Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2024 - Kunst

Lucia Moholy, Gisela Schulz, c. 1929. Bauhaus-Archiv, Berlin. Lucia Moholy © OOA-S 2024 / Bauhaus-Archiv Berlin

Noemi Smolik besucht für die FAZ die erste große Retrospektive der Künstlerin und Fotografin Lucia Moholy-Nagy in der Kunsthalle Prag und freut sich, dass sie hier neben vielem anderem zum ersten Mal die berühmten Glasplatten der Künstlerin sehen kann, die sie, nachdem sie 1933 vor den Nazis fliehen musste, zunächst für verschollen hielt: "Sie enthielten Negative von Aufnahmen von Walter Gropius, von Paul Klee in seinem Atelier, von Wassily Kandinsky, aber auch von Ise Gropius, Julia Feininger, Lily Hildebrandt, Lou Scheper und der ebenfalls erst vor gar nicht langer Zeit wiederentdeckten Bauhauskünstlerin Anni Albers. Alles selbstbestimmte Frauen mit dem damals modischen kurzen Haarschnitt, die sich ihrer Rolle als Künstlerinnen durchaus bewusst sind." Ziemlich überrascht war sie, so Smolik, als sie ihre Bilder nach und nach in Zeitschriften auftauchen sah, allerdings ohne ihre Autorschaft. Schließlich erfuhr sie, das Walter Gropius die Bilder ohne ihr wissen benutzte, nur durch einen Prozess konnte sie diese zurück erlangen. Welch ein Glück, atmet Smolik auf, dass zumindest einige davon hier zu sehen sind.

Sarah Lucas, Self-Portrait with Fried Eggs, 1996, c-print, 151 x 103 cm © Sarah Lucas. Courtesy Sadie Coles HQ, London.

Die SZ freut sich über die Retrospektive der britischen Künstlerin Sarah Lucas in der Kunsthalle Mannheim. Mit ihrem Interesse am "Ordinären" in konkreter Form wie Toiletten, Badewannen, Zigaretten oder dem männlichen Fortpflanzungsorgan habe sie unbeachtete Motive in den Kunstbetrieb eingeführt und die Grenze zwischen Humor und Seriosität verhandelt: "Mit diesem Zaubertrick sind dann Feminismus und Penisneid auch keine Widersprüche mehr. Jedenfalls nicht in den Sphären der Kunst, wo Konventionen das wirklich Abgeschmackte sind. Diese Haltung zur Vielschichtigkeit des scheinbar Blöden hat Lucas am Goldsmiths in einer Klasse mit jenen Rabauken gelernt, die ab 1988 als der Kern der 'Young British Artists' berühmt wurden."

Besprochen werden die Ausstellung "New Ecologies. Gegenwarten II" in der Innenstadt von Chemnitz (taz), die Ausstellung "Sex. Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin (taz), die Ausstellung "Nie wieder Krieg" im kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück (taz), die Ausstellung "Das Leben festhalten, Fotoalben jüdischer Familien im Schatten des Holocaust" im Museum Schöneberg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2024 - Kunst

Omar Victor Diop, "Being There"


Sophie-Charlotte Opitz (FAZ) kommt bei der Frankfurter Fototriennale "Ray" schwer ins Nachdenken über Fotografie und Erinnerung. Dass die Fotografie "ein 'mémoire fidèle', ein exaktes Gedächtnis" ist, glaube heute niemand mehr. Also kann man auch damit spielen, wie zum Beispiel Omar Victor Diop (webseite), der sich für seine Serie "Being there" (auch als Buch erhältlich) in "Familien- und Urlaubsfotos weißer (vermutlich) amerikanischer Familien aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren" montiert hat. "Stets für den Anlass der Bilder richtig gekleidet, korrekt ausgeleuchtet und von Tonung und Körnung perfekt auf die Fotografien abgestimmt, kreiert Diop so den Effekt, er wäre auf den Originalfotografien mitabgelichtet worden. Seine konstruierte Anwesenheit ist so geschmeidig passend und unaufgeregt, dass der Wunsch entsteht, sie glauben zu dürfen - dass die schwarze Person, die hier in jedem Foto zu sehen ist, Teil der sichtbaren Welt ist. Doch gerade aufgrund Diops forcierter Präsenz in diesen Lichtbildträgern, die sonst nur Weiße zeigen, kristallisiert sich wie durch ein Brennglas eine Leerstelle heraus, die durch jene geformt ist, die nicht Teil dieser Erinnerungen sind und sein sollen."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ beglückwünscht Matthias Alexander die "klugen Bürger" Wiesbadens, die erst Helmut Jahns Entwurf für ein kistenförmiges Stadtmuseum abgelehnt hatten und dann dafür stimmten, dass der Unternehmer Reinhard Ernst von der Stadt für einen Euro Erbpacht ein Grundstück bekam, das er nach eigenem Gutdünken mit einem Museum bebauen durfte: Beauftragt hat er dann den Architekten Fumihiko Maki und das Ergebnis ist "ein Meisterwerk", schwärmt Alexander. Für einen zweiten Artikel erkundet ein stark beeindruckter Stefan Trinks die abstrakte Sammlung Ernsts in der Ausstellung "Farbe ist alles" und staunt, "wie furchtlos Ernst noch vor grellsten Farbkombinationen ist. Für ihn bestimmt Farbe massiv unser körperliches wie seelisches Empfinden. Auf der Fotografie-Seite der FAZ zeigt der Belgrader Reuters-Fotograf Marko Djurica in eindrucksvollen Bildern die Zerstörung eines serbischen Dorfes durch die chinesischen Betreiber einer Kupfermine.

