Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2023 - Bühne

Szene aus "Le nozze di Figaro" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: W. Hösl.

Ein Hauch von Haschisch weht SZ-Kritiker Helmut Mauró von der Bühne der Bayerischen Staatsoper entgegen. Das ist aber nicht der Grund, warum sich der Kritiker bei Evgeny Titovs Inszenierung von Mozarts "Le nozze die Figaro" herrlich amüsiert hat. Da ist zunächst einmal die Musik: "Stefano Montanari bringt das Orchester zu einer wahrlich eleganten Klangrede, ein bisschen klanghistorisch aufgeraut, aber nicht ruppig rechthaberisch. Das Ergebnis von Montanaris sichtbar leidenschaftlicher Anstrengung: ein authentischer Klang, eine Musik, die in sich glaubhaft ist und erst mal keiner Bebilderung und Texterzählung bedarf." Und dann ist die Inszenierung, die Titov zum Teil in einer ausladenden Hanfplantage spielen lässt, manchmal auch einfach lustig, freut sich Mauró: "Als Figaro die Räuberpistole seiner adeligen Herkunft auftischt, wird es Susanna zu viel. Und doch, das ist schon lustig, wenn sie rüberschaut zu dem jamaikanisch-britischen und keineswegs weißen Bassbariton Willard White und wieder zurück zu Figaro und ebenso ungläubig wie belustigt immer wieder nachhakt: Sua padre?" In der nmz ist Kritiker Wolf-Dieter Peter weniger angetan und beklagt Titovs "Holzhammer-Ästhetik", Trost spendeten ihm dafür die Solisten. Ähnlich sieht es Judith von Sternburg in der FR: ein bisschen "derb" findet sie das alles, lobt aber das "junge, starke Ensemble".

Weiteres: Tagesspiegel-Kritikerin Ute Büsing berichtet vom Theater-Festival "Kosovo Theatre Showcase" in Pristina.

Besprochen wird Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (Zeit, FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2023 - Bühne

Eine "Bewegungskunst-Alternative in Deutschlands Nordwesten" macht Jens Fischer in der taz aus: Alfonso Palencia Tanzabend "Seelen" am Stadttheater Bremerhaven zeigt ihm, dass auch abseits der gut finanzierten Großstadtbühnen Außergewöhnliches geleistet werden kann. An eine lange kulturgeschichtliche Tradition schließt die Aufführung schon qua ihres Namens an. Der Entzauberung der Seele durch die Naturwissenschaft begegnet Palencia mit einer Mobilisierung der expressiven Kräfte der Seelen-Semantik: "Im Bühnenhintergrund tanzen schwarz gewandete Seelen-Darstellerinnen an Stangen, schmerzkunstvoll um Tote trauernd und dabei in leidvolle Einsamkeit verstrickt. Grau gewandete Kolleg:innen ruckeln ihre Körper morgengymnastisch träge hin und her, erblühen ruckartig, verfallen in irritierte Suchbewegungen und recken Arme offenbarungswillig gen Himmel. Es sind laut Palencia die gerade aus dem Leben verabschiedeten, noch in einem Zwischenreich sich verunsichert orientierenden Figuren - enthusiastisch umwirbelt von fröhlich weiß gewandeten Seelendarsteller:innen, die sich schon zu Hause fühlen im Jenseits, Himmel, Nirvana, Hades, in der Unter-, Neben-, Über-, Nachwelt oder wie auch immer ihre neue, metaphysische Heimat heißen mag. Die Weißen umarmen die Grauen oder kümmern sich im Wortsinne berührend um die Schwarzen, verführen sie auch zu formidablen Pas de deux."

