Fotolot

Eingeschriebene Abwesenheit

Über Bilder, Bände und Sites Von Peter Truschner
04.01.2018. Alec Soth ist weniger Klassiker geworden, als dass er vielmehr von Anfang an wie ein Klassiker an die Sache heranging. Seine Bilder von Außenseitern und sanft insistierenden Panoramen haben ebenso viel mit der Gegenwart des US-Heartlands zu tun wie mit Landschaften von Ruisdael bis Corot. Die Hamburger Ausstellung läuft noch bis zum 7. Januar.
Der Londoner Verlag Mack Books hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fotobuch-Klassiker neu aufzulegen, etwa Larry Sultans "Pictures from Home" und Masahisa Fukases "Ravens". Die letzte Unternehmung in dieser Richtung ist "Sleeping by the Mississippi" aus dem Jahre 2004 - jenes Buch, mit dem Alec Soth einem breiten Publikum bekannt wurde. Seither wird sein Name in einer Reihe genannt mit den großen fotografischen Landvermessern des US-amerikanischen Way of Life: Robert Frank, Stephen Shore und Joel Sternfeld. Frank ist dabei wie Cartier-Bresson mehr dem lebendigen Augenblick verpflichtet, während Shore die Sache mit einer größeren Distanz betrachtet und Strukturen in den Wechselwirkungen von Stillstand und Fortschritt, Landschaft und Besiedelung bloßlegt.

Augenscheinlich ist Soths geistige Verwandtschaft mit Joel Sternfeld, dem Kartografen der '(almost) rotten and forgotten places' und ihrer Bewohner, der eine Zeitlang auch Soths Lehrer war. Nicht anders als etwa die Pioniere und Glücksritter in den Filmen von John Ford sind diese Fotografen nicht zuletzt der Erschließung des Kontinents verpflichtet. Soths Nähe zu großen Erzählern wie Ford oder Twain ist dabei kein Zufall, denn anders als viele dem Bild verschriebene KünstlerInnen meidet er ein den Bildern zugrunde liegendes Narrativ nicht, sondern betont es. "Ich sehne mich nach Geschichten", sagt er 2004 in einem Interview, "Romane und Filme befriedigen mich in einer Weise, wie Fotos es oft nicht tun. Das ist etwas, woran ich mich selbst abarbeite." Wie seine sich in der Wahl der künstlerischen Mittel unterscheidenden Vorgänger richtet Soth sein Augenmerk dabei weniger auf berühmte Zeitgenossen als auf in den Fluten des Mainstreams mal mehr, mal weniger freiwillig zurück gebliebene und an den Rand geschwemmte Existenzen.

Wer "Sleeping by the Mississippi" sorgfältig durchblättert,




erkennt, dass Soth weniger zu einem Klassiker geworden ist, als dass er vielmehr von Anfang an wie ein Klassiker an die Sache heranging und die symbiotische Kraft des Klassischen sowie seine bei den BetrachterInnen hervorgerufenen Wirkungen wie Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit für sich zu nutzen sucht.

Bilder einer beleuchteten Tankstelle vor einem verschneiten, felsigen Berghang im frühen Abendlicht - "Cemetery, Fountain City, Wisconsin" - oder der ein wenig schäbigen, zwischen braunen Ackerfurchen und einem grau verhangenen Himmel gesetzten Hütte in Dyers, Arkansas, die "Johnny Cash's boyhood home" war, haben ebenso viel mit der Gegenwart des US-Heartlands zu tun wie mit Landschaften des 17.bis  19. Jahrhunderts von Ruisdael bis Corot.

Die einzelnen Komponenten karger, herbstlicher Uferlandschaften wie "St. Genieve, Missouri" oder möblierter, mit wenigen persönlichen Versatzstücken ausgestatteter und dekorierter Innenräume wie "Sugar's, Davenport, Iowa" sind in ihrer Komposition klar und in sich geschlossen wie die Stillleben der niederländischen Malerei, und beschwören zugleich wie die großen Leuchtkästen von Jeff Wall auf eine sanft insistierende, nur diskret angedeutete Weise eine dem Bild eingeschriebene Abwesenheit oder Lücke, die dem Dargestellten einen größeren Zusammenhang verleiht. Diese zurückhaltende, in einen Raum von Hinweisen und Andeutungen gebettete und auf den historischen (und damit politischen) Rahmen des Dargestellten verweisende Evokation hat ihre tiefere Bedeutung auch darin, dass es im Verhandeln der Deutungshoheit über die traditionell äußerst heterogene US-amerikanische Lebenswirklichkeit immer auch um die Beschwörung sorgsam gepflegter oder aber verdrängter Mythen und Geschichten geht, die nicht zuletzt von Untoten  - von Gettysburg bis Ground Zero - bevölkert werden.

