Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 05.01.2021 - Merkur

Der deutsch-israelische Künstler Eran Schaerf reagiert im Merkur-Blog auf das Anti-Antisemitismus-Heft der Texte zur Kunst vom September und macht sich - mal polemisch, mal assoziativ - Gedanken über Fragen der Erinnerungskultur und des Israelboykotts: "Es ist Corona-Zeit. Der zivile Flugverkehr in Israel ist weitgehend lahmgelegt, aber in einem Flughafen herrscht reger Verkehr. Beladen mit militärischer Ausrüstung 'Made in Israel' fliegen Flugzeuge des Typs Iljuschin-76 der Cargo-Gesellschaft Silkway nach Aserbaidschan. Die Waffen werden von Aserbaidschan gegen die armenische Enklave Bergkarabach eingesetzt. Mit der Offensive Aserbaidschans - auch gegen zivile Ziele - ist der Bergkarabach-Konflikt erneut ausgebrochen. Corona sagte ich schon. Die israelische Wirtschaft ist im Tief, ein schlechter Zeitpunkt, um Geschäfte zu unterlassen. Aserbaidschan auf eine Unterlassung des Waffenhandels mit Israel anzusprechen, könnte jemand an Judenboykott erinnern. Tut auch niemand. Ich muss Franz anrufen, Franz Werfel, der 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' über den Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Ich muss ihn erst einmal damit updaten, dass 'der Staat der Shoah-Überlebenden' den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich nicht anerkennt. Dann würde ich ihn fragen, ob er… 'als Jude, oder was?', würde er mich unterbrechen …ob er denkt, dass die 'jüdische Erfahrung der Shoah' israelische Juden auf die Idee bringen sollte, dass ihre Waffenlieferungen die armenische Erfahrung des Genozid empathielos vernachlässigen. Aber ich rufe Franz nicht an. Womöglich würde er mir noch sagen, dass die Toten nur fiktive Geschichten erzählen können und Fiktion ist Kunst und als Künstler wäre ich der BDS-Nähe verdächtig und könnte meinen Job verlieren. Das wäre ja nicht so schlimm, doch Selbstboykott ist hier nicht das Thema." Mehr zu den Ruder- und Rückrudermeisterschaften der Texte zur Kunst in der Antisemitismusfrage hier.

Im Heft schreibt zudem Aleida Assmann einmal mehr über den Streit um Achille Mbembe und die BDS-Resolution des Bundestags, aber auch über die erweiterte Antisemitismus-Definition, die die Bundesregierung von der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen hat, und zwar in einer Fassung, die auch Kritik an Israel mit einschließen kann, wie Assmann moniert: "Insgesamt hat die Verlagerung des Schwerpunkts der Antisemitismus-Bekämpfung durch BDS und IHRA dazu geführt, dass das Bedrohungspotential inzwischen weniger im rechtsradikalen Spektrum als im Milieu von linken und liberalen Intellektuellen gesucht wird." Assmann antwortet in dem Artikel auch auf einen Essay von Perlentaucher Thierry Chervel zur Mbembe-Debatte.

Mit dem in jeder Hinsicht an Selbstbetrug grenzenden Humboldt-Forum wird der Historiker Jürgen Große nicht so bald seinen Frieden machen, wie er in einem Rückblick auf dreißig Jahre Rekonstruktionsdebatte deutlich werden lässt: "Nähert man sich dem Schlossbau von Osten, dann stößt man auf andere, wohl ähnlich ungewollte Macht-Kultur-Ambivalenzen. 'Humboldt Forum' ist dort in prekärer Orthografie zu lesen. Doch ausgerechnet die östliche, angeblich zu Stadt und Bürgerschaft 'geöffnete' Fassade huldigt mit ihren schießschartenartigen Fenstern dem italienischen razionalismo. Dieser typische Stil der faschistischen Epoche kontrastiert dem wilhelminischen Neubarock des Berliner Doms, der nördlich anschließt. Funktionalität moderner Machtstaatlichkeit neben flügelschlagendem Engelsvolk! Schweift der Blick weiter südwärts, ergibt sich baustilistisch ein harmonischer Effekt. Dort nämlich zeichnen sich die Umrisse des einheitsdeutschen Außenministeriums ab. Einer der Hausherren hatte die gewaltstaatliche Vergangenheit des Amts erforschen lassen. Dessen steinerne Hülle jedoch zeigt eines der klarsten Bekenntnisse zu Albert Speer, die im neuen Berlin entstanden sind."

