9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2016 - Internet

Kollektives Kopfschütteln löst in England das Urteil einer UN-Expertengruppe aus, der Netzaktivist Julian Assange werde in der ecuadorianischen Botschaft in London unrechtmäßig festgehalten. Im Guardian verweist Joshua Rozenberg darauf, dass Assange jederzeit die Möglichkeit hat, die Botschaft zu verlassen und sich der Justiz zu stellen: "Natürlich wusste er, dass er wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen festgenommen werden würde. Natürlich wusste er, dass er an Schweden ausgeliefert werden könnte. Natürlich wusste er, dass er schließlich an die USA ausgeliefert werden könnte, wenn der Prozess in Schweden abgeschlossen ist. Doch das heißt alles nicht, dass er interniert wurde, und erst recht nicht, dass seine Internierung willkürlichen Charakter hatte." Und Marina Hyde spottet ebenda: "Mein Eindruck ist, dass die erleuchtetsten Geister nicht unbedingt UN-Expertengruppen als Karriereziel sehen. Vielleicht sind UN-Experten so etwas wie UN-Botschafter, und sogar Geri Halliwell könnte eine sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2016 - Internet

Ist das Internet an allem schuld? Mathias Müller von Blumencron, Online-Chef der FAZ, sieht die Utopien der Netzgründer im Gebrodel der Verschwörungstheorien untergehen: "Wenn es den Trumps, Le Pens und Petrys dieser Welt gelingt, den etablierten Institutionen ihre Autorität streitig zu machen, dann auch deshalb, weil sie im Netz einen idealen Resonanzboden für ihre Empörungsrhetorik finden. Die globalen Plattformen der Erregung wie etwa Facebook sind ein sehr lukratives Geschäftsmodell." Wie hat Hitler es nur ohne geschafft!

Während das Internet die Demokratien also offensichtlich herabzieht, ist es in Diktaturen oft das einzige Gegenmittel, wie sich aus Francesca Ebels Porträt über den russischen Dissidenten Alexeij Nawalny in Politico.eu ersehen lässt. Nawalny hat eine Stftung gegründet, die Korruption untersucht: "Für ihn ist das Internet die einzige und wichtigste Waffe. Da er in den meisten Staatsmedien auf der schwarzen Liste steht, publiziert die Stiftung die Resultate ihrer Recherchen in Nawalnys Blog. Mit 1,35 Millionen Twitter-Followern bekommen die Berichte Aufmerksamkeit. Untersuchungen handelten von Putins Vermögen, den Luxusimmobilien russischer Oligarchen in London und den USA und sogar von den 10.000-Dollar-Uhren von Putins Sprecher Dimitri Pekow, dessen offizielles Regierungsgehalt vergleichsweise bescheiden ist."

Alarm: "Open Access macht alles kaputt - die Verlage, die Bücher, die Wissenschaft." Aber hat die FAZ je einen Artikel pro Open Access veröffentlicht? Heute warnt der Slawist Urs Heftrich davor, dass Open Access gar von Forschungseinrichtungen gefördert wird: "elektronische Bücher und Buchreihen, die frei zugänglich ins Netz gestellt werden. Natürlich kann man über die Zuständigkeiten und Aufgaben einer Forschungsgemeinschaft streiten. Unbestreitbar aber dürfte sein, dass das hier aufgelegte Förderprogramm nicht auf konkrete wissenschaftliche Inhalte zielt, sondern auf die Etablierung einer reinen Infrastruktur, die faktisch die klassischen Aufgaben eines Verlagshauses ersetzt, nur mit der Besonderheit, dass die Publikation direkt im Internet erfolgt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2016 - Internet

Adrian Lobe warnt in der FAZ vor der Idee der "Bitnation" (hier das Blog der Bewegung), die mit kryptografierten Vertragswerken staatliches Handeln übernehmen und Korruption beseitigen will: "Die Politikwissenschaftlerin Marcella Atzori arbeitet in ihrem Paper 'Blockchain Technology and Decentralized Governance: Is the State Still Necessary?' heraus, warum die Idee datengestützter Gesellschaften illusorisch ist und sogar zu neuen, undemokratischen Hierarchien führt. Sie sieht neue Oligarchien und eine starke Polarisierung der Gesellschaft voraus: Entwickler, Programmierer und Tech-Unternehmer kämen in privilegierte Positionen - aus ihnen werde die neue politische Klasse. Die Macht hätten in der Kryptonation die Programmierer und Algorithmen. Es wäre eine Diktatur der Zahlencodes."

