Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 36 von 43

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - Economist

Dem schwierigen Verhältnis des Islams zum Westen widmet der Economist in dieser Ausgabe ein ganzes Dossier. Genauer genommen geht es ihm allerdings nicht in erster Linie um den Islam als Religion, sondern um den politischen Umgang damit, wie Peter David betont: "Viele Muslime mögen das Etikett 'islamischer Terrorismus' nicht, das den von Osama Bin Laden und seiner Organisation Al-Quaida verübten Massenmorden verpasst wird. Der Islam, sagen sie, ist eine Religion des Friedens, eine befriedeter Glaube, der nicht mehr mit Bin Ladens Terrorismus zu tun hat als das Christentum mit dem Terrorismus der siebziger Jahre, sagen wir mit der Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland oder mit den Roten Brigaden in Italien. Nennt es doch einfach Terrorismus, sagen sie, und haltet den Islam da raus. Doch so einfach ist das nicht. Wenn Leute versuchen, dich umzubringen, und darin sogar gut sind, ist es klüger, sich die Gründe anzuhören, die sie dafür nennen. Und Osama Bin Laden hat seinen 'Krieg' ausdrücklich im Namen des Islams erklärt."

Weitere Artikel: Normalerweise geht es bei Wahlen darum zu gewinnen, aber die marokkanischen Islamisten der PDJ-Partei versuchen gerade das mit allen Mitteln zu verhindern, berichtet ein leicht perplexer Economist. In Großbritannien, so der Economist weiter, wird über ein neues Kinder-Fürsorge-System nachgedacht, das allerdings eher einem Überwachungssystem ähnlich sieht. Italiener sind bekanntlich leidenschaftlich, so der Economist, doch kommen sich ärgerlicherweise zwei ihrer Leidenschaften zunehmend in die Quere: Handy und Fremdgehen. Und auch zwei Jahre nach dem Terrorattentat auf das World Trade Center lebt New York in einer nur scheinbar wiedergekehrten Normalität.

Hochgelobt wird Stephen Schlesingers Buch über die Gründung der UNO ("Act of Creation, The Founding of the United Nations"), das der Frage, ob die UNO angesichts der amerikanischen Übermacht nicht nutzlos geworden ist, ihre Schärfe nimmt. Für den Economist ist es unter anderem auch die Liebe zur Symbolik, die die chinesische Regierung dazu bewogen hat, das für Hong-Kong geplante Antisubversionsgesetz zurückzuziehen. Und schließlich ist ein herrlicher Nachruf auf die umstrittene Hollywood-Legende Charles Bronson zu lesen, von dem der Regisseur Michael Winner sagte: "Das Besondere an Bronson war diese unterdrückte Wut, das anhaltende Gefühl, dass, wenn du den Bildschirm auch nur eine Sekunde aus den Augen verlierst, du den Ausbruch verpasst."

Nur im Print zu lesen: warum die DDR trendy ist.

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - Economist

Schon in der vergangenen Woche hatte der Economist die zwei Stolpersteine identifiziert, die George Bush um seine Wiederwahl bringen könnten: das Debakel im Nachkriegs-Irak und die wirtschaftliche Flaute Amerikas. Nun zeige sich, dass es durchaus Parallelen zwischen den beiden Problemzonen gebe. "Es existiert eine seltsame Symmetrie zwischen den Herausforderungen, den sich George Bush zuhause und im Ausland stellen muss. In beiden Fällen entschloss er sich zu einem mutigen, entscheidenden Schritt - indem er zum Einen den Irak besetzte und zum Anderen Steuersenkungen vornahm. Doch dann ist es ihm nicht gelungen, den langweiligen Kram anzugehen, der unweigerlich folgen muss: zum Beispiel das Abwassersystem in Mosul funktionstüchtig zu machen, oder die Energiepolitik von verschwenderischen Zuschüssen zu befreien. Derlei Anstrengungen sorgen nur mäßig für Titelseiten, keine Frage, doch mit solchen bescheidenen Knechtarbeiten stehen und fallen... Präsidentschaften. Diese wird da keine Ausnahme sein."

Mit Alastair Campbells Ausscheiden ist die britische Regierungskrise keineswegs aus der Welt, warnt der Economist. Tony Blair habe zwar das willkommene Versprechen gegeben, es werde in der Downing Street zukünftig weniger "chaotisch" zugehen, doch seine Ankündigung, dem "spin" endgültig den Garaus zu machen, treffe den Kern der Sache nicht: "Das Problem mit dem "spin" ist nicht, dass es zuviel "spin" gibt - eine Regierung darf ihre Politik in jedem Fall so schimmernd wie möglich darstellen, solange sie dabei nicht lügt - sondern dass es vielleicht nichts gibt, das man be-"spinnen" könne."

Weitere Artikel: Jetzt wo der amerikanische Präsidentensessel wieder zu haben scheint, wird auch die Vorentscheidung um den demokratischen Kandidaten interessant, meint der Economist und erstellt ein Panorama der demokratischen Möglichkeiten. Wie der Economist weiß, wird Mariano Rajoy vielleicht Nachfolger von Spaniens Premierminister Jose Maria Aznar. Nicht dass es da einen großen politischen Unterschied gäbe, aber zumindest einen etwas weltmännisch-jovialeren Stil, und das könnte in einem emotionalen Land wie Spanien schon etwas ausmachen, vermutet das britisch kühle Blatt. Colin Powell, so der Economist, hat mit dem amerikanischen Resolutionsantrag einen Sieg über den Zivilfalken Donald Rumsfeld errungen.

Weiterhin zu lesen ist die erste Folge eines Dreiteilers über Chile, Argentinien und Peru, in der es um "jenen anderen 11. September" vor dreißig Jahren geht, als Pinochets Staatsstreich den chilenischen Präsidenten Salvador Allende zu Fall brachte. Schließlich ein Nachruf auf den französischen Populisten Pierre Poujade und eine kurze Hommage an den prophetischen Komponisten Hector Berlioz, der in seinem eigenen Lande immer noch nicht angemessen gewürdigt werde, dessen Genie die Briten aber gleich erkannt haben (wie könnte es auch anders sein).

Leider nur im Print zu lesen: wie Design und Protest zueinander stehen.

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Economist

Polen ist ja ganz schön frech, meint der Economist. Nicht nur, dass es sich in erster Linie kurzfristig Finanzspritzen erhofft und den EU- Beitritt fast zum Selbstzweck erhoben haben scheint, es stellt auch noch eine ganze Reihe von Forderungen: erstens soll das Abkommen von Nizza gelten, das den Polen 27 Stimmen im europäischen Parlament sichert (vergleichsweise haben Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien je 29 Stimmen), zweitens soll die Agrarwirtschaft substanzielle finanzielle Hilfe erhalten, drittens möchte Polen keine Abschottung der EU von seinen eigenen Anrainerstaaten (zum Beispiel der Ukraine), und viertens möchte es um der EU willen nicht seine guten Beziehungen mit Amerika aufgeben: "Eine Entscheidung zwischen Amerika und Europa zu treffen kommt 'einer Entscheidung zwischen Vater und Mutter gleich - und wir lieben sie beide', sagt ein Politiker."

