Elias Hirschl: SchleifenFranziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Die Leserinnen und Leser von Fotolot teilen mir immer wieder mit, wie sehr sie es schätzen, dass in meine Beiträge eine Menge Information aus anderen Gebieten einfließt: Malerei, Film, Literatur, Philosophie, Politik.
Wahr ist aber auch, dass ich kaum Bücher bespreche, die explizit dem diskursiven Raum der Fotografie zuzurechnen sind. Als Erklärung für diese Lücke kann ich im Grunde nur wenig Substanzielles vorbringen, schlicht, weil die meiste Fototheorie leider wenig Substanzielles bietet.
Eine Fraktion ist über die fundamentalen Texte von Benjamin, Barthes und Sontag meist nicht hinausgekommen, selbst wenn sie sich mit Post-Fotografie beschäftigt und Positionen wie die von Donna Haraway in ihrer Argumentation unterbringt.
Eine andere, gegenwärtig dominante Fraktion, lehnt sich, nicht anders als beim Film oder am Theater, an die im Kulturbetrieb angesagten Narrative an: Feminismus, Postkolonialismus, White Privilege, Diversität, Nachhaltigkeit.
Das führt zu Phantasmen in der geschützten Werkstätte Kulturbetrieb wie der "Photography of Care" oder dem "demokratischen Museum", und am Ende zum Gegenteil dessen, was Siri Hustved vorschwebt: "Ein Kunstwerk muss ein Rätsel sein. Es muss mich in die Position einer Nichtwissenden versetzen, andernfalls langweilt mich mein eigenes Verstehen."
Wie es beim Sesselkreis aus Kunstinstitutionen, Feuilleton und Kulturpolitik üblich ist, wird das Ganze von der öffentlichen Hand gefördert, und von einer Endlosschleife an Symposien,Talks, Zeitungsartikeln und Beiträgen in den Sozialen Medien begleitet.
Der Vorschlag, Theorie in Fotolot (mehr) Raum zu geben, ist hingegen gut und sinnvoll, vor allem dann, wenn es hilft, für weit über die Fotografie hinaus bedeutsame Entwicklungen vom Selfie bis zur Künstlichen Intelligenz zu beleuchten. Den Anfang machen wir mit Boris Groys' Betrachtungen zum Narzissmus, der als Phänomen auch in Texten über die Konsumgesellschaft, den Kunstbetrieb und Social Media immer wieder ins Spiel gebracht wird.
Boris Groys wurde 1947 als Sohn eines jüdischen Ingenieurs aus Kiew und einer kasachischen Mutter geboren. Er studierte an der Universität Leningrad Philosophie und Mathematik. 1981 ging er in die Bundesrepublik und lehrte in weiterer Folge an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.
Erstes Aufsehen erregte er mit seinem Buch "Gesamtkunstwerk Stalin" (1988), in dem er -ähnlich wie beim italienischem Futurismus und Faschismus - Überschneidungen zwischen der russischen Avantgarde und dem stalinistischen Kunstbegriff aufzeigte, der alle Bereiche der Gesellschaft vereinnahmte, ob diese wollten oder nicht.
In der "Politik der Unsterblichkeit" (2002) behauptet Groys, dass "die philosophischen Fragen nie gelöst werden" können, und "man von ihnen auch nicht erlöst" wird. "Sie sind unsterblich". Durch seine Beschäftigung mit der Rolle des Archivs für die Kultur (etwas, das heute vermehrt in "Artist meets Archive" - Projekten zu Buche schlägt) ist für ihn klar: "Wir agieren nicht zuletzt in der Gesellschaft der Toten, die als Gestalten des kulturellen Erbes untot bleiben."
Das bringt es unweigerlich mit sich, dass der Raum, den angehende Philosophen mit ihren Ideen bevölkern wollen, schon bestens ausgestattet ist: "Ein Schrank namens Heidegger, ein Sofa namens Kant, eine Kücheneinrichtung namens Wittgenstein. Philosophen sind wie Möbelstücke, (…) an denen sich ständig stößt, wer sich im Raum der Philosophie frei bewegen will." Innovation bedeutet in dem Zusammenhang: "Die Zeit dessen, was ist, ist abgelaufen." Was bis zu diesem Augenblick noch ist, fällt im nächsten unrettbar der Vergangenheit anheim.
In seinem neuen Buch "Zum Kunstwerk werden" (das ein Gespräch mit Carl Hegemann enthält, dem kürzlich verstorbenen, langjährigen Dramaturgen der Berliner Volksbühne) greift er diese Themen wieder auf und wendet sie auf den Narzissmus an, was insofern auch interessant für die Fotografie und die Bildproduktion als solche ist, weil der Narzissmus ein wesentlicher Baustein von Hypothesen darstellt, die sich mit der Selfie-Kultur in Zeiten von Social Media beschäftigen.
"Narziss ist nicht an der Betrachtung seiner inneren Visionen interessiert, sondern an dem Bild, dass er der Welt von sich präsentiert. Dieses Bild ist kein Teil seines Selbst, sondern liegt außerhalb. Unser Bild gehört den anderen, gehört der Gesellschaft, in der wir leben." Narzissmus bedeutet also nicht zuletzt, "den eigenen Körper als Ding zu verstehen wie jedes andere Dinge der Welt".
