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Nicht gleich dumm

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
06.05.2020. Die Ausstellung "Masculinities" im Londoner Barbican Centre musste kurz nach der Eröffnung im Februar schließen. Die Berliner haben größere Chancen sie zu sehen - dort soll sie ab Oktober im Gropiusbau laufen. Einen - leider leicht enttäuschenden - Vorgeschmack liefert der großformatige Prachtband zur Ausstellung, der bei Prestel erschienen ist.
Kaum, dass die Ausstellung "Masculinities" im Londoner Barbican Centre am 20. Februar eröffnet war, musste sie wenig später wegen der Corona-Pandemie wieder geschlossen werden. Anders als in Deutschland, wo etwa die immer wieder aufs Neue beeindruckenden Arbeiten von Robert Mapplethorpe nun in der Berliner Galerie Thomas Schulte noch bis zum 9. Mai vor Ort zu sehen sind, wird es "Masculinities" weder in London zu sehen geben noch beim Fotofestival "Rencontres d'Arles", das dieses Jahr ebenso ausfallen muss wie die Festspiele in Bayreuth oder "Impulstanz" in Wien. Bleibt zuguterletzt Berlin, wo die Ausstellung am 20. Oktober eröffnet werden und bis 10. Jänner dauern soll.

Glück gehabt, könnte man meinen, nicht zuletzt, weil nicht wenige bedeutende Ausstellungen seit einiger Zeit einen Bogen um Berlin machen. Dumm wiederum, dass es sich bei "Masculinities" leider um keine bedeutende Ausstellung handelt, wie es sie im Barbican Centre schon zur genüge gab, von der weltweit ersten Retrospektive der großen Dokumentarfotografin Vanessa Winship bis zur Premiere der singulären, auf geradezu unheimliche Weise die Flüchtlingskrise thematisierenden Videoinstallation "Incoming" von Richard Mosse (beides hier und hier besprochen im Fotolot.)

©  Rineke Dijkstra, Barbican Centre


"Masculinities" hat sich viel vorgenommen: Die Ausstellung will nicht nur eine Dekonstruktion von uniformen Männlichkeitsbildern leisten, sondern die daraus gewonnene Diversität als Angebot für ein neues, aus auf den ersten Blick widersprüchlichen Teilen zusammengesetztes Bild vom Mann verstehen, was schließlich zu einer "Befreiung durch Fotografie" führen soll.

Wobei selbstverständlich eine Befreiung von normativen Vorstellungen, Verhaltenscodes und stereotypen Geschlechterrollen gemeint ist - der Grund vielleicht, warum ausgerechnet eine explizite Darstellung und Untersuchung der reaktionären bis gewalttätigen Seite der Männlichkeit und ihres toxischen Gehalts fehlt.

Während der Kritiker Sean O'Hagan das gemäß der dahingehend rigorosen Blattlinie des Londoner Guardian alles in allem super finden muss, dekliniert Jason Farago, der Kritiker der New York Times die offenkundigen Schwächen der Ausstellung in einer Weise durch, dass nach der Lektüre nichts anderes bleibt als festzustellen: nuff said.

Da ich mit Farago zu hundert Prozent übereinstimme, erlaube ich mir, ihn zu zitieren: Die Auswahl der dreihundert Fotos von gut fünfzig Künstler*innen sei vorhersehbar und biete Bewährtes vor allem aus dem Zeitraum zwischen Thatcher und Blair mit einem deutlichen Überhang bestens etablierter Fotograf*innen aus dem angloamerikanischen Raum (von Richard Avedon bis Larry Sultan, von Herb Ritts bis Catherine Opie). Die theoretische Grundlage basiere im Grunde immer noch auf Texten wie dem Essay "Visual Pleasure and Narrative Cinema" von Laura Mulvey über den "Male Gaze" aus dem Jahre 1975 - Theorien, die, so Farago, heute schon auf dem Pflichtprogramm verschiedener Bachelor-Studiengänge stünden.