Besprochen werden eine Hannah-Höch-Ausstellung im Wiener Belvedere (Standard), die Ausstellung "Silence" mit Bildern des dänischen Künstlers Vilhelm Hammershøi in der Galerie Hauser & Wirth in Basel (Tsp), die Ausstellung "Things we Meet in the Dark" in der Kleinen Humboldt Galerie in Berlin (Tsp), eine Ausstellung der japanischen Künstlerin Hitomi Uchikura in der Berliner Galerie Semjon Contemporary (Tsp) und die Ausstellung des Fotografen Akinbode Akinbiyi "Being, Seeing, Wandering" in der Berlinischen Galerie (die Laura Helena Wurth in der FAS wärmstens empfiehlt: "Seine Bilder scheinen leicht zugänglich. Wenn man sich aber auf sie einlässt, sind in ihnen all die Fragen zu entdecken, die heute politisch verhandelt werden.")

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2024 - Kunst

Mark Rothko: Untitled, 1969. Bild: Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko.

Norwegen ist zwar nicht unbedingt um die Ecke, aber die Reise allein schon wegen der Ausstellung "Mark Rothko. Paintings on Paper" im Osloer Nationalmuseum wert, bekräftigt Alexandra Wach in der FAZ. Es werden Papierarbeiten gezeigt, die in den letzten zwei Jahren seines Lebens entstanden sind, nach einem Herzinfarkt und vor dem Suizid, wobei die Ausstellung mit einem diesbezüglichen Mythos aufräumt: "Die Ausstellung widerspricht der These, der angeschlagene Maler hätte seinen Tod in Grau, Braun und Schwarz vorhergesagt. Einen nachvollziehbaren Beweis bleibt man nicht schuldig. Hinter dem braun-grauen Raum befindet sich eine weitere Galerie, die ätherische Bilder enthält, deren Farbtöne immer heller werden, insbesondere die Pastelle aus sanftem Rosa und verschwommenem Himmelblau, umhüllt von wolkenartigem Grauweiß. (...) Rothko selbst sagte damals über die immense Bandbreite seiner Malerei: 'Glauben Sie, meine Bilder seien ruhig, wie Fenster in einer Kathedrale? Dann sollten Sie noch einmal nachschauen. Ich bin der gewalttätigste aller amerikanischen Maler.'"

Die aserbaidschanische Künstlerin Sabina Shikhlinskaya stellt ihre regimekritische Kunst in der Freiburger E-Werk-Galerie für Gegenwartskunst aus und lehrt Kerstin Holm für die FAZ mit "Life on Borrow", was es bedeutet, wenn Kunst nur noch außerhalb des Landes kritisch sein kann: "Das Hauptwerk der Schau, ein etwa zweiminütiges, auf einem Riesenbildschirm in Endlosschleife laufendes Video namens 'Gefährliches Rot' (russisch: Opasnyj krasnyj) lässt in einem aus tiefroten Früchten, frischen Innereien und Tierköpfen komponierten Stillleben die in barockem Luxus versteckte Gewalt hervorbrechen. Plötzlich hervorspringende Katzen bringen die Granatäpfel, die zitternde Flüssigkeit im Glas, die Fleischstücke, die in christlicher Ikonographie Brutalität nur assoziieren, in blutige Unordnung. Dazu hat sie eine vierkanalige Video-Arbeit gleichen Namens gestellt, in der sie eigene Gemälde nach Pressefotos von der Verhaftung eines Demonstranten oder einer Selbstverbrennung in einer Geste des Protests mit revolutionär roter Farbe übermalt. Das Bild von der Festnahme könne sie in Baku, wo nach der Verhaftung etlicher Journalisten die Angst herrsche, nirgends ausstellen, versichert Shikhlinskaya."

Die Gastkuratorin Zoé Samudzi sollte im Dresdner Museum Albertinum eigentlich vorgestern die Schau "Das Jahr 1983" eröffnen, nun hat sie plötzlich abgesagt, Ulrike Knöfel fragt sich bei Spon, woran es liegt: "Was man genau in der Schau hätte sehen können, ist im Detail nicht bekannt. Samudzi wollte selbst wohl die Gelegenheit der Ausstellung nutzen, um ihre Sicht aufs heutige Deutschland darzulegen. Auf Instagram schrieb sie: 'Wir wissen, dass das Ethos, das Deutschland in seiner kurzen Phase als imperiale Macht angetrieben hat, nie verschwunden ist'. Sie legte nach, 'dass die gegenwärtige völkermordende Außenpolitik eng mit den Grausamkeiten des faschistischen Imperialismus verbunden ist'. Kontroverse Behauptungen wie diese wären in der Dresdner Schau selbst nur möglich gewesen, wenn sie als Meinungsäußerungen der Kuratorin gekennzeichnet - und nicht als vermeintlicher Fakt wiedergegeben worden wären." An der Vorbereitung der Ausstellung waren auch BDS-nahe Künstlerinnen und Künstler beteiligt, weiß Knöfel.

Weiteres: Das Museum Reinhard Ernst eröffnet in Wiesbaden, Lisa Berins ist für die FR zugegen und stellt fest, dass mit "Farbe ist alles!" gleich zum Auftakt eine sehenswerte Auswahl aus der Sammlung des Gründers und Stifters gezeigt wird. Mit dem Preis der Nationalgalerie wird künftig keine Einzelperson mehr ausgezeichnet, sondern gleich die ganze Shortlist. Das stößt bei Welt-Kritiker Marcus Woeller auf Unverständnis: "Mit der Überbetonung des Kollektiven wird eine qualitative Entscheidung diskreditiert; die Jury delegitimiert sich selbst. Das entwertet nicht nur einen bedeutenden Kunstpreis, sondern missachtet das Interesse des Publikums am künstlerischen Wettkampf. Vor allem aber schwächt das die kritische Urteilskraft des Kunstbetriebs, die nicht nur nach den Erfahrungen einer kollektiv verantwortungslosen Documenta dringend gestärkt werden sollte." Die FAZ macht sich Gedanken zur Geschichte und Geschichtsschreibung der Fotografie und stellt mit Raoul de Keysers "Krijtlijnen hoek" das erste von elf Bildern mit Fußballthema vor, die anlässlich der Europameisterschaft näher betrachtet werden.

Besprochen werden: Nancy Holts "Circle of Light" im Martin-Gropius-Bau (SZ), Kate Andrews' "The Semantics of Softer Landings" in der Städtischen Galerie Bremen (taz) und Helena Uambembes "On the Site of the Okawango" in der Galerie Anton Janizewski (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2024 - Kunst

