9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2020 - Kulturmarkt

"Die Situation auf dem Buchmarkt und im Literaturbetrieb ist so ernst wie nie zuvor", warnt der Verleger und Autor Rainer Moritz in der NZZ. "Ja, es gibt Sofortmaßnahmen der Regierungen, den Selbständigen, also auch den frei schwebenden Künstlern, beizustehen. Nina George, die Präsidentin des European Writers' Council, hat in diesen Tagen einen verdienstvollen 'Handzettel für Autoren' veröffentlicht, der die bereitgestellten Hilfsgelder auflistet. Das alles darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ohnehin schwer absehbaren Folgen der Corona-Einschränkungen Autorinnen und Autoren nicht nur vorübergehend belasten werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Kulturmarkt

Der PEN-Club Deutschland hat seine einstige Bedeutung seit Jahrzehnten eingebüßt. Nun meldet er sich mal wieder und fordert laut Börsenblatt, dass Buchhandlungen und Bibliotheken öffnen. Im Aufruf heißt es: "Der Zugang zu Büchern und damit zu Wissen und Information darf in einer freiheitlichen Demokratie unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Buchhandlungen und Bibliotheken müssen daher umgehend wieder geöffnet werden! Gerade in Zeiten von Schulschließungen ist die beratende Funktion des Buchhandels für Eltern unverzichtbar."

Literatur ist systemrelevant, schreibt Mely Kiyak auf Zeit Online, die ebenfalls die Wiedereröffnung der Buchläden fordert. Von den Verlagen wünscht sie sich mehr Mut: "Wie bezeichnend, dass Autoren auf eigene Faust das auf die Beine stellen, was eigentlich die Aufgabe der 'Branche' wäre. Die Schriftsteller sind im Moment vor allem agil und die Verlage vor allem bräsig. Staunend retweeten sie, was die Autoren mit wackeligen Kameras und miesem Ton auf die Beine stellen. Dabei hätten die Initiativen auch von den Verlagen ausgehen können. Schon allein deshalb, um den Ausfall der Lesehonorare aufzufangen. Denn was die Autoren jetzt veranstalten, veranstalten sie auf eigene Kosten und kostenlos." In der NZZ schildert auch Rainer Moritz die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Verlagsbranche.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Kulturmarkt

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Buchhandel und das Verlagswesen sind massiv, berichtet Michael Roesler-Graichen im Börsenblatt: "Von Berlin und Sachsen-Anhalt abgesehen, sind in 14 Bundesländern mindestens bis Ostern alle Buchhandlungen geschlossen, und der größte Online-Buchhändler Amazon kauft derzeit bei den Verlagen keine Bücher ein, weil er sich auf Waren des täglichen Bedarfs fokussiert, vorerst bis 5. April. Die Einbußen für Verlage und Buchhandel sind enorm: Unternehmen wie Bonnier Media sprechen von einem Umsatzeinbruch von 80 Prozent. In einigen Häusern wurde Kurzarbeit abgeordnet oder in Erwägung gezogen."

Amazon geht es dagegen prima, notiert das Amazon-Watchblog: "Wenn es derzeit für jemanden ziemlich gut läuft, dann ist das Amazon. Während Unternehmen weltweit quasi kollektiv rote Zahlen schreiben, steigert Amazon seinen Wert in nicht einmal zwei Wochen um 100 Milliarden Euro - Tendenz wahrscheinlich steigend. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) geht davon aus, dass Amazon seine Marktmacht in den kommenden Wochen weiter steigern wird und gestärkt aus der Krise kommen könnte."

Zur Frage, wie sich die Krise auf die Literatur und Kulturschaffende auswirkt, mehr in unserem heutigen Efeu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2020 - Kulturmarkt

Isabella Caldart hatte für 54books über die boomende Independent-Buchhändlerszene in Amerika und besonders New York schreiben wollen - nun muss sie darüber schreiben, dass diese Szene tot ist: "Dass die USA in jeder Hinsicht instabilere Sozialsysteme haben, wissen wir. Und so kam es, wie es kommen musste; die Buchhandlungen, die wegen Corona schließen mussten, entließen von einem Tag auf den nächsten reihenweise ihre Mitarbeiter*innen, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Schrecklich für die Entlassenen, die zumeist nur bis zum Ende der jeweiligen Woche bezahlt werden."

