Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3754 Presseschau-Absätze - Seite 75 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2024 - Film

Der Rest der Welt als Störsignal: "Im letzten Sommer" von Catherine Breillat

Eine Anwältin hat eine Affäre mit ihrem 17-jährigen Stiefsohn - willkommen in "Im letzten Sommer", dem neuen Film von Catherine Breillat, die auf abgründige Liebesgeschichten spezialisiert ist. SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier fühlt sich von diesem Film bestrickend angekantet: Er ist "teilweise so kühl und spröde, dass der Film sich kaum darum schert, irgendwem zu gefallen. Trotzdem oder genau deswegen, verfällt man ihm gnadenlos." Zumal die Sexszenen "außergewöhnlich sind. Wir sehen nicht das übliche Gebalge und Gestöhne, sondern durch die Körper hindurch. Ein ekstatisch durchgestreckter Hals wird zur Brücke in ein Reich des Begehrens." Auch Bert Rebhandl vom Standard ist sehr angetan: "Was ist Wahrheit, wer hat die Macht, seine Version durchzusetzen? All das spielt 'L'été dernier' bis zu einem angemessen offenen Ende virtuos durch." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte winkt hingegen ab: "Halbherzig bleibt die Sache schon".

Breillats "Filme zeigen genug Welt, um uns einen Abgleich mit unserer eigenen Lebenswelt zu erlauben - aber nicht mehr", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Sie betten den Sex in den Fluss des Alltags ein, in diesem Fall in die Routinen einer ökonomisch saturierten Patchworkfamilie", doch "anders als viele andere in einem konventionelleren Sinn freizügige französische Alltagsdramen ordnen sie ihn diesem Fluss nicht unter. Schon mit Théos erstem Auftritt, wenn er faunartig, mit nacktem Oberkörper an einem Türrahmen lehnt, ist es um Anne geschehen. Fortan gibt es keinen Fluss des Alltags mehr, nur noch eine Kaskade der Blicke und Berührungen, die den Rest der Welt zum bloßen Störsignal degradieren. Breillat weigert sich, das Sexuelle auf einen bloßen Bestandteil der sozialen Realität neben anderen zurecht zu schrumpfen. Auch als gebrochenes bleibt das Tabu in ihren Filmen in gewisser Weise in Kraft, es insistiert als ein obsessiver Rest, der sich den Trägheitskräften, dem Drift in Richtung Normalisierung widersetzt."

Im Filmdienst-Gespräch mit Michael Ranze erklärt Breillat das Programm ihrer Filmografie: An der Abschaffung von Tabus sei ihr nicht gelegen, sondern sie zeige "Tabuüberschreitungen, damit man sie sehen kann, um feststellen zu können, warum sie verboten wurden, ob es nötig war, sie zu verbieten. Ich gehe auch immer von der Überzeugung aus: Um sich selbst erkennen zu können, muss man sich wiedererkennen können, das heißt, man muss in seiner Ganzheit dargestellt und erfasst werden. Im Film wird alles, was mit Sexualität zu tun hat, quasi an den Pornofilm relegiert. Dort soll sie aufgehoben sein. Im Spielfilm spielt die Sexualität des Menschen keine Rolle. Im Porno haben wir Sex ohne Seele, Haut ohne Seele, Geschlechtsteile ohne Seele. Im Spielfilm fehlt dieser Aspekt der menschlichen Identität, die zu uns gehört. Es ist eine Verpflichtung, diese beiden Bereiche wieder zu versöhnen und den Menschen in seiner Komplexität, in jeglichem Aspekt der Sexualität, zu erfassen und darzustellen."

Besprochen werden Kitty Greens Thriller "The Royal Hotel" (Perlentaucher, FAZ, taz), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (FR), C.J. Obasis nigerianischer Thriller "Mami Wata" (Tsp, FD, mehr dazu bereits hier), Thomas Cailleys Arthouse-Fantasyfilm "Animalia" (Standard), der Actionfilm "The Beekeeper" mit Jason Statham (taz) und die Arte-Doku "Kim Kardashian Theory" (taz), Außerdem verrät die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Der Filmdienst gibt hier einen Überblick über alle Kinostarts mit allen Filmkritiken.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2024 - Film

