Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2023 - Bühne

Buddenbrooks - Pujan Sadri, Liliane Amuat; Foto: Sandra Then.


Eine "Einstiegsdroge" für alle, die bisher die Lektüre von Thomas Manns monumentalem Familienepos "Die Buddenbrooks" scheuten , sieht Nachtkritiker Tobias Hell in Bastian Krafts Adaption für das Münchner Residenztheater. Ein historisches Setting gibt es hier nicht, merkt Hell an, aber das tut dieser dichten und unterhaltsamen Inszenierung keinen Abbruch:"Stattdessen erzählt Kraft eine zeitlich nicht näher verortete und gerade dadurch überraschend zeitgemäß wirkende Geschichte über die Konflikte zwischen den Generationen und die Entscheidung zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Gefühlen." Die Bühne wird dementsprechend auch zum die Zeiten überdauernden Familienalbum, in dem die Abgelichteten allerdings nicht brav in ihren Fotos verweilen wollen, freut sich Kraft: "Peter Baur hat für das intime Ambiente des golden verschnörkelte Cuvilliéstheaters einen gleichermaßen nüchternen wie wandelbaren Bühnenraum entworfen, der von rund zwei Dutzend Bilderrahmen dominiert wird, auf denen Video-Designerin Sophie Lux vielsagende Portraits der Familie auftauchen lässt. Mit trügerischer Idylle inszenierte Schnappschüsse, die hin und wieder sogar zum Leben erwachen, um sich mit fordernden Blicken ins Geschehen zu mischen." In der SZ kann Yvonne Poppek den Enthusiasmus nicht so ganz teilen und findet Inszenierung wie Figuren etwas flach, wie Fotos eben. Eine Ausnahme ist für sie Michael Wächter, der den Thomas gibt: "Wächter kommt auch mit zwei Sätzen aus, um eine Figur zu entwerfen, Betonung, Pause, Geste - präzise setzt er die Mittel ein, explodiert in der einen Sekunde, platziert in der anderen nur ätzend das Wort 'so'."

Weiteres: In Bilder und Zeiten der FAZ liest Gerhard Stadelmeier noch einmal Lessings "Nathan der Weise" und kann nur feststellen, wie aktuell dessen humanistische Botschaft immer noch ist: "Man stelle sich vor, man schriebe den 7. Oktober 2023 und einer der muslimischen Palästinenser, die in Gestalt der Hamas-Terroristen über Juden herfallen und 1200 von ihnen töten, schänden, vergewaltigen, massakrieren, einer nur von ihnen fände ein Baby vor, das er nun, obwohl es zu einer anderen, von ihm abgrundtief gehassten Ethnie, Rasse, Religion, was auch immer, gehört, eben nicht zerstückelt und es den Video-Handys zum triumphalen Bilderfraß vorwirft. Und dieser eine, 'denn gnug, es ist ein Mensch', verschonte das Baby und verschonte die anderen auch, die da tanzten, tranken, rauchten, sangen, Musik hörten und einfach nur leben wollten. Dieser eine wenigstens könnte sich einreihen in die stummen 'allerseitigen Umarmungen' am Ende des Dramatischen Gedichts."

Besprochen werden Abel Meirhaeghes Inszenierung "Death Drive" an der Berliner Volkbühne (eine "skurrile Schöpfungsgeschichte", die sich laut Nachtkritikerin Simon Kaempf trotz vieler guter Einfälle "nicht zu Höhen aufschwingen vermag", Christine Wahl schildert die Aufführung im Tagesspiegel als "naiven Spaß" fühlt sich aber trotzdem gut unterhalten.) und Boris Charmatz Tanzstück "Club Amour" im Tanztheater Wuppertal (FAZ) und Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Welt am Sonntag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2023 - Bühne

"Carmen" am Staatstheater Kassel. Foto: Sebastian Hannak.

Eine neue immersive Bühne gibt es im Staatstheater Kassel zu entdecken, freut sich Regine Müller in der taz, die diese Art von Theatererlebnis bei dem Intendant Florian Lutz schon zu schätzen gelernt hat. In der "Antipolis" kann sie "Carmen" sehen - oder besser erleben: "Hat man eine Karte im Bereich 'Antipolis' gebucht, geht man durch den Backstagebereich zur Bühne, zunächst in einen muffigen Raum, wo man vom 'Verfassungsdienst' empfangen und instruiert und zur Spionage in der revolutionär unterwanderten Fabrik aufgefordert wird. Dann darf man auf die Bühne, muss einen blauen Kittel anziehen und ein Haarnetz aufsetzen, denn nun mischt sich das Publikum mit dem Chor und Extrachor in jener Zigarettenfabrik, in der auch die aufmüpfige Carmen arbeitet." Und das gelingt: "Florian Lutz erzählt unverschnörkelt und mit viel Sinn für Situationskomik die Geschichte von Freiheitsliebe, Aufbegehren, Eifersucht und Lebensgier im Milieu von Kleinkriminellen. Dabei geht es lustig zu auf der Bühne, zur Party werden (alkoholfreier) Sekt und Bier gereicht, man darf auch mitschwofen, und die Nähe zu den aufgekratzt spielfreudigen Akteuren macht tatsächlich Spaß, der den musikalischen Substanzverlust durch das weit entfernte Orchester verschmerzen lässt."

Eine "orchestrale Psychoanalyse" erlebt Jan Brachmann in der FAZ im Schlosstheater Potsdam mit den Opern "Blond Eckbert" von Judith Weir und "Acis und Galatea" von Georg Friedrich Händel, die unter der musikalischen Leitung von Justin Doyle zusammen aufgeführt werden: "Der schön timbrierte, farblich schillernde Sopran von Aoife Miskelly als Vogel lockt einen leicht in die Geschichte. Dominik Köninger singt den Eckbert irre und verstört, oft mit nicht genau bestimmbaren Tonhöhen. Heather Lowe legt die Berthe zurückhaltend, fast matt an. Offensiver, wenn auch nicht gespenstisch, agiert Oliver Johnston in der Wiedergängerrolle als Walther, Hugo und alte Frau. Wer die Geschichte nicht kennt und die Übertitel nicht mitlesen kann, wird Schwierigkeiten haben zu folgen. Wer vorbereitet kommt, kann sie aber durchaus genießen, vor allem dank der psychomusikalischen Manipulation, deren Technik Doyle und die Kammerakademie Potsdam gekonnt handhaben." Das ist noch nicht ganz ausgewogen, aber im Ganzen doch recht kurzweilig, befindet der Kritiker: "So ganz erschließt sich auch nicht, warum überwiegend englischsprachige Sänger die deutsche Textfassung des Händel-Enthusiasten und Mozart-Mäzens Gottfried van Swieten singen müssen. Die Textverständlichkeit leidet erheblich darunter. Aber die Liebe zwischen Nymphe und Schäfer wird von Katharina Ruckgaber als Galatea und Sam Furness als Acis ebenso leidenschaftlich wie geschmackvoll ausgespielt."

Besprochen werden: Das Theaterfestival "Ein Stück: Tschechien" im Berliner Theater unterm Dach (FAZ) und "Symmetrie" von Nils Corte und Philipp Löhle am Staatstheater Nürnberg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2023 - Bühne

Szene aus "Andromaque" am Odeon-Theater in Paris. Foto: Simon Gosselin.

Ausgerechnet im klassischen Theater lässt sich möglicherweise etwas über die diversen Schlachtfelder der Gegenwart in der Ukraine und in Gaza lernen, glaubt Joseph Hanimann in der FAZ nach einem Besuch einer Racine-Inszenierung im Pariser Odeon-Theater. Gegeben wurde "Andromaque" unter der Regie von Stéphane Braunschweig, der das für gewöhnlich als feinsinnige Studie über die menschliche Psyche interpretierte Stück ins Posttraumatische wendet: "Pyrrhus tritt mit ungewaschen strähnigem Haar im Kampfanzug auf, sein Palast ist eine einzige große Blutlache. Alle Figuren waten, die geschliffenen Verse Racines rezitierend, knöcheltief in dieser Lache. Das Hin und Her der halbrichtigen Ahnungen und falschen Hoffnungen ist nicht mehr nur ein allgemeines Verwirrspiel der Gefühle, sondern hinter allem Geschehen scheint immerfort die Frage zu stehen: Wie liebt und wie hasst man, wenn man nach einem Krieg noch unter dem Eindruck der Gräuel steht?"
"1984", Berliner Ensemble; v.l. Gerrit Jansen, Paul Herwig, Veit Schubert, Oliver Kraushaar © Jörg Brüggemann


