Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3737 Presseschau-Absätze - Seite 79 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2023 - Bühne

Lilith Stangenberg als "Antigone". Foto:Thomas Aurin. 

Eine "schnörkellos klare, ästhetisch bestechende" Aufführung des letzten Teils von Roland Schimmelpfennigs Theater-Epos "Anthropolis" hat FAZ-Kritikerin Irene Bazinger am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gesehen. Lilith Stangenberg gibt "Antigone" in der Inszenierung von Karin Baier als "exzentrisch entrückte" schon von Beginn an Verlorene, so Bazinger: "Rasend schlägt sie die Kalksteine aneinander, dass dichter Staub aufsteigt, was die Unbeugsame, zuletzt nackt und ohne Perücke, wie eine spirituell aufgeladene Skulptur des Untergangs erscheinen lässt. Mit Kreons juristischer Buchstabentreue ist dieses tolle Luftwesen nicht zu fassen. Antigone hat keine Angst vor dem Sterben, sie ist schon tot. Anders ihre gemäßigtere Schwester Ismene, die bei Josefine Israel als kraftvolles, emanzipiertes Girlie auftritt und im Familienstreit vergeblich die Trotzkarte ausspielt. Damit freilich ist beim Pokerface Kreon nichts zu holen, den Ernst Stötzner als blank polierten Aktendeckel im gehobenen Dienst zeigt, der raffiniert allen Machtwillen hinter Pflichterfüllung verbirgt. Selbst Maximilian Scheidt als sein devoter Sohn Haimon, Antigones Bräutigam, hat gegen diesen abgebrühten Realo keine Chance."

Im Nachtkritik-Interview mit Esther Slevogt spricht der israelisch-palästinensische Schauspieler Ala Dakka über die aktuelle Situation in Israel. Er habe sowohl bei den Massakern der Hamas als auch bei Israels Militäroffensive in Gaza Verwandte und Bekannte verloren. Was in Gaza passiere sei grauenhaft, "aber als Bürger dieses Landes muss ich Ihnen sagen: Die Leute auf der Welt sind wirklich blind, wenn sie das Ausmaß des Schocks nicht begreifen, den diese Ereignisse hier bewirkt haben - ich meine: Kein Land würde sich so etwas gefallen lassen, nicht in den wildesten Träumen! Kein Land auf der Welt würde akzeptieren, dass 1400 seiner Bürger an einem einzigen Tag brutal ermordet werden...Und dann sollen sie an die Leiden der Palästinenser denken und mit Nachsicht reagieren? Als ein Palästinenser, der hier lebt, sage ich Ihnen: Das Trauma, das diese Ereignisse ausgelöst haben, ist enorm. Mir scheint, dass die internationalen Medien blind dafür sind. Aber ich erlebe auch die Blindheit eines Teils der jüdischen Gesellschaft hier gegenüber dem, was gerade in Gaza passiert. Gaza ist jetzt ein Schlachthaus."

Besprochen werden Lorenz Noltings Adaption von Dorota Maslowskas Roman "Andere Leute" am Emma-Theater in Osnabrück (taz), Christof Loys Inszenierung von Wagners "Lohengrin" an der Nationaloper Amsterdam (FAZ) und David Hermanns Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ohne Schatten" an der Staatoper Stuttgart (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2023 - Bühne

Szene aus "Zeit wie im Fieber" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein.

Ein Plädoyer für den Zweifel und die Ambivalenz ist Zino Weys Inszenierung von "Zeit wie im Fieber" am Schauspiel Stuttgart für taz-Kritiker Björn Hayer. Wie bezieht man heute Position, ohne in die Falle der einfachen Wahrheiten zu tappen? So rätseln die beiden Protagonistinnen von Weys Stück, der bei Georg Büchner nachfragt: "Um Antworten zu finden, begeben sich die dem Drama 'Leonce und Lena' entsprungene Lena (Sylvana Krappatsch) sowie Julie (Paula Skorupa) aus 'Dantons Tod' auf eine imaginäre Reise. Sie treffen auf allerlei skurrile Typen mit jeweils geschlossener Weltsicht. Hinter Bäumchen am Bühnenrand lugt ein allzu wachsamer Kleinbürger hervor. 'Ich seh jeden, der nicht in die Stroß gehört', ruft der Globalisierungsgegner den beiden Frauen zu. Indessen verteidigt ein Bäckermeister mit überdimensionierter Brezel vor der Brust die Reinheit des Teigs, die für nichts anderes als das rechte Phantasma eines homogenen Volkskörpers steht. Und da ja zu viel Denken ohnehin nur für Knoten im Hirn sorge und uns vom ganzheitlichen Wesen des Kosmos entfremde, setzt eine esoterische Heilerin ganz auf die Kraft der Hufeisen." In der Nachtkritik ist Thomas Rothschild vor allem fasziniert von Björn SC Deigners Textvorlage: "Deigner ist auch Musiker, und wie ein Musiker komponiert er seinen Text, rhythmisiert, stellenweise metrisch: 'manchmal überkommt es mich und dann mit aller macht. und dann will auch ich eine kerbe in diese welt schlagen, auf dass sie zittert.' Es ist diese fast archaische Sprache, ihre prosodische Schönheit und ihr Kontrast zur anhaltenden Aktualität der Motive, aber auch die gewagten Bilder sind es, was den ästhetischen Reiz von Deigners Stück ausmacht."

