9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2018 - Ideen

Gibt es Wahrheit, Tatsachen? Oder ist am Ende alles nur Meinung? In der FR denkt Arno Widmann anlässlich eines kurzen Rushdie-Essays im New Yorker über den heutigen Wahrheitsbegriff nach. "Anfang der 80er Jahre hatte die Debatte schon einmal stattgefunden. Selbst an den Universitäten wurde mancherorts die Auffassung vertreten, auf Tatsachen komme es nicht an, sondern auf gute Erzählungen. Rushdies Position war das nie. Seine Erfindungen waren als Schlüssel gedacht, die einem Türen 'vor dem Gesetz', Wege zur Wahrheit, öffnen sollten. Seine Lügengeschichten gaben sich nicht für die Wahrheit aus, sie sollten Blicke auf sie ermöglichen. Aber es gab damals Vertreter der Postmoderne, die glaubten, sich in ihrem Namen lustig machen zu können über die 'Wahrheitssucher', über die, die festhielten an der freilich stets fragilen Unterscheidung von richtig und falsch. Schon damals ging es - das war allen klar - nicht nur um richtige und falsche Sätze, sondern auch um Taten, um Politik. Darum wurde damals viel polemisiert gegen die Postmoderne. Sie wurde in eins gesetzt mit ihrer Extremposition. In Wahrheit führte und führt noch immer kein Weg hinter die Postmoderne zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2018 - Ideen

Klimapolitik ist Sicherheitspolitik, da ist sich Harald Welzer in der SZ sicher und fordert einen weltweiten "Modernisierungsschub". Eingeleitet werden könnte der durch einen Stopp des Abbrennens und Abholzens sowie ein gewaltiges Waldaufforstungsprogramm in den Regenwäldern: "Beides zusammen würde die weltweit emittierten Klimagase um etwa zehn Milliarden Tonnen reduzieren. Das ist mehr als die Hälfte der 16 Milliarden Tonnen, die (nach Absorption durch Ozeane und Landsenken) in der Atmosphäre verbleiben und die Erderwärmung verursachen. ... Ein globales Waldaufforstungsprogramm würde 20 Jahre lang jährlich etwa 130 Milliarden Dollar kosten; zusätzlich müssten den Schwellen- und Entwicklungsländern für ihren Ertragsausfall bei den Regenwäldern jährlich etwa 50 Milliarden Dollar erstattet werden. Der deutsche Beitrag betrüge entsprechend dem prozentualen Anteil am Welt-BIP, jährlich um 9 Milliarden Dollar."

Außerdem: In der NZZ denkt Andrea Köhler über Wut, Ressentiment und Zorn nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2018 - Ideen

"Überall auf der Welt sehnt man sich nach diesem Europa. Und wir sind dabei, es zu verspielen", sagt der Publizist Mathias Greffrath im Interview mit der FR und macht ein paar Vorschläge, wie die EU "die ganze Welt zu einem besseren Ort" machen könnte. Innerhalb der Union: Wohlstandstransfer. Als Mittel gegen die Migration: der Aufbauplan für Afrika, den George Soros kürzlich vorgestellt hatte. Und drittens: "der Aufbau einer europäischen Armee, die stärkste Preisgabe nationaler Souveränität, die man sich klassischerweise denken kann. Aber die Sorge um die Außengrenzen könnte sie attraktiv machen. Riskant ist das, weil man in die Nähe von neoimperialistischen Plänen wie denen des österreichischen Kanzlers Kurz gerät, der in Afrika intervenieren will, um Migration zu verhindern. Aber wenn Europa nicht im großen Spiel zwischen China, Russland und den USA an den Rand geraten will, wird es eine gemeinsame Militärmacht brauchen. Sonst wird es zum Themenpark der neuen Reichen. Ich glaube, eine Euro-Armee wäre überdies sogar populär."

Weitere Artikel: Hannelore Schlaffer sucht in der FAZ nach Gründen, warum Karl Marx' heute so beflissen gedacht wird und entlarvt die raffiniertesten Schachzüge des Kapitalismus, der Marx entschärft habe und die Proletarier mit "kleinen Genüssen ruhig gestellt habe. In der NZZ erklärt uns der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider das Konzept der premium mediocrity, das der indisch-amerikanische Journalist Venkatesh Rao entwickelt hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Ideen

Könnte es sein, dass die liberale Demokratie gar nicht der Endpunkt der menschlichen Entwicklung ist, fragt Essayist Andrew Sullivan im New York Magazine, und antwortet mit einem klaren Ja. Italiens neue Koalition der doppelten Populisten ist für ihn ein Beispiel, aber Deutschland auch: "Auch das deutsche Zentrum hält nicht mehr. Die aktuelle Koalition ist eine, die keiner will, ein Replay der ausgepowerten Allianz von SPD und CDU, mit der Alternative für Deutschland, so gespalten sie sein mag, als drittstärkster Partei. Auch die AfD will mehr direkte Demokratie, weniger EU, ist getrieben von der Ablehnung von Immigranten und will sozialen Konservatismus. Und Polen und Ungarn sind inzwischen für alles, was man als liberal beschreiben könnte, verloren."