Im Welt-Gespräch mit Richard Kämmerlings äußert sich Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar noch recht gelassen über die Lage: "Solange die Buchhandlungen geschlossen bleiben, wird es sicherlich ein schwieriges Geschäft, Bücher zu verkaufen, aber für den Herbst planen wir normal weiter. Natürlich müssen wir die Situation beobachten und nötigenfalls reagieren."

Wenn jemand kostenlos ein Konzert auf seiner eigenen Website streamt, um dem Corona-geschädigte Publikum etwas Gutes zu tun, sollte er mit der Gema rechnen, falls Komponisten oder Texter sich von ihr vertreten lassen, berichtet Birgit Walter in der Berliner Zeitung. Die Gema vertritt zwar einerseits Urheber, aber eine sympathische Veranstaltung ist sie deshalb nicht: "Die Gema bevorzugt in der Verteilung ganz einseitig die Spitzenverdiener unter den Mitgliedern. Schlimmer, das System ist so aufgebaut, dass auch nur diese 6.000 ordentlichen Mitglieder über die Ausschüttungen an die insgesamt 78.000 Gema-Mitglieder entscheiden können, also auch über den strittigen Verteilungsschlüssel. Oder über die exorbitanten Ausgaben für die Verwaltung. Die Gema-Einnahmen stiegen im letzten Jahrzehnt von gut 800 Millionen auf über eine Milliarde Euro, davon fließen 150 Millionen in die Verwaltung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2020 - Kulturmarkt

Die Buchhandlungen haben geschlossen, und Amazon schränkt den Buchverkauf ein, um die höhere Nachfrage nach anderen Gütern zu bedienen. Die Verlage sehen ihre Absatzwege also doppelt blockiert. Der Autor und Literaturagent Thomas Montasser richtet einen Offenen Brief an die Branche, mit der Aufforderung, Amazon stärker die Stirn zu bieten. Er ist zum Beispiel bei buchmarkt.de veröffentlicht: "Amazon, entlarve dich doch nicht selbst als Lügner! Du hast Tausende Sortimentsbuchhandlungen weggebissen. Jetzt nutzt du deine Marktmacht schamlos aus, um das E-Book durchzusetzen. Die Läden sind dicht, die Alternativen beschränkt. Mach es den Leuten so schwer wie möglich, ein Printbuch zu erwerben, dann nehmen sie schon das E-Book. Ist ja auch fein: Dafür brauchst du nämlich keine Mitarbeiter, die bezahlt werden müssten, keine Zulieferer, die ihren Anteil bekommen, du hast keine Lagerkosten und keine Lieferkosten - großartig! Am besten, du drängst die Kunden so intensiv wie möglich ins E-Book-Streaming!"

Dass Amazon heute eine so gewaltige Marktposition im deutschen Markt hat, ist auch die Schuld von Bertelsmann, sagt Perlentaucher Thierry Chervel, der im Tagesspiegel von Markus Ehrenberg zu zwanzig Jahren Perlentaucher befragt wird: "Als wir anfingen, war Thomas Middelhoff noch Chef bei Bertelsmann und posaunte, dass er Amazon schlagen will. Immerhin wurde BOL zweitgrößter Online-Buchhändler in Deutschland und hätte diese Position wohl heute noch, wenn die Bertelsmann-Manager den Laden nicht zugemacht hätten, als sie Middelhoff feuerten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2020 - Kulturmarkt

Die Corona-Krise trifft auch kleine Buchhandlungen und Verlage hart. Die Verlegerin Britta Jürgs von der Kurt Wolff Stiftung skizziert im Gespräch mit Jens Uthoff die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre, die sich nun noch verschärfen: "Viele Buchhandlungen sind in dieser Zeit weggebrochen, gerade die, die sich für unabhängige Verlage starkgemacht haben. Es gab einerseits eine Entwicklung hin zu größeren Buchhandelsketten und zu den Onlineversendern, andererseits ist jedoch zunehmend eine Gegenbewegung entstanden, kleinere Verlage haben sich zusammengeschlossen. Wir tun heute mehr dafür, das Bewusstsein dafür herzustellen, dass es einen Unterschied macht, ob Bücher aus einem Konzernverlag kommen oder aus einem unabhängigen Verlag."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2020 - Kulturmarkt