Besprochen werden außerdem Stefan Kaegis Inszenierung "Société Anonyme" am deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Ewelina Marciniaks Inszenierung von "Meine geniale Freundin" nach dem Roman von Elena Ferrante am Hamburger Thalia Theater (taz), zwei Inszenierungen von György Ligetis Oper "Le grand macabre", einmal von Vasily Barkhatov an der Oper Frankfurt und von Jan Lauwers an der Staatsoper Wien (SZ), Daniel Kramers Inszenierung von Peter Handkes Stück "Kaspar" am Wiener Akademietheater (SZ, Standard), Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2023 - Bühne

Besprochen werden Noam Brusilovskys Stück über die Nazi-Mitläufer des Bayrischen Schauspiels am Bayerischen Staatsschauspiel (nachtkritik), Aufführungen beim Monologfestival am TD Berlin (nachtkritik) und die Eröffnung des Tanz- und Theaterfestivals "Euroscene Leipzig" mit Miet Warlops Choreografie "One Song" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2023 - Bühne

Das Spiel mit den Geschlechtern gehört in der Oper von Beginn an dazu, bemerkt Manuel Brug in der Welt, mittlerweile gibt es auch einige trans Frauen, die in eigentlich männlichen Rollen auftreten. Das passt aber eigentlich ganz gut zu den ewigen Verwirrspielen des Musiktheaters: "Die Geschlechter verschwimmen: Geht der Mann auf der Bühne mit der weiblichen Stimme als Transmann durchs wahre Leben, oder der Bariton, der gerade noch maskuline Rollen gegeben hat, als Transfrau? Noch sind offene Trans-Gesangsstars Ausnahmen, die europäischen Opernbühnen scheinen sie gerade erst für sich zu entdecken. So gibt es mit 'Lili Elbe' und 'Strella' gegenwärtig gleich zwei neue, sehr unterschiedliche Opern über Transgender-Titelfiguren in St. Gallen und Athen." "Lili Elbe" von Tobias Picker hat eine "durchhörbare, sich von Strawinsky bis zur Gegenwart, bei 'Downtown Abbeys' hüpfendem Tanzthema wie bei Cabaret-Musiken polystilistisch gekonnt bedienende, von Modestas Pitrenas fast etwas zu klangprächtig realisierte Partitur", sie "stellt Menschen und Schicksale in den Fokus, die singenden Personen rühren an." Vielleicht auch eine kontinuierliche Entwicklung: "Und irgendwie ist auch Beethovens 'Fidelio', mit dem 1968 das St. Gallener Theater zum ersten Mal eröffnet wurde, mit einer sopransingenden Crossdresser-Titelfigur ein bisschen trans… Oper eben."

Besprochen wird: "Die Rückkehr von Peter Pan" am Theater Regensburg (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2023 - Bühne

Szene aus "Mitläufer" v.l. Steffen Höld, Michael Goldberg, Max Mayer, Claudia Golling © Sandra Then

