Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 18

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Gazeta Wyborcza

Der Schriftsteller Michal Witkowski sorgte 2005 mit "Lubiewo", dem ersten Roman über Homosexuelle in Polen, für eine literarisch-gesellschaftliche Sensation. Im Gespräch mit Anna Dziewit und Agnieszka Drotkiewicz erzählt er vom Verschwinden der Geschlechterunterschiede in Europa: "Es gibt Kulturkreise, wo die Männer unrasierte Flegel mit breitgeschlagenen Fratzen sind und die Frauen alle wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht. Sogar die zahlreichen Transsexuellen sind weiblicher als alle europäischen Frauen. Kein Wunder, dass Europa Angst vor ihnen hat!" Alles Unvollkommene, nicht Planbare werde in der westlichen Welt getilgt, dabei "beginnt Literatur in dem Moment, in dem wir dort ankommen, wo wir nicht hinwollten und jemanden treffen, der suspekt aussieht. Literatur ist Normüberschreitung - deshalb ist der Westen so langweilig und unepisch".

Nicht nur in Mitteleuropa regt sich der Widerstand gegen den "Euroimperialismus" (ob es ihn gibt, sei dahingestellt). Auch der britische Philosoph Roger Scruton verteidigt den Nationalstaat als beste Erfindung des Abendlandes: "Auf unserem Kontinent kann es zu einer wahren Tragödie kommen: ein wunderbares und erfolgreiches Gesellschaftsmodell kann verworfen werden - und dass auch noch ohne größere Diskussion darüber, wie die Alternative aussehen sollte: die EU!". Nach Scruton steht Europa eine große Identitätskrise bevor, die zur Wiederentdeckung seiner kulturellen Wurzeln - vor allem des Christentums - führen wird.

Weitere Artikel: Stanley Fish diagnostiziert das Problem der Demokraten in den USA: im Gegensatz zu den Republikanern schafften sie es nicht, dem öffentlichen Diskurs ihre Sprache aufzuzwingen. Ein Porträt ist dem russischen Schriftsteller Alexander Zinoviev gewidmet, der es in seinem Leben vom Dissidenten zum Verehrer des Kommunismus geschafft hat. Und: Oberschlesien hat zwar immer weniger Industriebetriebe, wie sie einst den Charakter der Region geprägt haben, dafür aber immer mehr originelle Ideen. "In den Fabriken entstehen Einkaufszentren, Bürohäuser, Kunstgalerien, Kulturzentren und sogar Privatwohnungen - endlich hat man verstanden, dass das postindustrielle Erbe nicht nur einen architektonischen Wert hat, sondern auch, oder vor allem, einen mentalen. Würden diese Objekte verschwinden, würde Oberschlesien seine Identität verlieren", schreibt Tomasz Malkowski.

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Gazeta Wyborcza

Der kontroverse, national-katholische Bildungsminister Roman Giertych von der "Liga der Polnischen Familien" gab der liberalen Gazeta Wyborcza ein langes Interview - obwohl er die Zeitung bis vor kurzem boykottiert hat! Im Gespräch wird die Figur des Roman Dmowski analysiert, des Gründers der polnischen Nationaldemokratie und spiritus rector der nationalen Bewegung. Giertych benennt auch offen die Fehler Dmowskis: "Er ging von der These des ewigen Kampfes zwischen den Nationen aus. Sie mag historisch stimmen, stellt aber keine Notwendigkeit dar. Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass die Iren und die Briten, die Polen und die Deutschen nicht miteinander kämpfen müssen. Aber: sie müssen es nicht! Ein weiterer Fehler war, dass er den Katholizismus rein instrumentell betrachtet hat - als Verbündeten der nationalen Bewegung. Dasselbe hat 50 Jahre später Adam Michnik gemacht, als er für eine Allianz zwischen katholischer Kirche und linken Dissidenten geworben hat. Ich hingegen richte mich nach den Grundsätzen der katholischen Soziallehre." Der wichtigste Fehler der Nationalbewegung und Dmowskis aber "war der Antisemitismus, der das politische Milieu stark belastet", sagt Giertych und fügt hinzu: "Ich mag Juden."