Für den Economist ist klar: Um das öffentliche Vertrauen wiederzugewinnen, muss die britische Regierung ein Zeichen setzen und sich öffentlich von der medienwirksamen "spin-doctor"-Politik, und damit von Alastair Campbell verabschieden (was ja auch inzwischen geschehen ist). Bei seiner Anhörung durch Lord Hutton hat es sich wieder einmal gezeigt, so der Economist, Tony Blair trumpft geradezu auf, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. In Bernard-Henri Levys Sartre-Biografie hat der Economist vor allem die Verben vermisst. Levys Enthusiasmus hingegen sei "äußerst ansteckend". Das anstehende Reformpaket der deutschen Regierung findet der Economist wichtig, doch von einer "Jahrhundertreform" kann bei weitem nicht die Rede sein. Der Economist sieht gleich zwei Damokles-Schwerter über George Bush und seiner Wiederwahl schweben: den Irak und die amerikanische Wirtschaft. Vielleicht ein weiteres Damokles-Schwert: Der Economist vergleicht den Demokraten Howard Dean mit Jimmy Carter. In alter erbfeindlicher Manier erfreut sich der Economist an den armen französischen Politikern, die dieses Jahr allesamt aus ihrem hochheiligen Augusturlaub torpediert wurden. Ziemlich unzufrieden zeigt sich der Economist über den unfairen Verlauf der Wahlen in Ruanda. Und schließlich erklärt der Economist den Unterschied zwischen "rationalen" und "behaviouristischen" Wirtschaftstheorien.

Leider nur im Print zu lesen ist, ob die USA das Columbia Space Shuttle aufgeben werden.

Magazinrundschau vom 25.08.2003 - Economist

Im Zeitalter der Kommunikationstechnologie sind Briefwechsel aus der Mode gekommen, bedauert der Economist, der sich um einen Genuss gebracht fühlt. Umso erfreulicher also, dass nun die Briefe des unermüdlichen Journalisten und Zeichners James Thurber (mehr hier) erscheinen, den nichts mehr verärgerte als Humorlosigkeit. "Einige seiner unterhaltendsten Passagen handeln von seiner Herausgeberarbeit beim New Yorker, dessen seltsame Stil-Richtlinien und Komma-Leidenschaft Thurber in den Wahnsinn trieben. Jeder freie Autor, dessen Arbeit von pedantischen Lektoren oder Herausgebern verstümmelt worden ist, die so ihren Arbeitsplatz zu rechtfertigen suchen, wird diese aufgebrachten Tiraden besonders erfreulich finden. Zu Ross: 'Ich habe letztens geschrieben "This is what I can only call a paradise of errors". Auf den Druckfahnen wurde mir am Rand vorgeschlagen, es doch in "This is what I can call only a paradise of errors" umzuändern. Man braucht diesen Satz nur laut auszusprechen, um zu sehen, dass das kein Englisch ist, sondern wie der furchtbare Satz eines kürzlich angereisten Ausländers klingt.' Noch erfreulicher ist allerdings, dass Thruber immer Recht hat."

Weitere Artikel: Der Economist widmet sich dem spektulären Stromausfall, der Nordamerika lahm gelegt hat, und denkt über die Belastbarkeit des amerikanischen Stromnetzes nach. Ein weiterer Artikel geht der Frage nach, ob dies auch bei uns passieren könnte, und meint damit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Japan. Natürlich kann man Gaddhafi nicht trauen, meint der Economist, doch es wäre nach der UNO auch für die USA an der Zeit, ihre Sanktionen gegen Lybien schrittweise zurückzufahren, und sei es versuchsweise. Schließlich würdigt der Economist den beim Bagdader Attentat verstorbenen UN-Irak-Beauftragten Sergio Vieira de Mello als einen außerordentlich engagierten Weltfriedensstifter.

Leider nur im Print zu lesen ist der Aufmacher, der Parallelen zieht zwischen den Attentaten von Bagdad und Jerusalem.

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - Economist

"Krieg light", sehr gerne, aber kein "Imperium light", bitte! Der Economist liefert seine Einschätzung der Lage in Irak und Afghanistan.

Zunächst einmal fragt sich der Economist allerdings, ob von einem amerikanischen Imperium überhaupt die Rede sein kann, oder ob man es hier nur mit einer Gedankenspielerei der Medien zu tun hat. Die äußeren Anzeichen, so der Economist, deuten wohl auf ein Imperium hin, seien aber trügerisch. Umso skurriler sei es daher, dass die amerikanische Regierung mehr und mehr die Pose des Imperators einnimmt. Somit bestehe das amerikanische Imperium den "Enten-Test": "Es sieht nicht nur aus wie eine Ente und watschelt wie eine Ente, jetzt quakt es auch noch so." Doch angesichts der unentschlossenen amerikanischen Nachkriegspolitik im Irak, sei das "frisch ausgerufene Imperium bestenfalls eine graue Ente, und schlimmstenfalls eine tote Ente, solange es versäumt, ein starker Enterich zu sein, der eine zeitlang sein ganzes Gewicht einsetzt. Und dies wiederum macht den Begriff des amerikanischen Imperiums in zweierlei Hinsicht problematisch. Weder den Untertanen noch den Amerikanern selbst wird dies gefallen."