Nadya Tolonnikova: "Rage Chapel". Museum OK Linz. Foto: Manuel Carreon Lopez

Sie wolle gute propagandistische Kunst machen, erzählt Nadya Tolokonnikova, zu 34 Jahren Lagerhaft verurteilte, heute im Exil lebende Pussy-Riot-Gründerin, die ihr Geld inzwischen mit Sexarbeit verdient, dem Zeit-Kritiker Tobias Timm. Das Museum OK Linz stellt derzeit Tolokonnikovas zwischen "Politkunst, Fluxus und Camp" changierende Werke in der Ausstellung "rage" aus - und Timm spürt die Wut in jeder der Zeichnungen, Gemälde und Installationen: "Sie ist noch mit dem Aufbau beschäftigt, hat Putins Asche in mehrere Glaszylinder abgefüllt und in einem dunklen Raum, dem sogenannten Mausoleum, auf Podeste gestellt. Die Asche ist der Rest, der von der Verbrennung eines riesengroßen Porträts von Putin übrig ist. Im OK Linz läuft auch der Film, der die Performance dokumentiert: Ein gutes Dutzend Frauen in durchsichtigen Negligés, die Köpfe unter roten Mützen, trägt eine schwarze, mit weißem Plüsch gerahmte Tafel, auf der ein großer, roter Knopf klebt, darunter ein Schild: 'Dieser Knopf neutralisiert Wladimir Putin'. Als die Anführerin der Gruppe - man erkennt Tolokonnikova nur an ihren Tätowierungen - den Knopf drückt, beginnt das Putin-Bild zu brennen."
William Blake: "Der Tod auf dem fahlen Pferde (Death on a Pale Horse) © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Die Anerkennung blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt - und auch in Deutschland findet mit der Schau "William Blakes Universum" in der Hamburger Kunsthalle erst die zweite Schau des britischen Malerdichters statt, schreibt eine fassungslose Nicola Kuhn, die im Tagesspiegel dringend dazu rät, das grafische Werk des "Exzentrikers" zu entdecken - auch wenn es weniger malerisch als durch seine überschäumende Fantasie besticht: "Blake entwickelte seine eigene Mythologie. Bei ihm treten die sich bekämpfenden Mächte personifiziert gegeneinander an: Urizon, der Schöpfer der Welt mit dem Zirkel, repräsentiert die alte Ordnung, Org verkörpert als Schlange die Revolution, die sich als Apokalypse über Urizon erhebt. Das Drama nimmt seinen Lauf in Gestalt sehniger Muskelmänner. Selbst die Engel, die in Blakes Buch der Offenbarung mit ihren gewundenen Blasinstrumenten die Pest über die Erde versprühen, haben stramme Pos und feste Waden. ... Daneben stehen in schön geschnörkelter Schrift die Texte, mit denen man sich regelrecht in einen Furor lesen kann, etwa bei der Klage über Englands heruntergekommenen Zustand."

"Wir brauchen eine Verfassung der Kunst", die besagt, die "Würde der Kunst" ist "unantastbar", fordert Jonathan Meese, der vor mehr als zehn Jahren angeklagt und freigesprochen wurde, nachdem er den Hitlergruß zeigte und den die NZZ heute zu Cancel Culture und Kunstfreiheit befragt. Heute werde alles "behindert durch eine große Ideologisierung", meint er: "Wenn man Deutschland ... mit politischem Quark füllt, dann spaltet man die Gesamtheit immer mehr, und das ist kleinkariert und zukunftslos. Natürlich darf es keine Bücher geben, die man verbietet. Es darf auch kein Wort geben, was man verbietet. Es darf auch keine Kostümierung geben, die man verbietet. Aber wir müssen in die Sachen hineingehen, in die Sachen reinkriechen, um sie neu auszubeulen, auszuloten. Gucken: Ist da noch Dreck drin?"

Mit ihrem Generationenschiff vertritt die israelische Künstlerin Yael Bartana Deutschland auf der Biennale in Venedig. Im Tagesspiegel-Gespräch gefragt, weshalb die ersten Reisenden auf ihrer "interstellaren Arche" Juden sein sollen, antwortet sie: "Wer definiert eigentlich, wer ein Jude, eine Jüdin ist? (…) Ich habe angefangen, über Identität nachzudenken, als ich Israel verließ, um im Ausland zu leben. Und als ich dann in Europa war, wurde ich plötzlich zu einer jüdischen Person. Diese Erfahrung war interessant, denn allen säkularen Israelis geht es so. Ich wollte herausfinden, was es bedeutet, Israeli zu sein, welche Systeme, Mechanismen und welche Geschichte das festlegen und ob unsere Identität besser nicht durch den Staat definiert werden sollte."

Weitere Artikel: In der NZZ erzählt Philipp Meier die Geschichte hinter Cuno Amiets Gemälde "Bildnis Ferdinand Hodler vor seinem Marignano-Bild", das morgen versteigert werden soll. Ebenfalls in der NZZ berichtet Philipp Meier, dass der Erlös, den das Kunsthaus Zürich für den Verkauf von Monets Gemälde "L'homme à l'ombrelle" erhalten hat, an die Erben des jüdischen Textilunternehmers Carl Sachs geht.

