Mario Vargas Llosa, 2019 (Bild: Jindřich Nosek, CC BY-SA 4.0)Mario Vargas Llosa ist tot. Ronald Pohl reserviert ihm im Standard schon mal eine Ecke im "Panthéon der Jahrhundertautoren", denn "es gibt keinen zweiten Dichter neben dem iberisch-peruanischen Literaturnobelpreisträger, der mehr Welt erkundet, mehr Aberwitziges mit eigenen Augen gesehen - und das Erlebte in eine Vielzahl von Büchern magisch verwandelt hätte." Von einem Studium in Frankreich war er als Sozialist nach Lateinamerika zurückgekehrt, nur um dort rasch vom Glauben abzufallen. "Je komplexer seine Romane wurden: in ihren Verschlingungen, floralen Wucherungen in verwünschten Regenwäldern ähnlich, desto liberaler wurden seine Anschauungen. Dieser bis ins höchste Alter stets weltkundige, ungemein geschmeidige Dichter berief sich auf die Tradition einer Rechtssicherheit, die unter allen Umständen das (bürgerliche) Individuum schützt. Zuwider waren ihm Propheten, die - unter dem Eindruck des Elends so vieler Indigener - das Wohlergehen ganzer Kollektiven und Klassen predigten. Seinem prominenten Kollegen GabrielGarciaMárquez las er regelrecht die Leviten, als dieser, ein honoriger Mann und Meistererzähler, das sozialistische Modell als bestgeeignet für Lateinamerika ansah." Eine Eichendorff21-Liste finden Sie hier.
"Wie aber haben sich die politischen Missstände Lateinamerikas so lange halten können", fragt Kersten Knipp in der NZZ in einem vor allem auf Vargas Llosas politischer Biografie fokussierenden Nachruf. "Teils durch nichts als bloße Gewalt. Wie die sich zur Herrschaftssicherung einsetzen lässt, hat Vargas Llosa in seinem Roman 'Das Fest des Ziegenbocks' gezeigt, einem politisch-psychologischem Porträt des dominikanischen Potentaten Rafael Leonidas Trujillo, der sein Land bis zu seiner Ermordung 1931 diktatorisch regierte und plünderte." In seinem Roman "Krieg am Ende der Welt" indessen "zeigt Vargas Llosa eindrücklich, welche Kräfte Ideologie freizusetzen vermag".
"Leben und Schreiben, Reisen und Sich-Erinnern, das eine die Ergänzung des anderen", hält Marko Martin in der Welt fest. Schon viele Jahre vor dem Nobelpreis "war Vargas Llosa so etwas wie eine lebende Legende". Sicher ein Mitbegründer des Magischen Realismus, doch wo García Márquez "durchaus archaische Mythen revitalisierte, ging es MVL eher um lustvolle Dechiffrierung. 'Gespräch in der Kathedrale' und 'Das grüne Haus', seine frühen und sprachlich hochkomplexen Romane, in denen oft innerhalb eines einzigen Satzes Zeit- und Handlungsebenen changieren und Quechua-Sprache auf klassisches Spanisch trifft, ohne dass es je enigmatisch-kryptisch geworden wäre, spielen mit der atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten, ohne sich dieser freilich ganz auszuliefern." Kurz: "Einen wie ihn wird es wohl nicht mehr geben. Adiós, Super-Mario." Auf FAZ.netführt Andreas Platthaus kurz und knapp durch Vargas Llosas Leben und literarisches wie politisches Schaffen. Der bei Suhrkamp veröffentlichende SchriftstellerAndreasMaier kontextualisiert SiegfriedUnselds jüngst aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft (unsere Resümees hier, dort und an dieser Stelle) mit der eigenen Familiengeschichte und seiner eigenen Literatur: Erst überaus spät und durch einen Zufall entdeckte er nämlich, dass der familiäre Wohlstand, in dem er aufwuchs, auf der Enteignung einer jüdischen Familie aufgebaut war (was er im Roman "Die Familie" verarbeitete). "Ich selbst hatte drei Jahre Gelegenheit, Siegfried Unseld zu fragen. Meinen Sie, ich wäre je auf den Gedanken gekommen? Dass in seiner Umtriebigkeit, aber auch Führungskraft (er war auch mal Fähnleinführer der Jungschar) ... Verdachtsmomente liegen konnten - im Nachhinein wird das sekundenschnell klar. Jetzt fügt es sich, und am Ende steht dann vorläufig so ein Produkt wie ich: ein Kind der Schweigekinder, mit seiner Schweige- und sogar seiner anschließenden 'Erweckungs'-Literatur, verlegt im Verlag des großen Verschweigers, dessen Schweigekinder wir Autoren und Autorinnen nun mit einem Mal alle geworden sind. Denn vermutlich keiner von uns hat Unseld je gefragt. Wie bei meiner eigenen Familie: Wir sind nicht einmal auf den Gedanken gekommen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der SZ plaudert Peter Richter mit JonathanLethem anlässlich dessen neuen Romans über den New Yorker Stadtteil Brooklyn zwischen Gentrifizerung und Verklärung der einstmals sehr rauhen Straßensitten dort. Claas Oberstadt spricht für Zeit Online mit dem aus dem Gazastreifen in die USA geflohenen Lyriker MosabAbuToha. Der Standard lässt Literaten spazieren: Die SchriftstellerinMarleneStreeruwitzstreift nachts behänden Schrittes durch Wien, der SchriftstellerWolfgangHermannflaniert im Wiener Sternwartepark. Dass sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023 im Zuge von MeToo-Vorwürfen von TillLindemann getrennt hat, ist nach Auffassung des Landgerichts Köln nicht rechtens gewesen, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Und überaus "traurig" ist die Erkenntnis, die NZZ-Kritikerin Nadine A. Brügger aus der Lektüre von RebeccaYarros' unter Jugendlichen blockbusterartigen erfolgreichen Romantasy-Reißer "Onyx Storm" mitnimmt: "Sie feiern ein Buch, das auf keiner Ebene auch nur die geringsten Ansprüche an sie stellt."
Besprochen werden unter anderem OlivierSchrauwens Comic "Sonntag" ("Ein Buch für die Comicgeschichtsbücher, ein Sonntagskind dieser Kunstform", jubelt Andreas Platthaus restlos begeistert in der FAZ) und Nils Westerboers Science-Fiction-Roman "Lyneham" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Brose über MauriceChappaz' "Alleluja":
"Kommt aus euren Häusern raus, kommt aus euren Werken! Der Tod ist wie ein frischer Tau ..."
Durch Siegfried Unselds nun ans Tageslicht gekommene NSDAP-Mitgliedschaft (unsere Resümees hier und dort) bleibt das Verdienst des Suhrkamp Verlags in der Nachkriegszeit "unbenommen", schreibt Mara Delius in der WamS. Aber "Unseld selbst war in einem Punkt eben: ein ganz gewöhnlicher Deutscher. Wie sehr die Bundesrepublik auf solchen Paradoxien aufgebaut war, ist nachzulesen in der Literatur - nicht zuletzt in Werken, die bei Suhrkamp verlegt wurden." In seiner kurzen Notiz zur Causa Unseld kommttazler Dirk Knipphals auf Alexander Cammanns Kommentar in der Zeit zu sprechen, der hinter Unselds legendärem Arbeitseifer für seinen Verlag einen "geheimenSchuldmotor" vermutet: "Das ist nicht abwegig. Und zu den Kosten, diesen Motor am Laufen zu halten, gehörte eine lebenslange Abspaltung. Jeden Autorenbrief, jede Reiseabrechnung hat er aufbewahrt, aber seine Parteimitgliedschaft vergessen? Der Bildungsroman der Bundesrepublik führte über krummeWege." Auf eine Anfrage der FAZ reagiert JürgenHabermas mit einer Notiz, dass er und auch AlexanderKluge von Unselds NSDAP-Mitgliedschaft nichts gewusst hätten. Er glaubt auch nicht, "dass Unseld mit einem der mir bekannten engeren Autoren darüber je gesprochen hat", zitiert Patrick Bahners in der FAZ und grübelt im folgenden etwas umständlich herum, wie Habermas wohl zu dieser Gewissheit kommen mag.