Das Schwarzweiß ist zutiefst politisch: "Mami Wata" von C.J. Obasi

C. J. Obasis nigerianischer Thriller "Mami Wata" gehört für tazler Fabian Tietke zu den "visuell beeindruckendsten Filmen des letzten Jahres". Das hochkontrastive Schwarzweiß des Films ist dabei kein bloßer Selbstzweck, sondern "hat gleich mehrere Funktionen: Erstens entrückt es die Handlung in eine mystische Sphäre und unterstreicht den allegorischen Charakter des Films. Zweitens greift der Film in seiner Bildsprache auch filmische Traditionen von den Anfängen des afrikanischen Kinos nach der Unabhängigkeit auf, zugleich verweist Obasi aber in einem Interview mit dem Branchenblatt Screen Daily auf Bildtraditionen des Weltkinos wie die Filme von Akira Kurosawa. Drittens ist die Wahl des Schwarz-Weiß auch ein Ausweichmanöver: Denn bis heute basieren gängige Farbverfahren im Film auf Standardisierungen aus der Zeit des Analogfilms, die in erster Linie mit Blick darauf entwickelt wurden, weiße Körper leinwandwirksam abzubilden. Das Schwarz-Weiß der Bilder, die Obasi und Soares für ihren Film entwickelt haben, ist also zutiefst politisch."

"Als Massenmedium und kollektive Kunstform des 20. Jahrhunderts ist das Kino vielleicht gestorben", sagt der Filmemacher Nicolas Windig Refn, der in letzter Zeit vor allem Serien und zuletzt einen viertelstündigen Kunstfilm für Prada gedreht hat, im SZ-Gespräch. Aber in "neuen Formaten" sei es doch "wiederauferstanden", gibt er selig zu Protokoll: "Das Kino ist heute sehr lebendig, in einem radioaktiven Sinne. Es ist überall um uns herum und in uns, in unseren Genen, unserem Blut. ... Am Ende des Tages verkörpert Kino etwas, was nie verschwinden wird: das Vergnügen an einer gemeinsamen Erfahrung." Nur "Content ist unser Untergang in einer untergehenden Welt. Dabei können gerade Filme die Grenzen der Netzhaut überwinden, in den Geist eindringen! Aber dazu müssen sie erst einmal verletzen, Spuren hinterlassen, Stillstand und Schweigen können uns verletzen. Wenn wir uns hier zwanzig Minuten anschweigen würden, wäre das hochinteressant."

Außerdem: Die Signa-Pleite hat auch Folgen für den Hedy-Lamarr-Nachlass, berichtet Olga Kronsteiner im Standard. Jan Küveler resümiert für die Welt die Golden-Globes-Verleihung. Besprochen werden Garth Davis' "Enemy" mit Saoirse Ronan (Standard), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (FD), die ARD-Doku "Beckenbauer" (ZeitOnline) und die Marvel-Serie "Echo" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2024 - Film

Für Zeit Online reitet Jens Balzer durch die äußerst bewegte Frühgeschichte der Micky Maus, deren erste Version aus dem Jahr 1928 ja nun gemeinfrei wurde, nachdem der Disneykonzern in den Jahrzehnten zuvor immer wieder Lobbyarbeit betrieb, damit die US-Urheberrechtsgesetze zu eigenen Gunsten verschärft und Fristen verlängert werden. Durchaus pikant daran: "Die gesamte Geschichte der Disney-Kultur ist eine Geschichte der Aneignungen, Fakes und Simulationen. Der prominente US-amerikanische Juraprofessor Lawrence Lessig hat darum schon vor über 20 Jahren gefordert, ihr Beispiel zu einer umfassenden Revision des restriktiven Urheberrechts zu benutzen. Fast alles, worauf der Erfolg der Disney-Comics und -Filme gründet, habe sich aus fremden Quellen gespeist, schrieb Lessig 2004 in seinem Buch 'Free Culture'. Das gilt für die abendfüllenden Filme, 'Schneewittchen', 'Pinocchio', 'Bambi', 'Cinderella', 'Alice in Wonderland' und so weiter, es gilt aber auch schon für den allerersten Micky-Maus-Film: Denn 'Steamboat Willie' ist tatsächlich nichts anderes als eine Zeichentrickversion des kurz vorher, im Mai 1928, erschienenen Buster-Keaton-Films 'Steamboat Bill, Jr'. Wie kann ein Konzern das Urheberrecht für Schöpfungen beanspruchen, die ihrerseits nichts anderes sind als geklaut?"

Außerdem: Bei den Streamingdiensten tut sich was, fällt Eva Keller in der taz auf: Seit eingeblendete Werbespots in der Netflix-Bilanz immer wichtiger werden, wird auch immer schneller gecancelt, was keinen Umsatz bringt - 2023 sollen demnach die Eigenproduktionen um 16 Prozent zurückgegangen sein. Matthias Kalle (Zeit Online) und Jürgen Schmieder (SZ) resümieren die Golden-Globes-Verleihung.

Besprochen werden Hayao Miyazakis "Der Junge und der Reiher" (Presse, unsere Kritik), die Riesenmonster-Serie "Monarch" auf Apple (FAZ), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (Standard) und eine ARD-Doku über den gestern verstorbenen Franz Beckenbauer (TA, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2024 - Film

Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls", für den sie für einen Golden Globe nominiert war

In den USA wurden die Golden Globes verliehen. Als bester Film wurde Christopher Nolans "Oppenheimer" ausgezeichnet. Sandra Hüller konnte ihren sagenhaften Run in den letzten zwölf Monaten leider nicht mit einer Auszeichnung krönen: Der Golden Globe in der Kategorie "beste Schauspielerin / Drama" ging an Lily Gladstone aus "Killers of the Flower Moon" (hier alle Nominierten und Gewinner). Tags zuvor hatte der US-Verband der Filmkritik Hüller als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Auf Zeit Online verneigt sich Georg Seeßlen mit einem Essay vor der deutschen Schauspielerin: Sie "besitzt ein Gespür für Timing, Aktion - Verzögerung - Reaktion, ihre Bewegungsmelodie erzeugt Räumlichkeit, wo weniger begabte Schauspielerinnen nur vor der Kamera Texte aufsagen würden. Sie beherrscht die Kunst der Ambivalenz und die Balance zwischen dem Erklärten und dem Rätselhaften, die physiognomischen Skizzen von Bruch und Widersprüchlichkeit; bei Sandra Hüller können in einer Mimik Begehren und Abscheu, Zärtlichkeit und Bosheit, soziale Maske und menschlicher Abgrund sichtbar werden, schließlich der natürliche Flow, mit dem auch Grenzüberschreitungen möglich sind: Nacktheit, Gewalt, Schmerz, Verzweiflung, Demütigung, Zorn. All diese Empfindungen, für die man ins Kino geht. ... Mit Sandra Hüller gibt es Exkursionen ins Innere wie ins Äußere der Frauen in der post-feministischen, post-demokratischen und post-progressistischen Zeit nach Wiedervereinigung, Millennium und Krise. Es ist die Frau, die als Opfer wie als Täterin, und oft genug als beides zugleich, die Lieblosigkeit, die Ernüchterung, die Verzweiflung dieser Tage ausdrückt."

Außerdem: Im Dlf-Feature erinnert Daniel Guthmann an den vor 30 Jahren verstorbenen Filmemacher Sergei Paradschanow. Besprochen werden die Netflix-Serie "The Brothers Sun" mit Oscarpreisträgerin Michelle Yeoh (Zeit Online), Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (Jungle World) und neue, auf Netflix gezeigte Comedy-Specials von Ricky Gervais und Dave Chappelle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2024 - Film

Szene aus "Slowo Panza"


Artur Weigandt blickt für die FAZ auf den osteuropäischen Erfolg der russischen Serie "Slowo Pazana", die das kriminelle und gewalttätige Treiben von Jugendbanden in der Sowjetunion Ende der Achtziger zum Thema hat. Sogar in der Ukraine findet die Serie Anklang, allerdings weniger bei den russischen Behörden: "Straßenkämpfe wie in Kasan waren in der Spätphase der Sowjetunion nicht nur für russische Industriestädte typisch, sondern auch für ukrainische. Daher fühlen sich viele ältere Ukrainer durch 'Slowo Pazana' an ihre Jugend erinnert. Jüngere und gebildetere Ukrainer hingegen, die alles Sowjetische ablehnen, tadeln diese 'Romantisierung' der Vergangenheit und verlangen in den sozialen Medien, die Serie zu boykottieren. Darin stimmen sie ironischerweise mit einigen russischen Amtspersonen überein, etwa der Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Familienfragen, Nina Ostanina und der Beauftragten für Kinderrechte in Tatarstan, Irina Wolynez, die sich an die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor mit der Forderung wandten, die Erfolgsserie zu verbieten, weil sie widerrechtliches Verhalten und Jargonsprache verherrliche."