Christian Joß-Bernau taucht für die SZ mit der Inszenierung des Stücks "Mitläufer", konzipiert von Noam Brusilovsky und Lotta Beckers, in ein düsteres und lange verschwiegenes Kapitel der Geschichte des Residenztheaters in München ein. Heute, am Jahrestag der Reichspogromnacht hat das Stück Premiere, in dem das Theater Licht ins Dunkel der eigenen NS-Vergangenheit bringen will, so der Kritiker. Brusilovsky und Beckers konzipierten das Stück auf der Basis von Spruchkammerakten aus dem Staatsarchiv, vor der sich Personen für ihr Handeln während des Nazi-Regimes verantworten mussten, so Joß-Bernau. Der Text gibt wieder, was die drei verantwortlichen Personen: Oskar Walleck (ab 1934 Generalintendant des Bayerischen Staatstheaters und SS-Mann), Alexander Golling und Curt Langenbeck dort zu Protokoll gaben, berichtet der Kritiker: "Mit drei Schauspielern hat Brusilovsky aus dem Archivmaterial Charaktere entwickelt: 'Es ist kein Versuch, Realität nachzuspielen, es ist kein dokumentarisches Theater, wo Texte vorgelesen werden.' Die Schauspieler hätten Figuren gebaut: 'Sie spielen diese Figuren.' Entlassung jüdischer Mitarbeiter, Propagandatheater? Walleck, Golling und Langenbeck winden sich. Letzterer eingesponnen, versponnen in seine Ideen. Bei den Intendanten ist es das System, das zum Handeln zwang, ihre Haltung eine Mischung aus Nichtwissenwollen und behauptetem inneren Widerstand. Immer wieder waren die Schauspieler mit der Frage konfrontiert, ob ihre Personen sich dies eigentlich alles selber glauben. Auch die Archivlage sei unglaublich lückenhaft, aber gerade die Lücken seien das Interessante, findet Brusilovsky."

Weiteres: Die Berliner Opernhäuser und Orchester haben ein gemeinsames Statement veröffentlicht, melden die Agenturen. In diesem verurteilen sie Antisemitismus und den Terror der Hamas und rufen zur Solidarität mit jüdischen Menschen auf. Im Aufruf heißt es unter anderem: "Die deutschen Theater und Orchester stehen solidarisch zu Israel. Die Gewaltexzesse gegen die israelische Bevölkerung sind durch nichts zu rechtfertigen. Es ist entsetzlich, dass manche die aktuelle Situation zum Anlass nehmen, antisemitische Hetze in Deutschland zu verbreiten."

Weiteres: Die Volksbühne Berlin hat einen Auftritt des Ex-Labour-Chefs Jeremy Corbyn abgesagt, der sich in "Äußerungen in der Vergangenheit, nicht ausreichend von antisemitischen Positionen distanziert" habe (Begründung des Theaters), meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel vom Beginn des 7. Monolog-Festivals im TD Berlin (ehemals Theaterdiscounter).

Besprochen werden Adrian Figueroas Inszenierung "Pauken" am Hebbel am Ufer Berlin (tsp), Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (FAZ), Evgeny Titovs Inszenierung von "Le nozze di Figaro" an der Staatsoper München (Zeit), Christiane Mudras Inszenierung von Hotel Utopia (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2023 - Bühne

Rune: Hannah Law, Carolina Verra. Quelle: Theater Hagen


Die Werke Merce Cunninghams sind nicht leicht zu tanzen, führt Wiebke Hüster in der FAZ anlässlich ihrer Besprechung einer Aufführung von Cunninghams "Rune" im Rahmen des Tanzabends "Re-Creations" am Theater Hagen aus: "Das Schlimmste aber sind die Barfuß-Balancen auf dem Ballen mit sehr hochgezogenem Spann, die sogenannte 'halbe Spitze'. Das ist schwerer als auf Spitze die Balance zu halten, weil der Körperschwerpunkt nicht über dem Ballen ist, auf dem das Gewicht ruht, sondern dahinter über der Ferse, die in der Luft steht. Daher wackeln die besten Tänzer trotzdem manchmal." In Hagen jedoch wurden diese und andere Hürden souverän gemeistert, jubelt Hüster: "Sie verkörpern Merce Cunninghams nüchterne Selbstinterpretation 'My feeling is very strongly that we are human beings engaged in certain situations', und dieses Einverständnis überträgt sich. Die Begegnungen, Blicke und Berührungen der Tänzer wirken komplex und magisch gerade aufgrund ihrer poetischen, intensiven, nicht leicht zu deutenden Qualität: Bravo für Yu-Hsuan (Mia) Hsu, Evan Inguanez, Stefano Milione, Hannah Law, Maria Sayrach-Baró und Carolina Verra."

