9punkt - Die Debattenrundschau

Begleitet vom Atmen eines Elefanten

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2021. NSO und andere "Sicherheitsfirmen" sind wie Labore, deren einzige Zweck darin besteht, maßgeschneiderte Varianten des Covid-Virus anzufertigen, um die Impfstoffe zu umgehen, sagt Edward Snowden im Guardian. Heute eröffnet das Humboldt Forum, und der taz fällt nichts Besseres ein, als "postkoloniale" Stimmen dazu zu sammeln. Dabei ist die Berlin-Ausstellung richtig schön woke, freut sich die SZ. Wenigstens die Welt ist glücklich mit dem Schloss. FAZ-Herausgeber Carsten Knop attackiert den Hessischen Rundfunk.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2021 finden Sie hier

Überwachung

Überall wird die Software "Pegasus" der israelischen Firma NSO eingesetzt, um nicht nur Kriminelle oder Terroristen, sondern vor allem auch Regimegegner und Journalisten auszuspähen (unser Resümee). Sie ahnen nicht einmal, dass ihre Telefone verwanzt sind. "Es ist als Erstes die Verantwortung der israelischen Firma und der israelischen Regierung, mit wem NSO Geschäfte macht und machen darf", kommentiert Christian Rath in der taz. "Erforderlich wäre ein internationales Exportverbot von Sicherheitstechnik an Unrechtsregime. Allerdings kann niemand Israel zwingen, einen derartigen Vertrag zu unterzeichnen. Europa sollte sich daher erst einmal selbst in die Pflicht nehmen. NSO ist schließlich nicht das einzige Unternehmen, das Sicherheitstechnik herstellt und an autoritäre Regime verkauft." Jannis Hagmann schildert in der taz die Hintergründe. Marina Klimchuk interviewt den israelischen Hacker und Aktivisten Yuval Adam zum Thema.

Constanze Kurz erläutert bei Netzpolitik, dass mit der Software nicht nur Telefongespräche abgehört werden. Die Software schaltet auch dauerhaft das Mikrofon ein: "Praktisch wird das infizierte Telefon zu einer Wanze, die mit dem Gerät durchgeführte, aber auch in der Nähe stattfindende Kommunikation ausspionieren kann. Damit kommt nicht nur die Privatsphäre der Opfer und deren Kommunikationspartner in den Fokus, sondern auch ihr höchstpersönlicher Bereich, die Intimsphäre. Denn was man neben dem Smartphone so sagt und macht, ist bei vielen Menschen nochmal eine andere Dimension als das, was man ins Gerät hineinspricht oder -tippt." Kurz erinnert auch daran, dass vor allem Regierungen, auch die deutsche, Kunden solcher Firmen sind.

Der Guardian stellt ein Video von Edward Snowden online (auf Deutsch kann man es bei Zeit online nachlesen): "Das Pegasus-Projekt hat eine Branche aufgedeckt, die als einziges Produkt Infektionsvektoren anbietet. Es handelt sich nicht um Sicherheitsprodukte. Sie bieten keinerlei Form von Schutz, sind in keiner Form vorbeugend. Sie stellen keine Impfstoffe her. Das Einzige, was sie verkaufen, ist das Virus."

Weitere Artikel dazu: Kai Biermann und Holger Stark erzählen auf Zeit online, wie Pegasus seine Spionagesoftware an Deutschland verkaufen wollte. Im Interview mit der SZ erzählt aserbaidschanische Regierungskritikerin Fatima Movlami, wie man sie mit Cyberattacken fast in den Tod getrieben hätte.
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Politik

Dass die Corona-Pandemie auch in Ländern wüten kann, wo sich die Menschen viel an der Luft aufhalten und die Bevölkerung sehr jung ist, zeigt das Beispiel Tunesien. Dort ist die Inzidenz inzwischen auf 837 gestiegen, und in den Krankenhäusern sterben täglich Hunderte, die nicht versorgt werden können, berichtet Mirco Keilberth in der taz: "Der an den Wochenenden geltende Lockdown wurde jetzt auf das am Dienstag beginnende Opferfest ausgeweitet. Da sich während des 'Eid' traditionell die ganze Familie trifft, rechnen viele Experten mit einer weiteren Zuspitzung der Lage. Eine Kommission von Ärzten und Experten hatte zwar eine Unterbrechung des öffentlichen Lebens für mindestens fünf Wochen gefordert, um die weltweit an der Spitze liegenden Infektionen mit der Deltavariante des Virus zu stoppen. Doch aufgrund der miserablen wirtschaftlichen Lage sind selbst Kurzlockdowns aus Sicht der Regierung Mechichi kaum durchsetzbar."
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Stichwörter: Tunesien, Coronakrise