Besprochen werden die Sommerschau der Fondation Beyeler in Riehen (Tsp), die Ausstellung "Watch! Watch! Watch! Henri Cartier-Bresson" im Bucerius Kunst Forum (FAZ), Andreas Mühes Installation "Bunker" im Berliner Kunsthaus Dahlem (FAZ) und die Ausstellung "Wälder. Von der Romantik in die Zukunft", die derzeit im Deutschen Romantik-Museum, dem Senckenberg-Museum (beide in Frankfurt am Main) und ebenso im Sinclair-Haus in Bad Homburg zu sehen ist (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2024 - Kunst

Käthe Kollwitz - Selbstbildnis 1915. Quelle: Wikimedia Commons, gestiftet vom Metropolitan Museum of Art. Lizenz: CC0 1.0 UNIVERSAL

In New York erweist sich ausgerechnet eine im MOMA Käthe Kollwitz gewidmete Schau als Ausstellung der Stunde, weiß Sebastian Moll in der taz. Die von antiisraelischen Protesten erschütterte Stadt, in der "Zionisten" dieser Tage schon einmal dazu aufgefordert werden, U-Bahnen zu verlassen, erkennt sich offenbar in der pessimistischen Kunst Kollwitz' wieder: "Die düstere Bildsprache von Kollwitz erfasst nicht nur den jetzigen Augenblick der USA. Die Unmittelbarkeit, mit der Kollwitz Hilflosigkeit und Schmerz angesichts des Weltgeschehens persönlich macht und mit der sie sich gegen die Verzweiflung stemmt, trifft überall einen Nerv. Aber vielleicht rüttelt sie New York deshalb besonders auf, weil die Konflikte hier einem gerade so nahe rücken, dass Kollwitz' Realismus plötzlich nicht mehr als sentimental erschient."

Außerdem: Zoe Williams spricht im Guardian mit Anthony McCall über dessen Lichtskulpturen, die bald in der Tate Modern ausgestellt werden. Marcus Boxler stellt in monopol Kunstwerke vor, die auf Flughäfen ausgestellt werden. Olga Kronsteiner zeichnet im Standard nach, weshalb die Heidi Horten Collection anonymisiert verkauft wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Lee Guttman - Ein gezeichnetes Leben" in der Galerie Weise, Chemnitz (FAZ) und die Schau "Patterns of (In)Security" mit Sabine Hornig und Tamuna Chabashvili im Projektraum Die Möglichkeit einer Insel, Berlin (Tagesspiegel, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2024 - Kunst

Sophia Süßmilch: "Then I'll huff and puff and I'll blow your house in." 2024. Courtesy of Sophia Süßmilch. Foto: Lee Everett Thieler.

Es gibt Zoff um eine Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die sich mit dem Thema Erziehung und Kindsein beschäfigt, berichtet kopfschüttelnd Harff-Peter Schönherr in der taz. Der CDU-Kreisverband und Fraktion riefen nach einem Besuch der Ausstellung "Kinder, hört mal alle her" zum Boykott auf. Es sei inakzeptabel "dass unter dem Deckmantel der Kunst derartige groteske und verstörende Darstellungen öffentlich gezeigt werden", zitiert Schönherr das Statement. Besonder erzürnt hat die Politiker wohl eine Performance der Künstlerin Sophia Süßmilch in der ehemaligen Dominikanerkirche, die "auf kannibalische Szenografien einer Hexenversammlung zurückgreift". Zur Schau gehören außerdem, so der Kritiker "'Kannibalistische Choräle', in denen böse und komisch von 'Säuglings-Sauerbraten' und 'Steak aus Stiefkind' die Rede ist. Auch kann, wer ein Fernglas zur Hand nimmt, in 20 Metern Höhe Meerschweinchenrezepte lesen. Riesige Rattenschwänze hängen von der Decke, zudem das 'Guinea Pig of Death' zum Anbeten. Auf schwarzen Stoffbahnen liegen Kugelobjekte, wie aus Haut genäht. Ein paar Püppchen wirken creepy. Aber schockierend? Eher nicht."

Weiteres: In der FAZ informiert Hubertus Beutin über den jünsten Stand bei der Sammlung Bührle (mehr bei der NZZ). Nicola Kuhn meldet im Tagesspiegel, dass das Brücke-Museum in Berlin den Preis "Museum des Jahres 2023" der deutschen Sektion des Kritikerverbands Aica bekommt. Besprochen werden die Ausstellung "Poesie der Zeit" in der Akademie der Künste Berlin (taz) und die Ausstellung "Sarah Lucas. Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim (taz) und die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 - Kunst