In der FR bespricht Sylvia Staude sehr angetan "Hard to be Soft - A Belfast Prayer", eine Choreographie der Nordirin Oona Doherty, die beim Tanzfestival Rhein-Main zu sehen ist. Es geht, frei von Ironie und Nabelschau, um Themen wie "toxic masculinity". Mit dem, was man sich klassischerweise unter Tanz vorstellt, hat die Aufführung wenig zu tun, aber eindrücklich ist sie allemal: "Sam Finnegan und John Scott sind zwei ältere Männer mit gehöriger Wampe und dem Mut, sie zu zeigen. Ganz langsam schieben sie ihre Füße voran, bis sie sich in der Mitte treffen und ihre nackten Bäuche sich berühren. Sie umarmen sich, aber nicht wie Sumo-Ringer, eher als wollten sie sich trösten, aneinander Halt suchen."

In der nachtkritik wendet sich Atif Mohammed Nour Hussein gegen den Bekenntniszwang mit Blick auf den Krieg in Israel und Gaza. Im Zentrum steht das Berliner Gorki-Theater und die Aussetzung des Stücks "The Situation". Hussein plädiert dafür, das Theater bis auf weiteres Theater bleiben zu lassen: "Im Statement der Theaterleitung steht wie nebenbei noch etwas Beunruhigendes: 'Jetzt ruft die Hamas dazu auf, jüdische Einrichtungen in Deutschland zu attackieren. Das stellt uns an die Seite aller jüdischen Menschen in Deutschland.' - Wo standet Ihr denn zuvor? Sicherlich doch genau auch da, nehme ich an. Vermutlich zwingt hier die eigene Verunsicherung das Offensichtliche zu betonen, führt letztlich eher zur Verunklarung. Lasst es doch einfach. Macht da weiter, wo Ihr stehengeblieben seid oder bleibt tatsächlich stehen. Haltet das aus! Im Theater entscheiden die Bühne und der Saal. Nicht die Fahne auf dem Dach und nicht die Zeilen auf der Website. Lasst Euch nicht zurufen, 'Ihr habt doch euren Moralischen Kompass verloren!' Das ist eine widerliche, semantische Konstruktion - spricht sie doch eher von der Verdinglichung des Menschen als von unserer Fähigkeit, Mitgefühl und Vernunft miteinander zu verbinden."

Außerdem: In der FAZ freut sich Marc Zitzmann über gelungene Bühnenadaptionen zweier Ingmar-Berman-Filme am Luxemburger Théâtre de la Ville. Insbesondere ein von Ivo van Hove verantwortetes "Persona"-Stück überzeugt: "Gleicht Bergmans Schwarz-Weiß-Film einer Aquatinta von Odilon Redon, so evoziert van Hoves Adaptation ein Seestück von Turner." Christopher Ransmayer nähert sich ebenfalls in der FAZ Anselm Kiefers "Solaris"-Eisenvorhang an, der ein Jahr lang die Wiener Staatsoper schmücken wird. Für Zeit Online bespricht Christine Lemke-Matwey einen Essayband des Opernsängers Ian Bostridge.

Besprochen werden Miet Warlops Konzertperformance "One Song" auf der Leipziger Euro-Scene (nachtkritik) und Johannes Harneits Musiktheater "Händel's Factory" an der Hamburger Opera Stabile (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2023 - Bühne

"Le grand macabre" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.


Eigentlich, meint FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann, ist György Ligetis Endzeit-Oper "Le Grand Macabre" für heutige Verhältnisse ein bisschen altbacken. Wie gut, dass sich Vasily Barkhatov an der Oper Frankfurt "keinen Deut um Ligetis Regieanweisungen" schert, sondern den Schwank, in dem ein Sensenmann das Ende der Welt zur Mitternacht voraussagt, auf geniale Weise ins Heute versetzt, freut sich Fuhrmann: "Schon vor Beginn des Stücks werden Fernsehnachrichten über das Herannahen eines Kometen in direktem Kollisionskurs mit der Erde in allen möglichen Sprachen projiziert." Die vielen weiteren schlauen Regieeinfälle will der Kritiker nicht verraten, "nur so viel: Beim Hofastronomen spuken Einhörner und Spinnen als gepixelte Videos (Ruth Stofer, Tabea Rothfuchs) durch den Wohnwagen, und die dröge Hofgesellschaft bei Fürst Go-Go verwandelt sich in eine von Olga Shaishmelashvili mit extravaganter Kostümierung ausgestattete 'Tanz auf dem Vulkan'-Party." In der FR bespricht Judith von Sternburg das Stück.

