9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2016 - Religion

Fast drei Viertel der Berliner geben an, nicht religiös zu sein und der Aussage zuzustimmen "Ich führe ein selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott", meldet der Humanistische Pressedienst. Diese Zahlen seien um so erstaunlicher, als dass sie "deutlich von den Angaben zur konfessionellen Zugehörigkeit abweichen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht nur der Großteil der Konfessionsfreien dieser Aussage zustimmt (85 Prozent), sondern auch deutlich mehr als die Hälfte der befragten Katholiken (57 Prozent) und Protestanten (64 Prozent) für sich beanspruchten, ein Leben ohne 'Religion und Glauben an einen Gott' zu führen... Diese Zahlen machen deutlich, dass die Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft in einer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft nicht an die persönliche Lebensauffassung und den Grad der individuellen Säkularisierung gebunden ist."

Die taz, die neulich schon so euphorisch vom kaum besuchten Katholikentag berichtete, stellt heute mögliche Kandidaten für die Gauck-Nachfolge vor - alles Pastoren oder sehr gläubige Menschen. Da muss man durch, meint Lukas Wallraff auf Seite 1: "Wenn es sein muss, auch Friedrich Schorlemmer oder Margot Käßmann. Rote Ampel hin, Nervensägen her: Gebraucht wird eine von Dunkelrot bis Grün wählbare Person."Andere Kandidaten sind für die taz der konservative Muslim Navid Kermani und Antje Vollmer ("die Grüne kann Politik, Kirche, Medien"). Als einzige nicht direkt als gläubig ausgewiesene Person fällt der taz noch die Verfassungsrichterin Susanne Baer ein.

Außerdem: "Tschador kann auch Pop sein, Tschador kann sogar modisch und cool sein", meint ebenfalls in der taz Hengameh Yaghoobifarah, die überzeugt ist, dass das Kopftuch "in High-Fashion und Popkultur trendet". Aus dem Kölner Dom ist eine Reliquie gestohlen worden, ein Tuch mit einem Blutstropfen Johannes Pauls II. Im Interview mit der Welt ist Erzbischof Kardinal Meisner guten Mutes, die Reliquie zurückzubekommen: "Wir in Köln wenden uns ja an den Heiligen Antonius, wenn wir etwas verloren haben. Dem habe ich gesagt: 'Jetzt zeig mal, was du kannst.' Ich habe ihm schon ziemlich eingeheizt. Deshalb bin ich guter Hoffnung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2016 - Religion

Das Phänomen evangelikaler Christen, die behaupten, dass berühmte Atheisten noch auf ihrem Sterbebett zum Christentum konvertiert seien, ist nicht neu, schreibt Lawrence M. Krauss im New Yorker. Christopher Hitchens ist nur das jüngste Beispiel für eine solche Vereinnahmung (unser Resümee). Bei Darwin hatte es bereits ähnliche Gerüchte gegeben. "Kann es sein, dass Evangelikale berühmte Tote bekehren wollen, weil sie über ihren eigenen Glauben unsicher sind? Wenn sie behaupten können, dass bewunderte Intellektuelle - Darwin, Wilde, Hitchens - letztlich mit ihnen übereinstimmten, dann bestätigt das ihren eigenen Glauben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2016 - Religion

Christopher Hitchens schafft es auch nach seinem Tod noch, Kontroversen auszulösen. Guardian-Autor Nick Cohen hätte Larry Alex Tauntons Buch "The Faith of Christopher Hitchens" über einen angeblichen Übertritt des sterbenden Atheisten zum Christentum links liegen lassen, wenn nicht die "angeblich seriöse" Times und die BBC positiv über das Buch berichtet hätten. So holte er das Statement von Hitchens' Sohn Alexander ein: "Ich verbrachte die letzten Wochen und Tage an seinem Krankenbett und sah, wie er den letzten Atemzug tat und starb, und ich kann Ihnen versichern, dass da nicht die Spur irgendeiner Konversion war (wie Sie bestimmt schon geraten hatten). Wir sprachen kaum über Religion, außer um unserer Frustration über Frömmler Ausdruck zu geben, die auf den Krankenhausgängen herumliefen und nach Sterbenden Ausschau hielten, für die gierige Christen noch beten könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2016 - Religion

Kürzlich hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford Strohm, vorgeschlagen, einen staatlichen, "flächendeckenden Islamunterricht" für Muslime an deutschen Schulen einzuführen. In der Zeit macht Evelyn Finger einen Gegenvorschlag: flächendeckender, nicht bekenntnisorientierter Religionsunterricht für alle Kinder: "Es wäre Zeit, sie gemeinsam über Religion zu unterrichten. Dann würden die Christen etwas über den Islam lernen, die Muslime etwas über das Christentum, die Atheisten etwas über den Glauben - und alle gemeinsam Toleranz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2016 - Religion

Die Verhältnisse zwischen der AfD und der katholischen Kirche sind recht gespannt, resümiert Philipp Gessler in der taz nach dem Leipziger Katholikentag: "Allerdings findet sich auch in der katholischen Kirche ein stramm rechtes Milieu. Zwar gibt es Studien, wonach Kirchenmitglieder unter den Anhängern der AfD im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung unterrepräsentiert sind. Aber die gerade unter Rechtspopulisten populäre Verherrlichung der traditionellen Familie sowie die Verurteilung von Homosexualität und Gender-Theorie ist für ultrakonservative Christinnen und Christen durchaus attraktiv."