Vorsicht, sexistisch. Sean Connery als James Bond


Jan Küveler ärgert sich in der Welt darüber, dass das British Film Institute James-Bond-Filmen künftig einen Warnhinweis voranstellt, dass die Filme mitunter rassistische und andere Stereotype enthalten. "Nun könnte man, wie immer, wenn es um Trigger-Warnung geht, einwenden, man habe es hier nun mal mit Geschichte zu tun, im doppelten Sinn von Fiktion und Historie. Das fiktionale Wesen der Filme führt die Rechtfertigung des BFI ad absurdum, man 'teile die Ansichten' des Gezeigten nicht; Filme haben keine Ansichten, sie erzählen Geschichten, auf die sich jeder seinen eigenen Reim machen kann. Und dass wir die Vergangenheit nicht an den Maßstäben der Gegenwart messen sollten, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. ... Ein Vorschlag zur Güte wäre, zur besten Sendezeit, auf der Google-Frontpage oder meinetwegen auch per in den Himmel geschriebenen Buchstaben ein für alle Mal zu erklären, dass die Beschäftigung mit Geschichte etwas Verstörendes haben kann, aber auch Lehrreiches und Belustigendes." Ob sich Küveler vergleichbar darüber aufregt, dass in Deutschland Spielfilme seit Jahrzehnten mittels Indizierung und Beschlagnahmung tatsächlich aus dem Verkehr gezogen und nicht nur mit einem harmlosen Warnhinweis versehen werden, ist leider nicht bekannt.

Alexander Gutzmer feiert in der FAZ (Bilder und Zeiten) die "Sopranos", die heute vor 25 Jahren erstmals auf Sendung gingen, und mit denen ihr Macher David Chase eine "fernsehkulturelle Revolution" ausrief: Die Serie habe "erst das möglich gemacht, was für uns heute selbstverständlich ist: eine neue Art komplexen und vielschichtigen Erzählens in Serienform", aber "vor allem hat sie eine neue Erzählstrategie etabliert, um Raum (städtischen, ländlichen oder vorstädtischen) zu inszenieren und als zentralen Ankerpunkt in eine Serie einzubauen. ... In gewisser Hinsicht hat Chase durch die 'Sopranos' schlicht ein Potential entdeckt, das dem Serienformat inhärent innewohnt: nämlich gesichtslose Landschaften und räumliche Strukturen zu inszenieren, die mit unseren klassischen Metropolen nichts zu tun haben. Landschaften, in denen die räumlichen Hierarchien von Metropolen wie New York, Chicago, Paris oder Berlin nichts gelten. Diese Raumstrukturen haben keine repräsentativen Zentren, stellen keine bewussten städtebaulichen Kompositionen dar. Sie sind raumplanerische Desaster und werden dominiert von dem, was der Soziologe Marc Augé 'Nicht-Orte' nannte."

Außerdem: Michael Kienzl wirft im Filmdienst einen optimistischen Blick aufs Programm des Kinojahrs 2024. Florian Weigl resümiert für critic.de das Hamburger Cinefest, das sich in diesem Jahr dem deutschen Musikfilm gewidmet hat. Martin Walder erinnert in der NZZ an den Schweizer Filmproduzenten Lazar Wechsler, der vor 100 Jahren die Zürcher Produktionsfirma Praesens gegründet hat. In der Literarischen Welt erzählt Georg Stefan Troller von seiner Begegnung mit dem französischen Filmarchivar Henri Langlois. Michèle Binswanger vom Tages-Anzeiger fühlt sich bevormundet davon, dass das Westschweizer Fernsehen nach jüngsten Vorwürfen gegen Gérard Depardieu Filme mit ihm aus dem Programm nimmt. Nikolas Lütjens schreibt im Tagesanzeiger zum Tod des Schauspielers David Soul. Daniel Kothenschulte schreibt in der FR einen Nachruf auf die Schauspielerin Glynis Johns. Besprochen wird J. A. Bayonas auf Netflix gezeigtes Survivaldrama "Die Schneegesellschaft" (Standard, Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2024 - Film