Münchner Volkstheater, Was ihr wollt: Henriette Nagel, Jan Meeno Jürgens, Lorenz Hochmuth © Arno Declair


Darf man Shakespeare so "angespitzt gegenwärtig" aufführen, wie Christian Stückl das im Münchner Volkstheater mit "Was ihr wollt" versucht? Ja man darf, findet Teresa Grenzmann in der FAZ, vor allem, wenn man mit so viel Lust an der boulevardesken und auch sehr bayrisch-krachledernen Übertreibung bei der Sache ist: "Jede Minute dieser gute zwei Stunden dauernden Typenkomödie strotzt vor Situationskomik, ein bayerisches Südseegewitter an Pointen à la 'Inchilliconcarneation des Teufels', das die ohnehin schon zeitgemäße Übersetzung von Jens Roselt noch um ein Vielfältiges ins Sprech der 90er-Jahrgänge auf der Bühne katapultiert. (...) Geht das zu weit? Räkelt sich da etwa der Gewissenswurm auf der pinkfarbenen Plastikcouch im knallroten Waikiki-Beachhüttchen? Ach nee, die Bedenken sind wie feinster Meeressand auf der Oberfläche der allgemeinen Sorglosigkeit: schnell weggeweht. Und der bloßgestellte Malvolio gerät in seiner Selbstgefälligkeit ironischerweise zu so etwas wie dem Inselmaskottchen. Ein Zu-weit-Gegangen gibt es in dieser Inszenierung nicht. Wirbelstürmischer Applaus."

Georg Kasch beschäftigt sich in der nachtkritik mit Dragqueens. Die sind im Zuge jüngerer Kulturkämpfe ins Fadenkreuz homophober Kritiker geraten und zum Lieblingsfeindbild all derer avanciert, die gegen nicht-Eindeutigkeiten im Bereich des Geschlechtlichen polemisieren. Dabei geht es bei Dragqueens gar nicht um Identität, sondern um ein "als ob". Einige jüngere Bühnenarbeiten mit Drag-Bezug zeigen, wie reichhaltig die Szene ist: "Bastian Kraft etwa inszenierte den Andersen-Abend 'Ugly Duckling' am Deutschen Theater Berlin als Drag-Empowerment (und stellte in 'Rusalka' an der Staatsoper Stuttgart den Hauptrollen je einen Dragartist an die Seite). Alain Platel setzte ihrer Kunst, aber auch ihrem Kampf in 'Gardenia' ein melancholisches Denkmal. Und Künstler:innen wie Taylor Mac (etwa in 'Holiday Sauce... Pandemic!'), Olympia Bukkakis und Le Gateau Chocolat (in Tobias Kratzers 'Tannhäuser') weiten mit ihren Bühnenpersonae das Ausdrucks- und Möglichkeitsspektrum des klassischen Dragqueen-Bilds. Anders als bei der Travestie steht bei den Dragqueens nämlich nicht die perfekte Imitation im Vordergrund, sondern eine kreative Explosion der als weiblich gelesenen Äußerlichkeiten mit Verzerrungen, Überbetonungen, Glitches. Und 'schleppen' damit noch ein paar Deutungsangebote mehr mit."

Weitere Artikel: Margarete Affenzeller schreibt im Standard über ein Theaterfestival mit österreichischer Beteiligung im chinesischen Wuzhen. Auch ein Interview mit Festivalleiter Meng Jinghui hat Affenzeller geführt. Ebenfalls im Standard erfahren wir von Katharina Rustler, dass ein von der Künstlergruppe Gelitin gestalteter Brunnen im Stadtteil Sonnwendviertel für Kontroversen sorgt.

Besprochen werden Inszenierungen der Richard-Strauss-Oper "Frau ohne Schatten" an der Staatsoper Stuttgart und der Opéra National de Lyon (FAZ), Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" am Staatstheater Mainz (FR) und Robert Carsens Puccini-Inszenierung "Manon" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2023 - Bühne

Szene aus "Salome" an der Oper Hamburg. Foto: Monika Rittershaus. 


SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist völlig begeistert von Asmik Grigorians Interpretation der "Salome" in einer Inszenierung von Dimitri Tcherniakov an der Staatsoper Hamburg. Sowieso ist diese Aufführung ein Coup, freut sich der Kritiker, genial wie Tcherniakov wieder einmal zeigt, wie "die Menschenpsyche ihre seltsamsten Neurosen austreiben kann. So hat er die 'Salome', der Text stammt von Oscar Wilde, aus der Zeit Jesu in die Moderne versetzt. Zentral ist ihm ein Gedanke: Was auf der Bühne gesungen wird, ist bei ihm nicht nur realer Dialog, es sind immer wieder auch die Gedanken der Partygäste." Angetan hat es dem Kritiker aber vor allem die Salome selbst: "Sie kann girren, locken, zärteln, sie könnte alle und jede haben. Nur der frauenfeindliche Vorzeigeintellektuelle (im Original Johannes der Täufer) ist impotent ihren Verlockungen gegenüber, zynisch lächelt er diese Frau aus seinem Leben. Und die steigert sich, keine kann das derzeit so grandios wie Grigorian, in einen Blut- und Sexrausch hinein, dessen psychischen Exzessen sie selbst erliegt. Exitus und Riesenjubel." FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hat den Abend etwas anders erlebt: "Wie sauber das sorgsam einstudierte Staatsorchester auch spielte, der Aufführung fehlte es an Spannung, Atmosphäre, sensualistischem Zauber." Für Judith von Sternburg ist Grigorian ebenfalls das "Ereignis des Abends", wie sie in der FR versichert.

Weiteres: Philipp Hochmair wird den nächsten "Jedermann" spielen, melden die Feuilletons. In der SZ unterhält er sich mit Christine Dössel. SZ-Kritikerin Dorion Weickmann gratuliert der Choreografin Reinhild Hoffmann zum Achtzigsten.

Besprochen werden Claus Peymanns (zweite) Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (Welt), Walter Barts Inszenierung des Stücks "Die Hundekot-Attacke" (SZ), Johanna Wehners Inszenierung von Bram Stockers "Dracula" am Schauspiel Frankfurt (taz) und Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Heiner Müllers Drama "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2023 - Bühne

Szene aus "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Armin Smailovic.

Ins "Herz der Finsternis" reist Nachtkritikerin Gabi Hift mit Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Heiner Müllers Drama "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin. Genial findet die Kritikerin in diesem Stück über drei Abgesandte der französischen Revolution, die auf Jamaica einen Sklavenaufstand anzetteln wollen, vor allem die "Skullies": "Das sind grausig komische weiße Maskenwesen, Skelette mit langen, schlenkernden Spinnenfingern und riesigen Schädeln, aus deren Mündern braune Zahnstummel ragen. Es sind Geschöpfe des Künstlers Claude Bwendua und ihr Auftritt in diesem Kontext ist ein Geniestreich. Alle mächtigen weißen Figuren sind Scullies, grinsende Tote, die nicht wissen, dass sie längst gestorben sind." Nach der Pause wird das Stück durch den kritischen Kommentar "Psyche 17" des togoischen Autors und Regisseurs Elemawusi Agbédjidji ergänzt. Diese "Kritik an Müllers durch und durch weißem, völlig egozentrischem Blick" findet die Kritikerin völlig berechtigt, leider "kommt der mit seiner eher kabarettistischen Haltung, seinen Kalauern und seiner augenzwinkernden Romantik gegen das Sprachmonster Müller einfach nicht an. Dazu hätte Jan-Christoph Gockel schon im ersten Teil mehr Einfallschneisen für eine kritische Haltung an Müllers genialischer, vitalistischer Großmannssucht schlagen müssen." Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat hingegen einen "fulminanten Doppelabend" erlebt.

Taz
-Kritiker Kornelius Luther hat sich am Theaterhaus Jena mit Walter Barts Inszenierung des Stücks "Die Hundekot-Attacke" gut amüsiert. In der "auf wahren Begebenheiten basierende Stückentwicklung für sechs Personen und einen Dackel" wird auf intelligente Weise die Sensationslust der Kulturwelt auseinandergenommen, so Luther: "Ausgerechnet mit einer Inszenierung, die die Mechanismen des skandalfreudigen Theater- und Kritikbetriebs auf die Schippe nimmt, hat das Ensemble dank des Kot-Wortes als Köder die Aufmerksamkeit, die es verdient."

Weiteres: SZ-Kritiker Egbert Tholl wohnt im Saal der Akademie der Schönen Künste in München einer sehr angeregten Diskussionsrunde zwischen Schauspielern (u.a. Michael Maertens und Wiebke Puls) und Theaterbesuchern über die Ursachen für den "Publikumsschwund" bei. In der FR unterhält sich Sylvia Staude mit der nordirischen Choreografin Oona Doherty.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung des Musicals "Chicago" an der Komischen Oper Berlin (nachtkritik, FAZ, tagesspiegel), Jan Gehlers Inszenierung von "Ajax" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Claus Peymanns (zweite) Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ, FAZ), Jule Krachts Inszenierung von Yasmina Rezas Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels" am Theater Lüneburg (nachtkritik), Johannes Leppers Inszenierung von David Mamets Stück "Die Masken des Teufels" am Staatstheater Wiesdbaden (nachtkritik, FR), Sebastian Nüblings Adaption von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" am Gorki-Theater in Berlin (taz, BlZ), Johanna Wehners Inszenierung von Bram Stockers "Dracula" am Schauspiel Frankfurt (FR) und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Münchner Volkstheater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2023 - Bühne

Sibel Kekilli in "Fremd" am BE. Foto: Moritz Haase


Letztes Jahr erschien Michel Friedmans Buch "Fremd" - Erinnerungen an seine Kindheit als Sohn von Holocaustüberlebenden in Deutschland. Die FR war damals sehr beeindruckt von diesem Band, der auch literarisch eigene Wege ging: ein "atonales Langgedicht" nannte es FR-Kritikerin Judith von Sternburg, die es als einzige für eine überregionale Zeitung besprach. Nun hat es Max Lindemann mit der Schauspielerin Sibel Kekilli auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht. Es war ein besonderer Abend, hält in der taz Sophia Zessnik fest: "Friedmans Text ist nicht nur sehr persönlich, er stellt auch philosophische Fragen zu Zugehörigkeit, Identität und Schuld. Und politisch ist er, das zeigen die Aufnahmen auf der Bühnenwand, die sich mit Kekillis Antlitz abwechseln: fast nostalgische Bilder der BRD in ihrer wirtschaftlichen Hochphase. Dann ein Cut und Bilder von Steine schmeißenden Menschen draußen, verängstigten Menschen drinnen, deren Unterkunft später zu brennen beginnt." Sonja Zekri ist das etwas zu viel, wie sie in der SZ erklärt: "Natürlich muss man den Text nicht zwingend mit Bildern jüdischen Lebens ergänzen, und die historischen Aufnahmen aus Dunkeldeutschland sind gewiss nicht falsch. Aber dass sie den Abend um eine inhaltliche Ebene bereichern, kann man auch nicht sagen."

Jakob Hayner hat Kekilli für die Welt im BE getroffen und fragt: "Eine Frau mit türkischen Eltern, die einen Mann mit jüdischen Eltern spielt, kann man das heute überhaupt noch machen? Kekilli winkt ab, sichtlich genervt von solchen Debatten. Als ob es nur das Eigene und das Fremde gäbe - und nichts dazwischen! Was sie auf der Bühne macht, beschreibt sie mit einem starken Bild: 'Friedman hat mir, was mich sehr freut, dieses literarische Kind anvertraut. Und ich gehe vorsichtig und sensibel mit diesem Kind um - und gebe ihm etwas von mir selbst mit auf den Weg.' Es ist die Utopie einer geteilten Verantwortung ohne Besitzansprüche. Sobald das Kunstwerk auf eigenen Beinen steht, lässt es die starren Identitäten hinter sich."

