
Fast unbemerkt hat in Polen eine "kleine
Jedwabne-Debatte" stattgefunden. Auch diesmal ging es um ein Buch des polnisch-amerikanischen Soziologen
Jan T. Gross über den polnischen Antisemitismus:
"Fear". Der Historiker
Piotr Wrobel gibt den Gemütszustand der Polen gut wieder, wenn er schreibt: "Die Art, wie Gross über
antisemitische Ausschreitungen nach 1945 schreibt, wird die innere Ruhe und das Weltbild vieler Leser zerstören." Auch wenn er mit einigen Argumenten von Gross nicht übereinstimmt, gibt Wrobel zu: "Ich wünschte, ich könnte solche Bücher schreiben!"
Für die Vorgänge in der
Ukraine hat Marcin Wojciechowski nur einen Begriff:
Konterrevolution! Die mögliche Übernahme des Premierministerpostens durch
Viktor Janukovytsch kann das Land wieder in die Zeiten vor der "Orangen Revolution" zurückwerfen. Aber: "Diese Situation kann auch eine Chance sein, die
Teilung in Ost und West zu überwinden. Momentan sieht es sogar danach aus, als würde die Partei von
Präsident Juschtschenko eine Allianz mit der pro-russischen 'Partei der Regionen' von Janukovytsch eingehen wird. Dafür muss Letzterer einen Teil seiner
Forderungen fallen lassen: Russisch als zweite Amtssprache, wirtschaftliche Integration mit Russland, Weißrussland und Kasachstan." Für Wojciechowski steht fest: "Wenn man die Leute von Janukoytsch und seine Wähler durch solche Kompromisse von den
Vorteilen der Demokratie überzeugen kann, wäre das ein großer Erfolg, vergleichbar mit der 'Orangen Revolution' selbst."
Am 27. Juli jährte sich zum hundertsten Mal der Geburtstag von
Jerzy Giedroyc. Giedroyc gründete 1947 in Paris die Zeitschrift
Kultura. In diesem wichtigsten polnischen Exilmedium publizierte jeder mit Rang und Namen: Czeslaw Milosz, Zbigniew Herbert oder Witold Gombrowicz. In dem Pariser Vorort Maison Laffitte entstand eine
Denkschule, die das polnische Selbstverständnis nach 1945, vor allem, was die Beziehungen zu den östlichen Nachbarn angeht, maßgeblich prägte. Für die Gazeta Wyborcza ist das Anlass genug, in einem langen Essay "
Den Redakteur"
(wie er immer genannt wird, für das Polnische untypisch sogar groß geschrieben) und sein Lebenswerk zu
ehren. In einem Nachruf
erklärt Adam Michnik: "Er war einer der größten Polen des 20. Jahrhunderts. Ohne sein Werk kann man die polnische Zeitgeschichte nicht begreifen. Er opferte alles für Polen, er war ein Mensch ohne Privatleben. Er war der wichtigste polnische Politiker in der Welt
nach Jalta. Dabei betrieb er Politik lediglich vom Schreibtisch aus. Er hat nie ein stringentes Programm aufgestellt - Souveränität und Demokratie, das war ihm genug."
Außerdem:
Lodz, die unbekannte zweitgrößte Stadt des Landes und Sitz der wichtigen Filmhochschule, spielt in immer mehr amerikanischen Produktionen die Hauptrolle - als
Kulisse. "Die Stadt erinnert an Pittsburgh und andere
Industriestädte, die im 18. und 19. Jahrhundert erbaut wurden. Außerdem haben wir die Fachleute gleich vor Ort - alles in einem",
freut sich ein Szenenbildner.