9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 56 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2023 - Ideen

"Wir erleben nahezu global und aus allen politischen Richtungen eine doppelte Ent-Institutionalisierung der Politik", meint Michael Wolffsohn, der in der Welt die Angriffe von Parlamenten auf die Judikative ebenso verurteilt wie die Proteste auf der Straße. Sowohl die Gelbwesten-Proteste, der Sturm aufs Kapitol oder die aktuellen Proteste in Israel seien ein "eindeutiger Regelbruch", schreibt Wolffsohn, ohne zwischen gewaltsamen und friedlichen, von der Demonstrationsfreiheit gedeckten Protesten zu unterscheiden: "Außerparlamentarische Oppositionen präsentierten sich … als Vertreterin des 'Allgemeinen Willens' (volonté générale), dessen Inhalt sie selbst definieren. Sie repräsentieren nicht die Mehrheit. Sie suggerieren, diese zu sein. Mag sein, dass sie zeitweise die Stimmung der Mehrheit, etwa gemessen an Umfragen, repräsentieren. Ihnen fehlt aber die Legalität und Legitimität der Wählerstimmen-Mehrheit. Die indirekte Demokratie basiert auf Regeln und ist - trotz ihrer Mängel - deshalb kalkulierbar und strukturell rational. Die direkte Demokratie kennt nur stimmungsdiktierte Vorgaben. Sie ist irrational, peitscht die Gefühle der Massen auf und ist daher nach innen und außen unkalkulierbar. Genau das haben die Gründer der westlichen, indirekten Demokratie vermeiden wollen, allen voran die Autoren der US-amerikanischen 'Federalist Papers' im späten 18. Jahrhundert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2023 - Ideen

Im Interview mit der Welt spricht der französische Philosoph Alain Finkielkraut, dessen Buch "Vom Ende der Literatur. Die neue moralische Unordnung" gerade erschienen ist, über den Niedergang des Humanismus, den Nihilismus des Westens und die Auflösung des Individuums im Allgemeinen: "Ich muss mich aber auch auf einen heiklen, wenngleich unvermeidlichen Denker beziehen: Heidegger. Technik ist für ihn die Art und Weise, wie die Welt sich uns enthüllt. Alles in unserer Welt ist heute produzierbar, formbar und letztlich austauschbar. Besonders zeigt sich das beim Gendern und bei der Trans-Thematik. Menschen, die ihr Geschlecht wechseln möchten, werden zu Idolen, da mit ihnen sogar die Geschlechterdifferenz, die letzte Zone der Unverfügbarkeit, verschwindet. Alles wird zum Objekt einer Wahl. Alles ist formbar und manipulierbar. ... Vom umfassenden Begriff des Humanismus in der Renaissance verbleibt derzeit nur der humanitäre Aspekt. Man eilt in einer totalen Verblendung allen zu Hilfe, den Mittellosen und Benachteiligten, an erster Stelle den Migranten. Die kalkulierende Vernunft und die humanitäre Leidenschaft gehen von einer gemeinsamen Überzeugung aus: der Austauschbarkeit der Individuen. Individuen aber sind nicht austauschbar. Ein Volk hat auch ein kulturelles Erbe. Will man das nicht wahrhaben, erzeugt man gewaltvolle Zustände."

Einst wollten autokratische oder diktatorische Politiker wie Putin oder solche, die es werden wollen, wie Trump, ihre Verbrechen verstecken - sie hatten Angst vor der Wahrheit. Heute lügen sie stolz, offen und scheinbar straflos, konstatiert Peter Pomerantsev in einem Essay für den Observer. Der Antwort auf die Frage, warum das so ist, kommt er zwar nicht auf die Spur. Aber er hofft, mit seinem "Reckoning Project" immerhin ein Gegenmittel finden zu können: Juristen und Journalisten tun sich da zusammen, um Kriegsverbrechen möglichst schnell zu dokumentieren und justiziabel zu machen. Er schlägt außerdem Gerichtshöfe vor, wo als Urteil Geld aus sanktionierten Unternehmen an Opfer verteilt wird: "Hinzu kämen (milliardenschwere) Bußgelder gegen westliche Unternehmen und Unterstützer, die Putins Kriegsmaschinerie trotz Sanktionen weiter unterstützen. Ein solches Tribunal würde sowohl die Opfer spürbar entschädigen als auch das korrupte, globale System untergraben, das Putin geschaffen hat und dessen Existenz er nutzt, um zu beweisen, wie gefestigt seine Macht ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2023 - Ideen

Michael Hesse unterhält sich für die FR mit der amerikanisch-indischen Soziologin Shalini Randeria, Rektorin der Central European University. Sie verteidigt einen universalen Begriff der Menschenrechte, auch gegen woke Angriffe, die im Gespräch aber nur kurz gestreift werden. Wichtiger ist ihr eine ökonomische Fundierung der Menschenrechte, eine Politik der "Commons" in Bezug etwa auf Saatgut und eine Internationaliserung von Deomkratiebewegungen: "Trotz gravierender Einschnitte bei den Frauenrechten, insbesondere im Hinblick auf das Recht auf Abtreibung, unter anderem in den USA, gibt es noch keine internationale Frauenbewegung, wie wir sie zu Zeiten der UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo oder der Weltfrauenkonferenz in Peking vor dreißig Jahren beobachten konnten. Gegenwärtig gibt es beispielsweise bei Themen wie dem Klimawandel sowie bei der Black-Lives-Matter-Bewegung Solidarität auf transnationaler Ebene. Aber die Fragen des Umgangs mit begrenzten Ressourcen und ihrer gerechten Verteilung können letztlich nicht von einer einzigen, lokalen Bewegung realisiert werden, genauso wenig wie eine nachhaltige Klimapolitik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2023 - Ideen

Die FR veranstaltet eine Artikelreihe zur Frage "Brauchen wir eine neue Aufklärung?" Das finden einige in dieser Frage offenbar als qualifiziert geltende Autoren wie Omri Bohm oder Susan Neiman. Aber die Philosophin Kathrin Witter ist heute nicht zufrieden mit deren Positionen. Selbst Susan Neiman etwa ist ihr nicht links genug: "Dabei fehlt es Neiman nicht an Beobachtungsgabe, sie sieht beispielsweise die Inkorporierung von Diversitätsidealen durch den Kapitalismus. Weil sie sich dessen Gesetzmäßigkeiten aber nicht zum Gegenstand macht, sieht sie als Gegner nur den Faschismus; im Hintergrund ihrer Argumentation steht so auch drohend Donald Trump. Damit begeht sie den gleichen Fehler, wie die Identitätspolitik: sie definiert sich defensiv über ihren Gegner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2023 - Ideen

Überraschende Kritik an der Restitution geraubter Kunst kommt in der taz von der Pasionara des Postkolonialismus, Charlotte Wiedemann. Die Kunstdiskussionen lenkten von weit schlimmeren Untaten wie dem Genozid an den Herero ab, schreibt sie: "Das Unrecht wurde feuilletonisiert: Als hätten sich die Jahrhunderte des europäischen Kolonialismus in Kunstraub erschöpft, wird lieber von entwendeten Gegenständen gesprochen als von Genozid, von Rückgabe statt von Reparationen. Museen haben eine weichgespülte Dekolonisierung als Geschäftsmodell entdeckt, eine softe zeitgeistige Progressivität, die übrigens perfekt in die Ära grünen Regierungshandelns passt: Machthierarchien nicht antasten, aber sie mit feinen Gesten verzieren."

Wollen deutsche Politiker mit Restitutionen "historisch quitt" werden oder streben sie eine neue gleichberechtigte Zusammenarbeit an, fragt derweil Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Für den Oba von Benin bietet die Rückkehr der Bronzen auch die Gelegenheit, die Deutungshoheit über die Opfergeschichte des von den Briten zerstörten Königreichs zu erlangen und die Tätergeschichte des Regimes seiner Vorfahren, die von einem systematisch betriebenen Sklavenhandel profitiert haben, zum Verschwinden zu bringen. Dass dies nicht gelingen wird, ist auch das Verdienst der in den USA agierenden Restitution Study Group, die als Nachfahren der von Benin verschleppten Sklaven zumindest Teile der Bronzen für sich beanspruchen. Was zunächst als schwer zu durchschauende Gemengelage erschient, macht deutlich, dass es keinen Nullpunkt der Geschichte gibt, an den man glaubt, zurückkehren zu können, um einmal begangenes Unrecht zu heilen."