Peter Kümmel schaut sich für die Zeit Luk Percevals Adaption von Orwells "1984" im Berliner Ensemble und Robert Thalheimers Inszenierung von Kafkas "Der Prozess" im Hamburger Thalia Theater an. Während der Thalheimer-Prozess den Kritiker eher kalt lässt, hat Percevals Orwell ein überzeugendes Konzept: "Die vier Schauspieler, die sich die Rolle des 1984-Protagonisten Winston Smith teilen, drängen sich in einem spitzwinkligen, verspiegelten Raum in der Form eines liegenden V (Bühne: Philip Bußmann). Es sind gehetzte, geduckte, blasse, kahle, Brillen tragende, in grauen Anzügen steckende Männer der Masse, wie sie ähnlich in Trickfilmen zu sehen sind, wenn Rushhour-Szenen gezeigt werden. In der Enge ihrer Bühne wirken sie nun, doppelt und dreifach reflektiert, wie eine wimmelnde, vielarmige, seeanemonenhafte Kreatur, die sich dehnt und zusammenzieht in einer ständigen Bewegung des Ausweichens. Dass es vier Männer sind, die sich eine Rolle, einen Text teilen, ist eine willkürliche, nicht weiter begründbare Entscheidung: Es würde qualitativ nichts ändern, wenn es acht oder 16 wären."

Weitere Artikel: Anna Schors unterhält sich in VAN mit Anna Weber, Regisseurin einer "Carmen"-Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2023 - Bühne

Magdalena Kožená als Medea an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Ruth Walz.

Eine "Feier der Textdetails, Zartheiten und Gespinste" erlebt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck mit Peter Sellars Inszenierung der "Médée" an der Staatsoper Unter den Linden. Eine hochkarätige Truppe sieht Brembeck hier versammelt: Simon Rattle dirigiert, das Bühnenbild hat der berühmte Architekt Frank Gehry entworfen. Sellars hat Marc-Antoine Charpentiers Barockoper als modernes Stück über das Leid von Geflüchteten inszeniert, so der Kritiker. Das funktioniert nicht immer gut, findet er, aber Magdalena Kožená als Medea lässt ihn das vergessen: "Während der Jason des Reinoud Van Mechelen mit Siegerstrahlemachotenor seine neue Frau hemmungslos anbaggert und deren Vater Créon mit seiner Militärpotenz betört, ist Magdalena Kožená sanft, verhalten, geradezu unterwürfig. Koženás Stimme verkriecht sich, sie verbietet sich die alte Leidenschaft, mit der sie einst Jason gewonnen hatte. Diese Appeasement-Taktik kann nicht aufgehen, sie tut es auch hier nicht. Darauf zeigt Magdalena Kožená die andere Seite der Medea, die ganz Grausamkeit ist, Harmagedon und Weltumsturz. Wovon andere Frauen in ihrem Liebesleid nur träumen können, das kann Médée Wirklichkeit werden lassen. Denn sie ist gelernte Zauberin, die schlimmsten Mächte der Jenseitswelt gehorchen ihr aufs Wort." Peter Sellars Inszenierungen haben ihre besten Zeiten hinter sich, findet hingegen Manuel Brug in der Welt: "seine hermetischrituellen, kühlstilisierten Arrangements ... sind doch inzwischen ziemlich gestrig."

Weiteres: Eleonore Büning stellt in der NZZ fest, dass der zu Lebzeiten auch durch seine Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick sehr bekannte Komponist György Ligeti, der dieses Jahr seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert hätte, weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Er ist nicht der einzige, meint Büning: "Es ist, als habe sich die Musik des 20. Jahrhunderts, die bis vor kurzem noch als Lackmus-Indikator für Zeitgenossenschaft galt, von Letzterer verabschiedet. Oder umgekehrt: Zeitgenossenschaft ist keine Kategorie mehr für den Musikbetrieb. Eine Inventarisierung hat dort stattgefunden, ein Rückzug aus der Gegenwart zeichnet sich ab."