FAZ-Kritiker Stefan Trinks spaziert beglückt durch die Säle des Schloss Belvedere in Weimar, wo die Klassik-Stiftung Werke des Bildhauers Olaf Metzel zeigt. Wie kaum jemand schafft es Metzel "hiesige historische Umbrüche, gesellschaftliche Schieflagen und Ungerechtigkeiten derart scharf zu benennen und in formal starke Werke zu gießen", so Trinks. Hingerissen betrachtet er zum Beispiel die ironisch mit "Turkish Delight" betitelte Skulptur im Grünen Salon, eine nur mit Kopftuch bekleidete Frau: "Der fürs Belvedere gefertigte Guss glänzt samtig schwarz. Wochenlang modellierte er die leicht unterlebensgroße Figur nach einem realen Akt, dem schließlich nach kräftezehrendem Modellstehen die Kraft für weitere Körperspannung fehlte und der ins Hohlkreuz verlagerte. In genau diesem Moment hielt der Bildhauer sie fest. Dass die Figur in ihrer Fragilität und ironischen Betitelung als beliebte osmanische 'Süßigkeit' gerade in der Türkei nicht falsch verstanden wird, zeigt sich schon daran, dass die beiden ersten Versionen nach Istanbul gingen und dort heute in all ihrer Erschöpfung und Hinfälligkeit auf den Bosporus blicken."

Ellie Davies, Stars 9, 2014-15
© Ellie Davies / Courtesy of A.galerie, Paris @agelerieparis

"Waldbaden" geht FR-Kritikerin Sylvie Staude im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. Wie immer hat sich das Museum einem Naturthema gewidmet und dabei eine reizvolle Mischung aus traditioneller und moderner Kunst zusammengestellt, so Staude: "Dank eines schweizerischen Forschungsprojekts und dem daraus entstandenen VR-Kunstwerk 'Atmospheric Forest' von Rasa Smite und Raitis Smits wissen wir nun, dass in jedem Wald um uns herum flüchtige Teilchen, 'Volatile Organic Compounds', in zarten Wolken schweben. Und dass sie umso dichter sind, diese Teilchenwolken, je gestresster die Bäume sind - sie 'atmen' dann stärker, produzieren mehr Harz, sondern mehr Duftstoffe ab. Zaubrische Glühwürmchen-Schwärme zwischen Stämmen, so stellt sich für uns das Leben und eben auch Leiden der Bäume dar. "

Weitere Artikel: Peter Laudenbach besucht für die SZ die kleine Galerie der "Freunde aktueller Kunst" in Zwickau, in der schon Größen wie Neo Rauch und Pipilotti Rista ausstellten - und die sich permanent gegen Angriffe von Neonazis zur Wehr setzen muss. Für die taz schaut sich Beate Scheder auf der Art Basel Kunst aus Afrika an. Ebenfalls in der taz weist Louis Berger auf die öffentlichen Kunstwerke des Künstlers Manfred Henkel hin, die man an unterschiedlichen Orten in Berlin betrachten kann.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2024 - Kunst

Die Auto-Perforations-Artisten / Spitze des Fleischbergs / 1986 / Foto: Andreas Rost


Nicola Kuhn stellt im Tagesspiegel die "Auto-Perforations-Artisten" Else Gabriel, Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky vor, deren provozierende Auseinandersetzung mit der Realität der DDR in den Achtzigern der Berliner Kunstverein Ost in einer Ausstellung dokumentiert: "Wer sich heute die Filme anschaut, erahnt den Schock, den sie damals auslösten, spürt die Verve, mit der sich die Vier auf der Bühne ausagierten. ... Die Ausstellung zeigt Videos, Stasi-Berichte, Zeitungsartikel, Plakate, Fotos, vor allem eine rekonstruierte Installation aus der Ausstellung 'Menetekel', die Anfang 1989 in der Dresdner Galerie Nord stattfand. Unter dem Titel 'Umkleide' wurde dafür an die Wände eines schmalen Raums die abgezogene Tapete einer verlassenen Wohnung geklebt, deren Bewohner 'rübergemacht' hatten. Zwölf aufeinander gerichtete Rotlicht-Strahler ließen darin die Temperatur steigen. Deutlicher ließ sich kaum darstellen, was die vier Künstler von den permanenten sozialistischen Belehrungen - ob im Schulunterricht oder an der Universität - hielten, im Volksmund 'Rotlicht-Bestrahlung' genannt."

Paris ist alte neue Kunsthauptstadt der Welt, versichert Peter Richter in der SZ und zählt auf, was Paris - im Gegensatz zu Berlin - zu bieten hat: Internationale Direktflüge von zwei Flughäfen, eine interessierte und spendable Politik, stinkreiche und ebenfalls spendable Unternehmer und einen lebendigen Kunstmarkt. "Maike Cruse, die sich jetzt als neue Chefin der Art Basel über die Expansion nach Paris freuen kann, hatte zuvor das Gallery Weekend und die letzte Kunstmesse in Berlin geleitet. 'Wenn wir hier in Paris wären', habe sie damals schon gesagt, 'dann würdet ihr mir das beste Haus der Stadt zur Verfügung stellen, und die Bundeskanzlerin würde es eröffnen.' Stattdessen hatte nicht einmal der Berliner Bürgermeister so richtig Notiz von der eigenen Messe genommen." Immerhin: Der aus Berlin vertriebene Chris Dercon, der seitdem als Präsident der staatlichen Museumsgesellschaft Grand Palais die Art Basel nach Paris geholt hat, jetzt Direktor der Fondation Cartier ist und "schon in Gedanken auf der Flucht vor dem Reisechaos in der Olympia-Stadt Paris, bemüht sich auch hier konziliant um Trost: 'Ich mag den Flughafen von Berlin. Man ist dort immer ganz allein und hat seine Ruhe.'"