Nicht nur, dass es kaum Künstler*innen aus dem afrikanischen oder asiatischen Raum zu sehen gibt - es gibt auch kaum relevante, gegenwärtige Positionen, die Fragen bezüglich des Körpers und des Geschlechts ins Visier nehmen wie Cecile B. Evans (mehr hier) oder Alix Marie (mehr hier).

Farago meint, die Ausstellung sei deshalb nicht gleich "dumm", aber eben enttäuschend und unbedeutend - somit das Gegenteil dessen, was die in solchen Fällen wie üblich hochgestochenen Texte der Autor*innen um Kuratorin Alona Pardo im Katalog verheißen, der bei  Prestel als großformatiges Hardcover erschienen ist.

Interessierte, die den Katalog zur Hand nehmen oder im Oktober in den Gropius-Bau gehen, werden sich an Ausstellungen zu Themen wie "Essen" oder "Tod" erinnert fühlen, die in letzter Zeit bei C/O Berlin zu sehen waren, und über die eine Kollegin meinte: "Ach schön, dass man so viele Bilder, die man einzeln schon irgendwo gesehen hat, mal auf einen Haufen beisammen hat." Das ist neben dem Umstand, dass sie mit dem Thema oder der Fotografie weniger Vertrauten einen unkomplizierten Überblick bieten, meist auch schon die einzige "Qualität" solcher Ausstellungen.

Der Katalog ist ein alles in allem gutes Nachschlagwerk, macht sich auch gut im Regal und ist nicht zuletzt ein sinnvolles Geschenk für jene, die sich unter dem darin verhandelten Thema bislang nichts vorstellen konnten.

© Thomas Dworzak, Barbican Centre


Ausstellungen fürs breite Publikum müssen eben auch sein, Institutionen wie das Barbican Centre oder C/O Berlin können auf dem finanziellen und organisatorischen Niveau natürlich nicht nur ein Programm für Insider machen, das versteht sich von selbst.

Schade ist nur, dass bei C/O Berlin und anderen Institutionen dieser Art Routine und Saturiertheit längst auch auf den Nachwuchsbereich übergegriffen haben und man zielsicher das bereits zum frühen Zeitpunkt diskursiv und institutionell Abgesicherte zu sehen bekommt. Darunter nicht selten einfach nur hübsche Harmlosigkeiten wie etwa die Arbeiten des gehypten Schweizer Duos Cortis/Sonderegger (mehr hier) oder von Sylvain Couzinet-Jacques. Erstere eine absolute Empfehlung für alle, die in der Kunst vor allem nach Gags und Tricks suchen, die auf den ersten Blick was hermachen ("gute Idee", "cool", "wie originell"). Zweiterer einen Versuch wert für alle, denen es schwerfällt, einzuschlafen. Einfach das mit dem "C/O Berlin Talent Award 2019" ausgezeichnete Video streamen und warten. Falls das technisch nicht möglich ist: es gibt dazu ein Buch im Leipziger Verlag Spector Books, das beim Durchblättern sicher einen ähnlichen Effekt zeitigt.

Bevor das auch dieser Artikel tut, sind wir - man glaubt es kaum - auch schon wieder am Ende. Tut mir leid, aber mehr war beim gegebenen Anlass nicht drin.  Ach ja: Masken nicht vergessen - sowohl die gut sichtbaren in der U-Bahn als auch die unsichtbaren, die man trägt, um sich auf Vernissagen und Premieren in Bezug auf das eigene Urteil nicht in die Karten schauen zu lassen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de


Masculinities. Edited by Alona Pardo and the Barbican Centre. 320 Seiten, 22,8 x 32,0 cm, Hardcover. Prestel Verlag, London 2020, ca. 50 Euro.  
ISBN: 978-3-7913-5951-9 (bei eichendorff21)

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