(Via turi2) Google will zwar alle Information der Welt organisieren, aber bitte zu seinen Bedingungen. In Techcrunch berichtet Sarah Perez: "Zu Beginn der Woche gestattete Samsung Ad Blocking in seinem Webbrowser für Smartphones. Entwickler antworteten schnell und bauten Ad Blocker, die mit diesem Browser funktionieren. Nun müssen die Entwickler zusehen, wie Google ihre Apps aus Google Play entfernt und Udates verweigert. Der Grund? Google scheint keine Adblocker als Apps in seinem Play Store verbreiten zu wollen."

Außerdem: In der SZ kritisiert Evgeny Morozov Google, das die Internetnutzer ausnutze, um Künstliche-Intelligenz-Software zu schaffen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2016 - Internet

Es ist fatal zu glauben, Sicherheit sei im Netz implementierbar, meint der Medienwissenschaftler Bernhard Dotzler in der NZZ. Deep Packet Inspection und Tracking und Profiling sind dem Netz immanent, "es sind dies durchaus höchst netzgenuine Vorgänge. Zu der Funktionsweise des Internets - der Aufteilung all seiner Datenflüsse in Datenpakete - gehört, dass sogenannte Metadaten generiert und verwendet werden. Jedwede Internetnutzung ruft dergestalt nicht nur Daten aus dem Internet ab, sondern reichert es zugleich mit Daten an. So und nur so funktioniert das Netz, und was aus meiner Sicht nach Missbrauch meiner Daten aussehen mag, ist vom Netz her betrachtet schlicht deren bestimmungsgemäßer Gebrauch." Welche Folgen der Nutzer daraus ziehen soll, bleibt in Dotzlers Kommentar allerdings etwas unklar: "Äquivalente für das, was die bürgerrechtlich organisierte Zivilgesellschaft gewesen sein wird", müssten "erst völlig neu erdacht werden".

Man sollte endlich aufhören, Twitter an Facebook zu messen, schreibt Will Oremus in Slate in einer Antwort auf Joshua Topolsky im New Yorker, der schon das Ende von Twitter beschwor (unser Resümee): "Twitter ist nicht wie Facebook, denn es ist nicht eigentlich ein soziales Netzwerk. Es ist auch nicht wie Snapchat, WhatsApp oder WeChat, die in erster Linie Messengerdienste sind. Es ist auch nicht wie Instagram, wo es darum geht, Fotos zu teilen. Twitter ist in seinem Kern ein öffentliches Forum für Information, Konversation und Ideen. Das ist ein ganz anderes Konzept, das für bestimmte Segmente der Bevölkerung wichtig ist, zum Beispiel Prominente, Aktivisten, Unternehmensmarken und Medien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2016 - Internet

Muss man denn gleich "das Ende von Twitter" ankündigen, wie es Joshua Topolsky im New Yorker tut? Aber er benennt die richtigen Probleme: "Eine Serie mittelmäßiger Produktinnovationen, eine stagnierende Nutzerbasis und ein massiver braindrain von Spitzenkräften stellen in Frage, ob Twitter als Geschäft überleben kann."

Dagegen: "Wäre Facebook ein Land, es wäre nun, nach Einwohnern, das größte der Welt", schreibt Peter Glaser in Buch 2 der SZ und beschreibt in einem längeren Essay den "blauen Planeten".
Stichwörter: Facebook, Glaser, Peter, Twitter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2016 - Internet

Conor Dougherty schreibt für die New York Times fast ausschließlich über Google. Jedenfalls beschreibt er seinen Job so in einem Blogeintrag, in dem er zugleich seine Verzweiflung bekundet: Larry Page, der Boss der mächtigten Firma der Welt (jetzt, wo Apple angekratzt ist), war für den Reporter der New York Times noch nicht ein einziges Mal zu sprechen: "Insgesamt bin ich Herrn Page dreimal begegnet - insgesamt vielleicht fünf Minuten. Einmal bei einem Off-the-Record-Treffen, bei dem nichts Interessantes passierte, einmal bei einem Presse-Meeting, bei dem er mir höflich die Hand schüttelte, bevor er in eine andere Richtung abrauschte."