Magazinrundschau vom 01.12.2020 - Merkur

Vom theoretisch ehrenwerten Volk wird seit Beginn der Aufklärung der Pöbel unterschieden, der sich - derb und gewaltsam - den Ansprüchen der Vernunft widersetzt.  Einst sprach daraus reiner Standesdünkel, hält der Gemanist Roman Widder in einer kurzen Begriffsgeschichte fest, aber auch heute funktionieren die damit verbundenen Ausschlussmechanismen: "Wenn heute wieder vom Pöbel oder seinem Pöbeln die Rede ist, dann ist dieser Missachtungsformel eine längere Geschichte eingespeist, die sie mit Bedeutung und Intensität füllt. Mit ihr wird ein elementarer Kampf um die Teilhabe an der Möglichkeit des sprachlichen Ausdrucks und Austauschs sichtbar, der auch heute noch von beiden Seiten geführt wird, auch von der Seite prekär lebender Akademiker, die ihr intellektuelles Kapital zum eigenen Vorteil ausspielen müssen. Was mit dem Pöbel ans Tageslicht kommt, ist auch die Verarmung der Kommunen, ein Kampf um kommunale Autonomie und damit die Depotenzierung von Gemeinsinn und öffentlicher Daseinsvorsorge in einer sich globalisierenden Welt - ein Prozess, der in den städtischen Unruhen der Reformation seinen Anfang genommen hat. Und auch die Transformation der Arbeitsgesellschaft mag erklären, weshalb der Pöbel heute aktueller ist als das Proletariat. Setzte sich in der Frühen Neuzeit aus arbeitslos gewordenen Handwerkern und Bauern eine unbeherrschbare Menge an Paupern zusammen, aus der dann das moderne Industrieproletariat rekrutiert wurde, so kennt auch die Gegenwart wieder eine große Menge an 'Überflüssigen', die nicht oder in 'bullshit jobs' (David Graeber) nur zum Schein arbeiten."

Christian Wiebe verteidigt das Debütalbum des Produzententeams KitschKrieg gegen eindeutige Lesarten, gegen den Glauben an Authentiztät und gegen die Verächter von Barock, Erotik und ausgestelltem Luxus.

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Merkur

Die Kluft zwischen rechtlicher Gleichheit und tatsächlicher Gleichstellung bleibt frustrierend, nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen dunklerer Hautfarbe, für Muslime und Juden. Dennoch hält der Philosoph Christoph Türcke Proporz- oder Paritätsgesetze für den falschen Weg, und das nicht nur, weil damit jeder Gedanke an Solidarität und Empathie negiert wird, demzufolge sich Angeordnete auch jenseits eigener Betroffenheit für die Belange anderer einsetzen können: "Das 'linke' Projekt der paritätischen Besetzung des Parlaments ist 'rechter' als beabsichtigt. Es befördert auf die softe Tour das Vordringen von Wirtschaftszwängen in die politische Sphäre. Der Lobbyismus hört dadurch, dass er durch Paragrafen und Proporzberechnungen verrechtlicht wird, ja nicht auf, ein Abkömmling des Wirtschaftslobbyismus zu sein. Absehbar, dass dieses Paritätskonzept weniger die Basisdemokratie vorantreiben als zu einer Lobbydemokratie führen wird, in der das Parlament wie in vorbürgerlicher Zeit wieder nach Proporz zusammengesetzt ist; freilich nicht als Vertretung von Ständen, sondern von vielen mobilen Gruppen, die allesamt ihre eigenen 'authentischen' Sprecher abordnen. Ein hochbewegliches Hightech-Parlament zeichnet sich ab, das strukturell gleichwohl eher einer archaischen Stammesversammlung als dem aktuellen deutschen Bundestag ähnelt."

Die Autorin Anne Rabe erinnert sich an ihre Kindheit in den neunziger Jahren im Osten, zum Beispiel an ihre Grundschulzeit, als sie und die anderen Kinder auf dem Weg zum Hort an einem Kiosk vorbei kamen: "Vor diesem Kiosk stand häufig eine Gruppe von jugendlichen Neonazis rum, die sich freute, wenn wir an ihr vorbei mussten. Denn zu unserer Hortgruppe gehörte auch ein vietnamesisches Mädchen. Sie kreisten uns ein und begannen, das Mädchen zu beschimpfen. Unsere Versuche, sie zu verteidigen, belustigten die Kahlköpfe. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, in dem ein erwachsener Passant auf die Idee gekommen wäre, uns Erstklässlern zu helfen."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Merkur

Hans Blumenberg als großen Stilisten zu preisen, hält der Philosoph Heinrich Niehues-Pröbsting für blanken Unfug. Blumenbergs Aneinanderreihung von Substantiven waren nicht nur unschön, sondern unverständlich: Die Passion ist der Gattungsakt der Erneuerung des Eigentums durch Gehorsam? Nein, meint Niehues-Pröbsting, Blumenberg zu lesen bringt es nicht. Man muss ihn erlebt haben, um das Feuer seines Denken zu begreifen: "Obwohl politischer Relevanz und philosophischer Tagesaktualität bar, waren seine Kolloquien, Seminare und Vorlesungen an- und aufregender als alle Veranstaltungen mit politischem Bezug oder zu aktuellen philosophischen Positionen, die ich bis dahin mitgemacht hatte. Schwer, genau zu sagen, woran das lag. Der inzwischen verstorbene Blumenberg-Assistent Fellmann hat seinem Lehrer eine latent erotische Ausstrahlung zugeschrieben, was mir allerdings etwas schräg erscheint; da wird der Begriff der Erotik doch überstrapaziert. Eher würde ich von einer Lebendigkeit der Gedanken und des Geistes sprechen, die ansteckend wirkte und sich auf den Hörer übertrug. Davon ging eine Faszination aus, die in seiner Freitagsvorlesung ein breites Publikum anzog, das weit über die Fachstudenten hinausreichte. Für junge und unerfahrene Studenten und Studentinnen konnte das bisweilen allerdings gefährlich werden, wenn sie nämlich glaubten, sie könnten sich selber die Leichtigkeit zulegen, mit der sich Blumenberg in der gesamten Philosophie und darüber hinaus in der Geistesgeschichte bewegte, und dabei die harte Arbeit übersahen, die hinter dieser Leichtigkeit steckte. Manche sind daran gescheitert."