Medien

FAZ-Herausgeber Carsten Knop attackiert den Hessischen Rundfunk, der im Netz und mit seiner App seine digitalen Kapazitäten ausbaut und so ins Geschäftsfeld der digitalen Privatmedien (ist die FAZ ein digitales Medium?) eindringe. Der HR hat digital inzwischen eine Reichweite von immerhin 600.000 Besuchern täglich erreicht: "Diese Zahlen erreicht der HR mit einem Konkurrenzprodukt zu den Online-Angeboten der Tageszeitungen in Hessen. Es unterminiert die Geschäftsgrundlage privater Medienhäuser, denn es wird auf ewig 'kostenlos' und - auch nett - werbefrei bleiben, da es von allen finanziert wird. Wer dachte, es gehe beim Rundfunkbeitrag um einen solchen, der irrt längst: Es geht um Reichweite im Netz." 

Aus Anlass des Todes von Kurt Westergaard (unser Resümee) erinnert Michael Hanfeld in der FAZ daran, dass der "Karikaturenstreit" nicht von den Karikaturen ausgelöst wurde, sondern von Islamisten, die sie für ihre Propaganda nutzten: "Den Aufruhr aber gab es erst, nachdem eine Delegation dänischer Islamisten nach Beirut und Kairo gereist war, um dort eine Mappe mit 43 Bildern vorzustellen, deren überwiegender Teil mit den Zeichnungen der Jyllands-Posten gar nichts zu tun hatte. Besonders prägnant war das Agenturbild eines Mannes mit einer Schweinemaske, der auf einer Landwirtschaftsmesse in Südfrankreich an einem 'Schweinequiek-Wettbewerb' teilgenommen hatte. Als der Großscheich Mohammed Sajid Tantawi, oberster Gelehrter der Al-Azhar-Universität, das Konvolut und die darin enthaltenen Karikaturen der Jyllands-Posten als Verhöhnung des Islams bezeichnete, bekamen die Islamisten, was sie wollten."
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Wissenschaft

Aus Extremwetterereignissen wie dem Hochwasser an der Ahr und Wupper müssen auch wissenschaftliche Konsequenzen gezogen werden. Vor allem fehlt es an einer interdisziplinären Klimageschichte, schreiben die Umwelthistoriker Martin Bauch und Adam Izdebski und der Ökologe Hans-Rudolf Bork in der FAZ: "Von einer Institutionalisierung an Universitäten und Forschungseinrichtungen ist die Klimageschichte weit entfernt. In der verschränkten Expertise von Geistes- und Naturwissenschaften liegt ein ungleich höheres Erkenntnispotenzial im Blick auf die Extreme der Vergangenheit und deren Bedeutung für die Zukunft als in einzeldisziplinärer Betrachtung. Weil Gesellschaften und Umwelt integrierte sozio-ökologische Systeme sind, braucht ihre Erforschung auch geeignete institutionelle Verankerung, wie etwa das Social-Ecological Synthesis Center in Maryland, das die entsprechende Grundlagenforschung mit Stakeholdern und der Öffentlichkeit verbindet."
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Kulturpolitik

Heute eröffnet das Humboldt Forum, und der taz fällt nichts Besseres ein, als "postkoloniale" Stimmen dazu zu sammeln, etwa von der der "Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt Forum" (CCWAH): "Dieses Haus ist in seiner systemischen Gesamtheit für viele Menschen verletzend - und das wird vom Humboldt Forum, und von allen, die dafür mitverantwortlich sind, konsequent nicht anerkannt. Unsere Kritik richtet sich gegen diese Ignoranz und wir kritisieren dabei alle äußerlichen, strukturellen und inhaltlichen Probleme des Humboldt Forums und die Wunden, die es wieder oder neu aufreißt. Wir sagen: Alles daran ist Gewalt, und deshalb können wir auch nichts davon gebrauchen!"

Das Forum eröffnet mit sechs Ausstellungen, aber was das Haus sein soll, wissen die Verantwortlichen immer noch nicht, meint Jörg Häntzschel in der SZ: "Weil weder Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch ihre Vorgänger dem Humboldt-Forum Eigenständigkeit verschafften, war nie klar, wer dieses Programm hätte formulieren können. Vier Ministerien, mehrere GmbHs, zwei Stiftungen, die Humboldt-Universität, die Länder, ungezählte Kommissionen beaufsichtigen das Humboldt-Forum und haben es so fest eingesponnen, dass es weder sprechen noch sich bewegen kann."