Dies zeige sich bereits im Irak, wie der Economist in einem weiteren Artikel darlegt: "Das derzeitige Arrangement hat den Vorzug, Amerika die Kontrolle über eine Situation zu geben, für die Amerika letztendlich getadelt werden wird." Nur eine breitere Zusammenarbeit könne diese Situation entschärfen. Passend dazu: ein dritter Artikel über Afghanistan, "das eine Premiere sein sollte, der Versuch, wie ein gescheiterter Staat gerettet werden kann, ohne ihn zu kolonisieren."

Weitere Artikel: Für Arnold Schwarzenegger stehen die Chancen gut, zum Gouverneur von Kalifornien gewählt zu werden, meint der Economist und staunt in einem weiteren Artikel über die Unverfrorenheit, mit der sich der liberianische Diktator Charles Taylor mit Christus vergleicht. Ob das Land jetzt in Frieden leben kann, hänge davon ab, wie sehr sich die Liberianer selbst dafür einsetzen. Doch es gebe hoffnungsvolle Anzeichen: "Joseph Roberts, ein Mitglied von Taylors notorisch bösartiger 'Antiterrorismus-Einheit', sagt, sein größter Wunsch sei es, zur Schule zu gehen. 'Wenn du lernen kannst, dann kann niemand mit deinem Verstand spielen', sagt er. Dann zeigt er auf die AK-47 über seiner Schulter, und sagt: 'Dann lernst du, das hier zu vergessen.' "

Außerdem erfahren wir, dass der kürzlich verstorbene brasilianische TV-Mogul Roberto Marinho einen wichtigen Beitrag zur brasilianischen Einheit geleistet hat, und dass der Economist zwei gute Bücher über Nahrungsmittel-Skandale gelesen hat: Philip Yams "The Pathological Protein" und Peter Pringles "Food, Inc".

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - Economist

Der Titel widmet sich der glorreichen Zukunft der Fischfarmen: "Blue Revolution". Ein langer Artikel hieraus ist frei gestellt.

Nach Conan der Barbar und Terminator strebt Arnold Schwarzenegger die nächste große Rolle seiner Karriere an. Und zwar im wirklichen Leben, als Gouverneur von Kalifornien. Dies hat er am vergangenen Mittwoch erklärt, und "die große Überraschung dabei ist", so der Economist, "dass er es todernst meint." Doch nicht nur das. "Arnold Schwarzenegger ist nicht der Neuling, als der er erscheinen mag. Er hat bereits alle richtigen Töne getroffen. Er tritt an gegen eigennützige Interessenpolitik und Routine-Politik. Er will die Wirtschaft von zu hohen Steuern und bedrückenden Regelungen befreien. Die Menschen in Kalifornien tun ihrem Job, sagt er, doch die Politiker 'schwindeln, fummeln und scheitern'." In politischer Hinsicht hat Schwarzie, wie er liebevoll genannt wird, gleich mehrere Trümpfe im Ärmel. Erstens ist er "ein in republikanischen Kreisen vertrautes Gesicht", und zweitens mit einer Kennedy verheiratet. Doch "er hat auch zwei weitere Pluspunkte. Einer ist George Bushs Geheimwaffe: niedrige Erwartungen. Die Leute werden überrascht sein, zu erkennen, dass Schwarzenegger trotz seines muskelbepackten Images ein gewandter und gut unterrichteter Mann ist."