Jetzt online auch der FR-Kommentar von Arno Widmann zum "Böckenförde-Dilemma", der auch noch mal die fast nicht thematisierte weitgehende Finanzierung des Katholikentags durch die öffentliche Hand ansprach: "Was machen wir, wenn demnächst ein paar muslimische Verbände ihre Veranstaltung subventioniert sehen möchten? Wir werden uns weiter säkularisieren müssen. Wenn wir uns nicht gewaltige Schwierigkeiten bereiten möchten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2016 - Religion

Der Islam ist rückständig, weil er keine Reformation und keine Aufklärung erlebt hat, heißt es häufig. Das lag jedoch daran, dass die nachklassische Philosophie im Islam nicht von radikalen Verwerfungen wie der kopernikanischen oder der französischen Revolution geprägt war, sondern von Synthesis und der Suche nach Ausgleich, schreibt der Islamwissenschaftler Frank Griffel in der SZ: "Es war dies eine Gesellschaft, in der es keinen Mainstream, sondern vor allem Nischen gab, schwach abgegrenzte Bereiche, in denen die Sufis ebenso ungestört ihre Kreise drehen konnten, wie die Astronomen neue Theorien von Planetenbewegungen ausprobierten - alle im geozentrischen Modell natürlich. Dies mag sich nicht mit dem westlichen Anspruch nach Fortschritt vertragen. Es führte jedoch zu Gesellschaften, die von Toleranz geprägt waren, in denen die Literatur und die Künste florierten und die eine Vielzahl von Rollenmodellen anboten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2016 - Religion

Der Katholikentag ist eröffnet. Per Videobotschaft beehrte selbst der Papst die maßgeblich vom Staat finanzierte Veranstaltung. Spiegel online berichtet mit Agenturen: "Tausende Gläubige kamen zur Eröffnungsfeier, bei der auch Bundespräsident Joachim Gauck sprach. Der ehemalige evangelische Pfarrer würdigte das Wirken der Kirchen in Deutschland. Gesellschaft und Staat seien dankbar für den selbstlosen Einsatz vieler katholischer und evangelischer Christen für das Gemeinwesen."

Auf Druck der Katholischen Kirche ist in Polen ein Gesetz in Vorbereitung, das Abtreibung selbst dann verbietet, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist. Agnieszka Wierzcholska schreibt in Zeit online: "Im Karpatenvorland gebe es schon jetzt kein Krankenhaus mehr, wo 'Ärzte Kinder töteten', also Abtreibungen vornehmen, weil die letzten Ärzte in Rzeszów eine Gewissensklausel unterschrieben hätten, rühmte sich der Abgeordnete Robert Winnicki, zugleich Ehrenvorsitzender der nationalistischen Allpolnischen Jugend."

Die Katholische Kirche erhält für ihren Katholikentag in Leipzig, dessen Bevölkerung zu achtzig Prozent kirchlich ungebunden ist, mehr als doppelt so hohe staatliche Subventionen wie sie selbst für das Ereignis bezahlt. Das findet Jan Feddersen in der taz online nicht ganz korrekt: "Das ist, kurz gesagt, die Unterstützung einer Religion nicht allein zulasten anderer Glaubensrichtungen. Das ist Subventionierung eines mächtigen Religionszirkels und Alimentierung ihrer Mühen um Rechristianisierung des kürzlich noch, in katholischen Zeitdimensionen gerechnet, realsozialistischen Landes."

Im Interview mit der Zeit möchte Kulturstaatsministerin Monika Grütters ihren Kuchen gern behalten und essen. Religiöse Symbole im Staatsdienst ja, aber nur, wenn sie christlich sind: "Für mich gehört das Kreuz ins Kanzleramt, denn das Christentum gehört zu unserer Kultur. Und mir persönlich ist es wichtig", sagt sie. Anders sei es mit dem Kopftuch: "Wenn wir tatsächlich weltanschauliche Neutralität wollen, dann gehört das Kopftuch bei Staatsbediensteten nicht in die Schule." Den Widerspruch löst sie so auf: "Das Kreuz in der Schule oder im Gerichtssaal steht heute nicht für die Vorherrschaft einer Religion. Bei uns gilt die allseits akzeptierte Trennung von Kirche und Staat. Und doch steht das Kreuz hier für ein Bekenntnis zu einer ganz bestimmten Wertegrundlage."

Kirche und Staat sind in Deutschland so perfekt getrennt, dass man ohne Probleme gleichzeitig Funktionär in beiden sein kann: Oder, wie die Wikipedia informiert: Grütters "ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und seit Dezember 2013 Sprecherin des Bereichs Kultur, Bildung und Medien des ZdK."

Außerdem: In der NZZ berichtet Katrin Schregenberger von einem Theaterprojekt der Dominikaner zu ihrem 800. Jubiläum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2016 - Religion

Die taz macht eine brave Beilage zum Katholikentag in Leipzig, dessen umstrittene Finanzierung - 4,5 Millionen Euro kommen aus verschiedenen Staatskassen - keine Rolle spielt. Jan Feddersen und Philipp Gessler unterhalten sich mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes über Kirche und Homosexualität. Er hält daran fest, "dass die Alternative nicht ist, institutionelle Macht, auch im religiösen Feld, grundsätzlich abzuschaffen. Es bedarf der Institution, um Schwache vor Starken zu schützen, auch im Bereich Religion".

Fromm auch Charlotte Wiedemann, die auf der Meinungsseite der taz an die Möglichkeit eines "glaubensbasierten" islamischen Feminismus glauben will: "Allerdings findet all dies in einer Atmosphäre verschärften Kulturkampfes statt. Welch ein Widerspruch: Nie zuvor gab es so viele Bemühungen der weiblichen Neuaneignung des Islams - zugleich drängt ein zunehmend islamophobes Europa gerade die gebildeten und emanzipierten Musliminnen in die Rolle von Kronzeuginnen gegen ihren eigenen Glauben. Sich dieser Rolle zu verweigern, ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich als islamische Feministin verstehen zu können."

Peter Mühlbauer geht in Telepolis aus Anlass des alternativen Spaghettimonsterkirchentags nochmal eingehender auf die Finanzierung des Katholischen Kirchentags ein: "Das kostet insgesamt 9,9 Millionen Euro, die nur zu einem knappen Drittel aus Beiträgen, Merchandise-Verkäufen und Spenden hereingewirtschaftet werden. Der Rest kommt von der Kirche und dem Staat. Die deutschen Bistümer zahlen mit 2,1 Millionen aber deutlich weniger dazu als die öffentliche Hand, die die Veranstaltung mit 500.000 Euro Bundes-, 3.000.000 Euro Landes- und 1.000.000 Stadtmitteln unterstützt. "

Die Linkspartei in Sachsen, die auch das Thema der Finanzierung des Kirchentags aufgebracht hatte, will Kirche und Staat trennen, berichtet Stefan Locke in der FAZ und zitiert aus einem Papier, das die Partei demnächst diskutieren will: "Ihre Vorstellungen listet die Partei in 161 Antragszeilen auf: Sie will 'alle Formen von direkter und indirekter staatlicher Finanzierung' sowie die staatliche Verwaltung kirchlicher Aufgaben ebenso beenden wie den Kirchensteuereinzug durch das Finanzamt. Behörden und Bildungseinrichtungen sollen künftig frei von religiösen Symbolen und weltanschaulich neutral sein, statt des Religionsunterrichts soll es einen neutralen Ethik- und Philosophieunterricht geben, Bekenntnisse und Schwüre sich lediglich auf die Verfassung, und nicht mehr auf religiöse Werte beziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2016 - Religion

Dass die Organisation des katholischen Kirchentags in Leipzig mit 4,5 Millionen Euro von staatlichen Stellen bezahlt wird (Unser Resümee), sorgt in den Medien kaum für Aufhebens. Immerhin analysiert die Leipziger Internet Zeitung die Lage für die Stadt Leipzig, aus der ein Teil der Gelder kommt und wo ausgerechnet die FDP durch ihre Stimmen den Ausschlag für die Förderung gab: "Wer die Vorlagen liest, merkt schnell, dass Leipzigs Verwaltung beim Bereitstellen der Gelder immer wieder auf die Tourismusförderung verweist und den hoch bezuschussten Festen eine Wirkung für die Ankurbelung des Stadttourismus zuschreibt, die bislang durch nichts nachgewiesen ist." Die FDP hatte dann Richtlinien gefordert, die nie geliefert wurden.

Weiteres: In der NZZ ist der Theologe Jan-Heiner Tück entsetzt über Gerüchte, Papst Franziskus werde demnächst die Piusbruderschaft ohne Vorbedingung anerkennen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2016 - Religion

Der muslimische Theologe Abdel-Hakim Ourghi kritisiert im FAZ.Net den Koranunterricht an Moscheen als schematisch und autoritär und macht Werbung für Islamunterricht an den Schulen: "Der Koranunterricht in den Moscheen wird bestimmt weiterhin bestehen, denn die Eltern legen viel Wert darauf. Sein schädlicher Einfluss kann allerdings durch den aufgeklärten islamischen Religionsunterricht an den Schulen eingedämmt werden. Gewiss wird der schulische Religionsunterricht das Gesicht des Islams im Westen und die hiesige religiöse Landschaft verändern."