Im Interview mit der SZ spricht der israelische Schriftsteller Etgar Keret über Kunst und Politik. Und über das Risiko, das man eingeht, wenn beides zusammenfällt: "Ich erinnere mich, gar nicht so lange her, dass ich in Debatten Angst bekam. Weil ich fürchtete, die andere Person könnte meine Meinung ändern. Ich dachte, oh, das ist ein Argument! Ah, er will, dass ich etwas Bestimmtes denke! Heute geht es gar nicht mehr darum. Fakten sind potenzielle Waffen. Die Frage ist: Kann ich jemanden damit demütigen? Abwerten? Ich glaube, das passiert gerade weltweit. Israel reiht sich nur in eine größere Entwicklung ein. ... Als der Schriftsteller Meir Shalev starb, weigerte sich Benjamin Netanjahu in den ersten 24 Stunden, Trauer zu bekunden. Weil Shalev Netanjahu-kritisch war. Als Premier musst du deine Arbeit machen. Wenn du Kellner bist, musst du auch die Gäste bedienen, die du nicht magst. Es ist scheinbar unmöglich geworden zu sagen: Dieser Mann war ein großartiger Schriftsteller - und ein komplettes Arschloch."

Außerdem: In der Welt erinnert Tilman Krause an den Soziologen Nicolaus Sombart, der vor hundert Jahren geboren wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2023 - Ideen

Ulrike Ackermann erinnert in der NZZ an John Stuart Mill, den großen Theoretiker de Freiheit, der vor 150 Jahren gestorben ist und der angesichts heutiger Identitätspolitik im Grabe rotiert: "Es ist seltsam, dass man 150 Jahre nach dem Tod von Mill daran erinnern muss, wie mühselig über Jahrhunderte die Selbstermächtigung der Bürger und Bürgerinnen, der Aufstieg des Individuums aus kollektiven Zuschreibungen und Zwängen war... Was die Varianten der Identitätspolitik eint, ist ihre radikale Kritik an der westlichen Moderne und deren freiheitlichen Errungenschaften. Dem Universalismus der Aufklärung setzen sie den Partikularismus und die Relativierung der Kulturen beziehungsweise den Ethnopluralismus entgegen. Anstelle einer Wertschätzung des Individuums wird das Kollektiv gefeiert."

Zukunftsforscher Daniel Dettling blickt ganz hoffnungsfroh auf Künstliche Intelligenz: Sie könnte viele Bullshit-Jobs überflüssig machen, meint er in der FR. "Dafür werden andere, besser bezahlte Jobs entstehen: Datenprüfer:innen und Urheberschützer:innen, Ethikbeauftragte und Haftungsfachleute. KI ist kein Jobkiller, sondern ein Jobshifter. Ihr Ziel ist die Verschiebung von unkreativen in kreativere, von routinierten in sozialere, von isolierten in kommunikativere Tätigkeiten."

Anhänger woker "Social-Justice"-Theorien berufen sich gern auf Jacques Derrida, aber zu Unrecht, schreibt der Verlegr und Philosoph Peter Engelmann in der NZZ. Wokeness will eine Verabsolutierung der Differenz: "Vor ihrem historischen Hintergrund lesen sich die französischen Denker jedoch ganz anders. Nämlich als denkerische Bemühung darum, was das Gemeinsame der totalitären Gesellschaften des 20. Jahrhunderts war. Und als Frage danach, ob und, wenn ja, wie wir totalitäre Ideologien und Gesellschaftssysteme verhindern können. Genau das Gegenteil also von dem, was der heute vorherrschende Woke-Begriff praktiziert."

