9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 37 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2023 - Kulturpolitik

Die FAZ bringt in ihrer Beilage Bilder und Zeiten einen Text von Lars Gustafsson von 1980, in dem der schwedische Schriftsteller die staatliche Subventionierung von Medien und Kultur in Frage stellte. Seine Horrorvorstellung ist das Modell Nachrichten von der Steuerbehörde': bei dem die Medien nur noch bestätigten, was das Sozialamt als Problem formuliert habe - und umgekehrt: "Die einzige Möglichkeit, diesen zirkulären Prozess zu durchbrechen, bestünde darin, dass die Medien in ihrer Rolle als bestätigendes Organ an irgendeiner wichtigen Stelle derart versagen, dass sie gezwungen wären, ihre Inhalte zu überprüfen. Und der einzige Weg, den ich mir vorstellen kann, damit solch ein Misslingen Gestalt annehmen kann, ist, dass das Publikum sich abwendet und damit neue Subkulturen hervorlockt. Oder mit einer vereinfachten Formulierung: Wenn eine Zeitung wie Dagens Nyheter nicht mehr von einer Broschüre der Sozialverwaltung unterschieden werden kann, wird das Gekritzel an der Wand deren bisherige Rolle übernehmen. Denn die intensivste Stimulanz kommt immer durch ein alternatives Wirklichkeitsbild zustande."
Stichwörter: Gustafsson, Lars, Subkultur

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2023 - Kulturpolitik

"Wir drucken hier E-Mails aus und dann bearbeiten wir sie. Und dann kommen sie in eine Ablage. Das finde ich schon … verblüffend", bekennt Joe Chialo nach seinen ersten Arbeitstagen als neuer Senator für "Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt" im Tsp-Gespräch mit Rüdiger Schaper und Anna Thewalt, die ihn auch zu Sparplänen, Personalfragen und zur aktuellen Restitutionsdebatte befragen: "Beutekunst muss zurückgegeben werden. Es steht uns auch nicht zu, Vorschriften zu machen, was der rechtmäßige Besitzer dann damit tut. Wir können nicht mit erhobenem Zeigefinger in Richtung Afrika kommunizieren. Ich war im Februar in Tansania und habe den ehemaligen Sitz der deutschen Kolonialherrschaft besucht, und da war der Baum, wo die Delinquenten damals aufgehängt wurden. Ich fragte Studenten, wie die ganze Debatte rund um die Aufarbeitung von Kolonialismus und Erinnerungsorte auf sie wirkt. Dabei habe ich gespürt, dass viele Menschen sich neben der Aufarbeitung auch den Blick nach vorne wünschen. Wie sollen die Wunden heilen, wenn wir immer nur zurückschauen?"

Für die SZ haben Peter Laudenbach und Jan Heidtmann ebenfalls ein großes Gespräch mit Chialo geführt, in dem sie ihn unter anderem zur Barenboim-Nachfolge befragen. Einen Namen will Chialo nicht verraten: "Die Staatsoper hat ihre Vorstellungen vom Anforderungsprofil ihres Chefdirigenten, das Vorschlagsrecht liegt bei der Intendantin des Hauses. Die Kriterien sind klar, finde ich: Exzellenz, Musikalität, aber zum Beispiel auch gute Menschenführung. Es muss natürlich ein Name von Gewicht sein."

Außerdem: Sandra Kegel schildert in der FAZ das Hickhack um eine Renovierung und Neugestaltung des Goethe-Hauses in Weimar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2023 - Kulturpolitik

Für die SZ resümiert Jörg Häntzschel einen Abend in der Berliner FU, wo ein Team von Forschern aus Berlin und Dschang in Kamerun unter dem Titel "Atlas der Abwesenheit: Kameruns Kulturerbe in Deutschland" die Ergebnisse ihrer Recherchen vorstellten: "Was die Forscher fanden, hat sie nicht nur wegen der blutigen Begleitumstände der Plünderungen schockiert, sondern auch der schieren Dimensionen wegen: In deutschen Museen liegen über 40 000 Objekte aus Kamerun, mehr als irgendwo sonst, mehr als in Kamerun selbst. Die vielen tausend weiteren, die verkauft oder zerstört wurden, sind in der Zahl nicht enthalten. Die Forscher haben aus Museumsinventaren, Tagebüchern und Briefwechseln nicht nur Zeugnisse unzähliger Verbrechen entblättert. Sie dokumentieren auch, wie ein sich wissenschaftlich gebendes Milieu in den ethischen Abgrund fuhr. (…) Was diese Berichte umso erschütternder macht, ist die Tatsache, dass viele deutsche Museen ihre mit so viel Eifer zusammengerafften Bestände kaum je öffentlich gezeigt haben. Das Berliner Völkerkundemuseum, das mit 500 000 Objekten eines der größten der Welt ist, hat sich bis 1939 mit nur 25 der 6000 Objekte aus Kamerun beschäftigt. Als in den Siebzigerjahren dann die ersten unabhängig gewordenen afrikanischen Länder Restitutionsforderungen an das Berliner Völkerkundemuseum stellten, verbarg man die Inventare bewusst, weil mit diesen 'Begehrlichkeiten erst recht geweckt' würden."

"Warum hat die Bundesrepublik 25 Jahre nach der Washingtoner Erklärung noch kein Raubkunst-Gesetz?", fragt in der SZ Catrin Lorch mit Blick auf Max Pechsteins "Selbstbildnis, liegend", das von dem Arzt Walter Blank 1936 angeblich an einen Kölner Sammler verkauft wurde und dessen Erben nun Restitutionsansprüche geltend machen. "Die Selbstverpflichtung, sich um Aufklärung und Restitution zu bemühen, gilt nur für die Museen und öffentlichen Sammlungen. Private Kollektionen sind nach wie vor nicht betroffen", erinnert Lorch: "Noch jede Regierung scheiterte an der Finanzierung. Denn ein Staat, der privates Eigentum der Verpflichtung zur Rückgabe unterwirft, muss dem Sammler den entstandenen Verlust ausgleichen. Viele der belasteten, womöglich tausenden von Kunstwerken, die unauffindbar in deutschen Sammlungen hängen, wurden in der Nachkriegszeit 'gutgläubig' erworben, wie es im Juristendeutsch heißt. Um diese Sammler zu entschädigen, wären enorme Summen nötig. Es heißt, solche Lösungen wären in der Vergangenheit am 'Nein' der zuständigen Finanzminister gescheitert."

Schön, dass Claudia Roth sich bei der Wiedereröffnung des "Hauses der Kulturen der Welt" so eindeutig vom BDS distanziert hat. Aber wie sieht es mit den Vertretern der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" aus, zu der die höchsten Vertreter der von Roths Behörde geförderten Bundeskultur gehören, fragt Thomas Wessel bei den Ruhrbaronen. "Deren Antisemitismus-Erklär-Programm  -  BDS sei eine 'marginalisierte Stimme', die für 'kulturelle Vielfalt' streite, für eine 'kritische Perspektive' und ein 'Klima der Vielstimmigkeit' usw., tatsächlich marschiert BDS quer durch Berlin und brüllt 'Tod den Juden'  -  hängt noch immer im digitalen Showroom etwa des Humboldt Forums". Roth wird sich hier durchsetzten müssen, meint Wessel: "Entweder ist BDS 'kritisch' oder antisemitisch, entweder 'weltoffen' oder unsolidarisch, entweder stimmt, was die Intendanten flöten, oder Roth hat recht. ... Sie selber hätten eine durchaus 'privilegierte Position' inne, schreiben die Mitglieder der 'Initiative Weltoffenheit' über sich. Zu Roths Aufgaben gehört es jetzt, diese privilegierten Positionen  -  ganz wie von der Initiative selber formuliert  -  'kritisch zur Disposition' zu stellen."

Die Publizistin Stella Leder hat ein "Netzwerk antisemitismuskritischer und jüdischer Künstler" gegründet, mit dem sie unter anderem der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" entgegentreten will. Im Gespräch mit Joshua Schultheis von der Jüdischen Allgemeinen kritisiert sie eine Art Gleichschaltung in den Institutionen: "Ich befürchte eine stille, unbemerkte Abwanderung von jüdischen und antisemitismuskritischen Personen aus diesen Institutionen heraus. Juden, die nicht antizionistisch sind, überlegen es sich dreimal, bei israelfeindlichen Aussagen oder Kunstprojekten etwas zu sagen. Der Druck auf Kulturschaffende, insbesondere wenn sie jüdisch sind, sich auf der 'richtigen' Seite des Nahostkonfliktes zu positionieren, ist enorm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2023 - Kulturpolitik

Hartmut Dorgerloh bleibt bis 2028 Generalintendant des Humboldt Forums, sein Vertrag wurde um fünf weitere Jahre verlängert, meldet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel und fragt: "Wollte die Kulturstaatsministerin nicht die Strukturen im hochkomplizierten Schlosskomplex verändern?" Offiziell heißt es: "Die Vielstimmigkeit sei bereits in der Zusammenarbeit der Partner angelegt, heißt es in der Mitteilung zu Dorgerlohs weiterem Engagement."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2023 - Kulturpolitik

Im FAS-Interview mit Julia Encke widerspricht Marc Grünbaum, Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Vermutungen, dass der Aufstand gegen Claudia Roth bei der "Jewrovison" inszeniert war: "Ich hatte erwartet und mir erhofft, dass Claudia Roth den Anlass nutzt, um klare Worte zu finden, auch noch mal rückblickend für die Vorgänge rund um die Documenta. Wenn sie das getan hätte, wenn sie sich deutlich zum Antisemitismus in der Kulturlandschaft und zu ihrer eigenen Rolle bei der Documenta geäußert hätte, da bin ich mir sicher, hätte man ihr eine Chance gegeben."
Stichwörter: Roth, Claudia, Documenta

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2023 - Kulturpolitik

Über die ausgebuhte Claudia Roth gibt es nun doch noch Diskussionen. Sie hatte selbst bei der "Jewrovision" reden wollen, geht aus einem Interview Detlef David Kauschkes mit Zentralratspräsident Josef Schuster in der Jüdischen Allgemeinen hervor. Dann lieferte sie aber nur die für sie üblichen Phrasen über "Buntheit" und - ausgerechnet - "Weltoffenheit". "Der Besuch einer Kulturstaatsministerin bei dieser Veranstaltung ist in erster Linie eine Form der Anerkennung für die Leistungen der jüdischen Jugendlichen", sagt Schuster. "Aber an eine Rede, in diesem Kontext, knüpfen sich dann natürlich auch hohe Erwartungen. Letztendlich muss man konstatieren, dass es nicht reicht, bei so einem Event ohne ein ernsthaftes Angebot an die jungen Menschen teilzunehmen. Dazu gehört auch, dass es zum Beispiel keine Ansätze gibt, wie jüdische oder antisemitismuskritische Beiträge zu unserer deutschen Kulturlandschaft in Zukunft frei von Angst und Boykottaufrufen gestaltet werden können."

Man muss ein wenig zurückblicken, um zu verstehen, weshalb Claudia Roth bei der Frankfurter "Jewrovision" ausgebuht wurde, schreibt Johannes Schneider in einer ausführlichen ZeitOnline-Analyse: Roth stimmte 2019 nicht für die BDS-Resolution des Deutschen Bundestages, auch hat sie sich nie kritisch zur Initiative GG 5.3 Weltoffenheit geäußert. Aber man wünscht sich eben "eine erste Kulturpolitikerin im Staat, die glaubhaft loyal ist und in Taten die Sorge auffängt, dass antiimperialistische und vulgär-postkoloniale Weltdeutungen die Kunstsphäre vereinnahmen und für Israel-Feindschaft und Antisemitismus öffnen. Genau diese Kulturpolitikerin ist Roth aber tatsächlich nicht. Zu sehr ist sie auch jener anderen Seite und ihren ja ebenfalls berechtigten Anliegen verpflichtet, dass die Kunstfreiheit nicht präventiv zu sehr eingeschränkt werden dürfe und Kritik am Staat Israel, an Unterdrückung und Rassismus gegenüber Palästinenserinnen möglich bleiben müsse. Ferner muss sie auch berücksichtigen, dass BDS-Unterstützung im Rest der (Kunst-)Welt etwas völlig anderes bedeutet als in Deutschland und man sich intellektuell ziemlich isoliert mit einem deutschen Reinheitsgebot in dieser Hinsicht. Auch das ist schließlich eine Tatsache: Die Einstufung von BDS als antisemitisch qua Parlamentsresolution hat Deutschland exklusiv." Antisemitismus als Antisemitismus einzustufen, wäre demnach eine deutsche Marotte?

"Ketzerisch würde ich von 'Dekolonisierungstheater' sprechen", sagt Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, im FR-Gespräch mit Harry Nutt, über die Debatte zur Rückgabe der Benin-Bronzen: "Bei uns scheinen viele mit den Rückgaben die Hoffnung zu verbinden, dass sich das Thema Dekolonisierung danach erledigt habe. Ein weiterer Aspekt der emotionalen Aufladung ist die Konkurrenz mit anderen europäischen Ländern. Nachdem Frankreichs Präsident Macron eine große Restitutionsoffensive angekündigt hat, scheinen wir Deutsche uns darin zu gefallen, nun ebenfalls zu liefern und die Franzosen sogar zu übertreffen." Allerdings zeige die Debatte um die Benin-Bronzen auch "wie durch ein Brennglas, dass viele in Europa immer noch eine sehr eurozentrische und paternalistische Vorstellung davon haben, wie die Aspekte der kolonialistischen Vergangenheit behandelt werden können und sollen. ... Wenn gleichzeitig African Americans uns darauf aufmerksam machen, dass die Artefakte in Königtümern gefertigt worden sind, deren Reichtum nicht zuletzt auf Sklavenhandel beruhte, kann die deutsche Kulturpolitik daraus doch nicht den Schluss ziehen, den Nigerianern nahezulegen, sich erst einmal der Geschichte ihres Sklavenhandels zu vergewissern."

Im Grunde hält Jörg Häntzschel (SZ) den Kulturpass, den diesen Juni alle, die 2023 volljährig werden, erhalten für eine gute Idee: Weg von Netflix oder Spotify, rein ins Kino oder Theater - andere EU-Länder haben es bereits vorgemacht. Nur so ganz zu Ende gedacht ist die Idee leider nicht, seufzt Häntzschel: "Warum sind CDs dabei, DVDs aber nicht? Warum botanische Gärten, aber keine Zoos? … Warum ist ein Diät-Ratgeber Kultur, Zeitungen und Zeitschriften aber nicht? … Dieser Mix aus Regeln rührt zum Teil von EU-Gesetzen her, zum anderen daher, dass der Kulturpass eben keine inhaltliche, sondern eine strukturelle Förderung darstellt", deren App ihre eigenen Tücken hat: "Wird dem jungen Neonazi nach zwei Käufen von Büchern aus dem Antaios-Verlag eine Rechtsrock-CD empfohlen, wird man ihr Fahrlässigkeit vorwerfen. Schlägt die App hingegen einen Postkolonialismus-Reader vor, wird man sie linker Indoktrination bezichtigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2023 - Kulturpolitik

"Die Kapitalisierung menschlicher Körper, wie der Historiker Michael Zeuske treffend die Sklaverei zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt umschreibt, hat auch in Afrika eine uralte Geschichte", sagt der Kulturwissenschaftler Klaus Keuthmann im ZeitOnline-Gespräch mit Thomas Schmoll: "Vermutlich sind im Inneren Afrikas mehr Menschen in Sklaverei gehalten worden, als jemals den Kontinent als Sklaven im sogenannten Dreieckshandel verlassen haben. Ob im System der Sklavenhaltung, des Frondienstes oder der Leibeigenschaft oder anderer Formen der Ausbeutung von Menschen: Nutznießer waren immer und überall auf der Welt Eliten, Klassen von Menschen mit Vorrechten, Herrschende also, zu denen eben auch Königsfamilien wie die des Oba in Benin gehörten. Sie versklavten aus unterschiedlichsten Gründen eigene, unliebsame Untertanen, politische Gegner oder Konkurrenten, Kriegsgefangene oder Opfer systematischer Menschenjagden." Die Restitution hält er für richtig, aber die deutsche Politik habe "sich die Sache einfach gemacht und die Verantwortung an den nigerianischen Staat weitergereicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2023 - Kulturpolitik

Dass die Benin-Bronzen aus deutschen Museen in die Obhut des Oba von Benin übergeben werden, war schon seit längerem bekannt, behauptet Matthias Busse in der Welt und verweist auf einen Bericht des nigerianische Senders Arise. Demnach hat der Oba auch versprochen, die Werke in einem Museum öffentlich zu machen. Nicht die Meldung von der Zuständigkeit des Oba ist erstaunlich, so Busse. "Viel mehr erstaunt die angebliche Ahnungslosigkeit deutscher Verantwortlicher. Was bedeutet das für die Qualität der viel beschworenen Museumskooperationen, die Hermann Parzinger mit den Rückgaben anschieben möchte? Immerhin ist der SPK-Präsident in dieser Frage nicht irgendwer, sondern seit 2021 der Koordinator der Bundesregierung für diese Rückgaben - neben der ebenfalls von der Eigentumsübertragung an den Oba überraschten Direktorin des Museums am Rothenbaum in Hamburg, Barbara Plankensteiner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2023 - Kulturpolitik

Im Ton recht dezidiert, in der Sache etwas unscharf, antworten Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, auf den FAZ-Artikel der Göttinger Ethnologie-Professorin Brigitta Hauser-Schäublin, der die neueste Debatte zu den Benin-Bronzen auslöste (unser Resümee). Hauser-Schäublin hatte die verblüffte deutsche Öffentlichkeit informiert, dass der scheidende letzte Präsident Nigerias, Muhammadu Buhari, die restituierten Benin-Bronzen aus Berlin in  einem Dekret dem König von Benin übereignet hatte - also jenem hohen Adligen aus einer ehemaligen Sklavenhändler-Dynastie, vor dem man in Audienzen niederknien muss. Parzinger und Plankensteiner beharren auf der Richtigkeit der bedingungslosen Restitution und darauf, dass möglicherweise alles halb so schlimm ist: "Nach Amtsantritt der neu gewählten nigerianischen Regierung ab Ende Mai 2023 muss geklärt werden, ob, wann und wie die in dem präsidentiellen Dekret verfügten Schritte in Kraft treten." Noch seien "keine Anzeichen zu erkennen, dass die neue Regierung von der am 1. Juli 2022 von Nigeria und Deutschland gemeinsam erklärten Absicht abzuweichen gedenkt, die Werke weiterhin öffentlich zugänglich zu machen". Die Rolle Benins im globalen Sklavenhandel (die in den Ausstellungen im Humboldt-Forum allenfalls sehr schüchtern erwähnt wurde) sei sekundär: "So historisch zutreffend dies auch sein mag, ist es eine historische Tatsache, dass gerade die europäischen Kolonialmächte den Handel mit versklavten Menschen maßgeblich befördert hatten."

Nach dem Dekret des nigerianischen Präsidenten Buhari, mit dem dieser sämtliche bereits zurückgegebenen Benin-Bronzen dem Oba von Benin übereignete, legen allerdings das zur Universität Cambridge gehörende Museum für Anthropologie und Archäologie als auch das Bundesland Sachsen ihre Rückgabe-Pläne zunächst auf Eis, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung.

Das Berliner Humboldt Forum hat sich die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben, nur der euopäische Binnenkolonialismus wird leider übersehen, ärgert sich die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ mit Blick auf Preußens "kolonialistisch-imperiale Ausdehnung nach Polen". Sie wirft dem Humboldt Forum Ignoranz und ein "stark reduktionistisches Verständnis von Europa" vor: "Tatsächlich fand die territoriale Expansion Preußens vor allem auf Kosten Polens statt. Noch 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, in dem auch zahlreiche polnische Soldaten in deutschen Uniformen an den Fronten starben, schrieb der frühere Reichskanzler Bernhard von Bülow: 'Das Kolonisationswerk im deutschen Osten, das, vor beinahe einem Jahrtausend begonnen, heute noch nicht beendet ist, ist nicht nur das größte, es ist das einzige, das uns Deutschen bisher gelungen ist.' (…) Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Besiedlung des Ostens in das deutsche Kolonialismusmodell als 'Ostkolonisation' eingespeist und als 'Grenzkolonialismus' gerechtfertigt. In der Publizistik, in der Literatur, aber auch in der Geschichtsschreibung und in der Öffentlichkeit ganz allgemein sah man die Deutschen insgesamt in der Rolle der 'Kulturträger' gegenüber den Slawen."

Seit 1992 sammelt die Unesco das Weltdokumentenerbe, 64 neue Dokumente, darunter vier aus Deutschland kommen dieses Jahr hinzu. Aber das "Memory of the world" bildet auch "die globalen Unverhältnisse des Bedeutenden ab", meint Till Briegleb in der SZ: "So rühmt sich der größte Zulieferer, Deutschland, so vieler Auszeichnungen wie der afrikanische Kontinent. Europa und die USA stellen über die Hälfte des Weltgedächtnisses, die arabische Welt gerade einmal 2 Prozent. Rund ein Drittel der UN-Staaten taucht überhaupt nie als weltwissentauglich auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2023 - Kulturpolitik

Klaus Hillenbrand erzählt in der taz die Geschichte der Kostümbildnerin Aviva (Name geändert), die in einem deutschen Theater angeheuert hatte. Sie ist Jüdin und staunte nicht schlecht, dass sie bei Dienstantritt, wie in Deutschland wegen der Kirchensteuer üblich, als erstes ihre Religionszugehörigkeit angeben sollte. Die Bühne hatte das Intendantenpapier unterschrieben, das unter dem Namen "Weltoffen", BDS-Positionen zulassen will und das zu den Themen einer Konferenz im Haus der Wannseekonferenz gehörte. "Aviva fühlte sich unwohl bei der Arbeit. Sie soll Künstlern eine Bühne bereiten, die ihrerseits eine Nähe zu BDS demonstriert hatten. Sie soll ein Video verbreiten, dessen Protagonist Demonstrationen gegen Israel unterstützt hat. Antisemitismus dagegen sei nie ein Thema bei diesem Theater gewesen, sagt sie. Nach einem halben Jahr reichte Aviva ihre Kündigung ein. Sie sagt: 'Aufgrund meines Jüdischseins war ich dazu gezwungen, meinen Job aufzugeben.' Am Ende sei sie noch inquisitorisch nach ihrer Meinung zur israelischen Besatzung des Westjordanlands befragt worden."

In Köln explodieren die Kosten für die Sanierung der Zentralbibliothek: Ursprünglich war sie auf knapp 16 Millionen Euro angelegt, jetzt werden sie inoffiziell auf knapp 140 Millionen geschätzt, berichtet Alexander Menden in der SZ. Woran das liegt, erfahren wir aus seinem Artikel leider nicht. Doch soll die Sanierung trotzdem besser sein als ein Neubau. Das meint auch der niederländische Designer Aat Voss, der die neue Gestaltung des Innenraums entworfen hat. "Eine technische Sanierung, keine Kosmetik ist das Ziel. Ein 'Dritter Ort' soll aus der aus drei übereinander gelagerten Kuben bestehenden Bibliothek werden. Und zwar in Abgrenzung zum 'ersten Ort', dem eigenen zu Hause, und dem 'zweiten Ort', der Schule oder dem Arbeitsplatz. Ein öffentlicher Platz, der wie Parks oder Museen ein Freizeitangebot macht. Das Kölner Gebäude sei dafür ideal, so Voss, denn die Architekten Franz Löwenstein und Franz Lammersen hätten die Grundstruktur flexibel und effizient geplant".

Rückgabeforderungen von Raubkunst haben die Briten bis jetzt von sich abperlen lassen. Aber das wird auf Dauer nicht funktionieren, erkennt im Guardian Harry Tayler. Den inzwischen fragen nicht nur politische Leichtgewichte, sondern auch Großmächte an, lernt er von dem britischen Autor Sathnam Sanghera und aus dem Daily Telegraph. Indien zum Beispiel hätte gern ein paar Diamanten zurück, darunter den Koh-i-noor, der eine der britischen Kronen schmückt: "Sanghera sagte: 'Unsere Museen und die königliche Familie sind im Besitz von indischem Raubgut im Wert von Milliarden von Pfund. Das war ein systematischer Teil der Kolonialherrschaft. Die königliche Familie erhielt den königlichen Anteil an dieser Beute.' ... Die Forderungen Indiens sind Teil eines umfassenderen Überdenkens der Rolle des Landes als ehemalige Kolonie. Premierminister Modi hat sich dafür eingesetzt, dass Schulklassen in Hindi und anderen Sprachen statt in Englisch unterrichtet werden, das indische Parlament wird umgebaut und die Abgeordneten sollen aus dem von Edwin Lutyens entworfenen Gebäude aus der Kolonialzeit ausziehen, und Straßen, die nach ehemaligen britischen Monarchen benannt sind, wurden geändert."