9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 - Medien

"Schwarz und deutsch" heißt eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks über schwarze Deutsche und natürlich auch über Rassismus in Deutschland. Interviewt wurde darin unter anderem der schwarze Fußballspieler Erwin Kostedde, der in seinen Schilderungen rassistischer Fan-Äußerungen das Wort "Neger" oder "Nigger" aussprach, als er von dem Team interviewt wurde - und sich daraufhin vom Off-Kommentar belehren lassen muss, dass seine Sprache "vergiftet" sei. Ulrich Gutmair, hat diesen Moment bemerkt und kommentiert ihn in der taz so: "Wenn man einen Satz, in dem Kostedde das N-Wort benutzt, um zu illustrieren, wie brutal und verletzend mit ihm umgegangen wurde, nicht in einem Beitrag haben will, soll man ihn nicht senden. Wenn man sich aber dafür entscheidet, ihn doch zu senden, ist es dann fair, Kostedde für nicht ganz zurechnungsfähig zu erklären? Eben das sagt uns diese Bemerkung über die 'Vergiftung' seiner Sprache."

A. L. Kennedys Text über den Zustand der britischen Medien in der SZ kommt derart als Suada daher, dass man kaum ein Detail herausgreifen kann. Hier immerhin ihre Sätze zur Verteidigung der BBC: "Sie ist historisch betrachtet sowohl ein Sprachrohr der Regierung als auch ein vertrauenswürdiger Kontrollmechanismus gegen schlechte Regierungsführung. Zudem ist sie ein öffentlich finanziertes Gemeingut. Genau das ist der Grund dafür, dass jene, die die BBC aus kapitalistischen Beweggründen verabscheuen, sie seit langem attackieren und zerstören wollen."

Leonie Gubela stellt in der taz das Lokalmagazin Rums ("Rund um Münster") vor, ein hyperlokales, vor allem auf Newsletter setzendes Magazin, das von seinen Lesern finanziert wird. In der NZZ bringt Pauline Voss eine Blütenlese aus den den Instagram-Kanälen der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland - das Wort "Männlichkeit" komme da eigentlich nicht mehr ohne das Beiwort "toxisch" vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2021 - Medien

"Die große Mehrheit der Journalisten - die Zahlen variieren ein bisschen, mal sind es zwei Drittel, mal sind es 70 bis 80 Prozent - steht nach eigenen Angaben links der Mitte", sagt der Kommunikationswissenschaftler Christian Pieter Hoffmann im Welt-Interview mit Lennart Pfahler. Die Studie überbewerten will er nicht, Journalismus werde in der Zukunft aber vermutlich aktivistischer, meint er: "In den USA ist das deutlicher als in Deutschland. Dort fordern viele Experten eine Verabschiedung vom Wert der Ausgewogenheit. Das 'bothsidesism' oder auch 'false balance', wie es dort heißt, steht in der Kritik. Diese neue Haltung wird unter dem Begriff 'moral clarity' diskutiert. Auch in Deutschland hat die Diskussion um sogenannten 'Haltungsjournalismus' begonnen. Ich sehe hier schon einen neuen Trend. Das beobachten wir in der Journalismusausbildung ebenso wie in der Forschung. Die Folge wird sein, dass die jüngeren Generationen der Berufseinsteiger eine größere Distanz zum Thema Ausgewogenheit und Neutralität aufweisen. Sie sehen einen größeren Wert darin, zu ergreifen."
Stichwörter: Journalismus, Neutralität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2021 - Medien

Sehr kundig erzählt Wolfgang Michal im Freitag vom Niedergang von Gruner und Jahr, dem publizistischen Segment des Bertelsmann-Konzerns, der sich unter dem neuen Chef Thomas Rabe als integrierte, nur mehr in weiter Linie von Inhalten gesteuerter Vermarktungskonzern darstellt: "Er will die komplette Wertschöpfungskette von der Idee bis zum Vertrieb zu hundert Prozent kontrollieren. Mit der Vermarktung von Barack und Michelle Obamas Memoiren ist Rabe das ansatzweise gelungen. Die Bertelsmann-Tochter Penguin Random House kaufte die Exklusivrechte der Obamas für mehr als 65 Millionen Dollar. RTL und Stern steuerten Exklusivinterview und Titelstorys bei und Bertelsmanns globale Werbemaschine sorgte dafür, dass die Bücher in zweistelliger Millionenhöhe in Dutzenden von Ländern verkauft wurden."