Magdalena Kursa und Rafal Romanowski erzählen von der originellen Geschäftsidee eines jungen Krakauers, der ausländischen Touristen thematische Ausflüge in den stalinistischen Industrievorort Nowa Huta anbietet. "Sozialistische Restaurants, verschwitzte Hüttenarbeiter, tiefgekühlter Wodka, ein klappriger roter Bus, der Besuch einer authentisch ausgestattenen Wohnung - die Amateurfußballer aus Holland, die die heutige Reisegruppe stellen, sind hin und weg. 'Je peinlicher, desto besser', sagt der Begründer 'Crazy Mike', Michal Ostrowski. 'Wir bedienen die plattesten Kommunismusstereotypen'. Nur manchmal fragt einer: 'Sieht es in Polen heute auch so aus oder ist alles gespielt?'".

Außerdem: das diesjährige Theaterfestival von Avignon beschäftigt sich mit verschwindenden Welten, stellt leicht enttäuscht Piotr Gruszczynski fest, während Katarzyna Bik von der Ausstellung "Fin de siecle in Krakau", die u.a. älteste Werbeplakate, viele zum ersten Mal, präsentiert, begeistert ist. Weiterhin erinnert John Gray an Isaiah Berlin, der als Erster die Wurzeln des Totalitarismus in der Aufklärung aufgezeigt hat, während Piotr Buras den Skandal um die An- und Aberkennung des Heine-Preises für Peter Handke relationiert.

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Gazeta Wyborcza

Tadeusz Konwicki, der letzte Woche 80 Jahre alt wurde, ist einer der größten polnischen Schriftsteller der Nachkriegszeit. In einem langen Artikel würdigen Anna Bikont und Joanna Szczesna das Werk des in Litauen geborenen Autors - von den Erfahrungen des Partisanenkampfs, über seine marxistischen Überzeugungen, die Arbeit an Filmen bis hin zur Unterstützung der Dissidenten. "Dadurch, dass ich Waise war, hatte ich einen starken Komplex der Entfremdung, ein Gefühl der physischen und intellektuellen Klaustrophobie. Mein Leben war ein Versuch, sich von dieser Fremde zu befreien", gestand Konwicki in einem Interview.

Reporter Ryszard Kapuscinski offenbart im Gespräch mit Milada Jedrysik, warum ihm die gegenwärtige polnische Arbeitsmigration nach Westeuropa keine Kopfschmerzen bereitet. Früher waren Menschen meist gezwungen, ihr Land zu verlassen - wegen Krieg, Epidemie, Naturkatastrophen, während sie heute auf der Suche nach besserem Leben sind. Für Polen, das immer Auswanderungsland war, bringe die neue Diaspora auch einen Nutzen: "Wenn man im Westen gearbeitet hat, weiß man, dass man pünktlich und höflich sein muss. Das kann einen positiven Einfluss haben: neue Bräuche, Sitten, Kulturen, Lebensstile".

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - Gazeta Wyborcza

Die Auswahl eines Architekturentwurfs für das zukünftige Museum für Moderne Kunst in Warschau droht mit einem Eklat zu enden. Vier Jury-Mitglieder kündigten letzte Woche aus Protest ihre Teilnahme auf, nachdem die polnischen Vorschriften einige bekannte Mitbewerber ausgeschlossen haben (u.a. David Chipperfield und Eduardo Souto de Moura). Der Warschauer Stadtarchitekt Michal Borowski sagt: "Ich bedauere diese Entscheidung, aber die Regeln für öffentliche Ausschreibungen (Nachweis über gezahlte Steuern, polizeiliches Führungszeugnis) sind eindeutig. Der Wettbewerb wird nicht wiederholt, wie es die zurückgetretenen Mitglieder verlangt haben - das wäre illegal."

Der Papst-Besuch Ende Mai und vor allem der Besuch Benedikt XVI. in Auschwitz findet seinen publizistischen Nachklang. Nachdem einige Autoren (u.a. Daniel Goldhagen) dem Papst vorgeworfen haben, die Beteiligung der katholischen Kirche am Holocaust zu verschweigen, kontert die Historikerin Anna Wolff-Poweska: "Goldhagens Absichten gehen an denen des Papstes völlig vorbei: während er den Auschwitz-Besuch in politischen Kategorien betrachtet, wählt Benedikt XVI. geistige. Goldhagen interessieren nur die ermordeten Juden, während der Papst sich über alle Opfer der Nazis beugt; der eine macht Anschuldigungen, der andere wählt die Liebe und Hoffnung. Goldhagen wählte den Aufschrei - Benedikt XVI. die Stille."

