Die
Print-Zeit erspart ihren Lesern heute jeden Hinweis auf ihre Relotius-Affäre und überlässt die Aufarbeitung des
Fabian Wolff dem Proletariat aus der Online-Garage. Die eigentlich Frage hat die
Zeit aber auch nach ihrem Faktencheck zu Wolff noch nicht beantwortet,
findet Lukas Pazzini im
Perlentaucher: " Was hat
Zeit online in diesem Autor gesehen, das diesen Riesenartikel gerechtfertigt hätte? (...) Es kann nur darauf gehofft werden, dass sie das in dem Abschlussbericht zu diesem Fall offenlegt. Was hier fehlt, ist eine Erklärung über die eigenen Motive."
"Mit dem Betrug ist es indes wie mit dem Tango. Es braucht
mindestens zwei dafür: einen, der betrügt, und einen weiteren, der sich
betrügen lässt",
schreibt in der
NZZ Johannes C. Bockenheimer, der sich wundert, dass die
Zeit in ihrem Faktencheck Wolff sozusagen immer noch die Treue hält: "Geholfen hat dabei, dass seine Sätze mit ihren popkulturellen Anspielungen und Versatzstücken aus dem Philosophie-Grundseminar
eleganter ausfielen, als man es von ordinären Antisemiten gewohnt ist. Doch wer den
semantischen Kitsch beiseitewischte, verstand sehr genau, welche Botschaft sich hinter Wolffs Chiffren verbarg: Der jüdische Staat ist und bleibt der Deutschen Unglück." Dass die
Zeit einem gewissen Reiz der Texte Wolffs erlegen ist, ist für Claudius Seidl in der
FAZ ja noch irgendwie verständlich: "Dass diese Redaktion erklärte, sie habe den Artikel '
einem Faktencheck unterzogen', ist es nicht: (...) Es genügte ja schon, die öffentlichen Stellungnahmen Wolffs zu seiner Kindheit, Jugend, seiner jüdischen Sozialisation
nebeneinanderzulegen, damit man erkannte, dass irgendetwas nicht stimmen konnte."
Die Postfaschistin Giorgia Meloni säubert die
Staatsanstalt RAI. Das haben zwar alle anderen Ministerpräsidenten vor ihr auch schon getan, aber nicht mit derartiger Verve, sagt
Roberto Saviano, dessen Sendungen bei der
RAI gestrichen werden, im Gespräch mit Michael Braun von der
Zeit. Hinzukommt die Schwäche der anderen Medien. "Ganz nach dem Vorbild von Ungarn und Polen beherrscht Italiens extreme Rechte die Kunst, ihre
Gegner einzuschüchtern. Wer zum Beispiel als Drehbuchautor aufmuckt, muss um seine Aufträge fürchten, wer als Journalist mit Kritik womöglich gar viral geht, darf sich ebenfalls auf heftigen Druck gefasst machen. Hinzu kommt, dass mit wenigen Ausnahmen
die Zeitungen immer vorsichtiger, immer zahmer werden. Sie durchleben eine tiefe Krise bei der verkauften Auflage, und sie sind schlicht auf
Hilfe vom Staat angewiesen. Das sind nicht nur direkte Subventionen, das sind auch zum Beispiel die
Anzeigen der italienischen Bahn, die die Chefredaktionen nicht mit unbequemer Berichterstattung aufs Spiel setzen möchten."