Die irakische Besatzung kommt die Amerikaner teuer zu stehen, sowohl in finanzieller Hinsicht (die Kosten belaufen sich auf etwa 1 Milliarde Dollar pro Tag), als auch in puncto Menschenleben. Der Economist vermutet, dass sich die USA noch vor den Präsidentschaftswahlen aus dem Irak zurückziehen werden, doch bis dahin bleibt noch eine Menge zu tun.

Weitere Artikel: Laut Economist ist der wohl größte Unterschied zwischen Europa und Amerika ihr jeweiliges Verhältnis zum Urlaub: für die Amerikaner ist er nichts Besonderes, für die Europäer heilig. In zwei Artikeln beschäftigt sich der Economist mit der Zuwanderungsmetropole London und stellt fest, dass die Stadt nicht nur kosmopolitscher wird, weil immer mehr Ausländer dort wohnen, sondern auch weil immer mehr Briten aufs Land ziehen. In Japan schließen sich die zwei Oppositionsparteien hinter Naoto Kan zusammen. Ob sie dadurch eine Chance haben werden, Japans Premier Koizumi aus dem Amt zu verdrängen, steht allerdings in den Sternen. Der Economist begrüßt drei Bücher, die sich auf unklischeehafte Weise mit Saudiarabien beschäftigen, und hat vor allem an Bob Crews "The Beheading and Other True Stories" und seiner Art, Horror mit Humor zu verbinden, Gefallen gefunden.

Außerdem erfahren wir, dass mit Foday Saybana Sankoh einer der wohl blutrünstigsten Revolutionäre Afrikas gestorben ist, dass sich die südafrikanische Regierung trotz der katastrophalen Gesundheitslage im Land zu keinerlei durchgreifenden Maßnahmen entschließt, wie Reichtum und Glücklichsein zusammenhängen, und wie sich die Beziehungen zwischen Nicht-Regierungs-Organisationen und großen Firmen gestalten.

Nur im Print zu lesen: der Terrorismus in der deutschen Geschichte und die David-Kelly-Affäre. Der Titel widmet sich der glorreichen Zukunft der Fischfarmen: "Blue Revolution". Ein langer Artikel hieraus ist frei gestellt.

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - Economist

"Lieber Mr. Berlusconi". So herzlich beginnt der offene Brief des Economist an den italienischen Premierminister, eine Herzlichkeit jedoch, die sich bereits mit der Anrede erschöpft. Denn die hat sich Berlusconi in den Augen des Economist gründlich verspielt, indem er sich durch ein kürzlich verabschiedetes Immunitätsgesetz der italienischen Justiz entzogen hat. "Ein amtierender Premierminister sollte sich, was diese Auseinandersetzung angeht, vor dem Gericht der öffentlichen Meinung verantworten, nicht vor dem Gericht der Justiz. Somit fordert der 'Economist' Silvio Berlusconi diese Woche heraus, sich dieser Verantwortung zu stellen. Wir haben ein umfangreiches, durch Urkundenmaterial gestütztes Dossier erstellt, was seine mutmaßlichen Vergehen angeht. (...) Wir glauben, dass Silvio Berlusconi, da er von den Beweisen abweichende Behauptungen gemacht hat, öffentlich erklären muss, warum diese Beweise falsch sind. Daher senden wir dem italienischen Premierminister unser vollständiges Dossier, über den gesamten SME-Fall und über Berlusconis weitere Prozesse und Rechtsstreitigkeiten, als offenen Brief in den Palazzo Chigi nach Rom, und fordern ihn auf, unsere zahlreichen Fragen zu beantworten. (...) Wir erwarten seine Antwort."

