9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2018 - Ideen

Schon die Nationen waren heterogene Gebilde, in dem Differenzen planiert wurden. Nicht erst die Globalisierung brachte eine Vereinheitlichung, die das populistisch verteidigte "Eigene" zu geführden schien, schreibt Alem Grabovac in einem taz-Essay: "Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat in seinem Klassiker der Nationalismusforschung 'Die Erfindung der Nation' dargelegt, dass erst die Ausdehnung des Buch- und Druckmarktes es Menschen ermöglichte, sich über größere Räume hinweg als vorgestellte Gemeinschaften zu definieren. Nationen sind mediengeborene Kollektive, in denen zusammenwächst, was gemeinsam liest, hört, sieht und neuerdings im Internet gemeinsam chattet."
Stichwörter: Globalisierung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2018 - Ideen

Im März brachte die New York Times einen Essay des Genetikers David Reich, in dem dieser schrieb, man könne "durchschnittliche genetische Unterschiede" zwischen "races" nicht länger ignorieren. Eine Debatte entbrannte, Reich wurde unter anderem Rassismus vorgeworfen. (Unser Resümee). In der SZ erklärt eine Gruppe von Soziologen, Kulturanthropologen und Wissenschaftsforschern, überwiegend an der Universität Freiburg tätig, den Unterschied zwischen dem englischen "race", das insbesondere "Selbstzuordnungen" meint, und dem deutschen Begriff "Rasse", dem vor allem ein biologisches Konzept unterliegt: "Wenn man von einem differenzierteren Verständnis von 'race' ausgeht, könnte man Reichs Aussage auch etwa so formulieren: Es sei nicht länger möglich, durchschnittliche genetische Unterschiede zu ignorieren, welche mit den Gruppenbezeichnungen korrelieren, die heute im US-Zensus als 'racial terms' (oder als 'ethnicities') von jedem US-Bürger als Eigenzuordnung bei behördlichen Erfassungen, Volkszählungen oder Umfragen angegeben werden. Das sagt aber nichts über Kausalbeziehungen zwischen genetischen Varianten und äußeren Merkmalen aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2018 - Ideen

Perlentaucher Thierry Chervel fragt in einem Essay woher der Populismus kommt und ob wirklich das immer wieder angeprangerte Internet daran schuld ist - zunächst einmal sei festzustellen: "In Deutschland leidet die Debatte über den Populismus allein schon daran, dass ihr Blick ausschließlich nach rechts geht. Ob man 'mit Rechten reden' solle, fragt eines der erfolgreichsten intellektuell-politischen Bücher, die 2017 in Deutschland erschienen sind. Da ist der Fehler schon passiert. Denn wer nur in eine Richtung blickt, übersieht die Feinde im eigenen Rücken. Die Demokratie ist von vielen Feinden umstellt. Sie kommen von links, von rechts und von oben - wenn man religiöse Fundamentalisten so verorten will." Der Beitrag entstammt einer Festschrift zum 70. Geburtstag Winfried Kretschmann.

Die Welt publiziert den Essay des Herausgeber des Bandes, Thomas Schmid, mit einer recht provokanten These: "Öffentlichkeit als allzeit verbindliches Gebot überfordert Menschen und Gesellschaften. Öffentlichkeit braucht ihr Gegenstück, das Nichtöffentliche, auch das Geheimnis."

Stichwörter: Populismus, Öffentlichkeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2018 - Ideen

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev sieht die populistischen Bewegungen der Gegenwart in Le Monde als eine Art Replik von 1968 mit umgekehrten Vorzeichen. Die Stärke der 68er sei es gewesen, nicht nur die Gesellschaften verändert zu haben, sondern sich auch selbst angepasst zu haben. "Die heute wesentliche Frage ist nicht, ob die populistische Welle unsere Gesellschaften verändern wird - das hat sie bis zu einem gewissen Grad schon getan - sondern ob die europäischen Gesellschaften und Institutionen es schaffen, die extreme Rechte zu verwandeln und deradikalisieren, so wie sie es mit der extremen Linken 1968 getan hatte."
Stichwörter: Populismus, Krastev, Ivan, 68er