Außerdem: Marvin Minsky, Miterfinder der "Künstlichen Intelligenz" ist gestorben. Kai Schlieter schreibt einen ganzseitigen Nachruf in der taz. Mara Delius schreibt in der Welt. Bei Edge.org gibt es ein ganzes Dossier zu Minsky.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2016 - Internet

In der SZ bricht Constanze Kurz eine Lanze für die künstliche Intelligenz, die zwar nicht so großartig sei wie einst beschworen, aber auch nicht so bedrohlich: "Für simulierte Menschen-Gehirne gibt es eigentlich keinen Bedarf. Wohl aber für Systeme, die Teilaspekte des menschlichen Denkens und Könnens deutlich effizienter und besser erledigen können - schlicht, weil sie mit der Geschwindigkeit moderner Computer weitaus mehr Daten einbeziehen, aus mehr Beispielen lernen können und keine Müdigkeit kennen."

Weiteres: Alissa Walker meldet auf Gizmodo, dass Google ein wirklich tolles Jahr hinter sich hat: "Now Alphabet is very, very close to being named the world's most valuable company - yes, more valuable than Apple." Oliver Jungen stellt in der FAZ das neue Podcast-Label Viertausendhertz.de vor, das sich mit aufwendig produzierten Serien zu bisherigen Websites wie hoersuppe.de und podcast.de gesellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2016 - Internet

Ein rauer Ton herrschte auf der einst so visionären Digitalkonferenz DLD in München, stellt Andrian Kreye in der SZ fest, anstelle intellektueller Diskurse sind Gefechte um die Ökonomie getreten: "Gegen den transatlantischen Konflikt, der sich da abzeichnet, wird die Debatte um den Irakkrieg aus dem vergangenen Jahrzehnt schon bald verblassen. Auch im Silicon Valley stehen hinter den Weltverbesserungsparolen längst nur noch Pläne zum Gewinn von Vormachtstellungen, Marktanteilen. Es geht um die Geschwindigkeit, mit der man der Zukunft den Weg ebnen und dann am besten gleich Wegezoll verlangen kann. Kein Wunder also, dass die Debatten der sogenannten Digerati und die Ideen der Visionäre leise geworden sind. Dass die Aktivisten, die fordern, die Welt der Daten müsse für die Allgemeinheit zurückerobert werden, sich oft sehr alleine fühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2016 - Internet

In der SZ greift Evgeny Morozov noch einmal auf Mike Bulajewskis Essay "The Cult of Sharing" zurück, um den Konzernen des Silicon Valleys vorzuwerfen, im Kampf gegen staatliche Regulierung ihre Kunden einzuspannen: "Silicon Valley ist wie eine kosmopolitische und technikaffine Version der Tea Party: Die Start-up-Fraktion will uns glauben machen, dass der Kapitalismus zwar theoretisch funktioniere, dessen heute existierende Version davon jedoch weit entfernt sei. Die staatlichen Institutionen stünden unter der Macht der großen, alten Konzerne, und die Bürger müssten den Preis dafür bezahlen. Sei es in Form höherer Kosten für Transport und Miete, sei es in Form von Beschränkungen der Freiheit, über ihr Eigentum und ihre Zeit zu verfügen." (Hier Morozovs Text auf Englisch.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2016 - Internet

Netzpolitik weist auf eine Hommage hin, die Chelsea Manning auf Aaron Swartz geschrieben hat - sie steht in einer Ausgabe von Swartz' Essays: "Manchmal denke ich, wir haben Aaron im Stich gelassen, als er uns brauchte. Als ob die Welt und ich selbst Aaron für etwas Garantiertes hielten. Er hatte mit Intelligenz alles und jeden herausgefordert, Software-Unternehmen, Multimedia-Konglomerate, Regierungen und sogar das Schulsystem! Aber bei seiner letzten Herausforderung standen wir nur an der Seitenline und warteten darauf, dass er wieder gewinnnt. Stattdessen hat er verloren. Und dann haben wir verloren."