Besprochen werden Leonard Koppelmans Inszenierung "Die Weihnachtsfeier" im Renaissance-Theater Berlin (tsp), Moritz Ostruschnjaks Choreografie "Trailerpark" am Staatstheater Mainz (FR) und Luke Percevals Adaption von George Orwells Roman "1984" im Berliner Ensemble (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2023 - Bühne

The Silence, Photo: © Gianmarco Bresadola, 2023  


Ins "Herz der Familienfinsternis" reist Nachtkritiker Christian Rakow in Falk Richters Stück "The Silence" an der Schaubühne Berlin. An diesem für den Kritiker sehr eindrücklichen Abend geht es um alles, was nicht gesagt wurde. Falk lässt hier sein schwieriges Aufwachsen Revue passieren, mit einem Vater, der nie darüber spricht, was ihm als Soldat im Zweiten Weltkrieg passierte und einer Mutter, die nicht zuhört. Als schwuler Jugendlicher wird er zusammengeschlagen, darüber reden kann er nicht, weiß Rakow. Diesen "poetischen Gang in die Vergangenheit" tritt auf der Bühne der Schauspieler Dimitrij Schaad an und überzeugt den Kritiker dabei vollkommen: "Dimitrij Schaad als Falk Richter navigiert durch all das mit bestechender Klarheit und sagenhafter Balance: zartbitter im Humor, zurückgenommen in allem Traurigen und Ungereimten, locker den Mantel des Metakommentars reichend, falls doch mal Seelenstriptease droht. Er rahmt die Videos mit dem Erzähltext Richters und mit kleineren Szenen, wenn Richter mit aktuellen oder früheren Geliebten telefoniert oder von einer Therapeutin gecoacht wird."
Auch Rüdiger Schaper schreibt bewegt im Tagesspiegel: "Tief beeindruckt die Szene, in der er dem Vater eine Rede in den Mund legt, die der Sohn gern gehört und die dem Vater vielleicht gutgetan hätte. Aber der hatte die entsetzlichen Kriegserlebnisse tief verschlossen und um seine Seele einen Anker gelegt, der ihn hinabzog."


Momo nach Michael Ende / Regie: Christina Rast / Tanja Merlin Graf
Foto: Robert Schittko

Michael Endes Geschichte von Momo wird nie alt werden, da ist sich FR-Kritikerin Sylvia Staude nach dem Besuch von Christina Rasts Adaption des Buches von 1973 am Schauspiel Frankfurt sicher. Zumindest nicht, solange es die Zeit gibt, so Staude, denn die wollen ihr ja die "Grauen Herren" bekanntermaßen stehlen: "Diese Momo hat himmelblaue Haare und wohnt in einem seltsamen Iglu, der aus Sperrmüll gebaut zu sein scheint (Bühne: Franziska Rast). Drumrum ragt ein großes altes Amphitheater in den Himmel - und schon beginnt eine Geschichte, wonach in diesem Amphitheater einst ein Goldfisch schwamm, der sich aber als Wal entpuppte und einfach nicht golden werden wollte. Eine Pleite. Allerdings kommen Touristen mit Regenbogenhaaren, die sich von Fremdenführer Gigi alles erklären lassen - um dann noch schnell ein Selfie zu machen, was 1973 noch nicht möglich war."

Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Jaromir Weinbergers Oper "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien (Welt), Philipp Stölzls Inszenierung des Musiktheaterstücks "Andersens Erzählungen" im Münchner Residenztheater (FAZ), Peter Sellars Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Oper "Médée" bei den Berliner Barocktagen an der Staatsoper Berlin (nmz, taz) und Lukasz Twarkowskis Inszenierung von "WoW-Word on Wirecard" an den Münchner Kammerspielen (SZ, nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2023 - Bühne

Szene aus "Andersens Erzählungen" am Residenztheater München. Foto: Sandra Then

nmz-Kritiker Wolf-Dieter Peter ist von der ersten Sekunde an verzaubert von Philipp Stölzls Inszenierung des Musiktheaterstücks "Andersens Erzählungen" im Münchner Residenztheater: "Der schwarze Zwischenvorhang hebt sich zu einer Kutschenfahrt auf dem Meeresgrund. Neugierige Fischlein und zauberhaft durchsichtige Quallen umschweben den aufgeschnittenen Innenraum, in dem Andersen mit seinem frierenden Gegenüber, dem 'Mädchen mit den Schwefelhölzchen' plaudert." Nicht nur die herrlich märchenhafte Atmosphäre dieses Stücks über Hans-Christian Andersens Leben entzückt den Kritikern, sondern auch das perfekte gewählte Ensemble: "... etliche Märchenfiguren hin zu den kopfüber hereinschwebenden und dennoch schön singenden Meerschwestern von Laura Richter und Suzanna de Ruiter. Über all ihre reizvollen Porträts hinweg beeindruckte der den realen Fotografien Andersens frappierend ähnliche Moritz Treuenfels - inklusive des immer wieder notwendigen liebedienend unterwürfigen Rundrückens, der schlacksigen Körpersprache und einem nuancierten Sprechen. Ein Schicksal wird hier nahegerückt, anrührend und mitleidend." SZ-Kritikerin Christiane Lutz zückt das Taschentuch, wenn hier die tragische Geschichte der kleinen Meerjungfrau mit Andersens unglücklichen Liebesbeziehungen verknüpft wird. Schön und traurig ist das und zieht dabei alle "Register des Theaterzaubers", schwärmt die Kritikerin. 

Szene aus "Schwanda-der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien. Foto:Matthias Baus.

Vorbei mit dem Märchen ist es hingegen in Tobias Kratzers Inszenierung von Jaromir Weinbergers Oper "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien - und das ist hervorragend, freut sich Egbert Tholl in der SZ. Weinbergers Oper feierte Ende der 1920er Jahre enorme Erfolge, bis zur Machtergreifung der Nazis - und der Komponist fliehen musste. Eigentlich basiert diese Geschichte von Schwanda, der sich mit dem Räuber Babinsky, dem geheimen Liebhaber seiner Frau, zu einer Reise in die Unterwelt aufmacht, auf tschechischen Märchen - bei Kratzer ist davon aber nicht mehr viel zu spüren, meint Tholl: "Es gibt immer noch eine Eiskönigin und einen (nicht sonderlich effizienten) Teufel, aber unter der Kuscheldecke der Gemütlichkeit zieht Kratzer ein dunkles Sehnen, Begierden, Abgründe hervor." Vollständig eingenommen ist der Kritiker vom Orchester unter der Leitung von Petr Popelka: Niemand "kann sich diesem Gleißen und Funkeln entziehen, der ganze Raum wird Klang, und Odzemek, Polka, Furiant, die tschechischen Tänze und alle anderen Derivate von Volksmusik, von denen Weinberger eine Überfülle in seine Partitur stopfte, erhalten eine helle, silbrige Härte. Das Sediment blubbert nur noch in exakt kalkulierten Dosen hoch, etwa beim mehrfach wiederkehrenden Lied Dorotas, in dem sie Heimat und kleines Glück besingt."

Kratzer hat sich bei der Inszenierung von Arthur Schnitzlers erotischen Fantasiewelten aus der "Traumnovelle" inspirieren lassen, verrät FAZ-Kritiker Reinhard Kager: "Dementsprechend sexuell aufgeladen ist vor allem die Szene in der Hölle, wo Babinsky mit dem Teufel (ebenso imposant gesungen wie dargestellt von Krešimir Stražanac) in einem Kartenspiel auf dem nackten Körper einer Frau um Schwandas Seele pokert. Nach Babinskys ergaunertem Sieg verwandelt sich die trostlose Kellerbar in eine Art Lusthöhle, in der sich, überblendet von Videoaufnahmen, Halbnackte oder Latexbekleidete tummeln." In der nmz bespricht Joachim Lange das Stück.

Weiteres: Simon Strauß schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Berliner Theaterarzt Hartmut Rühl. In der FAZ meldet Kerstin Holm, dass der Intendant des Moskauer Bolschoi-Theaters, Wladimir Urin, von seinem Amt zurücktreten musste, wohl weil er kurz nach dem Beginn der Invasion in der Ukraine einen offenen Brief gegen den Ukrainekrieg unterzeichnete. Nachfolger soll auf Putins "persönlichen Wunsch" hin Valery Gergiev, jetziger Intendant des Petersburger Mariinsky-Theaters, werden. Egberth Tholl porträtiert in der SZ die Sopranistin Vera-Lotte Boecker.

