Überraschende Kritik an der
Restitution geraubter Kunst kommt in der
taz von der Pasionara des Postkolonialismus, Charlotte Wiedemann. Die Kunstdiskussionen lenkten von weit schlimmeren Untaten wie dem Genozid an den Herero ab,
schreibt sie: "Das Unrecht wurde
feuilletonisiert: Als hätten sich die Jahrhunderte des europäischen Kolonialismus in Kunstraub erschöpft, wird lieber von entwendeten Gegenständen gesprochen als von Genozid, von Rückgabe statt von Reparationen. Museen haben eine
weichgespülte Dekolonisierung als Geschäftsmodell entdeckt, eine softe zeitgeistige Progressivität, die übrigens perfekt in die Ära grünen Regierungshandelns passt: Machthierarchien nicht antasten, aber sie
mit feinen Gesten verzieren."
Wollen deutsche Politiker mit Restitutionen "historisch quitt" werden oder streben sie eine neue gleichberechtigte Zusammenarbeit an,
fragt derweil Harry Nutt in der
Berliner Zeitung: "Für den
Oba von Benin bietet die Rückkehr der Bronzen auch die Gelegenheit, die Deutungshoheit über die Opfergeschichte des von den Briten zerstörten Königreichs zu erlangen und die
Tätergeschichte des Regimes seiner Vorfahren, die von einem systematisch betriebenen Sklavenhandel profitiert haben, zum Verschwinden zu bringen. Dass dies nicht gelingen wird, ist auch das Verdienst der in den USA agierenden
Restitution Study Group, die als Nachfahren der
von Benin verschleppten Sklaven zumindest Teile der Bronzen für sich beanspruchen. Was zunächst als schwer zu durchschauende Gemengelage erschient, macht deutlich, dass es
keinen Nullpunkt der Geschichte gibt, an den man glaubt, zurückkehren zu können, um einmal begangenes Unrecht zu heilen."
Im Interview mit der
SZ spricht der israelische Schriftsteller
Etgar Keret über Kunst und Politik. Und über das Risiko, das man eingeht, wenn beides zusammenfällt: "Ich erinnere mich, gar nicht so lange her, dass ich
in Debatten Angst bekam. Weil ich fürchtete, die andere Person könnte
meine Meinung ändern. Ich dachte, oh, das ist ein Argument! Ah, er will, dass ich etwas Bestimmtes denke! Heute geht es gar nicht mehr darum. Fakten sind potenzielle Waffen. Die Frage ist: Kann ich jemanden
damit demütigen?
Abwerten? Ich glaube, das passiert gerade weltweit. Israel reiht sich nur in eine größere Entwicklung ein. ... Als der Schriftsteller
Meir Shalev starb, weigerte sich Benjamin Netanjahu in den ersten 24 Stunden, Trauer zu bekunden. Weil Shalev Netanjahu-kritisch war. Als Premier musst du deine Arbeit machen. Wenn du Kellner bist, musst du auch die Gäste bedienen, die du nicht magst. Es ist
scheinbar unmöglich geworden zu sagen: Dieser Mann war ein großartiger Schriftsteller - und ein komplettes Arschloch."
Außerdem: In der
Welt erinnert Tilman Krause an den Soziologen
Nicolaus Sombart, der vor hundert Jahren geboren wurde.