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Gazeta Wyborcza

Die polnische Gazeta Wyborcza veröffentlicht den Beitrag des Schriftstellers und Kulturredakteurs Krzysztof Varga aus dem Sammelband "Sarmatische Landschaften". Darin vergleicht er die Geschichte Mitteleuropas mit Holbeins "Botschaftern" - aus einem bestimmten Winkel betrachtet, bemerkt man einen Totenschädel auf dem Bild. "Die Geschichte unseres Teils von Europa erfordert eine ähnliche Vorgehensweise: erst von der Seite betrachtet erkennt man das, was auf den ersten Blick wie ein gestaltloser Fleck aussieht. Dann sieht man nicht nur einen Totenschädel, sondern Millionen davon. Das Problem ist nur, dass die meisten Betrachter regungslos direkt vor dem Bild stehen, so dass sie den wahren Gehalt nicht erkennen können. Sie sehen nur Flecken, deren Ursprung und Sinn sie nicht kennen."
Stichwörter: Mitteleuropa

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Gazeta Wyborcza

Liberale haben es in Polen momentan nicht leicht, meint der Philosophieprofessor Wojciech Sadurski vom European University Institute in Florenz. Nicht erst seit der neuen konservativen Regierung. "Das von den Brüdern Kaczynski und deren Verbündeten proklamierte Scheitern eines liberalen Polens bedeutet nicht nur das Scheitern eines Wirtschaftsmodells. Es geht um eine Staatsphilosophie - Menschen, die sich den Idealen der Aufklärung verbunden fühlen, sind nicht nur unbeliebt, sondern auch auf der Verliererseite. Es siegt vorerst die nationalistische, xenophobische und antiliberale Tradition." Jetzt müsse überlegt werden, welche Rolle die Liberalen in einer nicht-liberalen Umgebung spielen können, so Sadurski. Die Antwort sucht er in den Schriften von John Rawls. "Die Alternative bestünde darin, sich auf die liberalen Positionen zurückzuziehen wie in eine belagerte Festung."

Der Krakauer Industrievorort Nowa Huta ist Trend! Eines der größten stalinistischen Bauvorhaben in Polen, einst Schmuddelkind in der Nähe der alten Hauptstadt, inspiriert immer mehr Künstler (Beispiel) und Touristen, schreibt Renata Radlowska. "Im touristischen Image Krakaus tauchte Nowa Huta bis dato nicht auf. Das Interesse kam wie von selbst auf - es kamen Künstler und es wurden Sozialprojekte initiiert. Sogar die EU will Geld für die 'Revitalisierung postindustrieller Räume' geben. Nowa Huta ist die Gegenbewegung zum alten, langweiligen Krakau, sagt ein Insider. Es steht für Frische, Raum und Realitätsnähe, statt für Künstlergehabe." Das scheint auch die Stadt begriffen zu haben, die den Komplex zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären will.

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - Gazeta Wyborcza

Jacek Pawlicki analysiert den Zustand der EU zwei Jahre nach dem "Big Bang" und kommt zum Schluss: "Die große Erweiterung von 2004 war der letzte, mutige Schritt Europas. Auf den nächsten können wir noch lange warten. Polen wiederum muss in seinem dritten Jahr der Mitgliedschaft alles tun, um den Zweiflern zu beweisen, dass sie es wert war. Polen wird es zwar irgendwie in der EU schaffen, aber für ein Land dieser Größe ist 'irgendwie' zu wenig. Wir müssen aktiv die Politik mitgestalten, statt nur die Hand nach dem Geld auszustrecken."

Alek Tarkowski, polnischer Koordinator von "Creative Commons" plädiert für mehr Rationalität im "Kampf gegen die Internetpiraterie". "Das p2p-Prinzip im Internet ist eine ungeheuer effektive und billige Form von Kulturaustausch. In der heutigen Gestalt fügt sie zwar den Künstlern und Produzenten Schaden zu, was aber nicht heißt, dass der einzige Ausweg in ihrer gewaltsamen Unterdrückung liegt. Eine Alternative bestünde darin, Methoden zu finden, die es erlauben, legal p2p zu nutzen. Dies ist aber so lange nicht möglich, so lange jede neue Technologie von Horrorszenarien begleitet wird." Letztendlich, so Tarkowski "bleibt uns nichts anderes übrig, als dass Internet zu lieben".

