9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2015 - Religion

Dir katholische Linke, die den Reformeifer von Papst Franziskus bejubelt, sollte sich keine Illusionen machen, welcher Ideologie der Papst anhängt, mahnt Alan Posener in der Welt: "Er ist im Kern Peronist; ein Anhänger des korporativen Staates, Gegner des Liberalismus und Individualismus - und vor allem der USA und ihrer Gesellschaftsordnung, die diese Werte verkörpert." Gezeigt habe sich das etwa beim Besuch in Lateinamerika, wo Franziskus gegen "Körperschaften" und "sogenannte Freihandelsabkommen" wetterte: "Kein Wort verlor der Papst über die Korruption der lateinamerikanischen Eliten, die allgegenwärtige Kriminalität, die Ungerechtigkeit von Landlosigkeit auf der einen, riesigem Landbesitz auf der anderen Seite. Kein Wort darüber, dass die Kirche jahrhundertelang im Bunde war mit dem Großgrundbesitz und den korrupten Oligarchien... Die Wahrheit ist, dass nicht ominöse 'Finanzinstitutionen' und 'transnationale Konzerne' Lateinamerikas Rückständigkeit zu verantworten haben; die ist hausgemacht."

Bereits am Donnerstag hatte der peruanische Ökonom Hernando de Soto in der Zeit auf die marxistische Ausrichtung von Franziskus' Thesen hingewiesen: "Bisher hat Papst Franziskus eine von Marxisten gestellte Frage beantwortet: Warum haben so wenige so viel? In einer redlichen Debatte, wie sie der Papst einfordert, würde ich eine Frage stellen, die möglicherweise zu einer für die gelebte Wirklichkeit relevanteren Antwort führt: Warum haben so viele so wenig?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2015 - Religion

Höchst empfehlenswert ist Eva Müllers Fernsehdokumentation "Richter Gottes", die am Montag in der ARD lief und noch hier zu sehen ist (redaktionelle Einführung hier). Sie handelt von der katholischen Parallelgerichtsbarkeit, wo einerseits kirchliche Missbrauchstäter den staatlichen Gerichten nach Möglichkeit entzogen werden und andererseits einigermaßen exotische Zivilprozesse geführt werden: "Die sogenannten 'Ehenichtigkeitsverfahren' sind die einzige Möglichkeit, eine katholische Ehe aufzuheben. Damit sind die Prozesse eine Chance für hunderttausende Kirchenangestellte in Deutschland, die trotz einer zweiten Beziehung ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2015 - Religion

Sehr diplomatisch liest sich eine Äußerung des Bollywood-Stars Shah Rukh Khan zu den immer schlimmeren Ausschreitungen des Hindunationalismus, und dennoch hat sie in Indien großen und insgesamt positiven Donner ausgelöst, schreibt Sophie Mühlmann in der Welt: "Er glaube fest, sagte 'König Khan' vor Millionen Fernsehzuschauern, die an seinen Lippen hingen, 'wenn es Intoleranz aufgrund von Religion gibt, nehmen wir jeden Vorwärtsschritt zurück, den die Nation getan hat.' Damit brüskierte der muslimische Superstar besonders die radikal denkenden Köpfe innerhalb der regierenden Bharatiya Janata Partei (BJP)." Aamir Khan, ein anderer Bollywood-Star, hat sich mit seinem Kollegen inzwischen solidarisiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2015 - Religion

Patrick Bahners untersucht in einer Art Rechtsgutachten für die FAZ die Position der Grünen-Politiker Cem Özdemir und Volker Beck zur Frage, ob der aus verschiedenen Verbänden zusammengesetzte Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland verdient, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, wie es Bahners befürwortet. Die Politiker lehnen das in einem Thesenpapier ab. Die Juden dürfen aber, so Bahners. Kein Wunder, denn "Volker Beck ist unter den Berliner Politikern einer der entschiedensten Freunde des Staates Israel, dessen Sache in der deutschen Öffentlichkeit auch die jüdischen Gemeinden vertreten."

In der NZZ berichtet Judith Leister über eine Ausstellung von Johanna Diehls Fotoporträts verlassener und umgenutzter Synagogen in der Ukraine in der Münchner Pinakothek der Moderne.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2015 - Religion

Der Islamwissenschaftler Erdogan Karakaya fragt in der FAZ, ob eine aus gründlicher Koran-Lektüre gewonnener neuer Begriff des "Märtyrers" die gegenwärtigen Schwierigkeiten heilen helfen könnte. "Die islamische Gelehrtentradition ist reich an theologischen Deutungen des Märtyrertums. Es fällt allerdings auf, dass die Bedeutungsvielfalt des Märtyrertums in der muslimischen Gemeinschaft hierzulande und weltweit heute wenig bis gar nicht rezipiert wird."
Stichwörter: Koran, Karakaya, Erdogan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2015 - Religion

Mouhanad Khorchide sucht auf der Gegenwartsseite der FAZ im Koran Spuren, die es erlauben im Text selbst zwischen dem religiösen und dem politischen Propheten zu unterscheiden: "Mohammed zog eine klare Trennlinie zwischen dem, was er als Gottes Gesandter verkündete, und dem, was er als seine Meinung vortrug. Ähnliche Situationen wiederholten sich oft. Für die Gefährten des Propheten war diese Unterscheidung zwischen beiden Funktionen selbstverständlich. Dagegen betrachten islamische Gelehrte heute die Bemühungen Mohammeds in seiner Funktion als Staatsoberhaupt als Teil seiner göttlichen Verkündung."