Weitere Artikel: Die Stiftung Bührle bewegt sich plötzlich in Sachen Restitution, meldet Philipp Meier in der NZZ. Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die Künstlerin Henrike Naumann vor, die derzeit zwei Installationen im Mauer-Mahnmal in Berlin zeigt. Christine Meixner schlendert für den Tagesspiegel über die Fotobiennale Düsseldorf. Und Niklas Maak besucht für die FAS die Art Basel und findet neben viel teurer Kunst auch einen "Parcours" in der Clarastraße, einer Einkaufsstraße mit einigen leer stehenden Geschäften. Hier werden die Fragen nach der Zukunft des Landes gestellt, meint Maak: "Wird es nur noch der Versorgungsraum sein, in dem das Essen und die Energie für die Stadtbevölkerung hergestellt werden und einige Nostalgieinseln als Erholungscamps dienen - oder könnte es eine neue 'Oikologie' geben, bei der auch die Städter auf dem Land mehr Zeit verbringen und anders mit Tieren und Natur umgehen; und welche Rolle könnte Kunst bei dieser Ruralutopie spielen?"

Besprochen werden die erstaunlichen Blumenbilder der Anna Zemánková, derzeit in der Berliner Galerie Albrecht zu besichtigen (Welt), die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (Welt, FR) und die Sarah-Lucas-Ausstellung "Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2024 - Kunst

So richtig glücklich ist Georg Imdahl mit der Austellung 'In Motion' des Deutschen Fußballmuseums Dortmund nicht. Von Warwara Stepanowa bis Josephine Henning werden 175 Arbeiten ausgestellt, die den Fußball zum Thema haben - aber nur als digitale Reproduktionen: "Sicherlich alles gut gemeint. Wahrscheinlich sollte man aber gar nicht mit den Erwartungen eines Fußballfans in dieses 'Raumerlebnis für alle Sinne' eintauchen, kommt aber auch als Kunstfan nur bedingt auf seine Kosten, weil man Malerei eben doch lieber im Original sieht. Immerhin, das Aufgebot steht, und im hervorragenden Katalog wird es kompetent und detailliert erklärt. Es gäbe eigentlich eine großartige Ausstellung her, wenn die Kunst ganz einfach Kunst sein dürfte."

In Frankreich sorgt eine Auktion mit Kunstwerken aus der Sammlung des Autoherstellers Renault für Empörung, Bettina Wohlfarth erklärt in der FAZ wieso: "Die Sammlung Renault ist nicht mit anderen Unternehmenskollektionen zu vergleichen, die in erster Linie prestigevolles Investment sind. Sie geht auf die späten Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, als ein kunstbegeisterter Abteilungsleiter bei Renault, Claude Renard, in den Vereinigten Staaten die Idee von Kunstwerken am Arbeitsplatz entdeckte und nach Frankreich brachte." Unter anderem holte er Victor Vasarely ins Unternehmen, der das Rauten-Logo des damals staatlichen Unternehmens schuf, "das wie kein anderes in Frankreich die Idee einer sozial ausgerichteten französischen Industriekultur verkörperte." Den Künstlern war einst zugesichert worden, dass die Werke im Sammlungsverbund verbleiben, eine rechtliche Überprüfung der Veräußerung hat diesbezüglich allerdings nichts ergeben. Die Sammlung ist nun also nicht mehr vollständig, sondern in alle Himmelsrichtungen verstreut, beklagt Wohlfarth.

Die Staatlichen Museen Berlin geben vierzig Jahre nach dem Erwerb nun mehr als zwanzig antike Vasen an Italien zurück, berichtet Nikolaus Bernau im Tagesspiegel : "Der Grund nach der einstigen Euphorie: Für vier Hauptstücke lässt sich durch Polaroidfotos ziemlich eindeutig belegen, dass sie einer Raubgrabung vor 1972 wohl im nördlichen Apulien entstammen. Auch für die anderen Objekte aus den fragwürdigen Geschäften des 1995 aufgeflogenen Antikenhändlers Giacomo Medici muss von einer Raubgrabung ausgegangen werden." Die italienischen Antikenbehörden übersenden nun Leihgaben nach Berlin, die stattdessen ausgestellt werden können.