Besprochen werden außerdem Johanna Wehners Adaption von Bram Stokers "Dracula" für das Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Verdis "Otello" mit Jonas Kaufmann in der Hauptrolle an der Staatsoper Wien (Standard), ein inklusiver "Kaukasischer Kreidekreis" von Helgard Haug und dem Theater Hora im Berliner Hau1 (BlZ), Christian Spucks Choreografie "Bovary" für das Staatsballett Berlin (NZZ) und Strauss' "Elektra" am Mainfranken-Theater Würzburg (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2023 - Bühne

Esther Slevogt unterhält sich für die nachtkritik mit dem israelischen Theatermacher und -lehrer Gad Kaynar Kissinger: "Als allererstes ist es Müdigkeit - Müdigkeit und Resignation darüber, dass das ganze kritische Theater, das es ja einmal gab, nicht geholfen hat, die Situation zu verändern", schreibt er. Palästinensische Theatermacher würden sich nur selten zu den aktuellen Ereignissen äußern: "Ein Doktorant von mir, ein sehr bedeutender palästinensischer Wissenschaftler, Schauspieler und Regisseur, sagt: 'Es ist sehr schwierig, was in diesen Tagen vorgeht. Ich verurteile - wie viele in der palästinensischen Gesellschaft - die barbarischen Taten der Hamas. Andererseits fühle ich mich durch den Hass, der sich jetzt in Israel auch gegen arabische Zivilisten entlädt, in eine Zwickmühle gebracht.' Es gibt auch einige palästinensische Theaterleute, die sich solidarisch zeigen mit ihren jüdischen Kolleginnen und Kollegen, weil sie zusammenarbeiten. Die meisten schweigen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich mich als Linker zu diesem Schweigen verhalten soll."

Szene aus "Keine Sorge (Religion) von Bonn Park. Foto: Thomas Rabsch


Bonn Parks Stück "Keine Sorge (Religion)" am Düsseldorfer Schauspielhaus löst in SZ-Kritiker Alexander Menden wenig aus. Schon das Konzept, den Theaterbesuch "irgendwie liturgisch zu fassen" überzeugt ihn nicht, zumal, wenn er wie in Düsseldorf "zwischen Feierlichkeit und Albernheit" schwankt. "Hauptthemen der anderthalbstündigen para-religiösen Riten sind Beruhigung und Ahnungslosigkeit. Die Botschaft ist: 'Du weißt sehr wenig', das Mantra lautet: 'Keine Sorge. Sorg dich nicht. Sei unbesorgt. Wehe, du sorgst dich!' ... Das 'Wehe, du sorgst dich' und die Aufforderung an die Gemeinde, 'recht fest' das Maul zu halten, sind die einzigen etwas bedrohlichen Elemente, die ja die Würze wahrer Religion sind. Dabei fehlt es nicht an Apokalyptik, aber dieser die echte Dringlichkeit. Wenn der Chor singt 'Wahrscheinlich geht die Welt noch diese Woche unter', klingt das wie eine Rentnerbeschwerde am Kiosk als eine Warnung zur Umkehr. Wer sich im Düsseldorfer Schauspielhaus zum Kichern einfindet, wird auf seine Kosten kommen. Wer Erlösung erwartet, ist falsch."

Weiteres: John von Düffel wird Intendant am E.T.A. Hoffmann-Theater in Bamberg, meldet die SZ. Besprochen werden Romeo Castelluccis Inszenierung des "Rheingolds" an der Oper Brüssel (FAZ) und "(Broken) Bridges" des transnationalen Hamburger Kollektivs Hajusom auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2023 - Bühne

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Sibel Kekili hat Michel Friedmans Buch "Fremd" über das Aufwachsen als jüdisches Kind in Deutschland nach dem Holocaust auf dessen Wunsch hin auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht. Im Zeit-Interview mit Peter Kümmel sprechen beide über Antisemitismus und Rassismus in Deutschland. Friedman: "Ich bin in den Sechzigerjahren als Zehnjähriger nach Deutschland gekommen, in ein durch und durch antisemitisches Land. Ich erlebte das Original des Nachkriegsdeutschlands, mit seiner Verlogenheit, seiner Verklemmtheit, seiner Heuchelei, mit dem Versuch, die Tapeten jede Woche weiß zu übermalen, weil das Braune schon wieder durchkam. Seitdem ich hier lebe, ist der Judenhass immer mehr oder weniger auf dem gleichen Stand - und er ist immer auch in der bürgerlichen Gesellschaft verankert gewesen. Er liegt in allen wissenschaftlichen Untersuchungen zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung." Kekilli ergänzt: "Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung gab es in Deutschland schon immer. Man wollte es nur nicht wahrnehmen. Dazu gehört, dass wir uns nicht als Einwanderungsland sehen, obwohl viele Menschen hierherkamen und beim Aufbau halfen …"

Szene aus "Rheingold". Bild: Monika. Rittershaus
Alle Konventionen von Wagners "Rheingold" werden in Romeo Castelluccis Inszenierung im Brüsseler La Monnaie gesprengt - und das Publikum jubelt, staunt Egbert Tholl in der SZ: "Bevor das berühmte Es-Dur-Wogen erklingt, dreht sich ein Reif, zwei Meter Durchmesser, dreht sich und dreht sich, bis er Schwung verliert und scheppernd zu Boden sinkt. Dann setzt holprig die Musik ein, im Halbdunkel der Bühne werden die goldglänzenden Rheintöchter sichtbar, drei singen, drei sind sanfte Ballettverdopplungen, Alberich ist an einen Stahlträger gekettet, ein hässlicher Zausel mit Schuppenhaut. Eine Wasserwolke sinkt herab, ein goldener Laserstrahl verweist auf das Gold - Castellucci hat sein erstes, faszinierend schönes Bild erschaffen."

Außerdem: In der FAZ wirft Boris Motzki einen Blick auf israelische Gegenwartsdramatik am Beispiel der Dramatikerinnen Yael Ronen und Sivan Ben Yishai, die beide immer wieder am Berliner Gorki-Theater arbeiten. Besprochen wird die Inszenierung "(Broken) Bridges" von Hajusom / Soeurs Doga & Viktor Marek im Hamburger Kampnagel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2023 - Bühne

Sabine Leucht schreibt in der nachtkritik zur Eröffnung des Münchner "Spielart"-Festivals, in der SZ berichtet Egbert Tholl. Die italienische Tänzerin Alessandra Ferri wird ab 2025 Ballettdirektorin des Wiener Staatsballetts, melden FAZ und SZ. Maryam Abu Khaled, Ensemble-Mitglied des Berliner Gorki-Theaters, hat dem Gorki auf Instagram "Einseitigkeit" wegen seiner Israel-Solidarität vorgeworfen, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden "Das 13. Jahr" der Theatergruppe Signa in Hamburg (SZ) und Christian Spucks bisher viel gelobte Choreografie "Madame Bovary" für das Staatsballett Berlin (die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster jedoch ziemlich kalt ließ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2023 - Bühne

Schauspieler Michael Maertens und Regisseur Michael Sturminger werden beim nächsten "Jedermann" in Salzburg nicht dabei sein, meldet Christine Dössel meldet in der SZ. Stattdessen wird es eine ganz neue Inszenierung geben, lesen wir. Für die österreichische Theaterwelt sind diese plötzlichen und überraschenden Absetzungen ein ziemlicher "Knaller", schreibt Dössel. Jürgen Kesting bespricht in der FAZ eine CD Edition zum hundertsten Geburtstag von Maria Callas, die umfangreichste, die es bisher gab.

Besprochen werden Giacomo Puccinis Oper "Madame Butterfly" im Admiralspalast Berlin, aufgeführt vom Nationalen Opern- und Balletttheater Charkiw unter der Leitung von Oleg Orishchenko (tsp), Christian Spucks Ballett-Adaption von Gustave Flauberts "Bovary" (Welt) und Mable Preachs Performance-Projekt "I Am. We Are" im Ballhof Zwei in Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2023 - Bühne

Szene aus "Madame Bovary" am Staatsballett Berlin. Foto: Staatsballett Berlin.

Mit Spannung hat SZ-Kritikerin Dorion Weickmann den Einstand von Christian Spuck am Staatsballett Berlin erwartet. Und er ist nicht enttäuscht! Mit seiner Adaption von "Madame Bovary" zeigt Spuck in sieben Bildern "das Psychogramm einer Frau, deren Begehren sich in Illusionen verfängt und von vornherein zum Scheitern verurteilt ist", so Weickmann. Eine Sensation ist vor allem Weronika Frodyma, die die Bovary tanzt, schwärmt der Kritiker: "Weil Frodyma eine Leuchtkraft entfaltet, die das Innere der Figur erst zu erhellen, dann zu verzehren scheint... Spucks Choreografie rührt an Unsagbarem. Es gelingt ihr dank fein justierter Körperrhetorik. Allein die geballten Fäuste, mit denen Emma jede eheliche Umarmung quittiert! Die orgiastische Verzückung, mit der sie ihre Liebhaber lockt und ihnen zugleich auf den Leim geht, wirkt wie serielles Tantra: ekstatische Posen als Genussverstärker." Auch taz-Kritikerin ist ergriffen von dieser Bovary: "Gegen Ende wird das Spiel von Weronika Frodyma zunehmend differenzierter und ergreifender. Ihr letzter langer Tanz ist der einer Frau, die sich selbst verloren hat und durch eine Wüste bewegt, in der ihr nichts mehr vertraut ist." Im Tagesspiegel bespricht Sandra Luzina das Stück.


Szene aus "Das 13. Jahr" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Erich Goldmann.

Nachtkritiker Michael Laages wird im Stück "Das 13. Jahr" am Schauspielhaus Hamburg in einen Zwölfjährigen verwandelt und taucht ein in ein verwunschenes Dorf weit ab von der Zivilisation. Das dänisch-österreichische Performance-Kollektiv SIGMA hat in einer alten Industriehalle eine Simulation erschaffen, erklärt er: "Zehn Häuser mit winziger Wohnküche und Schlafraum dahinter, gruppiert um eine Art Dorfplatz, in deren Mitte ein Felsblock liegt. Drum herum ist düstre Bergwelt zu erahnen, die immer im Nebel liegt." Die Zuschauer sind Teil der Inszenierung und werden zu einer Gruppe von Kindern, die sich bei einem Schulausflug in das rätselhafte Bergdorf verlaufen und dort von den sichtlich armen Familien gastfreundlich aufgenommen werden, so Laages: "Tatsächlich bekommen wir es mit den Familien zu tun, jeweils vier von uns mit immer nur einer... Immer ist beträchtliche, ja tendenziell gefährliche Spannung zwischen den Familien zu spüren, einige gelten gar als 'böse'." Aber die Simulation fragt vor allem danach, wie es eigentlich mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bestellt ist, meint der Kritiker: "Würden wir denn unsererseits Geflüchtete (...) bei uns aufnehmen? Wohl kaum. Daran zerbricht gerade unser ehedem so friedliches Sozialgefüge."

Besprochen werden Richard Strauss' "Elektra", mit der sich Waltraud Meier in einem "Rosenregen" von der Bühne verabschiedete (Tsp, SZ, FAZ), Nora Schlockers Inszenierung von Yasmina Rezas Monolog "Anne-Marie die Schönheit" am Münchner Residenztheater (FAZ), Stephan Toss' Tanzstück "Don José" am Nationaltheater Mannheim (indem zur Abwechslung mal der Liebhaber aus Bizets "Carmen"-Oper im Mittelpunkt steht, weiß Judith von Sternburg in der FR), Tom Gerbers Inszenierung des Stephen Sondheim Musicals "Follies" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes Film "Amour" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik) und Yair Shermans Inszenierung von Shakespears "Das Wintermärchen" am Theater Freiburg (Nachtkritik).