SZ-Kritiker Ronen Steinke besucht die Puppenspielerin Shlomit Tripp, die mit ihrem Puppentheater "Bubales" Kindern spielerisch jüdische Kultur vermittelt. In Berlin-Kreuzberg war das schon vor den aktuellen Ereignissen in Israel manchmal schwierig, berichtet Steinke (Schulkinder störten die Vorstellung mit "Allahu Akbar"-Rufen, die Lehrer blieben untätig), jetzt habe sich die Situation allerdings noch einmal verschlimmert: "Ein paar Tage sind vergangen seit dem Treffen in Shlomit Tripps Puppenwerkstatt, da schickt sie eine Whatsapp-Nachricht. Sie hat schlechte Nachrichten bekommen. Die türkische Gemeinde in Hamburg, die eigentlich die 'Bubales' eingeladen hatte, hat gerade einen Rückzieher gemacht. Die Show ist abgesagt. Begründung: Man könne aktuell nicht für ihre Sicherheit garantieren."

Weiteres: Michael Bartsch teilt in der taz Eindrücke vom Dresdner Theater-Festival "Fast Forward". Taz-Kritikerin Katja Kollmann hat sich beim Festival "Theater der Dinge" am Theater Strahl in Berlin gut amüsiert.

Besprochen wird Olivia Hyunsin Kims Musiktheater "Turning Turandot" nach Giacomo Puccinis Oper an der Staatsoper Hannover (nmz), Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" im Münchner Residenztheater (Zeit Online), Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2023 - Bühne

Szenenbild aus "Mothers-A song for Wartime." Foto: Bartek Warzecha

Marta Górnickas Chorstück
"Mothers" am Berliner Maxim-Gorki-Theater lässt SZ-Kritiker Peter Laudenbach auch eine Weile nach Vorstellungsende nicht los. Die polnische Regisseurin und Sängerin hat zusammen mit aus der Ukraine und Belarus geflüchteten Frauen über Monate dieses Stück erarbeitet, so Laudenbach, indem es darum geht, "was Frauen im Krieg erleiden, um ihren Stolz und um die Lieder, die Trost spenden, Zusammenhalt schaffen, oder wie in einer letzten Erinnerung die zerstörte Heimat bewahren". Laudenbach geht das durch Mark und Bein: "eine Zeile aus einem lustigen ukrainischen Kinderlied, 'Lass uns küssen', wird so brachial, düster und immer lauter wiederholt, bis es wie eine Drohung klingt. Die Stimmen flüstern, brüllen, sprechen und singen. Die Körper stampfen oder verharren still, sie rücken wie zum gegenseitigen Schutz und wie in einer Front zusammen oder verteilen sich als lauter Einzelne, oft auch Verlorene auf der großen, leeren Bühne. Der Form des Chors ist dabei von archaischer Wucht und Härte und gleichzeitig vollkommen gegenwärtig, weil er Erfahrungen formuliert, die gleichzeitig extrem persönlich und die Erfahrungen ganzer Gesellschaften sind." Auch tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper hat einen "starken Theaterabend" erlebt: "Und wenn die Vorstellung auch nur eine Stunde dauert: Eine Ewigkeit wird durchmessen, ein Grauen, das anhält."

Weiteres: Die amerikanischen Opern stecken in der Krise. Die Metropolitan Opera versucht es nun mit modernen Themen, weiß FAZ-Kritikerin Frauke Steffens und bringt eine Oper über das Leben von Malcolm X auf die Bühne.

Besprochen werden Paul Spittlers Inszenierung von Shakespears "Was ihr wollt" am Theater Dortmund (nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung der musikalischen Komödie "Pferd frisst Hut" mit Musik von Herbert Grönemeyer am Theater Basel (nachtkritik, SZ, FAZ, taz), Rebekka Davids Inszenierung "Leonce und Lena, nowhere to run" nach Georg Büchner am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Caner Akdenizs Inszenierung von "(Making) Woyzeck" nach Georg Büchner am Schauspiel Essen (nachtkritik), Wen Huis Performance "New Report on Giving Birth" beim Tanzfestival Rhein-Main (FR), Sarah Kortmanns Theaterversion von Goethes "Werther" an der Volksbühne im Großen Hirschgarten in Frankfurt (FR), Gil Mehmerts Inszenierung des Musicals "Jekyll & Hyde" am Staatstheater Darmstadt (FR), Claudia Bossards Inszenierung von "Bunbury. Ernst sein is everything!" nach Oscar Wilde am Deutschen Theater Berlin (tsp) und Laurent Pellys Inszenierung von Léo Delibes Oper "Lakmé" (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2023 - Bühne