Leider hat die Krise auch Auswirkungen auf die Verlagsbranche, berichtet Oliver Jungen in der FAZ: "Mit massiven Umsatzeinbrüchen rechnen alle Verlage. Es sei sehr viel storniert worden, sagt nicht nur Ruth Geiger (von Diogenes, d. Red.). Nachauflagen müssten derzeit kaum gedruckt werden, heißt es bei C.H. Beck. Auch bei Dumont erwartet man 'für die nächste Zeit deutlich geringere Umsätze'. Die jetzige Situation hat auch Auswirkungen auf die Werbung: Im Bahnmagazin Mobil teure Anzeigen zu schalten scheint etwa gegenwärtig sinnlos." Online dagegen macht immer Sinn!

Netflix hat die Streamingqualität vermindert, um das Internet zu entlasten, wurde bereits letzte Woche berichtet. Ingo Pakalski erzählt bein golem.de, wie der Anbieter dabei vorgeht: "Der Streaminganbieter liefert Kunden nicht mehr die maximal mögliche Qualität in der jeweiligen Abostufe. Nach Angaben von Netflix werden Abonnenten 'vielleicht eine sehr leichte Qualitätsminderung innerhalb jeder Auflösung feststellen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2020 - Kulturmarkt

Nach Corona will wohl niemand mehr verödete Innenstädte sehen, glaubt Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier und auch sonst sollten Verlage nicht auf den Online-Giganten setzen, sondern auf Buchhandlungen: "Amazon hat in einem Rundbrief am Mittwoch vielen Lieferanten aus der Buchbranche mitgeteilt, dass das Unternehmen den Nachbezug von Büchern bis Anfang April weitgehend aussetzen wolle, da es 'vorübergehend Haushaltswaren, Sanitätsartikel und andere Produkte mit hoher Nachfrage' priorisiere."
Stichwörter: Corona, Innenstädte, Innenstadt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2020 - Kulturmarkt

Freie Musiker gehören zu jenen beruflichen Kategorien, auf die sich die Corona-Krise unmittelbar wirtschaftlich auswirken. In der FAZ schildert Thomas Schmoll ihre Lage: "Die Künstler leben weitgehend von ihren Aufritten und Tourneen, einige von der Hand in den Mund. Die Absagen fallen noch dazu in eine absolute Hochzeit der Konzerttätigkeit: März und April sind - auch wegen Ostern - traditionell die Monate, in denen besonders viele Veranstaltungen über die Bühne gehen. Die damit verbundenen finanziellen Verluste sind so gravierend, dass ein Sterben unter den Ensembles droht." Mit Ausfallhonorar könnten die Musiker wegen "höherer Gewalt" nicht rechnen. Monika Grütters verspricht Hilfen. Und die Musiker setzen auf die Spendenbereitschaft der Bürger: "Unter dem Hashtag #ichwillkeingeldzurück werden Ticketbesitzer dazu aufgerufen, das Geld für bereits abgesagte Konzerte nicht zurückzuverlangen."

Ebenfalls in der FAZ: Karen Krüger unterhält sich mit der Verlegerin Selma Wels des auf türkische Literatur spezialisierten Binooki-Verlags - sie muss schließen, weil aus politischen Gründen sowohl die Türkei, als auch die EU die Übersetzungsförderung einstellen. Und auf der Medienseite berichtet Axel Weidemann über die folgen der Corona-Krise für die deutsche Filmindustrie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2020 - Kulturmarkt

Marc Reichwein fährt trotz abgesagter Buchmesse nach Leipzig und besucht dort das Startup Momox, das mit gebrauchten Büchern 250 Millionen erwirtschaftet, mehr als Hugendubel. Vielleicht, überlegt Reichwein in der Welt, sind dem Buchhandel gar nicht sechs Millionen Leser abhanden gekommen, sondern nur sechs Millionen Käufer von neuen Büchern? "Eine der Irrtümer unserer Zeit ist, dass die Digitalisierung die Dinge abschafft. Zum Beispiel: Bücher. Was für ein Quatsch: Digital und algorithmenoptimiert ist nur der Katalog. Die Dinge zirkulieren weiterhin, und wie. Bücher sind für immer mehr Leute zu kurzen Lebensabschnittsgefährten geworden, und dank der Secondhandmasse nehmen heute auch Leute, die früher Leihbüchereien benutzt haben, am Konsumkreislauf teil."