Drei große britische Kinoketten weigern sich, vor dem neuen "Star-Wars"-Film einen Werbespot der anglikanischen Kirche abzuspielen, weil darin das "Vaterunser" zitiert wird, berichten Haroon Siddique and Harriet Sherwood im Guardian. Die Begründung der Kinoketten: Es bestehe ein Risko, dass der Spot Teile des Publikums aufrege oder beleidige. "Die Werbung soll eine neue Website der anglikanischen Kirche, JustPray.uk, promoten und will die Menschen zum Gebet aufrufen. Der Film zeigt Christen, die einen Vers des Vaterunsers sagen, darunter Gewichtheber, einen Polizisten, einen Fahrgast in der U-Bahn, Flüchtlinge in einer Notunterkunft, Schulkinder, einen Trauernden an einem Grab, einen Festivalgast und den Erzbischof von Canterbury."

In einem zweiten Artikel zitiert der Guardian einige Reaktionen, darunter die des bekannten Atheisten Richard Dawkins, der die anglikanische Kirche in diesem Fall unterstützt: "Wenn sich irgendjemand von so etwas Trivialem wie einem Gebet beleidigt fühlt, dann hat er es verdient."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2015 - Religion

Dieses Argument fehlte noch: Für Mathieu Slama in der huffpo.fr ist der westliche Hedonismus Schuld am spirituellen Elan, den er trotz allem im Islamismus erblickt: "In ihrem Konsumdenken und Individualismus (die zwei Seiten einer Medaille sind) schaffen es Europa und Frankreich nicht mehr die spirituellen Mechanismen zu verstehen, die hinter der dschihadistischen Radikalisierung stehen. Wir betrachten nur die sozialen, ökonomischen oder psychologischen Faktoren und weigern uns das Phänomen in seiner geistlichen Dimension wahrzunehmen und das geistliche Bedürfnis einzuschätzen, das es ausdrückt." Es mag ein Trost für die Biertrinker auf der Terrasse sein, dass sie aus geistlichen Gründen ermordet werden!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2015 - Religion

Necla Kelek reicht es in der NZZ nicht, dass sich die Muslime von den Attentaten in Paris distanzieren, aber sie spart auch nicht mit Kritik an der deutschen Öffentlichkeit: "Es herrscht in den Medien und in der Politik eine Gesinnungsethik, die einerseits dem eigenen Volk nicht über den Weg traut, anderseits aber von Fremden, die nie auch nur die Spur von religiöser Freiheit erlebt haben, die Heilung des eigenen Schuldgefühls erwartet. Selbstredend ist man gegen den Terror-Islam des IS. Aber praktisch etwas dagegen zu tun, ist nicht angesagt. Im Kern vollzieht die intellektuelle Öffentlichkeit für mich nur das, was Michel Houellebecq in seinem Roman mit 'Unterwerfung' beschrieben hat."

Lena Bopp empfiehlt den Franzosen in der FAZ das deutsche Modell der Domestizierung der Religion durch Einbindung in die Institutionen und nennt etwa die Ausbildung von Imamen an Universitäten zur Verkündung einer staatlich geprüften Dogmatik im Religionsunterricht: "Indem man nämlich den Raum für diese Ausbildung zur Verfügung stellt, lässt sich leichter darauf hinarbeiten, dass in den Moscheen Vorbilder tätig sind, die sowohl die Sprache als auch die Kultur des Landes gut kennen - und diese nicht als sogenannte Import-Imame ablehnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2015 - Religion

Angeblich plant die Regierung von NRW, die konservativen Islamverbände maßgeblich in die Gestaltung des islamischen Religionsunterrichts miteinzubeziehen. Davor warnt bei den Ruhrbaronen der Sozialarbeiter Tim Pickartz. Sein Problem ist unter anderem die Nähe einiger Verbände zur türkischen AKP: "Da DITIB nicht völlig unabhängig von der AKP-Regierung in der Türkei agieren kann, ist nicht auszuschließen, dass demokratie- und verfassungsfeindliche Inhalte der türkischen Regierung Einfluss auf die deutsche Politik, die deutsche Gesellschaft und auf den staatlichen Islamunterricht haben können, wenn DITIB den Status einer Religionsgemeinschaft erhalten würde." Vor dem Einfluss der AKP in Deutschland warnt in der Welt auch Ertan Toprak, der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschlands.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2015 - Religion

Irans Staatspräsident Hassan Rohani bekam in Frankreich kein Staatsdiner, weil er auf Halal und den Verzicht auf Alkohol (auch für die anderen) bestand. Christian Wernicke schreibt darüber in der SZ in leicht mokantem Ton: "Da zeigte sich auch die Fünfte Republik von ihrer dogmatischen Seite. Ein Mittag- oder Abendessen mit Präsident, aber ohne Alkohol auf dem Tisch - das untergrabe die Prinzipien der Trennung von Religion und Staat. Im Namen des Laizismus verweigerte der Palast jedwede kulinarische Abrüstung." Und im Namen von was hätte man sich den iranischen Forderungen anpassen sollen?