Wie Vermeer oder Manet versenkt Soth diese Diskurse tief ins Innere seiner das Individuum mit all seinen Hoffnungen und Enttäuschungen beschwörenden Porträts, in denen Kleinigkeiten am Rande der Wahrnehmungsschwelle wie Kleidungsstücke, Arbeitsgeräte, Blicke oder überhaupt nur die dem Wetter geschuldete Beschaffenheit des Lichts Auskunft über den geisterhaften Subtext des Bildes geben. Im darauf folgenden Buch "Niagara" (2006)



hat es Soth mit dieser Methode zur Meisterschaft gebracht an einem Ort der "spektakulären Selbstmorde und bezahlbaren Flitterwochen" (Soth), der es ihm ermöglichte, Vergangenheit und Gegenwart zu verschränken, den Grad der intimen Aura seiner Portraits (unter anderem auch durch die Abbildung von handgeschriebenen Liebesbriefen)  zu erhöhen und die substanzielle Verletzlichkeit der Portraitierten empathisch herauszuarbeiten. "Für mich ist Verletzlichkeit das Schönste überhaupt", sagt Soth.

In der aktuellen Ausstellung "Gathered Leaves" (benannt nach einer Textzeile von Walt Whitman) in den Deichtorhallen in Hamburg werden zahlreiche, teils großformatige Bilder aus "Sleeping by the Mississippi" und "Niagara" sowie aus "Broken Manual" (2010)  und "Songbook" (2015) gezeigt. "Broken Manual"



ist dabei Soths aufregendste und brisanteste Arbeit, wie auch anhand Laure Flammarions großartiger Doku "Somewhere to disappear" deutlich wird.

Dieser Film ist bei Vimeo in voller Länge zu sehen:


Somewhere to disappear, 2010 from laure flammarion on Vimeo.



Wieder macht Soth sich auf den Weg, diesmal nicht entlang des über 3.000 Kilometer langen Verlaufs des Mississippi, sondern von den verschneiten Bergen Wyomings zu den hitzeflirrenden Wüstengebieten Arizonas. Hier wie dort ist er auf der Suche nach Aussteigern, Ausgestoßenen, Einsiedlern und anderen Abtrünnigen der Mehrheitsgesellschaft, die sich - ob für eine bestimmte Zeit oder aber für immer - an einem kartografischen Nirgendwo in eine Hütte, einen Bunker, eine Höhle oder einfach nur in ein tiefes Loch im Boden zurückgezogen haben. So mancher Outsider und Outcast taucht diesen Ausstieg in das mythologische Licht der uneingeschränkten (Bewegungs-)Freiheit eines US-Bürgers und der Verweigerung der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die nicht den eigenen Vorstellungen entspricht - nicht anders, als Billy the Kid es vor ihnen getan hat (oder wie die romantische Fiktionalisierung solcher Lebensläufe es zumindest behauptet).

Soth widmet sich fundamentalen Aussteigertexten wie Will Brendzas "How to disappear completely" ebenso wie selbst gebastelten Waffen, die nach Vorbildern aus Jack Lugers "Improvised Weapons in American Prisons" zusammengebaut sein könnten. Höhepunkt der  Ausstellung ist das übermannshohe Portrait eines nackten und kahl geschorenen jungen Mannes, der in einem kleinen Tümpel inmitten der sandsteinfarbenen Felslandschaft steht, in der er mit seinem Hund, einem Stapel Tarot-Karten und zwei Gewehren in einem Verschlag lebt. Wie die Porträts der spanischen Infantinnen von Velazquez bringt das Bild die Situation des Mannes auf einen ebenso luziden wie poetischen Punkt und ist (vielleicht gerade deshalb) offen für alle möglichen, um Objektivität ringenden Zuschreibungen wie auch alle subjektiven Projektionen von Entsagung, Hoffnung, Schmerz, Flucht, Einsamkeit, Stille. Jede dieser an das Bild gerichteten Fragen und Spekulationen lädt es auf mit Bedeutung und mehrt seine eigentümliche, große Schönheit. Allein schon um dieses Bildes willen würde sich Besuch der Hamburger Ausstellung, die nur noch bis 7. Januar zu sehen ist, lohnen.

Der abschließende Teil der Ausstellung - Schwarzweiß-Bilder aus der Serie "Songbook" (2015) -, fällt dann in ihrer Intensität und Dringlichkeit hinter "Niagara" und "Broken Manual" zurück, was nicht nur daran liegt, dass diese dahingehend kaum zu überbieten sind, sondern dass Soths Ansatz in diesem Fall von vornherein wenig ergiebig ist. Er hat sich "im Gewand eines klassischen Fotojournalisten an die Arbeit gemacht", was es ihm erlaubte, in der Gegenwart zu bleiben und gleichzeitig in die "Zeit meiner Großeltern" einzutauchen. Die gelungensten Bilder  - etwa das in seinen Ausmaßen an der Wand riesige "Crazy Legs Saloon. Watertown, New York" - stehen jedoch für sich selbst und legen einmal mehr Zeugnis ab von Verschmelzung von Dokumentation und Kunst, Detailbesessenheit und großer, theatralischer Geste, Gegenwart und Vergangenheit in Alec Soths Werk.

Peter Truschner

Alec Soth, Sleeping by the Mississippi. 120 Seiten, 28 cm x 27.5 cm. MACK Books,
London 2017. €45.00, ISBN 978-1-910164-89-1

Alec Soth, Gathered Leaves. Ausstellung. 8. September 2017 − 7. Januar 2018. Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg.