land einem Bürger ein digitales Portemonnaie oder Libra-basierten Bezahlservice anbieten will, muss die gesamte Datenverarbeitung in dem Land organisieren, in dem dieser gemeldet ist. Im
Joint Venture mit europäischen Unternehmen. Telekomanbieter könnten sich unter nationalstaatlicher Aufsicht ein neues Geschäftsfeld aufbauen. Big-Data-Verarbeitungs-Know-how würde in Europa gestärkt."
1989 - war das ein Sieg für den Westen oder nicht doch eine Niederlage? Man weiß es bald nicht mehr,
meint in der NZZ
Sonja Margolina, die den Westen inzwischen korrumpiert sieht: "Während die westliche Zivilgesellschaft demokratische Werte in postkommunistischen Staaten zu verankern suchte, flossen in den Westen andere Werte. Ein
wilder Kapitalismus trug im Osten zum Entstehen oligarchischer und krimineller Strukturen bei, die das Volksvermögen der ehemaligen sozialistischen Staaten im Wert von Milliarden an sich rissen - Gelder, von denen ein Großteil
im Westen gewaschen, investiert oder auf Offshore-Konten transferiert wurde. Cash kam nicht nur aus Russland, aber als reicher Ressourcen-Staat spielte es die erste Geige. Das
halbkriminelle Geld war im Westen willkommen, es hat viele Verfechter der Demokratie
reich und gefügig gemacht. Freilich blieben die Verschiebung gigantischer Vermögenswerte nach Westen, die Geldwäsche im großen Stil und die Ballung von Offshore-Konten
nicht ohne Folgen für die politischen Systeme und strategische Entscheidungen."
Der Historiker
Ilko-Sascha Kowalczuk widerspricht in der
FAZ dem Soziologen
Detlef Pollack, der vor einigen Tagen der
Bürgerrechtsbewegung nicht allzu viele Verdienste beim Mauerfall zusprach (unser
Resümee): "Anders als Pollack behauptet, gibt es in der Forschung auch einen Konsens darüber, dass die Bürgerbewegungen von
entscheidender Bedeutung für die Revolution waren. Warum? Sie waren diejenigen, die im Sommer und Frühherbst überhaupt erst viele Menschen mobilisierten und motivierten, sich zu engagieren, auf die Straße zu gehen. Sie boten ein Podium, eine Möglichkeit gemeinsamen Handelns."
Charisma ist out,
Doppelspitze ist heute gefragt, jedenfalls in Deutschland. Das mögen die Institutionen auch viel lieber,
stellt Herfried Münkler in der
NZZ fest. Das kann tatsächlich eine zeitlang ausgleichend wirken, wie die Grünen gezeigt haben. "Bevor jedoch die Verteilung der Ämter auf mehrere zum
Patentrezept für alle Probleme erhoben wird, ist zu bedenken, dass sie sich vor allem für die Rolle einer Oppositionspartei oder die eines kleineren Koalitionspartners eignet. Sie gerät aber unter Druck, sobald es bei Wahlen um die Macht geht. Dann nämlich tritt die Frage nach dem Spitzenkandidaten in den Vordergrund; jetzt geht es um einen Einzigen oder eine Einzige, und wer auf diese Frage mit einem Doppel oder einer Gruppe antwortet, zeigt, dass er
an seine Machtoption nicht glaubt."
Und: Ebenfalls in der
NZZ denkt Konrad Hummler über den Wert von
Disruptionen nach.