Weitere Artikel: "Wir sind etwa in derselben Situation wie Deutschland 1933", sagt ein über die aktuellen Entwicklungen in den USA völlig verzweifelter T.C. Boyle im SZ-Gespräch gegenüber Jörg Häntzschel: Trumps "Macht ist absolut". Yelizaveta Landenberger erinnert in der taz an die Kurzgeschichten des in der Sowjetunion auf Jiddisch schreibenden Autors und Redakteurs GennadyEstraikh, dessen Texte sie während der Coronapandemie ins Englische übersetzt hat. In "Bilder und Zeiten" der FAZ erzählt der SchriftstellerWolfgangHegewald von seiner Reise nach Rom. Julia Encke porträtiert für die FAS den Schriftsteller, Reemtsma-Sohn, Musikproduzenten und LabelbetreiberJohannScheerer. Im Literaturfeature von Dlf Kulturspricht Jörg Plath mit dem Übersetzer ThomasWeiler, der für seine Übertragung von "Feuerdörfer" über Wehrmachtsverbrechen in Belarus vor kurzem den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.
Besprochen werden unter anderem SophieHungers Debütroman "Walzer für Niemand" (taz), ArnoFranks "Ginsterburg" (taz), RiccardoNicolosis "Putins Kriegsrhetorik" (taz), YannicHanBiaoFederers "Für immer seh ich dich wieder" (FR) und die Memoiren von JosephineBaker (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
An der nun aufgedeckten Tatsache, dass Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1942 als 18-Jähriger in die NSDAP eingetreten ist (hier unser Resümee), findet Judith von Sternburg in der FR "besonders wenig überraschend". Dies "nicht nur, weil er aus einem ausdrücklichen Nazi-Elternhaus stammte" und "eine gängige Ulmer Hitlerjugend-Jugend verlebte", sondern auch, weil er, anders als Grass, "nicht zu überscharfen Urteilen gegen verwickelte Altersgenossen neigte. Und umgekehrt eine vorsichtige, gelegentlich demütige Haltung gegenüber NS-Opfern, gegenüber den jüdischen Autorinnen und Autoren seines Verlags einnahm." Er "leugnete nicht, dass er zum 'Volk der Täter' gehörte und mit einer schweren Bringschuld einen Verlag, später noch dazu einen Jüdischen Verlag führte." Skandalöser findet von Sternburg schon eher, dass Unselds NSDAP-Mitgliedschaft erst heute aufgedeckt wurde: Das "sagt mehr über die Nachgeborenen als über einen Verleger, der selten schwieg, an dieser Stelle aber schon".
Auch Willi Winkler von der SZ gehört zu den Leuten, die zwar zu Unselds Leben publiziert haben, aber in die beim Bundesarchiv eingelagerte NSDAP-Zentralkartei keinen Blick geworfen haben. Dennoch, vielleicht aber auch deswegen, weist er von sich, dass "die Biografie des Verlegers 'an einem zentralen Punkt neu geschrieben werden muss'", wie der Historiker Thomas Gruber in seinem Zeit-Artikel zu seinen Recherchern schreibt. "Das ist lediglich einer dieser Superlative, mit denen Medien gern auftrumpfen, wenn sie eine Information exklusiv haben", meint Winkler.
Paul Jandl macht sich in der NZZ Gedanken und stellt Fragen: "Ob Siegfried Unseld etwa mit Autoren seines Verlags über sein Geheimnis gesprochen hat, wird sich vielleicht noch zeigen. Wenn ja, dann hätte ein intellektuelles Kartell des Schweigens ziemlich lange dichtgehalten. Auch noch nach dem Tod. Auch nachdem es Ende der nuller Jahre eine ganze Reihe politischer Outings gegeben hatte. ... MartinWalser, seinem Verleger Siegfried Unseld engstens verbunden, war im gleichen Alter, auch mit siebzehn, der Hitler-Partei beigetreten. Kann es sein, dass man sich nie darüber unterhalten hat? Und wenn, tat man es dann mit der Einmütigkeit prominenter Nachkriegslinker, dass so etwas allenfalls eine Jugendsünde gewesen sein konnte?"
Weiteres: Nadine A. Brügger spricht in der NZZ mit dem SchriftstellerKarlOveKnausgård. Besprochen werden unter anderem MargaretAtwoods "Hieb und Strich" (FR), OliverLovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" (online nachgereicht von der FAS), KurtPrödels "Klapper" (Zeit) und die ersten zwei Bände der "gesammelten Schriften" von HermannL. Gremliza (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
SiegfriedUnseld war NSDAP-Mitglied. 1942 ist der spätere Suhrkamp-Verleger im Alter von 18 Jahren in die Partei eingetreten. Das ergab ein Zufallsfund des Historikers ThomasGruber, dem bei Recherchen im Bundesarchiv zu einem anderen Thema Unselds Mitgliedskarte quasi in die Hände fiel. Bisherigen Unseld-Biografen "scheint die Karte nicht aufgefallen zu sein", obwohl sie "leicht zu finden" wäre und Unseld selbst zumindest in dunklen Anspielungen von einem "Bruch" mit dem Regime im Jahr 1944 sprach, schreibt Gruber in der Zeit. Aber wie ist der Fund einzuschätzen? Das Klischeebild vom Parteieintritt unter Zwang mag, wie in früheren Debatten um NS-Mitgliedschaften, für das Jahr 1944 unter Umständen sogar Geltung haben, "aber kaum für 1942", als man in der Partei noch "Überzeugte" aufnehmen wollte. "Für Unseld im September 1942, knapp zweieinhalb Jahre vor Kriegsende, bedürfte es schon eines besonders plausiblen Grunds, warum ihm die Aufnahme (selbst wenn nicht von ihm beantragt) unbekannt und er bis Kriegsende eine bloße Karteileiche geblieben sein sollte. Versetzen wir uns dafür nur in die alltägliche Parteibürokratie des Jahres 1942. Ein Mitglied hat Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Zwar werden beglichene Beiträge nicht in der Mitgliedskarte erfasst. Nicht gezahlte führen hingegen auf Dauer zur Streichung des Mitglieds - was sehr wohl in der Karte verzeichnet wäre."
Diese "Entdeckung berührt die Grundfesten, auf denen das Land seit Jahrzehnten intellektuell und moralisch agiert", kommentiert Alexander Cammann ebenfalls in der Zeit. Bloß eine Jugendsünde eines Jungen, der in eine "nationalsozialistisch engagierte Familie" hineingeboren war? Vielleicht schon, "zum Fall Unseld wird die Angelegenheit jedoch durch sein lebenslangesBeschweigen. ... Ausgerechnet ein in der Aufklärung über die NS-Zeit derart engagierter Verleger agierte hinsichtlich der eigenen Biografie wie der normaleDurchschnittsdeutsche. ... Ein Verschweigen brachte jedenfalls für Unseld Karrierevorteile nach 1945, zumal dramatische Kriegserlebnissse wie bei so vielen einiges überdecken konnten. ... Die beispiellose Energie, mit der Unseld sein Leben dem Verlag gewidmet hatte, speist sich also womöglich aus einer Art geheimem Schuldmotor, wie man ihn bei gar nicht wenigen erfolgreichen deutschen Karrieren nach 1945 beobachten kann: auch ein Versuch der Wiedergutmachung eigener Irrtümer, Unterlassungen und Taten, nachdem man noch mal davongekommen war."