Der Reaktionär ist heute der Revolutionär. Überhaupt sind die beiden Figuren des Denkens und der Politik so stark aufeinander bezogen wie zwei Seiten einer Medaille, meint René Scheu in der NZZ. Aber die Reaktionäre seien es, die heute die Revolution machen: "Die Reaktionäre sind weder rechts noch links, sondern tragen ganz unterschiedlich gefärbte Gewänder, grüne, schwarze, braune, rote. Nationalisten, Populisten und Islamisten zählen ebenso dazu wie Tiefenökologen, Anti-Globalisierer und Anti-Wachstums-Aktivisten. Was sie eint, ist die Systemkritik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2018 - Ideen

"Les Noirs n'existent pas", so heißt ein Essay der (selbst schwarzen) Autorin Tania de Montaigne, die im Gespräch mit Gladys Marivat von Le Monde erklärt, warum sie ein Problem mit Identitätspolitik hat. Es gebe einerseits die klein geschriebenen Adjektive, wenn man über eine schwarze, eine jüdische, eine arabische Person spreche und damit vom Prinzip ausgehe, "dass man die französische Nationalität, oder gar eine Person nicht über eine Hautfarbe oder einen Ursprung definieren kann. Aber das andere, was passiert, und worüber ich arbeite, ist, wie sich diese Realität verändert, wenn man die Adjektive in Substantive verwandelt: die Juden, die Schwarzen, die Araber und so weiter. Plötzlich erstarrt hier etwas, Personen werden starren Kriterien unterworfen um einer leichten Wiedererkennbarkeit willen. Aber es gibt keine Einfachheit. Wenn man mit den Großbuchstaben anfängt, glaubt man eine Identität zu schaffen, während man sie in Wirklichkeit auslöscht. Man verwandelt eine Person in eine Sache."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2018 - Ideen

Italien sollte uns allen Vorbild sein - was die Höflichkeit angeht, fordert Daniele Muscionico in der NZZ: "Es herrscht im verbalen Miteinander in Italien zwar körperliche Nähe, doch sie geht einher mit rhetorischem Respekt und Formen, auf die Verlass ist. Etikette ist das nicht, es ist weit mehr; es ist extrovertierte Menschenliebe am Zügel des Geistes."
Stichwörter: Höflichkeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2018 - Ideen

Man kann auch als Atheist beten oder ein religiöses Erlebnis haben, schreibt der ungarische Essayist László F. Földényi in der NZZ. Er nennt es "atheistische Mystik". Als Beispiel nimmt er eine Szene aus Ida Lupinos Noir-Film "Hitch-Hiker": Den Moment, als ein Entführter begreift, dass er sterben wird und zusammenbricht. "Und in diesem Zustand vollständiger Hoffnungslosigkeit kommt es zu etwas, das man am treffendsten mit einem theologischen Begriff beschreiben kann: zur Entleerung. Zur Kenosis. Ursprünglich bezieht sich dieses Wort auf die Verlassenheit Christi im Augenblick seines Kreuzestodes. Es ist der Zustand, in dem Gott denjenigen verlässt, der ihn selbst verkörpert. ... Die Religion entdeckt in der Abgeschiedenheit auch die Voraussetzung für eine Öffnung zu Gott hin. Das heißt, sie erkennt in der Entleerung auch schon die darauffolgende Aufladung. Damit stellt sie den Augenblick der Entleerung in einen größeren Kontext, stellt ihn als eine Stufe der Heilsgeschichte dar. Sie ordnet den außerzeitlichen Augenblick also der Zeit unter, die einen Anfang und ein Ende und somit eine Richtung hat. Das religiöse Erlebnis dagegen zeichnet sich genauso durch völlige Ziellosigkeit wie durch restlose Erfüllung aus. Das ist das Heiligtum der Anarchie. Mit anderen Worten: Der Mensch öffnet sich, ohne überhaupt zu wissen, was ihn erwartet. Das ist der Zustand der Freiheit, auch wenn er sogar tödlich zu sein scheint."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2018 - Ideen

Die Probleme der Welt sind zu komplex geworden, als dass ein Staat sie im Alleingang lösen könnte. Der italienische Philosoph Roberto Esposito dringt in der NZZ in einem großen Essay und mit Verweis auf Kant, Hegel und Carl Schmitt auf eine stärkere Integration Europas, um es politisch handlungsfähiger und souveräner zu machen. Am Anfang muss für ihn jedoch eine wirtschaftliche Umstrukturierung der EU stehen: "Konkret bedeutet dies, dass die wirtschaftlichen Maßnahmen (Gründung einer erneuerten Währungspolitik, Transfer von Ressourcen und Investitionsfähigkeit hin zu den schwächeren Ländern, gemeinsame Budgetpolitik im Dienste einer harmonisierten Entwicklung) einen präzisen politischen Charakter aufweisen müssen. Europa muss nicht sparen, sondern den Keynesianismus neu entdecken - schuldenfinanziertes Investieren, nicht Austerität lautet aus dieser - meiner - Sicht das Credo der Stunde (und des kommenden Jahrzehnts)."