Besprochen werden Luke Percevals Adaption von George Orwells Roman "1984" im Berliner Ensemble (tsp, nachtkritik, FAZ, BlZ), Ewan Jones Inszenierung des Musicals "Something rotten" am English Theatre Frankfurt (FR), Martina Drostes Inszenierung des Jugendtheaterstücks "Deine Kämpfe - meine Kämpfe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Martin Kušejs Inszenierung von Molières "Menschenfeind" am Wiener Burgtheaters (SZ, nachtkritik), in einer Doppelbesprechung William Forsythes Choreografie "Friends of Forsythe" am ZKM in Karlsruhe und Ioannis Mandafounis' Performance "A la carte" im Bockenheimer Depot (SZ), Jette Steckels Inszenierung von Kleists "Prinz von Homburg" an der Berliner Schaubühne (Welt), Paul Kubelkas Inszenierung von "Bis nächsten Freitag" am Wiener Theater in der Josefstadt (FAZ), Michael Thalheimers Adaption von Kafkas "Der Prozess" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik), Carl Philip von Maldeghems Inszenierung von "Die Erfindung der Demokratie - Der vergessene Teil der Orestie", einer Neufassung von Aischylos' Tragödie die "Eumeniden" am Salzburger Landestheater (nachtkritik), Nils Cortes Inszenierung des digitalen Theaterstücks "Symmetrie" im XRT am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2023 - Bühne

Szene aus "Wir wissen, wir könnten und fallen synchron" Foto: Markus Bachmann.

Die "Geschichte einer Heilung" sieht Nachtkritiker Gerhard Preußer mit "Wir wissen, wir könnten und fallen synchron" am Theater Bonn. Emel Aydogdu hat das Stück über eine Teenagerin, die an Bulimie erkrankt, nach dem Roman von Yade Yasemin Önder inszeniert und das ist ihr, findet Preußer, durchaus gelungen: "Die eindringlichsten Momente sind in der Mitte der Inszenierung, wenn die Hauptfigur (wie sie sich selber nennt) Halt sucht in der krankhaften Struktur der Bulimie: ein zuckender Tanz mit autoaggressiven Gesten, dann werden die Gesichter der Darsteller:innen live in Großaufnahme projiziert, während kleine gelbe Puppenhände an ihren Mündern zerren. Dazu läuft ein Song: 'Surrounded by a shield'. Die Sucht als selbstzerstörerischer Schutz. Im Hintergrund der Bühne (Ausstattung: Eva Lochner) steht ein riesiger Mund mit langer roter Zunge, die auch eine Rutschbahn ist. Dieses verschlingende und erbrechende Monster hat sechs lange, weiche Arme und umschlingt die gesamte Bühne. Das vieldeutige plastische Symbol ist auch die Liebe des abwesenden Vaters, die zugleich weiterwirkt, behindert und doch fehlt. Auch die verbal nur angedeutete Auseinandersetzung mit der Mutter wird ausagiert zu einer minutenlangen, stilisierten Dreier-Keilerei."

Besprochen werden Peter Kastenmüllers Inszenierung "Das Leben ist unaufhaltsam" am Theater Basel (nachtkritik), Christiane Pohles Inszenierung "Schmerz Camp" am Theater Bremen (nachtkritik), Rosetta Cucchis Inszenierung von Marco Tutinos Oper "La Ciociara" und Ella Marchments Inszenierung von Camille Erlangers Oper "Le juif polonais" beim Wexford Opera Festival (FAZ), die Wiederaufnahme des Monthy-Python Musicals "Spamalot" am Broadway (SZ) und die Choreografie "Geteilter Abend" von Verena Billinger und Sebastian Schulz beim Tanzfestival Rhein-Main (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2023 - Bühne