Das ist nicht ganz so demütigend wie der Titel über John Major auf dem Höhepunkt der BSE-Krise, der den Premier kurz vor den Wahlen mit Hörnern zeigte und der Überschrift: "Mad, bad and dangerous for Britain". Ein komplettes Dossier zu Berlusconi liefert einen Überlick über die SME-Affäre, Auszüge aus Berlusconis "spontaner Erklärung" vor Gericht am 5. Mai 2003 (die vollständigen Transkripte kann man auf Englisch und Italienisch lesen, im pdf-Format), Einzelheiten der Bestechungs-Affäre um den derzeitigen Präsidenten der Europäischen Kommission Romano Prodi, eine klare Antwort auf den von Berlusconi angemeldeten Anspruch auf ein Verdienstkreuz ("wofür?"), einen Überblick über die weiteren Anklagen, die gegen Berlusconi erhoben wurden und die zum Teil noch verhandelt werden, und einen Rückblick auf die frühen Karrierejahre des Silvio Berlusconi.

Passend dazu gibt es einen Artikel vom 28. April 2001 zu lesen, in dem der Economist Berlusconi für regierungsunfähig erklärt (was ihm prompt eine Klage eingebracht hat), sowie unsere Post aus Neapel, in der Gabriella Vitiello beschreibt, wie überraschend eng das Wetter und die Regierungspolitik zusammenhängen.

Weitere Artikel: Nach dem Tod des Versicherten werden die Hinterbliebenen ausbezahlt. So lautet das Prinzip der Lebensversicherung. Was die Angehörigen der Holocaust-Opfer angeht, berichtet der Economist, ist man allerdings, und dies trotz internationaler Bemühungen, noch weit von einer umfassenden Zahlungsregelung entfernt. Als einem Mann mit geradezu genialem Timing huldigt der Economist dem kürzlich verstorbenen Komiker Bob Hope. Wer die Probleme - und das Potential - der Katholischen Kirche in Amerika erkennen möchte, braucht sich nach Ansicht des Economist nur im Bistum Los Angeles umsehen. Schließlich hat der Economist drei Bücher zum Thema Umwelt gelesen und ist vor allem von Sir Martin Rees' "Our Final Century" beeindruckt, in dem es weitaus unapokalyptischer zugeht als sein Titel verspricht: Die Herausgeber haben schlichtweg das vom Autor gesetzte Fragezeichen vergessen.

Nur im Print zu lesen: Es gibt kein Monster im Loch Ness, aber es gibt einen EU-Jargon.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - Economist

Frostig steht es um die Beziehungen zwischen Frankreich und Amerika, denn trotz seiner diplomatischer Anstrengungen, den transatlantischen Bruder zu besänftigen, bleibt Frankreichs Überzeugung, in Sachen Irakkrieg das Richtige getan zu haben, deutlich spürbar. Gerade das macht die erneute Zusammenarbeit so schwierig, meint der Economist und warnt Frankreich vor kontraproduktiver Selbstgefälligkeit: "In mancher Hinsicht würden es den Franzosen gefallen, um Hilfe gebeten zu werden, und dadurch die Möglichkeit zu haben, großmütig im Geiste und nützlich in der Praxis zu erscheinen. Aber nicht ohne UN-Mandat. Ob George Bush es fertigbrächte darum zu bitten, geschweige denn einem UN-Banner zuzustimmen, ist eine andere Sache. Frankreichs wirkliches Langzeit-Problem könnte seine Gleichgültigkeit angesichts Amerikas tiefer Gekränktheit sein."

Offiziell besitzt Japan, sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, weder eine "Armee", noch "Panzer", noch "Bomber", sondern arglos klingende "Selbstverteidigungkräfte", "Spezialgefährte" und "Unterstützungsflieger". Doch unter Premier Koizumi, so der Economist, scheint Japan nun die ersten Schritte hin zum längst fälligen internationalen Engagement zu tun.

Weitere Artikel: Zehn Jahre nach dem öffentlichen Aufschrei in Sachen genmanipuliertes Saatgut liefert der Economist einen Überblick über die seither verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Ein nicht ganz alltägliches Szenario, so der Economist, trägt sich zur Zeit im US-Bundesstaat Illinois zu, wo der Indo-Amerikaner Chirinjeev Singh Kathuria (mehr hier) sich als republikanischer Senatskandidat bewirbt. Nach den jüngsten Unstimmigkeiten zwischen der BBC und der britischen Regierung bestehen Zweifel, ob der 2006 auslaufende Staatsvertrag mit der BBC unter den bisherigen Bedingungen verlängert wird. Amüsiert hat sich der Economist bei der Lektüre von Pierre Boisards stolzer Kulturgeschichte des Camemberts "Camembert: A National Myth" - : "Der Camembert, eine von Tierorganismen produzierte lebendige Substanz, erinnert uns ständig an den Körper, an den sinnlichen Genuss, an die sexuelle Erfüllung und an alles, was darin verboten ist."

Außerdem erfahren wir, dass es in der Europäischen Kommission an "Verantwortungskultur" fehlt, wer Saddam Husseins tote Söhne Udai und Kusai waren, was es mit der Sadristischen Oppositionsbewegung im Irak auf sich hat, und schließlich dass es mit Disney anders ausgehen könnte als in den Disney-Filmen, wo der in großen Schwierigkeiten steckende Held am Ende triumphiert.

Leider nur im Print zu lesen ist, wie der Selbstmord des britischen Wissenschaftlers David Kelly den Konflikt zwischen der BBC und der britischen Regierung verschärft hat.

Magazinrundschau vom 21.07.2003 - Economist

War der Irak-Krieg ein berechtigter Krieg? Um diese Frage rückblickend zu beantworten, so der Economist, reicht es nicht aus, nach der Stichhaltigkeit der von den USA und Großbritannien vorgelegten Beweise zu fragen. In der Tat, "hinterfragt man die Berechtigung dieses Krieges am wirksamsten, indem man sie in drei Fragen gliedert: 1) Gab es gute Gründe, Saddam Hussein unmittelbar mit einem militärischen Angriff zu drohen, für den Fall, dass er sich den UN-Resolutionen nicht beugen sollte? 2) Gab es gute Gründe, als er sich den Resolutionen nicht beugte, diese Drohung wahr zu machen? 3) Haben die Alliierten nach dem militärischen Sieg so gehandelt, dass sich eine positive Entwicklung für den Irak und die gesamte Region abzeichnet?" Letztlich, schließt der Economist, der an seiner Linie festhält und die zwei ersten Fragen mit Ja beantworten, kommt es ganz auf die dritte Frage an und darauf, ob sich die USA langfristig im Mittleren Osten engagieren werden.

Passend dazu stellt der Economist den frisch eingesetzten irakischen Regierungsrat in seiner Zusammensetzung vor und empfiehlt ihm wärmstens, er solle sich eher mit der Errichtung eines neuen Systems als mit dem Begräbnis des alten beschäftigen. Leichter gesagt als getan, denn die Ratsmitglieder erinnern an "25 Spieler aus verschiedenen Mannschaften, die am Tag der Weltmeisterschaft zusammengebracht werden".

Weitere Artikel: Bald geht es in die erste Runde der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Doch wer kommt als Kandidat für die Demokraten in Frage? Der Economist tippt auf den Vietnam-Veteranen John Kerry. Es könnte gut sein, so der Economist weiter, dass die europäische Union düsteren Zeiten entgegensieht, denn mit dem stetigen Rückgang der Geburtenrate und der gleichzeitig steigenden Lebenserwartung muss es unweigerlich zum finanziellen Fiasko kommen. Es sei denn, man setze eine Art Geburtenförderung in Gang, doch das weckt böse Erinnerungen.

Mit Hartley Shawcross, so der Economist, ist einer der Größten unter den Anwälten gestorben, die in den Nürnberger Kriegsprozessen die Anklage vertraten. Sehr interessant findet der Economist, wie der südafrikanische Historiker Hermann Giliomee in seinem Buch "The Afrikaners: Biography of a People" versucht, der südafrikanischen Entwicklung von kultureller Selbstbehauptung zur Apartheid nachzugehen. Außerdem erfahren wir, was die derzeitigen Schwierigkeiten des jungen russischen Öl-Magnaten Michail Khodorovski über Russlands Probleme sagen, und welche neuen Werbestrategien sich im Internet bewähren.

Schließlich liefert der Economist ein Dossier zur weltweiten Trinkwasserversorgung und den politischen Herausforderungen, die sich für die Zukunft abzeichnen.

Leider nur in der Printausgabe zu lesen: wie Frankreich seine kulturelle Eigenheit verteidigt.

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - Economist

Der Terrorismus muss bekämpft werden, davon ist auch der Economist überzeugt. Er warnt jedoch davor, in wahnhafte Ungerechtigkeit abzurutschen, wie es Amerika derzeit mit den Kriegsgefangenen aus Afghanistan tut: "DU wirst in Afghanistan gefangengenommen, gefesselt und geknebelt, auf die andere Seite der Welt geflogen und dann monatelang in Einzelhaft gefangengehalten, die allein von Verhören unterbrochen, in denen du keinen rechtlichen Beistand hast. Letztendlich wird dir erklärt, was dein Schicksal sein wird: ein Prozess vor dem Militärgericht. Dein Anwalt wird auch ein Militäroffizier sein, und alles, was du ihm sagst, kann aufgenommen werden. Dein Prozess könnte heimlich abgehalten werden. Dir könnten nicht alle gegen dich vorliegenden Beweise genannt werden. Du könntest zum Tode verurteilt werden. Wenn du verurteilt wirst, kannst du Einspruch einlegen, aber nur vor einem anderen Militärgericht. Dein letztes Einspruchsrecht geht nicht an einen Richter, sondern an Politiker, die schon jeden in dem Gefängnis, in dem du bist, 'Mörder' und 'Abschaum des Abschaums' genannt haben. Selbst wenn du freigesprochen wirst, oder wenn deinem Einspruch gegen das Urteil stattgegeben wird, könnte es sein, dass du nicht frei bist. Stattdessen könnte es sein, dass du zurück in deine Zelle geführt wirst und dort auf unbestimmte Zeit als 'feindlicher Kombattant' festgehalten wirst. Traurig - aber das ist Amerikas jüngste Innovation gegen Terrorismus: Rechtsprechung per Militärkommission."

Weitere Artikel: Sechs ehemalige Spitzenmänner der amerikanischen Geheimdienste begrüßen die Gründung des TTIC (Terrorist Threat Integration Centre), fordern aber gemeinsam eine Verbesserung der Organisation und der Zusammenarbeit der Geheimdienste. Zugleich warnen sie davor "bessere Informationen" mit "mehr Informationen" zu verwechseln.

Neues aus dem Konflikt zwischen der BBC und der britischen Regierung: Das Parlamentskomitee für Auswärtige Fragen hat nun seinen Bericht vorgelegt. Darin wird der britischen Regierung erwartungsgemäß beschieden, sie habe, entgegen einem Bericht der BBC, die Geheimdienstinformationen nicht "aufgepeppt". Allerdings, so der Economist, fragt der Bericht sachte an, ob die Regierung nicht mittlerweile ihre Meinung über die Qualität der Informationen geändert habe.

Außerdem erfahren wir, dass George Bushs Außenpolitik ihn langsam Stimmen kostet, welche Herausforderungen Japan erwarten, warum es zu Spannungen im Kreml kommt, obwohl die russischen Präsidentschaftswahlen als bereits entschieden gelten, dass im Irak ein nationaler Regierungsrat eingesetzt wird, allerdings von den Amerikanern, und ob die jüngste Wirtschaftsgeschichte die Firmen ängstlicher gemacht hat.

Zuletzt hat der Economist gleich drei Bücher über die berühmte und immer noch unbewiesene Riemannsche Vermutung (mehr hier und hier) gelesen: Karl Sabbaghs "The Riemann Hypothesis: The Greatest Unsolved Problem in Mathematics", John Derbyshires "Prime Obsession: Bernhard Riemann and the Greatest Unsolved Problem in Mathematics" und Marcus du Sautoys "The Music of the Primes: Searching to Solve the Greatest Mystery in Mathematics".