
Matthias Rothe
prescht durch vierzig Jahre
DDR-Literatur. Zwischen Erbauung und Völkerfreundschaft, Ermüchterung und destruktivem Verwalten, findet er die interessantesten Bücher in den sechziger und siebziger Jahren, als der Alltag zur Lebenswelt wurde und die Individuen mit der Gesellschaft in Konflikt gerieten: "Auch all das andere, was in der Produktionseuphorie besinnungslos mitgeschleppt wurde oder unbeachtet geblieben war, kommt nun literarisch zur Sprache: zum Beispiel der gewöhnliche Faschismus, die Mitläufer, Kleintäter, die marginalisierten Opfer und auch der alltägliche Widerstand, der nirgendwo aufgezeichnet ist... Vom Alltag aus, mit seinen kleinsten Gesten, stand also immer das Ganze, stand
der Aufbau der DDR, das Projekt des Sozialismus auf dem Prüfstand. Die
Utopie war der Kunst immer gegenwärtig, blieb lange zum Greifen nah. Das ist ein entscheidender Unterschied zur Kunst in der Bundesrepublik, die in den 1970ern natürlich die gleichen Themen entdeckte. Die DDR-Kunst operierte weitestgehend
im Modus immanenter Kritik. Es ging nicht gegen den Staat, das System usw., sondern um
die Rettung des Ganzen. Die Autoren und Autorinnen blieben selbst in radikaler Kritik dem Projekt DDR (
Sozialismus plus Antifaschismus) zutiefst verbunden, zumeist noch im westlichen Exil. 'Man kann machen, was man will, man steht in einer Tradition, aus der man nicht heraus kann, ich bin hier geboren, dies ist mein Land, ich bin daran gefesselt in Hass-Liebe', schreibt Irmtraud Morgner an einen Freund nach dem Verbot ihres Romans Rumba auf einen Herbst (1965)."
Weiteres: Hanna Engelmeier
umkreist die jüngste der regelmäßig aufploppenden
Kanon-Debatten. In einem Leserkommentar zum Text plädiert dagegen ein Fritz Iff für einen
deskriptiven Ansatz, der die einflussreichsten Werke anhand ihrer tatsächlichen Wirkmacht erklärt: "Die Arbeit an einem deskriptiven Kanon geht natürlich nicht in einer Woche, sondern würde wohl gute zehn Jahre beanspruchen - das wäre aber immer noch viel weniger Zeit, als mit den
Bauchgefühl-Debatten vertan wurde und wird."