All die großen Namen, die Unseld bei Suhrkamp versammelt hat, "sie alle hatten eines gemein", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ: "Sie standen durch ihre Werke für ein politischgeläutertes, antifaschistischesDeutschland, ... also genau das Gegenteil des Nationalsozialismus." Aber "hätten all die Autoren einem Verlag die Treue gehalten, von dem bekannt geworden wäre, dass sein Chef NSDAP-Mitglied war?" Für "bezeichnend" hält es Platthaus jedenfalls, "dass nie jemand bei diesem im 'Dritten Reich' jungen Mann auf die Idee gekommen ist, dass der sich intensiver auf die damals herrschende Ideologie eingelassen haben könnte als nur durch Dienst in der Wehrmacht." Das mit dem "Fall Unseld" wird sich erst noch zeigen müssen, findet Gerrit Bartels diesbezüglich eher skeptisch im Tagesspiegel. Dass Unseld als Jugendlicher in einem vom Nationalsozialismus sehr geprägten Umfeld aufwuchs, war ja eh schon allgemein bekannt. "Wie sehr Unseld aber in Ulm erst auf dem Blauring-Realgymnasium und dann an der Hans-Schemm-Oberschule ideologisch bearbeitet worden ist, wie viel Einfluss die NS-treuen und antisemitischen Eltern auf seine politisch-geistige Entwicklung hatten, danach ist von den fünfziger Jahren bis zu seinem Tod nie gefragt worden."
Weitere Artikel: Horst H. Kruse unternimmt in der FAZ Archiv-Tiefenbohrungen, um herauszufinden, wie F. ScottFitzgerald wohl die wertschätzende Anrede "Old Sport" zugeflogen ist, die er mit seinem vor hundert Jahren erschienenen Roman "The Great Gatsby" endgültig popularisierte. Nach einem Vorab-Auszug im Literaturmagazin Glitterfreut sich Andreas Platthaus in seiner Online-Comickolumne bei der FAZ auf Joris Bas Backers Comic "Falsch gestorben".
Besprochen werden unter anderem TomaszRozyckis "Die Glühbirnendiebe" (NZZ), OlivierSchrauwens Comic "Sonntag" (Tsp), AxelHutters "Sprachanalyse und Metaphysik" (FR), FriedlBenedikts "'Warte im Schnee vor deiner Tür'. Tagebücher und Skizzen für Elias Canetti" (FAZ) und HubertWinkels' "Die Hände zum Himmel" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Simon Strauß ist im FAZ-Kommentar ganz ergriffen von dem, was PeterHandke in seinem großen NZZ-Gespräch (unser Resümee) über Traurigkeit sagt. Besprochen werden unter anderem EmmanuelCarrères "Ich lebe und ihr seid tot" über den SF-AutorPhilipK. Dick (NZZ), der von SergejLebedew herausgegebene Band "Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg" (NZZ), Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia" (Welt), Franzobels "Hundert Wörter für Schnee" (FR), GeorgiDemidows "Zwei Staatsanwälte" (ZeitOnline), die Jubiläumsausstellung des CharlesDickensMuseumin London zum hundertjährigen Bestehen (FAZ), Nenad Veličkovićs "Nachtgäste" (FAZ) und AlbertvonSchirndings "War ich da? Von Ankünften und Abschieden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In den ersten Apriltagen fand in Berlin die russischsprachigeBuchmesse"Berlin Bebelplatz" statt. Die Veranstalterinnen Olga Tschesnokowa und der Julia Grischtschenko wollten damit "vor Augen führen, dass die russische Wortkunst und Publizistik nicht Eigentum des repressiven russischen Staates sind", berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Es war vor allem auch ein Treffen dissidenter russischer und russischsprachiger Stimmen. So stellte der seit den Neunzigern in der Schweiz lebende SchriftstellerMichailSchischkin den im kommenden Mai erstmals vergebenen Literaturpreis 'Dar' vor, dessen Preisträger Übersetzungen in mehrere Sprachen