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2018 - Ideen

Kanye West hat sich zu Trump bekannt und dumme Sachen über Sklaverei gesagt. Aber ist es die richtige Reaktion zu antworten, er wolle nicht schwarz sein, wie es zum Beispiel Ta-Nehisi Coates in einer langen Suada gegen West tat? Kenan Malik ist da in seiner Observer-Kolumne recht skeptisch: "Viele Linke sehen rechte Schwarze oder Schwule oder Frauen als Verräter an der Sache. Es liegt etwas Verstörendes in der Behauptung, es gebe einen richtigen Weg des Denkens für unterdrückte Leute und dass jene, die damit nicht einverstanden sind, Verräter seien. Dieses Denken über Hautfarbe, Community und Häresien hat zutiefst reaktionäre Wurzeln. Als 'Verräter' beschreiben Islamisten liberale Muslime und die Apartheids-Regierung weiße Aktivisten gegen die Apartheid... Es mag etwas Tröstliches haben sich einzubilden, dass reaktionäre schwarze Leute nicht wirklich schwarz seien oder dass sie ihrem Schwarzseien entfliehen wollten, in dem sie 'weiße' Ideen von Freiheit übernehmen. Aber ist es weniger reaktionär anzunehmen, dass Ideen an Hautfarbe gebunden sind als zu glauben, dass Sklaverei eine freie Entscheidung war?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2018 - Ideen

In der taz denkt Stefan Reinicke noch einmal darüber nach, ob offene Grenzen für alle wirklich ein linkes Konzept ist: "Ist 'Grenzen weg' das richtige Ziel? Noch nicht mehrheitsfähig, aber vernünftig, so wie es vor hundert Jahren die Forderung nach dem Frauenwahlrecht war? Eher nicht. Unter den Fürsprechern offener Grenzen sind nicht zufällig viele Neoliberale und Linksradikale, die beide den Staat geringschätzen. Das globale Recht auf Migration würde, jedenfalls absolut gesetzt, die aufnehmenden Staaten ruinieren. Nationalstaaten brauchen einen definierten Souverän. Wenn Migranten sofort alle Rechte bekämen, würde das Kollektiv der Staatsbürger diffus und unverbindlich zu werden drohen ... Eine Welt ohne Staaten und Grenzen wäre nicht friedlicher und freier, sondern chaotischer und rechtloser."

Haben Sexroboter Gefühle? Slavoj Žižek möchte in der NZZ etwaigen Debatten um Grundrechte für Künstliche Intelligenzen den Saft abdrehen, er sieht darin reine Lustfeindlichkit am Werk: "Heutige Sexroboter sind nichts weiter als mechanische Puppen, die jedes Innenlebens entbehren. Das wissen natürlich auch die Befürworter solcher Forderungen. Ihnen ist es auch nicht wirklich um KI-Maschinen zu tun, die weder Schmerz noch Scham empfinden. Vielmehr haben sie es darauf abgesehen, die problematischen, aggressiven Begierden, Phantasien und Lüste von uns lasterhaften Menschen zu unterdrücken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2018 - Ideen

Felix Philipp Ingold geht in der NZZ bis zurück in die Antike und zu den Kynikern, um den Verdacht zu erhärten, "es fehle dem institutionalisierten Denken an frischer Luft ebenso wie an Realitätsnähe und Alltagsrelevanz. Der namhafte französische Kunst- und Medienphilosoph Georges Didi-Huberman rügt eben dafür manche seiner Kollegen mit dem Vorwurf (in 'Aperçues', 2018), sie 'versteckten sich hinter ihren Fußnoten und beharrten auf ihrem Expertenwissen, um sich das Denken zu ersparen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Ideen

Bari Weiss erklärt in einem etwas seltsamen Artikel für die New York Times, was das "Intellectual Dark Web" sein soll. Sie bezieht sich dabei auf eine anonyme Website, die einige Dissidenten des heutigen juste-milieu-Diskurses auflistet: Dazu gehören etwa Steven Pinker oder Ayaan Hirsi Ali. Laut Weiss haben die Autoren drei Dinge gemein: "Erstens sind sie gewillt, über manche Themen entschieden anderer Meinung zu sein, auch wenn sie sich dabei höflich ausrücken, etwa Religion, Abtreibung, Einwanderung, die Natur des Bewusstseins. Zweitens weigern sie in einem Zeitalter, wo das Wunschdenken die Fakten übertrumpft,  politisch Genehmes nachzuplappern. Und drittens haben manche für diese Entschiedenheit bezahlt, indem sie aus Institutionen entfernt wurden, die unorthodoxem Denken oft feindselig gegenüberstehen." Was an dieser Webseite genau "dunkel" sein soll, wird aber nicht so recht klar.

Adrian Lobe stellt in der NZZ den israelischen Historiker Yuval Noah Harari vor, der aus globalgeschichtlicher Perspektive über den "Dataismus" nachdenkt und kürzlich behauptete, die digitale Revolution mache Diktaturen effizienter als Demokratien: "Harari schreibt: 'Der Liberalismus wird an dem Tag zusammenbrechen, an dem das System mich besser kennt als ich mich selbst.' Es wäre der Punkt, an dem wir liberale Praktiken wie Einkaufen oder Wählen künstlichen Agenten überantworten, die rationalere Entscheidungen treffen - und die Demokratie ins Simulatorische abgleitet. 'Liberale Gewohnheiten wie demokratische Wahlen werden obsolet werden, denn Google wird in der Lage sein, sogar meine politischen Überzeugungen besser zu repräsentieren als ich selbst', prophezeit Harari. Warum noch wählen gehen, wenn der Google-Algorithmus unsere Parteienpräferenz ohnehin schon kennt?" (Weil Google trotzdem nicht wählen kann?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2018 - Ideen

Hannah Bethke war für die FAZ dabei, als der Soziologe Bruno Latour in Berlin sein terrestrisches Manifest gegen die Umweltzerstörung vorstellte. Jetzt ist ihr unwohl: "Für das Ausmaß der Umweltverwüstung macht Latour die 'Minus-Globalisierung' verantwortlich, die in der Welt eine einzige Sichtweise durchsetzen wolle, anstatt die Gesichtspunkte in einer 'Plus-Globalisierung' zu vermehren. Die Modernisierungsverlierer blieben auf diese Weise auf der Strecke und suchten Schutz in einer negativen Übersetzung des Lokalen, das Identität 'innerhalb nationaler und ethischer Grenzen verspricht'. Latour plädiert demgegenüber für eine Rückbesinnung auf ein Lokales, das die Welt nicht ausschließt, aber die Verbundenheit mit dem Boden ermöglicht. ... Er prägt Begriffe, die klingen, als stammten sie aus anderen Sphären, und doch transportieren sie den Blick auf eine Krise, aus der es vielleicht keinen rettenden Ausweg mehr gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Ideen

In der NZZ nimmt mit Daniel Dettling endlich mal jemand das angsterfüllte Gejammer der Deutschen über die digitale Revolution aufs Korn und ermuntert zu mehr Mut beim Blick in die Zukunft: "Wie Digitalisierung gelingen kann, zeigt Japan. Das Land, das zu den drei führenden Ländern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz gehört, spricht nicht von 'Industrie 4.0', sondern treibt längst die 'Gesellschaft 5.0' voran. Die übergreifende Vision: die Stärkung der Individuen, mehr Sicherheit und Komfort und eine Innovationskultur, in der jeder teilhaben soll. Die digitale Revolution ist im Kern eine soziale. Ihre Themen sind eine Willkommenskultur für Innovationen und eine Politik der Zukunftsintelligenz. Ihre Prinzipien heißen Personalität und Subsidiarität. Ihr Versprechen ist ein besseres, sinnvolleres und nachhaltigeres Leben."

Herfried Münkler holt ebenfalls in der NZZ buchstäblich bis Adam und Eva aus um Menschheitsutopien der "Sorgenbegrenzung" darzustellen, die nun aber aus irgendwelchen Gründen seit den neunziger Jahren nicht mehr verfingen: "Das begann mit der linken Globalisierungskritik in den neunziger Jahren und manifestiert sich zurzeit in den Forderungen besorgter Bürger nach Schließung von Grenzen oder im Aufstieg nationalprotektionistischer Parteien, die sich um die einheimische Wirtschaft sorgen; weiterhin in der Besorgnis um die Sicherheit des für das Alter angesparten Geldes; in Ängsten vor dem eigenen Abstieg innerhalb der Gesellschaft oder der ganzen Gesellschaft gegenüber anderen Nationen; in der Sorge um die Erhaltung der nationalen Identität."