Außerdem: In der taz wandte sich Stefan Reinecke schon am Samstag gegen die "Apologeten des Westens", die behaupten, es gehe heute um "Demokratie gegen Diktatur". Aber "der Konkurrenzkampf zwischen der Supermacht des 20. Jahrhunderts und der aufsteigenden Macht des 21. Jahrhunderts ist keiner zwischen Gut und Böse, sondern ein Ringen um geopolitische Einflusszonen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2023 - Ideen

Wir leben in einer "Wahl-Aristokratie", denn das Parlament ist ein "hochselektives Organ", schreiben die beiden Wirtschaftswissenschaftler Margit Osterloh und Bruno S. Frey in der Welt. Insofern wären die von der "Letzten Generation" vorgeschlagenen Bürgerräte vermutlich demokratischer. Nur: "Bei genauerer Lektüre des Aufrufs der 'Letzten Generation' für einen Gesellschaftsrat kommen erhebliche Zweifel an der demokratischen Absicht. Eine autoritäre Dimension ist unverkennbar: Dem Gesellschaftsrat wird ein präzises inhaltliches Ziel vorgegeben, nämlich Null-Emissionen in Deutschland bis zum Jahr 2030. Ob dieses Ziel vernünftig, machbar oder demokratisch legitimiert ist, soll gemäß den Vorstellungen der 'Letzten Generation' nicht hinterfragt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2023 - Ideen

Fortschritt ist schon eine gute Sache, beteuert der in Utrecht lehrende Philosoph Hanno Sauer im Welt-Interview mit Jan Küveler, aber nur, wenn man in der Lage sei, Ambivalenzen auszuhalten: "Für die überwältigende Mehrheit der Menschen waren die letzten 10.000 Jahre übel. Die meisten haben in Armut und Unterdrückung gelebt, mit einem großen Risiko von Pandemien und Hungersnöten. Wenn der Weizen von einem Schädling hinweggefegt wird, hat man ein Problem. Wenn man in kleineren Jäger- und Sammlergesellschaften Dutzende Kräuter sammelt, ist man dagegen relativ gut geschützt. Es ist ziemlich klar , dass wir erst in jüngster Zeit und nur an einigen Orten auf dem Planeten den Level des Wohlergehens wiedererlangt haben, den wir vor der zweifelhaften Revolution durch die großen hierarchischen Kulturen und ihren Ackerbau hatten. Die Skalierbarkeit dieser Kooperationsform funktioniert fast nur über Hierarchie und Sklaverei. Dadurch haben mindestens 90 Prozent aller Leute unter üblen Bedingungen zu leben. Ferner haben wir zu vermuten, dass etwa im Hinblick auf Geschlechtergleichheit die Gesellschaften vor den großen Imperien erheblich besser abgeschnitten haben."
Stichwörter: Sklaverei, Sauer, Hanno, Imperien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2023 - Ideen

In den Feuilletons überwiegen die feierlichen Huldigungen zum hundertsten Geburtstag des konservativen Historikers Reinhart Koselleck. Auf Twitter findet unterdessen eine ganz andere Diskussion statt. Koselleck soll Studentinnen oder Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben, erzählt unter anderem die Osteuropahistorikerin Franziska Davies in einem längeren Thread. FAZ-Redakteur Patrick Bahners fragt zurück: "Welche Belege gibt es denn für dieses angebliche offene Geheimnis?" Davies verweist auf einen andern Thread von Mara Keire, die zu sexueller Belästigung forscht: "'Allgemein bekannt' ist ein schwieriger Begriff, insbesondere wenn es um sexuelle Belästigung geht. Zumal Belästigung in der Regel entweder zu Mitwisserschaft oder Verschwinden führt. Studentinnen, die nie promoviert haben, die Doktorväter gewechselt haben, die nie in Gremien eingeladen wurden, die die Wissenschaft verlassen mussten..." Patrick Bahners antwortet: "Sind entsprechende Hinweise oder Andeutungen in der umfangreichen Koselleck-Literatur veröffentlicht worden? Oder jenseits davon? Zeit dafür wäre (seit Kosellecks Zeit) genug gewesen. Oder gibt es bislang ausschließlich informelle oral history? Das würde ich gerne wissen, um einen Eindruck von der etwaigen quellenkritischen Problematik zu gewinnen." Der postkoloniale Historiker Jürgen Zimmerer mischt sich ein: "Sie sind doch der Journalist? Seit meinem Tweet gestern haben sich Leute gemeldet, mit Namen. Man muss nur die Möglichkeit gedanklich zulassen, dass der Vorwurf auch für Koselleck zutreffen könnte... Dass das nicht in der Literatur steht, überrascht doch nicht." Bahners antwortet: "Lieber Herr Zimmerer, Sie müssten es irgendwie möglich machen, sich beim Blick in den Spiegel einzugestehen, dass die meisten Leute, mit denen Sie zu tun haben, mindestens so viele Möglichkeiten gedanklich zulassen wie Sie. Könnte auch in anderen Debatten hilfreich sein."

Wer ein Renegat ist, bestimmt der Dogmatiker. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey schlagen in der Zeit heute erneut zu. Nachdem Sie schon ein ganzes Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 der "Kippfigur" des (nicht gegenderten) "Renegaten" widmeten, erklären sie sie heute nochmal den Zeit-Leser*innen. Rechts ist, wer nicht woke ist: "Der Anti-Linksliberalismus lebt von der Rolle der Renegaten. Die ehemaligen im weiten Sinne Linken inszenieren sich als Bekehrte und Erwachte: Sie sprechen die unangenehmeren Wahrheiten über den 'Mainstream' aus, der dissidente Stimmen mundtot mache. Dabei ist Mainstream ein ebenso vager Begriff wie Linksliberalismus. Doch gerade durch die Unbestimmtheit funktioniert er als Projektionsfläche. Die Neodissidenten präsentieren sich selbst als Ausgestoßene: Für Wahrheit und Aufklärung sind sie bereit, Opfer zu bringen. Bei manchen ist die performative Ironie erstaunlich, wenn sie die Diskriminierung ihrer Meinungen in Talkshows zur besten Sendezeit oder in großen Interviews der überregionalen Printmedien beklagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2023 - Ideen

Wir haben zu viele Emotionen in der Politik, glaubt die israelische Soziologin Eva Illouz im Interview mit Zeit online. Die sind zwar wichtig, helfen aber nicht beim demokratischen Zusammenleben: "Das wahrhaft revolutionäre Gefühl, mit dem Demokratie arbeiten sollte, ist Mitmenschlichkeit, nicht Solidarität. Denn Solidarität beruht zu sehr auf der Vorstellung einer Gesellschaft als Gemeinschaft - und wir sind keine Gemeinschaft mehr. Wir leben in großen Städten und sind sehr mobil. Wir suchen uns heute selbst die Gruppen und Gemeinschaften aus, zu denen wir dazu gehören wollen und können sie jederzeit wieder verlassen. Nationalistischer Populismus aber verkauft die Fantasie einer Rückkehr zu einer Gemeinschaft, zu Solidarität, zu einem Band der Liebe, das uns in einem Land verbindet. Aber ich glaube weder, dass wir zu einer Gemeinschaft zurückkehren können, noch dass wir das sollten. Die globalisierte Gesellschaft ist zu fragmentiert. Wonach wir streben können, ist eine etwas anderes Gefühl, das von Mitmenschlichkeit." Außerdem hilfreich wäre eine strikte Trennung von Staat und Religion, meint sie.

Überall wird feierlich der hundertste Geburtstag des Historikers Reinhart Koselleck begangen, der neben Carl Schmitt, Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann zu den Idolen des deutschen Feuilletonismus zählt. Die Philosophin Sidonie Kellerer meldet im Philomag (wo der Vorname Reinhart als Reinhard präsentiert wird) ein paar Zweifel an. Seine Herkunft aus dem Denken Carl Schmitts ist doch um einiges intensiver, als es offizielle Versionen verlauten lassen, schreibt sie, und Kosellecks berühmte Dissertation "Kritik und Krise" sei "keine Schrift der Aufklärung. Im Gegenteil: Es ist eine an Verschwörungstheorien erinnernde Polemik gegen die aufklärerische Kritik, die als abstrakte, ungebundene, kurz als utopische Ideologie beschrieben wird." Ausgerechnet Carl Schmitt hatte Kosellecks Ideen mit der Formel gelobt, es handle sich um eine "Aufklärung potenzierten Grades", eine Formulierung, die in der Koselleck-Rezeption prägende Kraft hatte: "Das ist eine gänzliche Verdrehung der eigentlichen Bedeutung der Begriffe. Ein Begriffsraub und eine Inversionslogik, die sich bis heute als umso wirkungsvoller erwiesen haben als Kosellecks Theorie seit 1973 unter der Flagge Suhrkamp segelt."