Im taz-Gespräch prangert die Regisseurin und Drehbuchautorin Katharina Mückstein die Dominanz von Männern in der Filmproduktion an: "Bestimmte Erfahrungen sind an einen Körper gebunden und in die Erfahrungsgeschichte eines Menschen eingeschrieben. Daraus entsteht eine Perspektive, die eine andere Person nicht haben kann. Perspektiven, die nicht jenen weißer, oftmals wohlhabender Hetero-Männer entsprechen, sind in unserer Kulturgeschichte marginalisiert. ... Das Problem beginnt bei der Ausbildung und bei Chancengleichheit in der Gesellschaft: Wer kann es sich leisten, einen künstlerischen Beruf auszuüben? Schon von Anfang an findet ein klassistischer Ausschluss statt. Dann die Frage: Wer unterrichtet Film? Wie sieht der Kanon im Unterricht aus? ... Es bräuchte eine Veränderung der Arbeitsstrukturen. Elternschaft und Filmberuf dürfen einander nicht ausschließen. Es braucht gute Arbeitszeiten, faire Bezahlung und Gewaltschutz."

Jacob Elordi in "Saltburn"


"Was ist es nur, was diese Männer haben, die alle paar Jahre neu die Bildschirme und Leinwände überstrahlen - als Epiphanie für alles, was gerade begehrenswert ist?", fragt sich Magdalena Pulz in der SZ. "Gerade war es noch Timothée Chalamet, davor kamen Tom Holland und Robert Pattinson. Die illustre Ahnenreihe ist lang, sie reicht zurück über Leonardo DiCaprio und Brad Pitt bis hin zu Paul Newman und James Dean. Der neueste Anwärter auf den Thron des ultimativen IT-Boys ist ein Australier, der bisher all seine Karten richtig spielt: Jacob Elordi. ... Im kleinen Videofenster geht unter, was für eine ungewöhnliche Erscheinung er ist: fast zwei Meter groß, braune, melancholische Schneewittchen-Augen unter ernsten geraden Brauen. Präsenter ist seine Stimme: tief, warm, mit einem kleinen Vibrato, ungewöhnlich für einen so jungen Mann. Die Grundlagen, um Fans jeglichen Geschlechts den Schlaf zu rauben, bringt Elordi zweifellos mit. Aber das ist natürlich nicht alles", versichert sie und plaudert mit dem Schauspieler über seine Rolle in der (in der taz besprochenen) Amazon-Produktion "Saltburn".

Weitere Artikel: Für den Standard porträtiert Michael Wurmitzer den Schauspieler, der derzeit auch als Elvis in Sofia Coppolas "Priscilla" zu sehen ist. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Regisseur Éric Toledano über dessen (von Susan Vahabzadeh in der SZ besprochene) Komödie "Black Friday for Future".

Besprochen werden Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (Standard), Hayao Miyazakis "Der Junge und der Reiher" (Zeit, mehr dazu bereits hier), Sofia Coppolas "Priscilla" (Welt, unsere Kritik), die Paramount-Serie "The Curse", die nach Ansicht von Freitag-Kritikerin Barbara Schweizerhof das Genre der Cringe-Comedy aus der Taufe hebt, und Roger Lewis' Buch "Erotic Vagrancy" über die Beziehung zwischen Richard Burton und Elizabeth Taylor (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.01.2024 - Film

Sucht nach tiefgreifender Bedeutung: "Der Junge und der Reiher"

Mit dem Animationsfilm "Der Junge und der Reiher" über einen Jungen, der aus dem ausgebombten Tokio in die japanische Provinz gebracht wird und dort von einem Reiher in eine traumhafte Wunderwelt geführt wird, aus der vielleicht sogar seine tote Mutter in die Welt der Lebenden gebracht werden könnte, mit diesem Film also legt Hayao Miyazaki, der morgen seinen 83. Geburtstag feiert, wohl endgültig sein Abschiedswerk vor. Oder vielleicht auch nicht? "So wie hier Motive und formale Methoden Miyazakis gebündelt, reaktiviert und fortgesetzt, autobiografische Details erkennbar werden, ist man versucht, 'Der Junge und der Reiher' als ein abschließendes, finales Statement zu lesen, die Summe eines lebenslangen Schaffens", konzediert Kamil Moll im Perlentaucher. "Vielleicht ist aber auch das nur eine weitere, weiterhin nicht abreißende Kontinuität im Werk eines Regisseurs, dessen zahlreiche Abschiede vom Filmemachen geradezu sprichwörtlich geworden sind. Auf Social Media berichten Mitarbeiter des Studio Ghibli, dass Hayao Miyazaki jeden Morgen in seinem Büro erscheint, um an einem neuen Projekt zu arbeiten."

An Miyazakis große Klassiker reicht dieses Spätwerk im direkten Vergleich zwar nicht ran, stellt Robert Wagner auf critic.de fest. Doch ein Lamento wäre hier wirklich nur Jammern auf allerhöchstem Niveau: "Seine Qualitäten finden sich nur eben bei seinen ganz spezifischen Eigenschaften und nicht bei den bekannten Charakteristika Miyazakis." Der Film ist "als Gleichnis viel offener und ambivalenter als vorherige Filme", doch "was den Film am meisten bestimmt, ist die Anlehnung an den Symbolismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wenn Mahito in der Welt innerhalb des Turms angelangt, dann findet er sich recht schnell auf einer Insel wieder, die verdächtig Arnold Böcklins 'Die Toteninsel' ähnelt. Die Welten, durch die er in der Folge wandert, entsprechen durchaus dem in Heidelberg verliebten Steampunk, der so oft bei Miyazaki zu finden ist, aber mehr als sonst wirken die Bilder und Orte symbolisch überladen. Sie streben nach tiefgreifender Bedeutung, nach Schönheit, nach erhabener Fremdheit." Einfach nur hingerissen ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, Artechock-Kritiker Axel Timo Purr hingegen hat stellenweise seine Probleme mit dem Film. Weitere Besprechungen im Standard, in der Welt und in der Zeit.

Erneut eine Eingesperrte: Sofia Coppolas "Priscilla"

Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" erzählt davon wie Elvis Presley Priscilla zur Frau nahm und in einem Leben aus Prunk und Wohlstand einsperrte. Diese hat den auf ihren Memoiren basierenden Film auch selbst produziert. Dieser Film gesellt sich zu einer "ganzen Reihe jüngerer Filme, die Geschichten von Frauen in goldenen Käfigen erzählen", hält Perlentaucher Jochen Werner fest. "Entweder geht es dabei, wie in Pablo Larraíns eine Klasse besserer 'Spencer', um den Ausbruch aus den Gefängnissen von Klasse und Tradition, oder, wie in den beiden sehr ähnlichen jüngeren Sisi-Filme 'Corsage' und 'Sisi & ich', um das Zugrundegehen daran. Das lässt sich natürlich als das Lebensthema Sofia Coppolas, dieser großen Melancholikerin des Kinos lesen, und immer wieder ist es ihr gelungen, ihm große, traurige Kinomomente abzuringen. Wenn der Funke jedoch nicht überspringt, wandelt sie auf einem schmalen Grat und ihre Filme laufen Gefahr, so redundant zu wirken wie die leeren Leben ihrer Protagonist*innen. 'Priscilla' hat ein paar Spurenelemente solcher Augenblicke, die aus der grünlichen Digitalmatschtristesse hinaus auf etwas Größeres verweisen, schlägt aber viel zu selten wirklich Funken." Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte muss hier und da enttäuscht seufzen: "Trotz der akkuraten Ausstattung hat der ganze Film die schmucklose Form mancher Reality-TV-Formate, die ihren psychologischen Realismus dem Rhythmus plätschernder Fernsehunterhaltung unterordnen."

Das Artechock-Team spendiert dem Film gleich drei Kritiken auf einmal. Coppola "inszeniert meisterlich die Leere, die sich im Leben der Elvis-Braut auftut", lobt etwa Dunja Bialas. "Anders als in 'Marie Antoinette', einer anderen Eingesperrten in ihrer Filmographie, verzichtet sie hier auf das Exaltierte, auf die Übertreibungen, auf die großen Gesten, wenn sie vom Leben Priscillas erzählt. Die ist von Nicht- und allenfalls Softfarben umgeben. Man sieht, wie sie ins menschleere Wohnzimmer starrt oder gelangweilt aus dem Fenster. Das ist nicht sehr aufregend. Aber auch nicht klaustrophobisch. Man schaut als Zuschauer einfach der Gelangweilten zu. Dafür entschädigen visuell die zahlreichen Close-ups auf Finger- und Zehennägel, falsche Wimpern, hellblaue Lack-Pumps. Sie stilisieren die Frau - unter dem Male Gaze von Elvis - zum Objekt, und erheben ihn insgesamt zum Fetisch und filmischen Hochglanz." Valerie Dirk hat sich für den Standard mit der Regisseurin unterhalten. Sofia Glasl konturiert in einem Filmdienst-Essay Sofia Coppolas spezifisch weiblichen Blick auf die Popkultur.

Von Graceland zur Berliner Republik: Claudia Roths Gesetzesentwurf zur Reform der Filmförderung werde demnächst vorliegen, versichert die Kulturministerin auf Anfrage von SZ-Filmkritiker David Steinitz, nachdem eine Allianz von Interessensvertretern der Filmbranche sich in einem "Brandbrief" mit Forderungen an Roth gewandt haben (unser Resümee) - und inhaltlich werde man den Forderungen wohl sogar sehr entgegenkommen. Steinitz sieht jedoch noch ein weiteres Problem am Horizont auftauchen: Es "starten schon seit Jahren viel zu viele Filme im Kino", nämlich etwa  zehn pro Woche. Doch werden im Schnitt pro Einwohner und Jahr nur 0,93 Tickets verkauft. "Dass allein mehr Geld (und dadurch eventuell noch mehr Filme) auch nicht der Filmförderung letzte Weisheit sein können, zeigen diese Zahlen doch sehr deutlich."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Claudius Seidl der Schauspielerin Judy Winter zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (taz), Ayşe Polats "Im toten Winkel" (FD, Artechock), Thomas Vincents "Role Play" (Artechock, FD), Stefan Westerwelles auf DVD erschienene Adaption von Martin Musers Jugendroman "Kannawoniwasein" (taz), Juan Antonio Bayonas auf Netflix gezeigtes Survivaldrama "Die Schneegesellschaft" (Welt) und die von der ARD online gestellte Serie "Powerplay" (Tsp). Außerdem hier der Überblick vom Filmdienst über alle diese Woche anlaufenden Filme.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2024 - Film

Bis Ende 2023 wollte Claudia Roth die seit langem von vielen eingeforderte Reform der Filmförderung auf den Weg bringen, getan hat sich aber wenig, schreibt Helmut Hartung in der FAZ. Die deutschen Produzenten sehen derweil mit 2024 aufgrund einer einbrechenden Produktioslage einem Annus horribilis entgegen. Zahlreiche Interessensverteter der Branche haben sich daher nun mit einem "Brandbrief" mit Forderungen an Roth gewandt: Filmkunst und kommerzieller Film sollen demnach unterschiedlich gehandhabt werden. Die Förderung solle "künftig aus zwei Quellen bestehen: der jury-gestützten Förderung, die bei der Filmförderungsanstalt FFA angesiedelt sein soll, und einer automatischen Alimentierung durch Investitionsabgaben und Branchenmittel im Rahmen der FFA-Förderung. Zusätzliche Unterstützung sollen 'Tax Incentives' bieten."

Außerdem: Nach 95 Jahren immer wieder verlängerten Urheberrechtsschutzes ist die allererste Version der Micky Maus, wie sie in den ersten entsprechenden Disney-Cartoons zu sehen war, ist seit dem 1. Januar gemeinfrei, informiert David Steinitz in der SZ. Warum es mit Blick auf die komplizierten Verästelungen des Urheberrechts dennoch nicht zwingend ratsam wäre, beherzt zuzugreifen, erklärt Daniel Herbig bei Heise. Hier "Steamboat Willie", der zwar nicht erste produzierte, aber erste veröffentlichte Micky-Maus-Cartoon aus dem Jahr 1928:



Lawrence Lessig, der große Vorkämpfer einer Liberalisierung eines von den Verwerterindustrien beherrschten Urheberrechts, feiert auf seiner Seite in Medium, dass dem Disneykonzern nicht eine weitere Verlängerung gelungen ist. Und präsentiert auch gleich einen lustigen, bis vor kurzem nicht erlaubten Remix:


Besprochen werden Hayao Miyazakis Animationsfilm "Der Junge und der Reiher" (taz, FAZ, mehr dazu bereits hier), Sofia Coppolas "Priscilla" (Presse), Ayşe Polats "Im toten Winkel" (taz, Tsp) und die ARD-Serie "Haus aus Glas" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2024 - Film

Niklas Bender zeichnet in der FAZ die Debatte um Gérard Depardieu nach, dem #MeToo-Vorwürfe gemacht werden. Prominente hatten einen Aufruf pro Depardieu unterschreiben, der auf der Unschuldsvermutung beharrt. Nun stellt sich heraus, dass der Verfasser des Aufrufs, der bislang wenig bekannte Schauspieler Yannis Ezziadi, offenbar dem Rechtsextremismus nahe steht: "Ezziadi vertritt eine bestimmte Idee abendländischer Männlichkeit. Nicht allen Unterzeichnern war das klar - Attal und Bouquet haben sich rasch distanziert. Freitag erschien auf Mediapart eine Gegentribüne, die in zwei Tagen 8.000 Unterschriften erhielt; sie will das Schweigen gegenüber Gewalttätern beenden."