Angetrieben wird der Narzisst von dem Wunsch nach einem perfekten Bild seiner selbst, das von anderen ebenso begehrt wird. Frei nach Alexandre Kojéve, der meinte: "Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte des begehrten Begehrens."
Dieses narzisstische Begehren scheint mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit zusammenzufallen. "Narziss ist wie ein lebender Toter, er verwandelt sich in ein Bild, reduziert auf die reine Form. Der lebendige, individuelle Körper wird dem toten, öffentlichen geopfert. Die Produktion der Bilder ist die Produktion eines Lebens nach dem Tod. Dadurch verliert der Tod seinen Stachel."
Groys' Deutung des Narzissmus hat etwas Essenzialistisches im Sinne von Berkeleys "Esse est percipi", beschränkt sich aber zu sehr auf das klassische Bild des schönen Jünglings Narziss, der im Wasser sein Spiegelbild erblickt und schlicht hin und weg davon ist.
Der bildintensive Narzissmus dieser Tage ist jedoch kein statischer, selbstgenügsamer und unkommunikativer.
Ob es sich um einen perfekten, normschönen Körper handelt, oder um einen aus einer gehypten Netflix-Serie bekannten Ort, zu dem die Massen aufbrechen, um dort ein Selfie zu machen: Die narzisstische Bildproduktion dieser Art erfordert einen hohen Aufwand, dessen Sinn nicht zuletzt in einer allseitigen Monetarisierung seines Resultats liegt, sei es die erfolgreiche Influencerin, die Werbung macht und Produkte verkauft, oder der Konsument, der dem damit verbundenen Lifestyle frönen will.
Das Self Design, auf dem der ökonomische Erfolg beruht, fällt zusammen mit dem Druck zur Selbstoptimierung in Zeiten eines konkurrenzintensiven Kapitalismus. Für Byung Chul Han wird diese Selbstoptimierung von einer internalisierten "Gewalt der Positivität" angetrieben, bei der das Subjekt zugleich "Gefangener und Aufseher" seines Selbstversuchs ist, der am Ende nicht selten in Burnout und Depression endet.
Interessanter als Groys Gedanken zum Narzissmus erscheint mir ein Aspekt, der im Text kurz auftaucht: das Framing oder die Rahmung, wie Groys es nennt: "Wenn man etwas betrachtet, geschieht das immer innerhalb eines bestimmten Kontextes, eines bestimmten Rahmens. Man kann soziale Bewegungen oder politische Diskurse rahmen und als Kunstwerk präsentieren." Das führt letztlich dazu, "dass die Rahmung das Bild ausmacht."
Eine gelungene Beschreibung des Prinzips gegenwärtiger, kuratierter Ausstellung, in der den Artefakten nur eine illustrative, deskriptive Rolle in Bezug auf das Thema der Ausstellung zukommt. Kuratorinnen und Künstlerinnen sind wieder in dem Sinn gerahmt, als dass sie über die aussagekräftigen Referenzen ihrer Zeit (Uni-Abschlüsse, Praktika, Stipendien von Stiftungen, Assistenzen) verfügen und populären (Förder-)Narrativen zuarbeiten.
Schließlich besteht nach Groys "die Hauptaufgabe heutiger Künstlerinnen darin, sich zu positionieren."
Künstler und Künstlerinnen, die sich früher durch die Wahl ihres Sujets und der angewendeten Mittel autonom gerahmt haben, werden heute durch die Bedingungen für Erfolg im Kunstbetrieb, die mit der Globalisierung mehr oder weniger überall gleich sind, "von außen gerahmt". Kein Wunder, dass "kulturelle Produktion dabei zu gesellschaftlicher Identitätsproduktion" wird.
Diese Identitätsproduktion im Zeichen des profitablen Self Designs ermöglicht den Brückenschlag zu wirklich jeder Art von Rahmung: Den Boom mit der Kunst in den Golftstaaten nutzen Länder wie Katar nicht zuletzt als Art Washing, während nebenbei die Zahlungen an die Hamas fließen. Künstler und Kuratorinnen wiederum können sich als Sonderbotschafter zwischen den Kulturen inszenieren (im Klassikbetrieb bis zum Angriffskrieg auf die Ukraine in Bezug auf Russland besonders beliebt), während es ihnen, nicht anders als Fußballern wie Cristiano Ronaldo beim saudischen Verein Al-Nassr, wohl eher um den schnöden Mammon geht.
Am leichtesten hat es da wie so oft die Modebranche, in der Klassismus und Dekadenz nie übel beleumundet waren: Prada, Louis Vuitton oder Cartier stellen ihre Sammlungen in privaten Museen aus, deren VIP-Veranstaltungen zu einer Schnittstelle für die Spitzen aus Wirtschaft, Kunst, Sport und Politik geworden sind - ein neofeudales Juste Milieu, wie es das in Europa seit dem Ende des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. so nicht mehr gegeben hat.
Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de
Boris Groys: Zum Kunstwerk werden. 14,5 x 15 cm, 224 Seiten, Hardcover. Alexander Verlag, Berlin 2025, 28 Euro. ISBN: 9783895816246 Kaufen bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher.