"Lieber Mr. Berlusconi". So herzlich beginnt der
offene Brief des Economist an den italienischen Premierminister, eine Herzlichkeit jedoch, die sich bereits mit der Anrede erschöpft. Denn die hat sich Berlusconi in den Augen des Economist gründlich verspielt, indem er sich durch ein kürzlich verabschiedetes
Immunitätsgesetz der italienischen Justiz entzogen hat. "Ein amtierender Premierminister sollte sich, was diese Auseinandersetzung angeht, vor dem
Gericht der öffentlichen Meinung verantworten, nicht vor dem Gericht der Justiz. Somit fordert der 'Economist' Silvio Berlusconi diese Woche heraus, sich dieser Verantwortung zu stellen. Wir haben ein umfangreiches, durch
Urkundenmaterial gestütztes
Dossier erstellt, was seine mutmaßlichen Vergehen angeht. (...) Wir glauben, dass Silvio Berlusconi, da er
von den Beweisen abweichende Behauptungen gemacht hat, öffentlich erklären muss, warum diese Beweise falsch sind. Daher senden wir dem italienischen Premierminister unser vollständiges Dossier, über den gesamten SME-Fall und über Berlusconis weitere Prozesse und Rechtsstreitigkeiten, als offenen Brief in den
Palazzo Chigi nach Rom, und fordern ihn auf, unsere zahlreichen Fragen zu beantworten. (...)
Wir erwarten seine Antwort."
Das ist nicht ganz so demütigend wie der Titel über
John Major auf dem Höhepunkt der BSE-Krise, der den Premier kurz vor den Wahlen
mit Hörnern zeigte und der Überschrift: "Mad, bad and dangerous for Britain". Ein komplettes Dossier zu Berlusconi liefert einen
Überlick über die
SME-Affäre,
Auszüge aus Berlusconis
"spontaner Erklärung" vor Gericht am 5. Mai 2003 (die vollständigen Transkripte kann man auf
Englisch und
Italienisch lesen, im pdf-Format),
Einzelheiten der Bestechungs-Affäre um den derzeitigen Präsidenten der Europäischen Kommission
Romano Prodi, eine klare
Antwort auf den von Berlusconi angemeldeten Anspruch auf ein
Verdienstkreuz ("wofür?"), einen
Überblick über die
weiteren Anklagen, die gegen Berlusconi erhoben wurden und die zum Teil noch verhandelt werden, und einen
Rückblick auf
die frühen Karrierejahre des Silvio Berlusconi.
Passend dazu gibt es einen
Artikel vom 28. April 2001 zu lesen, in dem der Economist Berlusconi für
regierungsunfähig erklärt (was ihm prompt eine Klage eingebracht hat), sowie unsere
Post aus Neapel, in der Gabriella Vitiello beschreibt, wie überraschend eng das
Wetter und die
Regierungspolitik zusammenhängen.
Weitere Artikel: Nach dem Tod des Versicherten werden die Hinterbliebenen ausbezahlt. So lautet das Prinzip der
Lebensversicherung. Was die Angehörigen der
Holocaust-Opfer angeht,
berichtet der Economist, ist man allerdings, und dies trotz internationaler Bemühungen, noch weit von einer umfassenden
Zahlungsregelung entfernt. Als einem Mann mit geradezu genialem Timing
huldigt der Economist dem kürzlich verstorbenen Komiker
Bob Hope. Wer die Probleme - und das Potential - der
Katholischen Kirche in Amerika erkennen möchte, braucht sich
nach Ansicht des Economist nur im
Bistum Los Angeles umsehen. Schließlich hat der Economist drei Bücher zum Thema
Umwelt gelesen und ist vor allem von
Sir Martin Rees' "Our Final Century" beeindruckt, in dem es weitaus
unapokalyptischer zugeht als sein Titel verspricht: Die Herausgeber haben schlichtweg das vom Autor gesetzte
Fragezeichen vergessen.
Nur im Print zu lesen: Es gibt kein Monster im
Loch Ness, aber es gibt einen
EU-Jargon.