Györgi Ligetis "Le Grand Macabre" erlebt gerade eine ziemliche Konjuktur, jetzt wird die Oper auch an der Wiener Staatsoper aufgeführt, inszeniert von Jan Lauwers, freut sich Alexander Keuk in der Neuen Musikzeitung: "Überzeichnung gerät bei Lauwers lustvoll und fast schon auf eine natürliche Art und Weise, während der Beginn, als tatsächlich zum von Ligeti erfundenen 'Breughelland' auf der Bühne die Breughels Gemälde als Raumelemente erscheinen, kurze Angst vor klassischen Missverständnissen bekommt. Doch da Lauwers stark visuell mit Körpern und Bewegung arbeitet und sich Ligetis schillernde Partitur samt einem exzellenten Sängerensemble dazugesellt, entsteht dieser spezielle Wiener Weltuntergang als performatives Gesamtkunstwerk - und zwar nicht mit der humorpolternden Brechstange, sondern subtil, mit erschreckender Präzision." Eleonore Büning vergleicht die Wiener Inszenierung von Ligetis "Le Grand Macabre" mit der an der Frankfurter Oper (VAN).

DFDC: À la carte. Foto: Dominik Mentzos.
"Wer könnte einem solchen Werben widerstehen?", fragt Sylvia Staude in der FR angesichts der "Charmeoffensive" der Dresden Frankfurt Dance Company, die mit "À la carte" im Bockenheimer Depot zum ersten Mal unter der Leitung des Choreografen Ioannis Mandafounis auftritt: "Nicht länger als eine gute Stunde dauert 'À la Carte', selbst bei Schlagzeug- und vollem Körper-Einsatz ist es leicht wie ein Soufflé. Und eine herzliche Einladung, sich auf den neuen Tanzchef und sein famoses Ensemble einzulassen - eigentlich ist kaum zu befürchten, dass diejenigen, die seit Forsythes Ballett dem Tanz verfallen sind, sich dieser Einladung verschließen werden."

Einer "niemanden irritierenden, aber auch keinen herausfordernden Wagner-Zurichtung" wohnt Manuel Brug beim "Lohengrin" in der Inszenierung von Christof Loy an der National Opera in Amsterdam bei. Es "wird ziemlich brav am Libretto lang inszeniert. Die Musik, die das Nederlands Philharmonisch Orkest unter Lorenzo Viotti volltönend und strukturklar produziert, kapellmeisterlich glatt, sehr gut reproduziert, aber mit wenig interpretatorischem Eigensinn aufgeladen. Viotti, bei dem man immer noch nicht genau sagen kann, ob er Dirigent ist oder nur Instagram-verliebter Dirigentendarsteller, dirigiert seinen ersten Wagner professionell, nicht viel mehr. Er hält auf seiner beherzten Entdeckung der 'Lohengrin'-Langsamkeit gekonnt zusammen, viele Blicke für die Sänger hat er nicht übrig. So ähnlich inszeniert diesmal Loy, mit großer Allfresco-Geste in den Tableaux, die durch zehn meist nur ungläubig erstaunt herumeilende Tänzer Bewegung vortäuschend aufgelockert werden, gekonnt feinzeichnende, intimere Momente, die aber weder über Elsa und Lohengrin noch über Ortud und Telramund wirklich Neues erzählen."

Besprochen werden: Die Kinderoper "Nils Holgersson" an der Komischen Oper Berlin und "Tannhäuser" und "Der fliegende Holländer" an der Deutschen Oper Berlin in einer Doppelbesprechung (VAN).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2023 - Bühne

Szene aus "Prinz Friedrich von Homburg". Foto: Armin Smailovic

Einen "starken Kommentar ins Reale hinein" sieht taz-Kritikerin Kathrin Kollmann mit Jette Steckels Inszenierung von Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" an der Berliner Schaubühne. Wie die Regisseurin die Handlung des preußischen Kriegsdramas in die Gegenwart holt, funktioniert gut, nickt Kollmann und denkt "beim Anblick der schwarzen Bühnenrampe unwillkürlich an die Schwarzerde der Ukraine." Die Aufführung bleibt nah am Original, nur am Ende greift Steckel stark ein: Ihr Prinz darf nicht einfach in Ohnmacht fallen, so die nachhaltig beeindruckte Kritikerin, dem Todesurteil zwar entronnen, erschießt er sich ganz am Ende: "Renato Schuch stattet seinen Homburg mit einer berührenden Fragilität aus. Wenn er geht, scheint es, als würde ihn eine unsichtbare Last nach unten drücken. Sein Homburg steht für den Menschen, der in den Krieg geworfen wird und versucht Mensch zu bleiben. Mit dem Blick eines gehetzten Tieres exerziert er und führt alle vor, die am Krieg nicht verrückt werden. Trotzdem fährt er einen Sieg ein, weil er schnell und richtig reagiert hat, und wird für sein eigenmächtiges Handeln zum Tode verurteilt. Da rollt er sich wie ein übergroßer Embryo ein in den Schoß der Kurfürstin."

FAZ-Kritiker Simon Strauß kann hingegen nur den Kopf schütteln: "Bis auf das drastische Anfangsbild wirken die von vielen Blacks getrennten und mit melodischer Musik unterlegten Soldatenszenen arglos, fast leichtfertig." Völlig unangebracht in dieser Zeit, wo der Krieg doch so nah und real ist, findet Strauß: "Es wird viel laut und schwer geatmet, viel Kleidung an- und ausgezogen, und ein paarmal geht im Zuschauerraum auch plötzlich das Licht an. Aber vom zerstörerischen Eindruck des Krieges auf den menschlichen Geist, vielleicht sogar auf seine Seele wird so wenig spürbar." Peter Laudenbach bemängelt in der SZ fehlende Subtilität und zum Teil unfreiwillige Komik. Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl das Stück, bei Nachtkritik schreibt Elena Philipp. 

Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (Welt) und Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2023 - Bühne

Mit dem Bühnenbild der Inszenierung der György-Ligeti-Oper "Le Grand Macabre" an der Wiener Staatsoper kann sich Reinhard Kager in der FAZ zwar nicht anfreunden. Musikalisch wird hingegen einiges geboten: "Pablo Heras-Casado, einer der seltenen Dirigenten, der sowohl in der Alten als auch in der Neuen Musik bewandert ist, hat das Wiener Staatsopernorchester fest im Griff und sorgt nicht nur für rhythmische Prägnanz, sondern auch für die nötige Transparenz, um den strukturellen Komponenten von Ligetis vielschichtiger Partitur folgen zu können. (...) Außerordentlich gelingt auch Georg Nigl die Gestaltung der Titelpartie des Nekrotzar. Obgleich die Rolle sonst oft mit dunklen Bassbaritonen besetzt wird, schafft es der hell timbrierte österreichische Bariton, mit exaltiertem Changieren zwischen Gesang und Sprechgesang die Überspanntheit dieser zwiespältig-schrillen Figur zu vermitteln. In seinem seidenen Schlafrock könnte dieser Nekrotzar auch aus einer psychiatrischen Anstalt entflohen sein."

Im Tagesspiegel portraitiert Sandra Luzina die Choreografin Ligia Lewis, der das Berliner HAU eine Werkschau widmet. Lewis, die in der Dominikanischen Republik geboren wurde und in Florida aufwuchs, "geht immer von politischen Fragen aus, doch ihre Stücke sind keine simplen politischen Statements. Sie zeichnen sich durch ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aus Bewegung, Text, Musik und Licht aus und tendieren oft ins Fantastische und Surrealistische. Ein dunkler Humor und auch Nonsense durchziehen ihre Imaginationen. Zudem finden sich zahlreiche Referenzen an die europäische Tanz- und Theatergeschichte; aber Lewis transformiert das Material aus einer Schwarzen Perspektive." Die aktuelle Arbeit "A Plot / A Scandal" "ist eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Kapitalismus. Lewis begibt sich auf die Spuren ihrer Ururgroßmutter, die um 1900 in Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik, geboren wurde. Sie praktizierte Voodoo, obwohl die weißen Kolonialherren das verboten hatten. Zudem besaß sie als Schwarze Frau ein Stück Land, was damals als skandalös galt."

Weitere Artikel: Für die taz Nord interviewt Katrin Ullmann Kerstin Evert und Uta Meyer, die Leiterinnen des Netzwerks "Explore Dance". In der nachtkritik denkt Michael Wolf über das Verhältnis von Politik und Theater als Form nach. Im Standard ist zu lesen, dass nächstes Jahr Verdis "Aida" in die burgenländische Oper im Steinbruch zurückkehrt.

Besprochen wird eine "Carmen"-Inszenierung im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin (nmz).