Keine Kunstreligion, bitte. Auf Zeit online widerspricht Übersetzer Robin Detje den Kritikern der political correctness, die, wie Dagmar Leupold (die er boshafterweise neben Jordan Peterson stellt) kürzlich, Angst um die Freiheit der Kunst haben, wenn "schmutzige Politik, narzisstische Onlinewelt und platten Kapitalismus" (Detjes Zusammenfassung) in die Betrachtung von Kunst einfließen: "Was sie als einzig denkbares Reich des Guten anbietet, ist der heilige Tempel der Kunst, wo es um nichts anderes gehen darf als um Form und Gestaltung ... Kunst und Literatur sind eine schmutzige, edle, kaputte, hehre, spießige Angelegenheit. Vor Kunstwerken darf man beten, pupsen, schnarchen, erbeben, und man darf auch rufen: Das ist Kunst, mach das weg! Kunstproduktion ist keine religiöse Handlung, Kunstgenuss genauso wenig. Und es gibt auch keinen Weg, die Kunst vom bösen Markt fernzuhalten, vom teuflischen Verwertungszusammenhang - der Markt ist Teil der Wirklichkeit, auf die Kunst angewiesen ist. Genau wie das böse Internet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2018 - Ideen

Große Namen. Nicht nur Philip Roth ist gestorben (siehe efeu), sondern auch, von deutschen Medien fast unbemerkt, der eminente Islam-Historiker Bernard Lewis, der fast 102 Jahre alt geworden ist - in der Perlentaucher-Datenbank finden sich drei Bücher von ihm, alle von Anfang des Jahrtausends. Zeitschriften verlinken auf berühmte Artikel, "The Return of Islam" in Commentary, eine der frühesten Thematisierungen des Islamismus und  "The Roots of Muslim Rage" im Atlantic.

Douglas Martin schreibt in seinem New York Times-Nachruf: "In seiner Sicht stand der islamische Fundamentalismus  im Krieg mit dem Säkularismus und der Moderne, die vom Westen verkörpert wurden...  Sein wesentliches Argument über den Islam war, dass die islamische Zivilisation seit Jahrhunderten im Verfall sei und Extremisten wie Osama bin Laden erlaubte, die langanhaltende muslimische Frustration durch Unterstützung für den Terror auszubeuten... Sein prominentester Kritiker Edward Said nannte Lewis einen  Propagandisten eurozentrischer Ansichten." In der FAZ schreibt Rainer Hermann.

Außerdem: René Scheu liest für die NZZ den neuen, bisher nur auf Englisch erschienenen Essayband des Philosophen Nassim Taleb: "Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2018 - Ideen

Marlene Streeruwitz nimmt die Hochzeit von Harry und Meghan zum Anlass für eine kleine Prinzessinnenkunde. Denn alle Frauen waren einmal Prinzessinnen, schreibt sie im Standard, und sind es eigentlich immer noch: "Die Herkunft der Prinzessin aus der Vatervorstellung ihrer Weiblichkeit ermöglicht, ein imperialistisch-fundamentalistisch motiviertes Frauenbild zu transportieren. Auf der anderen Seite. Wenn es Prinzessin heißen muss, um sich selbst als etwas Besonderes empfinden zu können. Dann sollten wir uns alle und gegeneinander Prinzessinnen nennen. Wir sollten uns all die in diesem Wort enthaltenen Vorstellungen aneignen und reklamieren. In einer Stülpung von außen nach innen sollten wir uns als Prinzessinnen ansehen und dann eine werden. Eine umfassende Selbstverprinzessinung sollte unseren Selbstwert in der Weise vergrößern, dass wir in Ruhe sehen können, was wir nicht bekommen. Obwohl es uns zustünde. Wir sollten Prinzessinnengipfeltreffen organisieren und genau in dieser Gewissheit des Werts darüber reden."

Wie kann Europa für die Menschen zur Heimat werden, fragt sich in der NZZ der Philosoph Otfried Höffe. Ohne ein auch emotionales Zugehörigkeitsgefühl wird es nichts mit der europäischen Bürgerrepublik, warnt er. Die Definition als reiner Aufenthalts- und Schutzort ist ihm dabei zu eng: "Zu einer mehr als nur elementaren Heimat gehört aber ein existenzielles Sichwohlfühlen. Seinetwegen sollte man nicht über jedes Brauchtum die Nase rümpfen. Rheinischer Karneval, oberschwäbische Fasnacht und Basler Morgestraich, das Zürcher Sechseläuten, in München der Nockherberg oder das Oktoberfest-Traditionen pflegen Zugezogene rasch für ein Dorf, eine Stadt, ein Land und eine Gemeinschaft einzunehmen. Sie helfen mit, ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen, mit dem staatlich verordnete Feiern kaum konkurrieren können."