9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2016 - Religion

Arno Widmann unterhält sich in der FR mit dem Neutestamentler Gerd Lüdemann, der siebzig Jahre alt wird und seine fromme Biografie erzählt: "Ich wollte unbedingt Theologie studieren, um zu begreifen, was an den Evangelien stimmte und was Erfindung war. Ich wollte mir von niemandem etwas vormachen lassen. Ich wollte auch von Anfang an Professor für Neutestamentliche Theologie werden. Das war mein Ehrgeiz. Mit der Kirche und ihrer Hierarchie hatte ich nichts am Hut. Das hatte damals niemand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2016 - Religion

Alle Proteste haben nicht geholfen. In der von Atatürk einst säkularisierten Hagia Sophia wird wieder gebetet, schreibt Christiane Schlötzer in der SZ: "Nun, im Jahr 2016, zum Ende des Ramadan, trat erstmals seit der historischen Säkularisierung ein Muezzin unter die prächtige Kuppel, um den Ezan, den muslimischen Gebetsruf, anzustimmen. Lautsprecher trugen das morgendliche Lob Allahs ins Freie. Das Staatsfernsehen TRT übertrug live, türkische Nationalisten, besonders fromme Konservative und die Kolumnisten regierungsnaher Blätter jubilierten: 'Danke, mein Präsident.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2016 - Religion

Es lässt sich nicht verleugnen, dass Taten wie die von Orlando "mit dem Islam zu tun" haben, meint der niederländische Soziologe Ruud Koopmans in der FAZ: "Es ist offensichtlich, dass Omar Mateens Tat auch durch Hass auf Homosexuelle motiviert war, aber wir haben es hier nicht mit einer alternativen Erklärung zu tun, die eine religiöse Motivation ersetzen würde, wie große Teile der amerikanischen Öffentlichkeit es uns glauben lassen wollen. Im Gegenteil, Omar und sein Vater sind keine Ausnahmen: Der radikale, fundamentalistische Islam ist eng verbunden mit extremem Hass auf Homosexuelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2016 - Religion

Weder "inhaltsleere Laizität" noch ein zum Mainstream erklärtes "ausgehöhltes Christentum" seien angemessene Wege, der "Infragestellung der westlichen Gesellschaft" durch den Islam zu begegnen, mahnt der Kirchenrechtler Martin Grichting in der NZZ. Stattdessen bedürfe es "des gemeinsamen Zeugnisses der Anhänger einer 'nur' religiösen − nicht das Totale beherrschen wollenden − Religion, wie sie das Christentum darstellt, und der säkularen Verfechter der Errungenschaften der Aufklärung." Eine Einigung dieser beiden sei möglich, wenn man sich auf die angebliche Basis der Aufklärung - die christlichen Werte - besinne, gleichzeitig aber auch das Verdienst der Aufklärung anerkenne, die christlichen Ideen in politische Formen gegossen zu haben. "Wenn diese Versöhnung von Aufklärung und Christentum vermehrt gelingt, ist dies ein Ansporn für muslimische Theologen und Rechtsgelehrte, in ihren Quellentexten nach Ressourcen zu suchen, welche die Säkularität des Staates und die Idee der vorreligiös begründeten Gleichheit aller Menschen stützen. Denn diese Ideen liegen einem Friedenswerk zugrunde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2016 - Religion

Nissim Behar, Libération-Korrespondent in Tel Aviv, erzählt die Geschichte der Esti Weinstein, deren Schicksal offenbar die israelische Öffentlichkeit erschüttert. Sie wurde vor einiger Zeit tot aufgefunden und hat ein 180-seitiges Manuskript hinterlassen, in dem sie über das ultraorthodoxe Leben für Frauen schreibt und außerdem über ihre Ausgrenzung spricht, nachdem sie sich zur Säkularen erklärt hatte. Auszüge aus diesem Manuskript sind in israelischen Zeitungen veröffentlicht worden: "Bei den meisten Ultraorthodoxen wird jede Person, die sich zur Säkularen erklärt, als tot betrachtet. Die Familienmitglieder brechen den Kontakt mit ihr ab. Einige organisieren gar eine symbolische Beerdigung und tragen Trauer. Genau dies ist vor acht Jahren Esti Weinstein geschehen: Von einem Tag auf den anderen haben ihre Familie, ihre Freunde die Tür vor ihr veschlossen. Sie durfte auch keinen Kontakt mehr mit sechs ihrer sieben Töchter haben. Nur eine der Töchter, Tami, hatte den selben Weg gewählt wie sie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2016 - Religion

Peter Weissenburger unterhält sich in der taz mit dem französischen Imam Ludovic-Mohamed Zahed, der offen als Schwuler lebt und überzeugt ist, dass der Prophet, würde er heute leben, auch gleichgeschlechtliche Ehen gutheißen würde: "'Den Islam' gibt es nicht. Es gibt nur Muslime, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was wir 'Islam' nennen. Es gibt keinen 'Herrn Islam', den man anrufen kann, um zu fragen, was er - oder sie - von diesem oder jenem hält. Selbstverständlich können aus dem Islam, so wie aus jeder Zivilisationsform, Faschismus und Totalitarismus hervorgehen. Aber das passiert in allen Gesellschaften hin und wieder, speziell in Krisenzeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2016 - Religion

Die Kirchen boomen - allerdings nicht, was die Mitgliederzahlen angeht, die nach wie vor sinken, sondern nur steuerlich. Aber dank der guten wirtschaftlichen Lage liegen die Einnahmen inzwischen bei 11,5 Milliarden Euro jährlich, meldet Spiegel online. "Demnach flossen der katholischen Kirche rund 6,1 Milliarden Euro zu, die evangelische Kirche erhielt mehr als 5,4 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Plus von rund 690 Millionen Euro. Der Hauptgrund für den Einnahmerekord liegt in der guten Entwicklung der Löhne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2016 - Religion

Und dann noch dies:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2016 - Religion

In Amerika wird immer noch über das Buch des Evangelikalen Larry Taunton diskutiert, der behauptet, Christopher Hitchens sei auf seinem Sterbebett zum Christentum übergetreten. David Frum ist in Atlantic erstaunt, wie positiv dieses Buch aufgenommen wurde, dessen Schema bekannt sei: "Hitchens selbst hatte wiederholt und mit Nachdruck gewarnt, dass Behauptungen wie die Tauntons aufkommen würden und dass man ihnen nicht glauben solle." Frum zitiert Hitchens' Statement dazu aus einer Podiumsdiskussion, die ausschnittsweise bei Youtube zu sehen ist: "Es wird in dieser Gesellschaft als absolut normal angesehen, dass Leute zu Sterbenden gehen, die sie gar nicht kennen und die ungläubig sind, und ihnen sagen: 'Und, was ist jetzt, ändern Sie Ihre Meinung?' ... Es gibt hier eine lange Geschichte des Betrugs. Leute behaupten, Darwin sei auf seinem Sterbebett fromm geworden. Es gibt Lügen über Thomas Paine. So geht's die ganze Zeit weiter. Es ist eine sehr hässliche Geschichte."

Es gibt nicht "die" Scharia, schreibt in der SZ Cefli Ademi vom Institut für Islamische Rechtswissenschaft an der Uni Münster: "Ja, es gibt Gewalt im Namen der Scharia. Und nein, die Scharia gibt es nicht, sondern mehrere Scharia-Verständnisse, die sich naturgemäß auch aus den Lebensumständen speisen. Und wir Muslime müssen alles daransetzen, schöpfungsverachtende und realitätsfremde Narrative theoretisch und praktisch zu überwinden. Ich bin wie Navid Kermani davon überzeugt, dass sich solche Verständnisse weniger aus der Tradition des Islam speisen. Eher wirken sie wie ein Bruch mit ihr."

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt werden in immer mehr Bundesländern an den Unis Institute für Islamische Theologie gegründet, die zu demokratisch kompatiblen muslimischen Religionslehrern führen sollen, berichten Matthias Drobinski und Johann Osel in der SZ. Insgesamt 1800 Studenten sind in Deutschland schon eingeschrieben. Alle machen brav mit, auch die Islamverbände, weil Einfluss und Posten winken. Aber "inhaltlich blieben die Differenzen bestehen: Die türkisch-islamische Ditib, der größte Verband, versuche, möglichst viel türkisches Personal an die Unis und möglichst viel türkische Positionen in die Lehrinhalte zu bringen. Der Islamrat und der Verband der islamischen Kulturzentren in Deutschland wiederum wollten ihre sehr konservativen theologischen Positionen vertreten sehen." Das größte Problem seien allerdings Studenten und Studentinnen, die nicht glauben wollen, dass es unterschiedliche Lesarten des Korans geben könne.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2016 - Religion

Ein toleranteres Zusammenleben der Religionen erreicht man nicht mit mehr Religionsunterricht, wie kürzlich debattiert wurde, sondern mit mehr Ethikunterricht an den Schulen, meint der Philosophieprofessor Markus Tiedemann in der Zeit. Denn nur die Philosophie könne interkulturelle Integration vermitteln: "Der Philosophieunterricht, der keineswegs religionsfeindlich ist, lehrt uns, im kantischen Sinn zwischen Meinen, Glauben und Wissen zu unterscheiden. Das ist die beste Profilaxe gegen Dogmatismus."

In der Zeit berichtet Jan Ross, wie indische Frauen sich das Recht erkämpfen, jeden Hindu-Tempel betreten zu dürfen (mehr bei der BBC).