In der FAZ versucht Sophie Klieeisen sich ein Bild von der Haltung deutscher Schauspielhäuser zu Israel und den Hamas-Angriffen zu machen und stellt fest: Es herrscht vor allem große Unsicherheit, nur wenige Häuser beziehen klar Position oder zeigen ein Zeichen mit der Israel-Flagge. Oft flüchtet man sich in allgemeine Phrasen, so Klieeisen: "Dass die Unsicherheit über die angemessene Reaktion groß ist, kann man auch daran ablesen, dass viele Häuser keine eigenen Stellungnahmen veröffentlichen. Dafür dient den Theatern in Dresden, Leipzig, Köln, Weimar, dem Hamburger Schauspielhaus oder dem Deutschen Theater Berlin das Statement des Bühnenvereins als Ausweichvorlage. Der letzte Satz des von Carsten Brosda verfassten Schreibens klingt wie der Wunsch nach einem von der Wirklichkeit ungestörten Weitermachen: 'Die Theater und Orchester wollen und werden auch weiterhin das Miteinander in Vielfalt und Freiheit in unserer Gesellschaft fördern.'"

Weiteres: Welt-Kritiker Jakob Hayner schaut sich die aktuelle Situation der deutschen Bühnen an, die sich langsam von der Pandemie erholen, aber sich auch neu ausrichten wollen. Die Schauspielerin und Regisseurin Emmy Werner wurde mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet, freut sich Uwe Mattheis in der taz.

Besprochen wird Rui Hortas Choreografie "Core" beim Tanzfestival Rhein-Main (FR).
Stichwörter: Israel, Hamas, Brosda, Carsten

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2023 - Bühne

Wiebke Hüster freut sich in der FAZ über Sebastian Webers berührendes Solo "The Long Run" im Leipziger LOFFT: "Der tänzerische Marathon, den Weber mit 'The Long Run' souverän und berührend präsentiert, erinnert an seine Lehrjahre in der überwiegend schwarzen New Yorker Tap-Community der Neunzigerjahre. Es ist eine Hommage an Künstler wie James 'Buster' Brown oder Steve Condos, eine Erinnerung an die Zeit mit ihnen, an ihr Vermächtnis, sich die Dinge anzuverwandeln, Schritte zu 'stehlen', aber niemals zu 'kopieren' - und es ist eine Demonstration dessen, was Weber ausmacht, woran er glaubt und was er kann: phantastisch, virtuos, reflektiert tanzen und dabei laut nachdenken."

"Die Ärztin" am Theater St. Gallen. Foto: Jos Schmid.

In der Geschichte um die titelgebende "Ärztin" am Theater St. Gallen, das Robert Icke sehr lose auf Schnitzlers "Professor Bernhardi" aufbaut, "verdichten die St. Galler so gut wie jedes als 'woke' apostrophierte Gegenwartsthema und treiben damit ein derartiges Verwirrspiel, dass nach der Pause ein relevanter Teil des Publikums darauf verzichtet, sich in Fragen von Geschlechter-Identität, Rassismus, Diversität, Sterbehilfe, Katholizismus, Medizinethik und Antisemitismus weiter belehren zu lassen", hält ein doch ziemlich genervter Nachtkritiker Erich Nyffenegger fest. "Der Abend krankt insgesamt an einer Überfrachtung, die beim Zuschauen zur Überforderung wird und Einsichten erschwert: Als ob man von jemandem im freien Fall verlangte, er solle während des Absturzes ein kompliziertes Kreuzworträtsel lösen. Was bleibt, ist eine Ratlosigkeit, die dem Willen zum Opfer fällt, in gut zwei Stunden eine Gegenwart erklären zu wollen, die selbst in zwei Wochen nur ungenügend umrissen werden könnte."

Weiteres: Die FAZ freut sich über vierzig Jahre Theater neben dem Turm in Marburg - und über das Geburtstagsfestival anlässlich dieses Jubiläums. Die WELT streamt Richard Strauss' "Salome" in der Inszenierung von Dmitry Tcherniakov an der Oper Hamburg bei Arte.