9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2014 - Religion

Christian Jakob besucht für die taz Mitglieder der jesidischen Gemeinde in Osterholz-Scharmbeck nahe Bremen. Viele sind nach Deutschland ausgewandert, weil sie sich vor einer Zwangsislamisierung in ihrer Heimat fürchteten. Auch in Deutschland, glaubt die Jesidin Ceylan Guli, "gehe "der Trend zur Islamisierung": Immer mehr Mädchen tragen Kopftuch. "Mich sehen sie im Supermarkt schon komisch an, weil ich orientalisch aussehe, aber kein Kopftuch trage." Muslime würden sie als "Teufelsanbeter" beschimpfen oder "spotten, dass wir einen Pfau anbeten". Jungen Männern mit langem Bart geht Guli aus dem Weg. Vor wenigen Wochen haben islamistische Jugendliche in Herford eine Gruppe von Jesiden überfallen."

In der taz fragt Deniz Yücel, was die Aufregung um die Salafisten-Polizei in Wuppertal soll. Sowas gibt"s doch schon lange: "Kreuzberg etwa. Als in den siebziger Jahren hier wie anderswo im Lande die ersten türkischen Lebensmittelgeschäfte eröffneten, führten die im Sortiment all das, was in deutschen Supermärkten damals nicht zu haben war: Zucchini, Oliven und Raki, den türkischen Nationalschnaps. ... Raki steht heute auch bei Kaiser"s im Regal. In den klassischen türkischen Lebensmittelgeschäften aber, die bemerkenswerterweise dem Sterben des Einzelhandels trotzen, sucht man vergebens danach."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2014 - Religion

Der katholische Priester und Philosoph Martin Rhonheimer sieht im Islam eigentlich keine Grundlage, um das Vorgehen des IS zu verurteilen, auch wenn britische Imame das getan haben, In der NZZ schreibt er: "Der IS ist keine Häresie, wie diese Fatwa behauptet, sondern handelt genau nach dem in der Geschichte wiederkehrenden Muster kriegerischer islamischer Expansion. Das Vorbild ist Mohammed selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2014 - Religion

Harald Strohm, der über die indische Götterwelt und die Religionen Altirans forscht, spricht im Interview mit Arno Widmann (FR/Berliner Zeitung) über sein neues Buch "Die Geburt des Monotheismus im alten Iran", den Zarathustrismus, den iranischen Gott Ahura Mazda und seinen altindischen Doppelgänger Asura Varuna und den Unterschied zwischen Monotheismus und Polytheismus: Die alten Religionen, so Strohm waren keine Erlösungs-, sondern Schöpfungsreligionen. Ihre Götter "waren Repräsentanten frühkindlicher Seelenschichten. Indra zum Beispiel, der "größte" der damaligen Götter, stand für ein etwa einjähriges Kind. Entsprechend wurde er für seine dicken Backen und für sein fettes Bäuchlein gepriesen; desgleichen für seine glänzenden Zähne, für seine ersten Schritte und Dreiradfahrten, ja für sein Krabbeln und Aus-Pfützen-Trinken ... Die Heilsstrategie dieser Religionen war, diese im Unbewussten versunkene Welt der frühen Kindheit zu würdigen, täglich heiter auf sie anzuspielen und sie damit zu stabilisieren und lebendig zu halten; ganz ähnlich wie es moderne psychotherapeutische Schulen tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2014 - Religion

In der arabischen Welt regt sich angesichts der ungeheuren Brutalität der Terrorgruppe "Islamischer Staat" Selbstkritik, berichtet Martin Gehlen im Tagesspiegel. ""Was IS tut, verkörpert genau das, was wir in der Schule gelernt haben", twitterte ironisch der saudische Intellektuelle Ibrahim Al-Shaalan. "Wenn unsere Curricula gut sind, dann handelt IS richtig. Wenn das aber alles falsch ist, wer trägt dann die Verantwortung?"" Ähnlich äußern sich syrische und libanesische Intellektuelle, die Gehlen zitiert. Eine große Anzahl arabischer Bürger ist jedoch ganz anderer Auffassung, erklärt beunruhigt der saudische Politiker Jafar Alshayeb in seinem Editorial für die Zeitung Al-Sharq, den Gehlen ebenfalls zitiert: "In Saudi-Arabien gebe es "viele Bürger, die die gleiche Orientierung und die gleichen Ideen haben wie diese Leute, und die Terrorakte gegen politische Regime und soziale Gruppen gutheißen." Und so ergab eine erste informelle Umfrage in sozialen Medien, dass eine erhebliche Zahl von Bürgern der Ansicht ist, IS liege auf einer Linie mit den Werten des Islam und der Sharia."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2014 - Religion

Der irakisch-deutsche Autor Sherko Fatah spricht im Interview mit der Zeit über die Gründe für den militärischen Erfolg der Terrorgruppe Islamischer Staat und über ihre erfolgreiche Maskierung als religiöse Überzeugungstäter: "Die Brutalität legitimiert sich auch aus der Geschichte des Islams, aus Mohammeds imperialer Phase. Die Kriegführung des Propheten war durch Abscheulichkeiten gekennzeichnet. Er hat zum Beispiel erstmalig die Dattelpalmen gefällt, um die Leute auszuhungern. Das war nicht üblich bis dahin, das war eine besondere Perfidie gegen die Zivilbevölkerung. Er hat das in Kauf genommen. Das wissen die IS-Leute natürlich. Das ist Teil ihrer Mythologie, und sie können die Grausamkeiten bis zu einem gewissen Grad als Kriegshandlungen rechtfertigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2014 - Religion

Al Qaida ist AOL. Der "Islamische Staat" ist Google, meint Josh Kovensky in New Republic und vergleicht die Propagandazeitschriften der Terrororganisationen. Dabiq, die Zeitschrift des Islamischen Staats sei zugleich noch radikaler und stärker religiös verbrämt, stellt Kovensky fest und zitiert den Islamwissenschaftler Colin Clarke: "Dabiq kombiniert theologische Argumentationen mit Erfolgen auf dem Schlachtfeld. Isis achtet sehr darauf, für alles eine religiöse Rechtfertigung zu finden. In diesem Punkt ist Al Qaida über die Jahre weich geworden."

Isolde Charim überlegt in der taz, warum die Isis ihre Gewaltorgien religiös verbrämt und vermutet mit Carl Schmitt, dass sie ihrem Partisanentum so eine Legitimität verleihen will: "Es gibt die langen Bärte, die frommen Sprüche und vor allem die mittelalterlichen Hinrichtungsarten trotz modernster Waffen. Durch diese Beschwörung der Vergangenheit versuchen sie, in einer "Hermeneutik der radikalen Gleichzeitigkeit" (Friedrich Wilhelm Graf), direkt an ihre religiöse Quelle anzudocken. In entlehnten Kostümen und mit geborgter Sprachen, wie es bei Marx heißt, inszenieren sie eine imaginierte religiöse Urszene, die sie zu berechtigten Nachfolgern machen soll. Dies soll sie als Gotteskrieger legitimieren. Solches Einschreiben in die Tiefe und Kontinuität der Zeit entspricht genau dem, was Schmitt unter Legitimität versteht."

In der NZZ beklagt Hoo Nam Seelmann den Missbrauch Buddhas für Werbezwecke in westlichen Schaufenstern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2014 - Religion

In der SZ erklärt der in Bagdad in eine christliche Familie geborene Schriftsteller Sinan Antoon, warum er jetzt erstmals einen Roman über Christen im Irak schreibt: "Ich hatte über dieses Thema nicht schreiben wollen, ich wollte andere Welten entdecken, die ich nicht schon bis ins Detail kannte. Ich war seit langem Atheist, aber der Anschlag auf die Kirche [in Bagdad] hatte mich zutiefst erschüttert. Seine Durchführung und seine Dimension waren präzedenzlos. Menschen wie Jusef, säkulare Iraker, Christen oder nicht, die an eine pluralistische irakische Identität glaubten, solche Menschen starben aus, buchstäblich und im übertragenen Sinn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2014 - Religion

Was für Bücher haben zwei in Britannien verurteilte Islamisten wohl bei Amazon bestellt, bevor sie nach Syrien gingen, um ihre Mordlust auszuleben? Mehdi Hasan beantwortet die Frage in der New Republic: "Sarwar und Ahmed, die sich beide im letzten Monat des Terrorismus schuldig bekannten, hatten "Islam for Dummies" und "The Koran for Dummies" gekauft. Einen besseren Beweis für das Argument, dass der 1.400-jährige Islam nichts mit dem aktuellen Dschihad zu tun hat, wird man kaum finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2014 - Religion

Henri Tincq führt in Slate.fr in die verschiedenen Strömungen des salafistischen Islamismus ein, der dem Terror eine neue Dimension gibt: "Die Kämpfer dieses weltweiten Dschihad gehören zu der sogenannten "Generation der Lager": der "Konzentrationslager" in Nassers Ägypten, wo die ersten islamistischen Kämpfer festgehalten wurden, und der Trainingslager in Pakistan, Afghanistan, Algerien. Sie sind - wenn man den Vergleich mit dem Spanienkrieg sucht - die "internationalen Brigaden" des Islams. Gehirnwäsche, militärische Ausbildung, wahabbitische und salafistische Unterweisung: Dieser Islamismus des Schreckens hat mit den ursprünglichen Muslimbrüdern des Hassan el-Bannah in Ägypten und Maududi in Indien und den anderen abgehängten Theoretikern nicht mehr viel zu tun."

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons schreibt Leon de Winter über die Gotteswütigen vom "Islamischen Staat": "Unsere Kultur hat einen Namen dafür: das Böse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2014 - Religion

Gibt es etwas am Islam, das diese Religion besonders gewalttätig und unfähig zur Selbstreflexion macht? Kenan Malik würde diese Frage (die etwa von Hamed Abdel-Samad bejaht wird) in seinem Blog eher mit nein beantworten. Sowohl linke Islamophile als auch Islamkritiker machten oft den selben Fehler und reduzierten den Islam auf seine aggressivste Spielart: "Der dänische Politiker Naser Khader hat mir mal von einer Unterhaltung mit Toger Seidenfaden erzählt, dem Chef von Politiken, einer linken dänischen Zeitung, die die Mohammed-Karikaturen sehr kritisch sah. "Er sagte zu mir, dass die Zeichnungen alle Muslime beleidigen", erinnert sich Khader, "Ich sagte, ich bin nicht beleidigt." And er sagte: "Aber du bist kein richtiger Muslim." Warum das? Weil ein richtiger Muslim aus dieser Perspektive heißt, reaktionär zu sein und die Karikaturen abzulehnen. Jeder, der sich nicht beleidigt fühlt, ist kein richiter Muslim. Hier treffen sich linker "Antirassismus" und die antimuslimische Heuchelei der Rechten."