Außerdem: In der taz spricht die Filmhistorikerin Erika Wottrich über die Filme von Peter Weir, die das Hamburger Metropoliskino derzeit zeigt. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst das Kinojahr 2023. Bert Rebhandl schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schauspieler Tom Wilkinson.

Besprochen werden Josef Schnelles Buch "Der unsichtbare Dritte. Hitchcock und der deutsche Film" (FD, auf Grundlage derselben Gespräche hat der Autor auch diese "Lange Nacht" für Dlf Kultur produziert), Emmanuel Marres und Julie Lecoustres auf Mubi gezeigte Kapitalismuskritik "Zero Fucks Given" (Tsp), Niklas Maaks und Leanne Shaptons Buch "Eine Frau und ein Mann" über Strecken, die Filmpaare gemeinsam gefahren sind (Tsp), das neue, auf Netflix gezeigte Comedy-Special von Ricky Gervais (Standard), die Serie "The Winter King" über die Artus-Sage (FAZ) und die von der ARD online gestellte Serie "Powerplay - Smart Girls Go For President" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2023 - Film

Greta Gerwig vor zehn Jahren noch in Schwarzweiß in "Frances Ha"

2023 war das Kinojahr von Greta Gerwig, die in den letzten rund 15 Jahren eine ziemlich beachtliche Karriere hingelegt hat, wie Julia Lorenz auf Zeit Online erzählt: Als Schauspielerin begann sie in Lowest-Budget-Indie-Filmen, deren Zusammenhang man rasch Mumblecore nannte, fand dann rasch in größeren Indie-Produktionen wie "Frances Ha" (unsere Kritik) ihren Platz, als Regisseurin wurde sie 2023 mit "Barbie" (unsere Kritik) die kommerziell erfolgreichste Filmemacherin Hollywoods - und prägte in dieser Zeit ganz nebenbei zahlreiche Millennials und gab der Gegenwartsgeschichte des Feminismus ein Gesicht: "Sehr vieles an 'Barbie' zeigt, wie sich die Bildsprache des Mainstreamfeminismus im Jahrzehnt seit 'Frances Ha' verändert hat, was schiefgelaufen ist und was beinahe richtig: Frauen dürfen nun auch in Hochglanzproduktionen am Leben im Patriarchat verzweifeln, nur sind solche Darstellungen heute eher Teil des Verkaufsspektakels als Rebellion. ... 'Barbie' steht nun da als Monolith in der Welt, das Film gewordene Dilemma des längst gut durchkritisierten Anything-goes-Feminismus der Zehnerjahre, der von der Frauensportgruppe bis zur Botoxbehandlung alles als feministisch begreift, was den weiblichen Leidensdruck auch nur für kurze Zeit lindert. Wer ein wenig politische Sozialisation durchlaufen hat und genau in sich hineinhört, dürfte hier und da schon noch auseinander bekommen, was wirklich lebenserhaltend ist und was eine legitime, aber bequeme Kapitulation vor dem berühmten male gaze. Doch wer will das schon, wenn man so schick darüber grübeln kann?"

Außerdem: Marc Hairapetian plaudert für die FR mit Sofia Coppola über deren "Priscilla"-Biopic. Für die FAS spricht Mariam Schaghaghi mit Willem Dafoe über dessen Rolle in Yorgos Lanthimos' neuem Film "Poor Things". Patrick Holzapfel schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den georgischen Autorenfilmer Otar Iosseliani. Das Team der Presse nennt seine Highlights des Kinojahres 2023.

Besprochen werden Andrew Legges Zeitreise-Film "L.O.L.A." (Standard, mehr dazu hier), Olivier Nakaches und Éric Toledanos "Black Friday for Future" (online nachgereicht von der FAZ), Zack Snyders "Rebel Moon" (Presse, vom TA für die SZ online nachgereicht, unsere Kritik), die im Ersten gezeigte Serie "Power Play" (FAZ, FR) und die von Arte online gestellte Serie "Haus aus Glas" (FAZ).