Sally Buzbee wird neue Chefin der Washington Post, und in der SZ konstatiert Christian Zaschke nicht nur, dass immer mehr Spitzenpositionen im amerikanischen Journalismus mit Frauen besetzt werden. Die Zeichen der Zeit ändern sich auch im Ethos, wie ihm die Medienkritikerin Jennifer Pozner von der Organisation Women in Media & News freudig verkündet: "'US-Journalismus fußte lange auf dem Konzept, dass Objektivität hergestellt werden muss', sagt sie, 'nur: Welche Objektivität ist das? Es ist die Objektivität des weißen Mannes mit gutem Einkommen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2021 - Medien

Corint Media ist die Verwertungsgesellschaft der privaten Rundfunkanbieter. Sie treibt Ansprüche aus Leistungsschutzrechten für die Sender ein. Nun legt Corint Media  bei den Staatskanzleien der Länder eine medienrechtliche Beschwerde ein, weil die öffentlich-rechtlichen Sender ihre eigenen Ansprüche auf diese Rechte nicht eintreiben, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ. Sogar für "presseähnliche" Texte in Internet hätten die Sender eigentlich Anspruch auf 50 Millionen Euro und mehr, die sie nicht einforderten: "Dadurch, argumentiert die Corint Media in der medienrechtlichen Beschwerde, die der FAZ vorliegt, verschafften sich ARD und ZDF 'nicht zu rechtfertigende Vorteile im publizistischen und wirtschaftlichen Wettbewerb mit den privaten Anbietern'. Sie erlangten durch das 'Verschenken' ihrer (durch den Rundfunkbeitrag finanzierten) Inhalte Reichweitenvorteile und behinderten die Privaten bei der Durchsetzung ihre Rechte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2021 - Medien

Beschämend findet Marina Hyde im Guardian, was der Report des früheren Richters Lord Dyson über die BBC und das mittlerweile berüchtigte Diana-Interview zutage brachte. Noch abstoßender findet sie allerdings die Heuchelei, mit der die Boulevardblätter jetzt über den Sender herfallen: "Wir können gut ohne das absurde Moralisieren der Fleet Street leben, die sehr wohl weiß, welche schrecklichen Dinge sie und andere bei unzähligen Gelegenheiten getan haben, um Geschichten über Diana oder ihre weitere Familie zu bekommen. 'Streicht der BBC das Geld', tönte gestern Abend der ehemalige Sun-Chef Kelvin Mackenzie, der einst heimlich aufgezeichnete private Telefongespräche von Diana auf eine Premium-Leitung legte, damit Leser anrufen und sich das anhören konnten. Und das waren die guten Jahre. Die Hälfte der Dinge, die diese Leute auf der Jagd nach Diana-Storys taten, ist, zum Glück für sie, völlig undruckbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2021 - Medien

Britische Intellektuelle, darunter Hilary Mantel und Salman Rushdie, solidarisieren sich in einem offenen Brief mit der BBC und wenden sich vor allem dagegen, dass die Johnson-Regierung die Zukunft der Anstalt in Hinterzimmern verhandelt. (mehr dazu über diesen Tweet in der Financial Times). In dem Brief heißt es: "Wir sind besorgt darüber, dass die Regierung von einem Gremium beraten wird, das nicht nach den offiziellen Richtlinien eingerichtet wurde und das im Geheimen tagt, ohne dass seine Tagesordnung, Diskussionen oder Empfehlungen öffentlich bekannt gemacht werden. Wir sind da anderer Meinung. Wir glauben, dass dies - in einer Ära der Fehlinformationen und der Politisierung von Nachrichten und Meinungen - der Moment ist , um unsere großen britischen öffentlich-rechtlichen Sender auszubauen, anstatt sie zu schwächen."

Alan Rusbridger, der einst den Guardian zum renommiertesten aller Online-Medien machte, hat in den letzten Jahren in Oxford gelehrt und äußert sich im Gespräch mit Harry Lambert vom New Stateman besorgt über die Mentalität der "Safe Spaces", der er dort begegnete. "Dieselben Spannungen sind beim Guardian seit Rusbridgers Abgang im Jahr 2015 aufgebrochen. Letztes Jahr trat Suzanne Moore, eine der Kolumnistinnen der Zeitung, zurück, nachdem 338 ihrer Kollegen von Katharine Viner, Rusbridgers Nachfolgerin als Chefredakteurin, verlangten, Moores Ansichten zu Trans-Themen nicht mehr zu veröffentlichen. Moore sagte, sie habe unzureichende Rückendeckung von den leitenden Redakteuren erhalten. 'Ich persönlich bin mit dem Brief nicht einverstanden', sagt Rusbridger, aber er hat Verständnis für Viners Position. Eine Zeitung herauszubringen sei 'heute so viel schwieriger, weil die junge Generation nicht in der klassischen Idee von Meinungsfreiheit verwurzelt ist.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2021 - Medien

Und wieder wechselt eine Journalistin die Seiten, diesmal gar eine Medienjournalistin. Die stets bestens informierte Ulrike Simon wechselt vom Branchenblatt Horizont zum RBB, meldet Horizont. Beim RBB soll sie "vor allem für Fragen der Medienpolitik und die damit verbundene strategische Kommunikation" zuständig sein.

Die regierungsamtlichen Pressesubventionen wird es erstmal nicht geben. Aber es bleiben ja Google und Facebook, die die gefürchteten Lobbyisten mit Geld überschütten. Nun startet Facebook mit neuen Projekten, berichtet Alexander Fanta bei Netzpolitik: "Ein prominenter Begünstigter ist der Axel-Springer-Verlag, dessen Flaggschiffe Welt und Bild nicht nur durch ihre große Reichweite Bedeutung haben. Denn Springer und sein Vorstandschef Mathias Döpfner, die in Verlagsverbänden den Ton angeben, schimpfen seit Jahren lautstark auf Google und auf Facebook, mit dem der Konzern nun einen Deal gemacht hat. Die harsch kritisierten 'Überwachungskapitalisten' von gestern sind die Geschäftsfreunde von heute."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2021 - Medien

Die betonlinke Postille Junge Welt, einst das Kampfblatt der FDJ, wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Nach einer kleiner Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mussten die Behörden über ihre Beweggründe antworten. Laut Daniél Kretschmar in der taz werden sie nicht sehr spezifisch: "Verfassungsfeindlich ist offenbar nicht die Existenz der Klassengesellschaft, sondern die Unbotmäßigkeit, sie als solche zu beschreiben." (Aber auch Kretschmar wird nicht sehr spezifisch: Die Junge Welt war in der Vergangenheit zum Beispiel ein gern genutztes Medium von Leugnern des Massakers von Srebrenica, unser Resümee.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2021 - Medien

Die Idee einer ausschließlich auf Printprodukte zugeschnittenen Presseförderung ist krachend gescheitert. Mit 220 Millionen Euro wollte die Bundesregierung ausschließlich Zeitungen und Anzeigenblätter fördern (unsere Resümees). Nun stellt Steffen Grimberg in der taz einen Alternativentwurf der Grünen vor. Medien aller Mediengattungen sollen in den Genuss der Subventionen kommen können: "Reine Einzelkämpfer*innenmodelle sollen ausgeschlossen sein. Das Gutachten schlägt vor, nur solche Angebote zu berücksichtigen, die mindestens Personal in Größenordnungen von zwei vollen Stellen haben, auch wenn die auf mehrere Schultern verteilt sind. 'Das braucht es schon, wenn man das irgendwie Redaktion nennen will', so Leyla Dogruel bei der Gutachtenpräsentation. Wer gefördert wird, wie das Geld verteilt wird, das soll eine staatsferne, neutrale Organisation regeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2021 - Medien

Volker Weidermann kündigt als Literaturchef beim Spiegel, wird den Schritt aber einigermaßen verkraften können, weil er am 1. Oktober als Feuilletonchef in der Zeit anfängt. Bei uebermedien veröffentlicht er eine eher vage Mail an sein Spiegel-KollegInnen, wo er beklagt, dass er beim Spiegel nicht glücklich gewesen sei: "Das silbern-glänzende Grundgesetz im Atrium 'Sagen, was ist', Augsteins Gesetz - das ist ganz einfach nicht für mich geschrieben worden. Ich komme eben aus der Literatur. Und da gilt nun mal: Sagen, was nicht ist. Sagen, was sonst noch so sein könnte. Sagen, wie es besser wäre. Sagen, was niemand sonst sich zu sagen traut. Einfach mal was anderes sagen…. Das sind so die Literatur-Gesetze. Ich habe hierfür zu wenig Raum für mich gefunden." Ambros Waibel kommentiert Weidermanns Schritt in der taz.