winken. Schischkin selbst "beklagte, dass die Landsleute seiner ersten Heimat den täglichen Gräueln in der Ukraine nur ihr kollektives Schweigen als sklavische Überlebensstrategie entgegensetzten. ... Er sieht in der Emigration eine Form von Widerstand und prophezeit, der Exodus russischer Künstler, die die Würde ihrer Kultur bewahren wollten, werde nicht versiegen. Die Würde Russlands retten könne indes nur der literarische Text eines im Land gebliebenen Kriegsveteranen, den seine Erfahrungen in der Ukraine zur Selbstbefragung und zur Umkehr bringen." Etwas schade findet es Barbara Oertel in der taz, dass Veranstaltung im Vorfeld kaum beworben und die Diskussionen kaum gedolmetscht wurden - so war man dort doch spürbar unter sich. Vor sechzig Jahren reichte PeterHandke sein erstes Manuskript bei Suhrkamp ein. NZZ-Kritiker Roman Bucheli hat den Schriftsteller aus diesem Anlass in Frankreich besucht. Dem ist die Welt mal wieder viel zu viel - und zu Kriegen in Europa hat er weiterhin sehr viel Meinung. "Ich lebe für eine andere Welt. Keine utopische, aber für die Welt, die da ist. Die topische Welt, die vorhandene Welt. Was die Politik heute macht, ist eine antitopische Welt. Eine Art der Weltzerstörung. Und das gilt nicht nur für die Russen. Ich bin sicher, dass in Europa - man darf ja nicht darüber reden - ein Frieden möglich gewesen wäre, lange vor dem Krieg wäre eine Einigung in der Ukraine möglich gewesen. Ich hasse mich selber dafür, wenn ich sage 'ich bin sicher', aber ich bin sicher, dass die Europäer Selenski zum Krieg ermuntert haben: 'Mach nur, mach nur. Wir unterstützen dich.' Und wofür? Selenski opfert sein Volk, die haben alle genug. Es ist ein furchtbares Leid, das Volk leidet. Die Nationen können mir gestohlen bleiben. Ich hasse Nationen. Die Vereinten Nationen soll man abschaffen. Die haben nichts mehr zu sagen. ImWort 'Nation' istkeineErotikmehrdrin, nur noch Gewalt." Handke hätte also zu Unterwerfung geraten? Zu wunschlosem Unglück?
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Bereits vor zwanzig Jahren, in "Verschwörung gegen Amerika", hat Philip Roth Trumps Marodieren vorhergesehen, schreibt Hannes Stein in der Welt. Die KulturwissenschaftlerinElisabethBronfenverrät der Literarischen Welt online nachgereicht, welche Bücher sie geprägt haben. Die SchriftstellerinTeresaPräauer wundert sich in ihrer SZ-Kolumne, dass in letzter Zeit insbesondere im Trash-TV alle davon reden, dass "Küssefallen". Mladen Gladic stürzt sich online nachgereicht für die Literarische Welt in die Romantasy-Serie "Flammengeküsst" von RebeccaYarros. Paul Ingendaay hat für die FAZ einen Berliner Gedenkabend für den im Januar verstorbenen Schriftsteller und ÜbersetzerMartinPollack besucht. Gerhard Stöger (Falter) und Peter Richter (SZ) schreiben Nachrufe auf den Übersetzer und Popkultur-AutorTimMohr.
Besprochen werden unter anderem Titiou Lecoqs Biografie über Balzac (taz), WenkeSeemanns "Utopie auf Platte" (taz), ThomasWagners "Abenteuer der Moderne" (online nachgereicht von der Zeit), LorettaWürtenbergers und HubertusGrafZedtwitz' "Eine Sprache der Liebe" (FAZ) und JosephVogls "Meteor - Versuch über das Schwebende" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In seiner online nachgereichten Zeit-Kolumne erzähltMaximBiller wie seine Freundschaft, die vielleicht auch einfach "nie eine war", mit RainaldGoetz in die Brüche gegangen ist. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Elmar Schenkel daran, wie Nietzsche einmal ein Pferd umarmte.