Und: Islam-Kenner Bassam Tibi prophezeit im Interview: "Die Frage, ob es einen demokratischen Islam gibt, wird sich unter den europäischen Muslimen entscheiden. Andererseits wird die europäische Zivilisation nur überleben, wenn es eine Integrationspolitik führen kann, die aus Muslimen europäische Bürger macht".

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - Gazeta Wyborcza

Die Historikerin und Politologin Anna Wolff-Poweska analysiert die gegenwärtige polnische Außenpolitik und stellt fest: "Das 'Ja' zur Erweiterung bei gleichzeitigem 'Nein' zur Vertiefung, die offene Freude über das Ausscheren der Wähler in Frankreich und den Niederlanden, die kompromisslose Haltung 'Nizza oder der Tod', herablassende Bemerkungen über das Weimarer Dreieck als einen 'losen Staatenverbund' - das alles verstärkt das Image unseres Landes als eine Ansammlung von aufgeblasenen Frustrierten mit einem überempfindlichen Ego, auf die man bei der Suche nach konstruktiven Lösungen nicht zählen kann." An diesem Image seien die Kaczynski-Brüder nicht ganz unschuldig, betreiben sie doch im Innern eine Politik, die auf persönlichen Phobien basiert, die auch in die Außenpolitik Eingang finden, so Wolff-Poweska.

Kaum ein Theaterregisseur ist in Polen momentan so en vouge wie Jan Klata. Neuerdings inszenierte er im Warschauer Teatr Rozmaitosci ein Stück, in dem das gegenwärtige Polen aus der Sicht der "Verlierer", der Armen und Arbeitslosen beschrieben wird. Für Kritiker Roman Pawlowski ist Klata ein "Spielverderber" - "Das Stück 'Wez, przestan' (Komm, hör auf) ist schlecht geschrieben, ohne Erzählung und jedweden literarischen Wert. Es erinnert an eine Reportage, die mit einer versteckten Kamera in einer dreckigen Unterführung aufgenommen wurde." Aber: "Klata hat den Mut, die Hauptstadt mit den Augen derer zu zeigen, die stinken. Und er zwingt die elitären Besucher des Trendtheaters dazu, sich für eineinhalb Stunden mit denen zu beschäftigen, denen sie im Alltag nicht zwei Sekunden widmen möchten."

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Gazeta Wyborcza

Der Publizist Adam Leszczynski setzt sich kritisch mit der "Geschichtspolitik" auseinander, einer neuen Strategie der konservativen Regierung Polens, die den Patriotismus stärken und die glorreichen Kapitel der Nationalgeschichte stärker zu Tage fördern soll. "Die Befürworter dieser Idee sehen dabei die Aussöhnung mit den Nachbarn - Juden, Deutschen, Ukrainern - als Gefährdung der nationalen Interessen. Die Konsequenz kann nur sein: wir sind umgeben von Feinden, und gegen Feinde muss gekämpft werden." Für Leszczynski geht es auch um einen Gegenentwurf zum linken Gesellschaftsbild: "Man muss die Vergangenheit nur entsprechend präparieren und das Heute gestaltet die Rechte."

Magazinrundschau vom 04.04.2006 - Gazeta Wyborcza

Der Literaturhistoriker Jerzy Jarzebski schreibt im Nachruf auf Stanislaw Lem: "Lem beginnt sein Schaffen am 'Tag danach' - nach einem Krieg, in dem die Totalitarismen alle Regeln der Ethik brachen und dabei von Intellektuellen unterstützt wurden. Deshalb war für den jungen Autor das Denken einerseits etwas Faszinierendes, andererseits barg es das Risiko, eine Grenze zu überschreiten. Es gibt also zwei Lems: der eine, der atemberaubende Visionen von technischem Fortschritt entwirft, und der andere, der dem eigenen Wissenschaftsglauben aus humanistischer Sicht widerspricht."