9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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1329 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 133

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2024 - Internet

"Die Tatsache, dass Assange nicht an die USA ausgeliefert wurde, dass er lebt und seine Arbeit als Aufklärer weiterführen kann, bedeutet einen Sieg für die Pressefreiheit", sagt Günter Wallraff im FR-Gespräch: "Wenn man einem jahrelang Inhaftierten die Freiheit gegen ein Teilschuldeingeständnis in Aussicht stellt, würde sich fast jeder darauf einlassen - aber doch nicht aus freien Stücken oder innerer Überzeugung. Da ging es letztendlich um Leben oder Tod. So wurde öffentlich, dass der damalige CIA-Direktor Mike Pompeo plante, Assange entführen zu lassen oder eine - im CIA-Sprech - extralegale Tötung zu organisieren. ... Der Deal war eine Erpressung, damit die Verantwortlichen ihr Gesicht wahren können."

Der britische Computerwissenschafter Stuart Russel hat bereits 2020 in seinem Buch "Human Compatible" vor Künstlicher Intelligenz gewarnt. Eine Machtübernahme durch KI würden wir zunächst gar nicht bemerken, ein leistungfsfähiges KI-System könnte seine Pläne verbergen, "bis es sich seines Erfolges sicher ist", prophezeit er im Tsp-Gespräch: "Wir statten große Sprachmodelle wie ChatGPT bereits mit der Fähigkeit aus, langfristige Pläne zu erstellen und umzusetzen, und auch mit den Mitteln, um in der realen Welt Bankkonten, Kreditkarten, E-Mail- und Social-Media-Konten zu unterhalten. Solche Systeme können Menschen dafür bezahlen, Dinge zu tun, und könnten schon bald mit robotischen Erweiterungen ausgestattet werden, um direkt in der physischen Welt Dinge verrichten zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2024 - Internet

Die Welt befindet sich gerade in der Zeit des Datenkolonialismus, ruft uns SZ-Digitalexperte Andrian Kreye unter Berufung auf die amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Nick Couldry und Ulises Mejias zu. Unsere Daten seien für die "Kolonialmächte" Amerika und China, und ihren KI-Systemen, rund um die Uhr abrufbar, ohne dass die europäischen Regierungen "den Grundgedanken des Datenkolonialismus infrage stellen. Es geht nicht darum, die Expansion und Ausbeutung abzuschaffen, sondern, sich vor der Konkurrenz zu schützen. An keiner Stelle wird infrage gestellt, ob künstliche Intelligenz die Zukunft der Wirtschaft und Gesellschaft ist oder eben nicht. Warum sich nicht nur die EU, sondern die meisten Menschen kaum Gedanken dazu machen? 'Der Kolonialismus behauptete, dass er der Weg zum Fortschritt und in die Moderne ist. Heute sagt man uns, KI wird Wohlstand und Frieden bringen, Krankheiten heilen, den Weltraum erobern, uns helfen, unsere Potenziale auszuschöpfen. Wir müssen deshalb zulassen, dass die Modelle mit unseren Daten ohne unsere direkte Zustimmung trainiert werden. Das sind alles Mythen, die auch in Formen des Kolonialismus verwendet wurden.' (Nick Couldry)".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2024 - Internet

In der SZ erklärt die Juristin Anja Brauneck, wie der "EU AI Act" die Werke von Kunstschaffenden vor datenhungrigen KI-Modellen in Zukunft schützen soll. "Die 'alten' Trainingsdaten bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Urheber verloren. Von einer KI noch unentdeckte sowie neu erschaffene Werke werden aber unter deutlich verbesserten Vorzeichen an den Start gehen. Rechtsvorbehalte müssen respektiert und umgesetzt werden. Das wird sich auswirken. Das Internet haben die KI-Modelle zwar erst einmal 'leer' gelesen. Sie benötigen aber laufend neue Inhalte, und die müssen von guter Qualität sein, damit sich die Modelle weiter optimieren können. Ansonsten sinkt die Qualität. Rein synthetisch erzeugte Daten werden hier nur begrenzt aushelfen können. Die nicht ersetzbare Kreativität von Urhebern und Künstlern wird also mehr denn je gebraucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2024 - Internet

Der Politikwissenschaftler Marcus Bösch lobt im Zeit Online-Interview mit Constanze Kainz den Digital Services Act (Unsere Resümees) der EU und kommt auf den Jugendschutz bei TikTok zu sprechen: "Natürlich ist es lobenswert, dass mit aller Härte aus der europäischen Sichtweise auf die Apps geschaut wird. Ich würde mir aber wünschen, dass dieses Prüfen informiert erfolgt. Gerade der Aspekt Jugendschutz hat oft etwas Paternalistisches: Da diskutiert man, wie man Kinder und Jugendliche als vulnerable Gruppen schützen kann, während zum einen die Nutzerschaft von TikTok älter geworden ist und zum anderen nicht minder geschützt werden muss. Denn die TikTok-Kompetenz ist bei jungen Leuten, die diese App auch regelmäßig nutzen, oft höher als beispielsweise bei Lehrerinnen und Lehrern. Das heißt, die Debatte um Datensicherheit lediglich auf Kinder und Jugendliche zu fokussieren, greift ein wenig zu kurz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2024 - Internet

Zehn Jahre nachdem Mathias Döpfner in der FAZ einen offenen Brief an den damaligen Google-Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt geschrieben hat (Unser Resümee), in dem er die Marktmacht von Google im Werbemarkt kritisierte, macht er erneut eine Bestandsaufnahme und meint, alles ist viel schlimmer gekommen: "Das, was Harvard-Professorin Shoshana Zuboff 'Überwachungskapitalismus' nennt, hat sich weitgehend durchgesetzt. Google (beziehungsweise Alphabet) hat bei einer Marktkapitalisierung von knapp 2 Billionen Dollar das Geschäftsmodell und also die Umsätze der Verlage - und fast der gesamten 'Creative Industries'  - weitgehend aufgesaugt. (…) Der Kampf der Verlage um ein modernes, den digitalen Realitäten angepasstes Copyright war nach fünfzehn Jahren zur großen Überraschung aller wenigstens in der EU erfolgreich. Aber es war zu spät. Die meisten Verlage waren bereits wirtschaftlich sehr stark unter Druck und flüchteten sich in Einzelverträge mit Google statt in eine robuste kollektive Rechteverwertung, was den Niedergang beschleunigte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2024 - Internet

China hat seine digitalen Desinformationskampagnen zunehmend perfektioniert, weiß Kira Kramer in der FAZ. Seit 2017 fluten chinesische Akteure das Internet bereits mit Fake-Inhalten, von westlichen Beobachtern wurde die Operation "Spamouflage" getauft. Im US-Wahlkampf wird jetzt eine neue Strategie erprobt, so Kramer. Die "Spamouflage"-Akteure geben sich als amerikanische Patrioten aus, mit Amerikaflagge und Wappenadler im Profil, dazu häufig echte Videos von Trump, wie er tanzt, wie er redet. Und auf einmal stehen die Fake-Konten nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum der Debatten. Erstmals führen die Beiträge der vermeintlichen Trump-Anhänger dazu, dass andere Nutzer die Konten des 'Spamouflage'-Netzwerks ernst nehmen. Als Fake sind sie nicht mehr ohne Weiteres zu erkennen. Mitunter haben sie fünfstellige Followerzahlen und das Zehnfache an Interaktionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2024 - Internet

Schön, dass es noch solche Meldungen gibt: Das Land Schleswig-Holstein steigt auf LibreOffice um und versucht sich zusehends von Microsoft-Systemen zu lösen, berichtet Martin Holland bei heise.de: "Für den Wechsel auf Open-Source-Software spricht laut der Landesregierung nicht nur das Ziel der digitalen Souveränität. Außerdem erwartet man sich eine verbesserte IT-Sicherheit, geringere Kosten, mehr Datenschutz und ein besseres Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme. Das Land möchte sich an der Weiterentwicklung der Software beteiligen und Ergebnisse unter freien Lizenzen veröffentlichen. Der Wechsel zur LibreOffice als Office-Software in der Kommunikation zwischen Ministerien und Behörden soll jetzt kurzfristig erfolgen."

Allerdings sind auch Linux-Systeme angreifbar, berichten Patrick Beuth und Torsten Kleinz im Spiegel. Der Microsoft-Entwickler Andres Freund aus San Francisco machte die Entdeckung, dass eine Schadsoftware ein Programm zur Komprimierung von Daten angegriffen hat, das für viele Anwendungen weltweit entscheidend ist: "Die Software ist in den meisten Linux-Versionen enthalten. Auch wenn das offene Betriebssystem bei Privatnutzern kaum verbreitet ist, stellt es das Rückgrat des Internets dar. Viele Rechenzentren laufen auf Basis von Linux, genauso Android-Smartphones oder Kleingeräte wie Fritz!Box-Router. Hätte Freund den Schadcode nicht zufällig kurz nach Veröffentlichung entdeckt, wäre die Hintertür in immer mehr Systeme eingezogen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2024 - Internet

"Die digitalen Klärwerke sind überfordert", KI-generierte Trash-Inhalte fluten das gesamte Netz, stöhnt Adrian Lobe in der taz: "So spuckte Google bei der Bildersuche nach 'Tank Man' - jenem mutigen Mann, der sich im Juni 1989 am Tiananmen-Platz in Peking einer Panzerkolonne entgegenstellte - im vergangenen Jahr ein KI-generiertes Fake-Selfie als Top-Ergebnis aus. Schon seit einiger Zeit beklagen Nutzer die nachlassende Qualität der Suchmaschine. Die Ergebnisliste sei mit Anzeigen und suchmaschinenoptimiertem Müll gepflastert, heißt es. Jahrelang konnten sich die Tech-Konzerne das Müllproblem vom Leib halten, indem sie einen digitalen Putztrupp auf den Philippinen beschäftigten, der für ein paar Dollar am Tag den Unrat aussortierte. Doch jetzt dringt dieser Müll an die klinisch reinen Benutzeroberflächen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2024 - Internet