Besprochen werden PatrickModianos "Die Tänzerin" (FR), ChristophHeins "Narrenschiff" (online nachgereicht von der Zeit), eine Neuausgabe von Rolf DieterBrinkmanns "Westwärts 1 & 2" (taz), EmmanuelCarrères Biografie über den SF-AutorPhilipK. Dick (Standard), CamillaBarnes "Keine Kleinigkeit" (Presse), KatharinaKöllers "Wild wuchern" (Standard), FrankSchulz' "Amor gegen Goliath" (Standard), KurtPrödels "Klapper" (Standard), Krimis von HendrikStreeck und ElisaHoven (online nachgereicht von der Zeit), GeorgiDemidows "Zwei Staatsanwälte" (SZ) und neue Krimis, darunter "Hen Na E - Seltsame Bilder" von Uketsu (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über JanWagners "ansprache an die kaiserpinguine":
"auch ihr müßt verschwinden, eher sogar als wir - wenngleich nicht früher als der freund, von dem ich abschied nahm am busbahnhof ..."
In einer Perlentaucher-Intervention protestiert der Schriftsteller Christian Kortmann gegen das Unwesen der sogenannten Schriftstellerstipendien und Stadtschreiberstellen, die meist unter dem Deckmantel des Mäzenatentums kümmerliche Bedingungen offerieren: "So werden dem Stadtschreiber in Allstedt sage und schreibe vier Lesungen abverlangt, mit dem lakonischen Zusatz: 'Diese Lesungen sind kostenfrei zu halten.' Dabei entspricht ihr Marktwert sieben Wochen des gewährten Stipendiums, wenn man das Basishonorar für eine Lesung zugrunde legt, das Literaturfonds und die Gewerkschaft Verdi übereinstimmend mit 500 Euro veranschlagen. Wenn Gegenleistungen eingefordert werden, handelt es sich um kein Stipendium mehr, sondern um einen schlecht bezahlten Job, den man McGrant nennen könnte."
Edwin Frank von der New York Review of Books spricht in der Literarischen Welt mit Sarah Pines über die von ihm vor 25 Jahren gegründete Buchreihe "New York Review of Books Classics", bei der er besonderen Wert darauf legt, dass es gerade nicht die kanonischen Texte sind, die er dort herausbringt: Jane Austens große Romane etwa kämen für ihn nicht infrage. Auch um heutige Bedürfnisse geht es ihm mit Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen um Sprache in alten Texten nicht: "Mir ist es umso wichtiger geworden, brillante Werke zu publizieren, die zeigen, wie kompliziertund kompromittierend das Schreiben sein kann. Ich verlege sowjetische Autoren - und den umstrittenen DrieudelaRochelle beziehungsweise sein Buch 'Das Irrlicht'. (... ) Der Autor war ein Faschist; in 'Das Irrlicht' geht es um einen unglücklichen Veteranen des Ersten Weltkrieges. Ich interessiere mich für Literatur, die auf historische Begebenheiten antwortet oder sich diesen unterwirft. Oder die chinesische Autorin EileenChang." Sie "lebte in den 1940er-Jahren im kommunistischen Shanghai und unter japanischer Besatzung. Sie konnte, durfte nicht explizit politisch schreiben, schrieb über die kleineren Dinge zwischen Mann und Frau. Auf eine Weise war sie eine sehr politische Schriftstellerin, eben, weil sie die Politik aussparte."
Weiteres: Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt Hannes Hintermeier von seiner Reise ins österreichische Hohenems, wo heute Abend das LiteraturhausVorarlberg nun nach Jahren der Konzeption und Renovierung des genutzten Hauses endlich Eröffnung feiert und für die Zukunft auf ein Konzept setzt, "das sich deutlich vom gängigen Abspieltheater mit abendlichen Lesungen absetzen" will. Ekkehard Kraft erinnert in der NZZ an den jugoslawischen LiteraturnobelpreisträgerIvoAndric, der vor 50 Jahren gestorben ist. Und der SchriftstellerThomasHettchegondelt im Literaturfeature von Dlf Kultur mit Casanova durch Venedig.