Ein schönes "Anti-Programm" gibt es im Humboldt Forum mit der von Paul Spies kuratierten Ausstellung "Berlin Global", findet Häntzschel in einem zweiten Text (anti wozu fragt man sich allerdings, wenn es doch gar kein Programm gibt, wie Häntzschel eben noch beklagt hat): "Hier ist mehr über den Kolonialismus zu sehen als über den Zweiten Weltkrieg, mehr über die Zeit nach dem Mauerfall als über die Mauer selbst. Statt nach dem Spezifischen zu suchen, zeigt er Berlin als Sender und Empfänger. Erst lässt er die Echos des New Yorker Hip-Hop in Ost- und West-Berlin nachhallen, dann verfolgt er den weltweiten Einfluss von Berlins Technokultur. Fast alles im Schloss ist alt und für Alte gemacht. Spies' idealer Besucher ist hingegen um die 17 Jahre alt. Musik, Rassismus, Wohnen, überhaupt die Gegenwart nehmen viel Raum ein, Geschichte dient dazu, heutige Fragen zu beantworten. ... Es ist alles sehr bunt, sehr wirr, sehr woke."

In der Welt ist Rainer Haubrich rundum glücklich mit dem Schloss: Die "festlich-heitere Pracht des Schlüterschen Barock" verdreht ihm den Kopf,  "es ist für jedermann zugänglich, es wendet sich an ein breites Publikum aus aller Welt, vor allem aber schafft es zusammen mit der Museumsinsel einen Kulturbezirk, in dem künftig in sechs architektonisch herausragenden Häusern die Kunst fast aller Regionen und Epochen der Weltgeschichte versammelt sein wird. ... Man muss sich das Ausmaß dieser Schätze vor Augen führen, um zu erkennen, dass die Beschäftigung mit 'kolonialen Erwerbungszusammenhängen' bei einem kleinen Teil der Exponate zwar ein wichtiges Thema für das Humboldt Forum ist, aber nicht der entscheidende Prüfstein für den Erfolg oder Misserfolg dieses prächtigen Kulturdampfers. Darüber entscheidet das Publikum."

Im Tagesspiegel kann Nicola Kuhn Haubrichs Enthusiasmus nicht teilen, besonders im Inneren stößt ihr die Sterilität des Baus auf. "Selbst die interaktiven Vitrinen wirken aseptisch, auf denen die Besucher:innen mit der Hand digitalen Sand für weitere Entdeckungen wegwischen dürfen. ... Mehr Leichtfüßigkeit, mehr Charme, mehr Eloquenz hätte man dem Humboldt Forum für seine Ausstattung gewünscht. Es will Angebot für alle sein, Gendergrenzen überwinden, Diversität demonstrieren und tut sich doch so schwer, in den eigenen Räumen eine ansprechende Atmosphäre zu schaffen, Brücken zu bauen."

Eine andere Ausstellung im Humboldt Forum widmet sich der Geschichte des Elfenbeins und "erklärt die Einzigartigkeit des Materials und wie es zum Treibstoff von Sklaverei und Kolonialismus wurde", schreibt Häntzschel in der SZ. Kolonialismus aufarbeiten, schön und gut. Aber muss man es den Besuchern mit jedem Satz reinwürgen, fragt Marcus Woeller, der in der Welt den "tendenziösen Grundton" der Ausstellung kritisiert: "Wer aufmerksam ist, kann ihn im Hintergrund keuchen hören. Denn die Besucher werden ständig begleitet vom Atmen eines Elefanten. Die Videoarbeit der Künstlerin Liesel Burisch will damit 'an den Ausgangs- wie Endpunkt von allem' erinnern, 'das sterbende Tier und die Torturen, die es durchleidet'. 'Das Material Elfenbein zeugt unausweichlich von der Tötung eines Elefanten', so wird man auch im Einleitungsessay zur Ausstellung belehrt. ... Ein unbefangener Blick des Betrachters auf das Artefakt wird nicht akzeptiert. Stattdessen aber die moralische Flughöhe markiert."

Inzwischen hat sich übrigens eine neue Initiative gegründet, die das Schloss bis 2050 abreißen und den Palast der Republik rekonstruieren möchte, berichtet Bernd Mathies im Tagesspiegel: Um an daran zu erinnern, "soll am Portal IV ein Bronze-Modell des Palastes im Maßstab 1:200, also knapp einen Meter breit, aufgestellt werden. Hinter dieser Aktion steht der 2020 gegründete gemeinnützige 'Förderverein Palast der Republik' (Informationen unter www.palast.jetzt), in dem sich Künstler und Architekturtheoretiker und andere Interessierte zusammengeschlossen haben. Ihr Sprecher, der Medienkünstler Clemens Schöll, sagt: 'Mit der Bronze tragen wir dazu bei, dass die konfliktive Geschichte in der Berliner Mitte präsent bleibt.'"