Dass Tiktok unter anderem als Schleuder extremistischer Inhalte dient, ist inzwischen bekannt (Unsere Resümees). Die USA, wo inzwischen laut Andrian Kreye (SZ) die Hälfte aller Staatsbürger Tiktok nutzen, definiert die chinesische App aber vor allem als "Speerspitze psychologischer Kriegsführung und geheimdienstlicher Tätigkeiten" Chinas - und scheiterte am Versuch die App zu verbieten. Stattdessen soll die App laut einem Gesetzentwurf nun an ein amerikanisches Unternehmen verkauft werden, berichtet Kreye. Und auch deutsche Geheimdienstler warnen "bei Hintergrundgesprächen davor, dass China der viel wirksamere und gefährlichere Gegner im Cyberwar sei als Russland. Das müssen nicht nur Fake News oder Hassbotschaften sein, die über soziale Netze in Umlauf gebracht werden. Die gibt es auch und sie wirken wie Rostfraß auf demokratische Prozesse. Die eigentliche Gefahr sozialer Netze für die Demokratie aber sind die Dynamik und Wirkweise der Algorithmen. Da zumindest waren die amerikanischen Gesetzgeber kundig. Ein zentraler Punkt des Gesetzentwurfs H.R.7521 sieht vor, dass nicht nur die Firma, sondern auch die Algorithmen in amerikanischen Besitz übergehen müssen."

Auch der Perlentaucher hat ihn oft zitiert: Markus Beckedahl verlässt nach zwanzig Jahren das von ihm gegründete Blog Netzpolitik, mit dem er viele Debatten aus diesem Themenbereich in Deutschland mit prägte. Er will Neues ausprobieren, sagt er selbst. Seine Kollegen verabschieden sich von ihm: "Seine Anfänge nahm netzpolitik.org in einer Zeit, als soziale Medien und Online-Journalismus noch in den Kinderschuhen steckten. Die noch junge Blogosphäre blühte auf. Markus startete das Blog netzpolitik.org als Ersatz für eine Mailingliste und teilte Links zum Thema Internet und Politik. netzpolitik.org wurde schnell zu einem wichtigen Knotenpunkt der Blogosphäre in der zivilgesellschaftlichen Debatte um die Gestaltung des Internets." Mehr bei heise.de.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2024 - Internet

Zwei Artikel aus der FAS zum Thema KI in den Kulturindustrien sind nachzutragen. Ein ganzes Autorenteam berichtet über die Ängste der Übersetzer vor den oft sehr guten, aber manchmal auch nur tückisch-plausibel klingenden Übersetzungen von Deepl und anderen Diensten. Die FAZ-Autoren argumentieren, wie man seinerzeit beim Aufkommen von Taschenrechnern argumentierte - man macht sich Sorgen ums Kopfrechnen: "Es geht bei der Frage von Qualität und Legitimität von KI-Übersetzungen nicht einfach um die beruflichen Perspektiven einer altmodischen Zunft. Sondern um eine grundsätzliche Beziehung zu Sprache und Kultur, die durch ihre Automatisierung verloren zu gehen droht, weil sie ja nur durch intellektuelle Techniken lebendig bleibt. Die Debatte um die Zukunft dieser Praxis wird nicht nur die Übersetzer beschäftigen, die bilden nur die unfreiwillige Avantgarde." Wie trügerisch KI-Übersetzungen sein können, weist die Autorin und Übersetzerin Anja Utler in der heutigen FAZ an Beispielen nach.

Viel zuversichtlicher klingt da der Bertelsmann-Chef Thomas Rabe im Gespräch mit einem Team von den Wirtschaftsseiten der FAS! "KI wandelt Text zu Audio oder umgekehrt, sie übersetzt, sie fasst Texte zusammen und personalisiert Werbung. Nehmen Sie das Beispiel Pumuckl. Für die Neuauflage der Serie haben wir die Stimme des Schauspielers Hans Clarin mit KI imitiert..." Rabe führt dann  aus, dass man sich aber mit der Familie von Clarin abgesprochen habe (wie das finanziell aussieht, fragen die Interviewer nicht). Und dann sagt Rabe genau den Satz, den man von einem Boss der Kulturindustrie erwarten würde: "Im Zentrum steht für Bertelsmann das Urheberrecht. Es geht darum, dass unsere Rechte und unsere Daten nur mit unserer Zustimmung genutzt werden dürfen..." Nein, Bertelsmann ist nicht der Urheber!