Besprochen werden unter anderem HerfriedMünklers "Macht im Umbruch- Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" (taz), KatjaPetrowskajas "als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg" (FR), Amira Ben Saouds "Schweben" (DlfKultur), Mary Shelleys "Mathilda" (online nachgereicht von der Welt), Julia Schneidawinds "Schicksale und ihre Bücher. Deutsch-jüdische Privatbibliotheken zwischen Jerusalem, Tunis und Los Angeles" (taz), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (NZZ), Martin Prinz' "Die letzten Tage" (Presse), LizMoores Krimi "Der Gott des Waldes" (taz), Bernhard Robbens Neuübersetzung von F. ScottFitzgeralds "Der große Gatsby" (LitWelt), HeleneHegemanns "Striker" (FAS), PatrickModianos "Die Tänzerin" (FAZ) und ThomasWagners "Abenteuer der Moderne - Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!So richtig Zunder hat die Debatte um den Leipziger Buchpreis für KristinaBilkaus Roman "Halbinsel" bislang ja nicht (unsere Resümees hier und dort). Zwar hätten die Kritiker lieber Wolf Haas oder Christian Kracht ausgezeichnet gesehen, aber rundheraus in die Tonne stoßen wollte Bilkaus Roman auch niemand. Der Vorwurf, hier würden Männer mit einer Auszeichnung für eine Frau fremdeln, stand zumindest in den Feuilletons bislang allenfalls angedeutet im Raum (und wäre auch sonderbar, da der Leipziger Buchpreis in den letzten zehn Jahren quasi paritätisch vergeben wurde). Spiegel-Kritiker Xaver von Cranach, der an Bilkaus Buch zwar "manches beeindruckend" findet, aber dennoch Themenliteratur vorliegen sieht, fühlt sich dennoch angesprochen - und sei es nur auf Social Media: "Auf der Plattform Blueskyschickt die AutorinNicoleSeifert gleich die gesamten 'Feuilletonboys' in Gruppentherapie, weil die angeblich nicht aushalten können, dass mit Kristine Bilkau eine Frau einen Preis gewinnt. Bei einem Buch, das überwiegend positive Kritiken bekommen hat (Feuilletonerfolg), auf der Bestsellerliste steht (Publikumserfolg) und dann auch noch einen Preis bekommt (Betriebserfolg) so aus der Defensive heraus zu schreiben, ist etwas merkwürdig." Schreibt er und gibt zu Protokoll, dass Cemile Sahin mit "Kommando Ajax" seine Favoritin gewesen wäre.
Weiteres: Das in Algerien in Abwesenheit seines Anwalts gefällte Urteil über BoualemSansal "ist ein politischer Skandal", in dem "sich der autoritäreCharakter des algerischen Regimes spiegelt", kommentiert Bernd Beier in der Jungle World. Besprochen werden unter anderem HelgeTimmerbergs "Bon Voyage - Mit Papas Benz bis nach Marokko" (taz), MartaSchwierz', Rüdiger Ritters und GretavonRichthofens Comic "Maczków. Eine deutsch-polnische Nachkriegsgeschichte" (BLZ), TomasEspedals "Lust" (FR) und MartinPrinz' "Die letzten Tage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Paul Jandl schlägt in der NZZ vor, die Tagebücher von EliasCanetti, von denen Auszüge kürzlich in Mainz zu hören waren (unser Resümee), der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, würden sie doch "das Bild eines monumental selbstbezogenen, aber auch für den Lauf der Welt sensiblen Schriftstellers abrunden". Auf Tellunterzieht Sieglinde Geisel Kristine Balkaus eben mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Roman "Halbinsel" dem Page-99-Test. Die tazdokumentiertMelyKiyaks Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Heinrich-Mann-Preis. Beate Tröger sammelt für den Freitag zehn Fakten zu HansChristianAndersen, der vor 220 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden unter anderem LotharMüllers Biografie über GiacomoCasanova (Standard, online nachgereicht von FAZ und Welt), EricSchneiders Comic "Opi" (FAZ.net), HartmutLanges "Der etwa vierzigjährige Mann" (FR), JenniferDowns "Körper aus Licht" (FAZ) und ChristophHeins "Narrenschiff" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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