Weiteres: Monopol gibt Tipps, was man bei der Art Basel nicht verpassen darf, und führt ein Interview mit dem Galeristen Anton Janizewski.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2024 - Kunst

Bilder von LEAK. Das Ende der Pipeline. Courtsey: Oleksiy Radynski



Im Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigen der ukrainische Filmemacher Oleksiy Radynski und Hito Steyerl ihr filmisches Kunstprojekt "LEAK. Das Ende einer Pipeline", das sich den Gasgeschäften zwischen Deutschland und Russland widmet. Im taz-Gespräch erläutern sie die historischen Hintergründe der Gasgeschäfte, kritisieren den Nordstream 2 Deal, der auch die historische Gastransitinfrastruktur in der Ukraine überflüssig machte, und erklären, warum sie ihr Projekt als antikolonial verstanden wissen möchten: "Wir nennen den Film auch einen antikolonialen Roadmovie. Er besteht aus Filmmaterial der 1980er Jahre, das ich im Kyjiwer Wissenschaftsfilm-Archiv gefunden habe. Ukrainische Filmemacher hatten damals Reisen nach Sibirien und in die Arktis unternommen. Für mich ist es wie Rohmaterial für einen Roadmovie, der noch fertigzustellen ist. Aber es birgt eine komplexe Kolonialdynamik. Es wurde in der Sowjetukraine produziert, die damals eine Kolonie Sowjetrusslands war. Und die Filmemacher aus der Ukraine wurden in eine andere Kolonie der Sowjetunion geschickt, um Propagandafilme zu produzieren. Ukrainer waren also auch Kolonisator" der Indigenen in Sibirien. Steyerl erläutert am Beispiel Sibiriens auch ihren Begriff von Kolonialismus: "Wenn wir über diese Situation sprechen, unterscheidet sie sich stark von den Standarddefinitionen von Kolonialismus, in der es eine Kolonialmacht und eine unterworfene Entität gibt. Wir haben es mit vielen verschachtelten Ungleichheitsbeziehungen zu tun. Ich spreche lieber von einem 'fraktalen Kolonialismus'. Da gibt es Kolonisierte und die sind eine Ebene tiefer selbst Kolonisatoren mit anderen Kolonisierten, und diese unterdrücken wiederum andere usw."

 Moebius: Starwatcher. 1986  © Moebius Production

In der FAZ ist Andreas Platthaus hingerissen: Das Centre Pompidou verhilft dem Comic in der Ausstellung "La BD à tous les étages" zu seiner verdienten Anerkennung. Nicht nur die großen Künstler werden gezeigt, zum Teil macht die Ausstellung auch die Nachbarschaft zu Werken der bildenden Kunst sichtbar: "Die größten Überraschungen hier bieten ... Anna Sommer neben Francis Picabia (die Schweizer Collagekünstlerin wird dadurch zum Weltstar befördert) und Emmanuel Guibert neben Fotografien von Robert Doisneau. Das sind zusammen mit David B.s Auftritt die schlüssigsten Interventionen, weil sie nicht einfach direkte Übernahmen durch den Comic dokumentieren, sondern künstlerische Geistesverwandtschaften und damit die Bildergeschichten-Gäste vollwertig ins Museum einziehen lassen. Der Franzose Guibert ist denn auch kürzlich als erst zweiter Comic-Künstler nach Catherine Meurisse in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen worden."

Weiteres: Zwischen all den langweiligen Kunstausstellungen zu den Olympischen Spielen in Paris sticht Matthew Barneys Arbeit "Secondary" in der Fondation Cartier hervor, lobt Heinz Peter Schwerfel in der Zeit: Die Arbeit erzählt von einer der "brutalsten Episoden in der Geschichte des American Football: Es war 1978, als ein junger, unerfahrener Fänger namens Darryl Stingley bei einem Bodycheck derart schwer verletzt wurde, dass er lebenslang gelähmt war." Ebenfalls in der Zeit wirft Tobias Timm einen Blick auf die Art Basel. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Transferfenster" im Kunstmuseum Gelsenkirchen, die Trophäen, Fotos und Fundsachen zur Geschichte von Schalke 04 aus der Sammlung des Künstlers Peter Piller zeigt (SZ).