Weiteres: In seiner Ästhetikkolumne seziert Wolfgang Kemp das International Art English, das Kennerschaft und criticality ausweist: "Space ist für Artspeak das Hauptwort aller Hauptworte, verdünnt und vermehrt in einer langen Reihe dazugehöriger Substantive und Sachverhalte. Unverzichtbar sind terms wie: intersection, parallel, void, enfold, involution, displacement, liminal, rupture, platform, abyss, site. Im Deutschen geht nichts ohne Position, Aporie, Dystopie, Choreografie, rhizomatisch, Schwelle usw." Vanessa de Senarclens rekapituliert die Geschichte der ehemals deutschen Bibliotheken in Polen.

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Merkur

Seit den neunziger Jahren ist die Globalgeschichte das angesagte Paradigma der Geisteswissenschaften, doch nach dem Brexit und Donald Trump dürfte nun auch die Corona-Pandemie der Vorstellung zunehmender Weltintegration einen Strich durch die Rechnung machen, schreiben die Historiker Stefanie Gänger und Jürgen Osterhammel: "Die Wirklichkeit lehrt uns derzeit nicht nur, dass Integration und Beschleunigung reversibel sind und globale Prozesse regressiv verlaufen können. Zu Verschiebungen dürfte es auch an anderer Stelle kommen. Wenn das 'Globale' zunehmend mit Pandemie und Katastrophe assoziiert wird, was bedeutet das für die bislang herrschende 'Euphorie für Bewegung, Mobilität und Zirkulation', die Sebastian Conrad bereits vor einigen Jahren in der weltweiten globalhistorischen Community festgestellt hat? Und was folgt daraus für den Umgang mit vordergründig technischen Fachbegriffen wie 'Konnektivität' oder 'Zirkulation', die Globalhistorikerinnen und -historikern allzu leicht über die Lippen kommen und von ihnen fast ausschließlich mit positiver Konnotation verwendet werden? Die Helden der Globalgeschichte sind die Reisenden, die Kosmopoliten und cultural brokers. Die gegenwärtige Krise aber hat die Wahrnehmungen und Wertungen innerhalb weniger Tage und Wochen (normalerweise verläuft Einstellungs- und Wertewandel eher träge) radikal umgepolt: Die bedrohliche, toxische, gar todbringende Seite von 'Konnektivität' und weltweiten Verbindungen, die zuvor allenfalls im Widerstand gegen eine ökonomische Globalisierung aufschien, tritt nun für alle sichtbar hervor. Der Reisende wird zum Unheilbringer, der cultural broker zum grenzüberschreitenden Verbreiter von Verschwörungsfantasien."

Chris Decker erkundet das zerklüftete Terrain, auf dem sich "diverse Kilmatologenkulturen" angesiedelt haben, um Daten und Materialien zur Erforschung ihres Gegenstands zu bergen und zu bewahren: "Eisbohrkerne, Baumringe, Algen, Korallen, Seesedimente, Stalagmiten und eben Archivmaterial bilden die Grundlage für Erkenntnisse zum wilden Schwanken des Klimas über Zeiträume, die von Jahrzehnten zu Jahrhunderttausenden reichen. Weit hinter den Beginn der Industrialisierung, bei der die aus der Zeitung bekannten Kurven von CO2 und Temperatur ansetzen."

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Merkur

Warum diskutieren wir darüber, wenn Katy Perry und Kim Kardashian ihre Haare in Braids oder Cornrows tragen, aber nicht, wenn sich David Beckham oder Lars Eidinger die Fingernägel lackieren?, fragt Heide Volkening in ihrer Popkolumne und diskutiert das Konzept der kulturellen Aneignung im Pop mit Blick auf Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter", das ja gerade wesenhafte Differenzen ablehnte, weil sie auf auf diskriminierenden Strukturen beruhten: "Das ökonomische Szenario reicht nicht als Erklärung, auch David Beckham und Lars Eidinger verdienen gutes Geld mit der Inszenierung einer ehemals 'metrosexuell' genannten Form von Männlichkeit. Zweitens ist auch das Konzept der geschlechtlichen Parodie bei Butler etwas anderes als ein Kleidertausch, also eine Aneignung von Zeichen im Sinne der Kostümierung. Zu fragen wäre, ob Formen des racial drag in der Fankultur, ob Verkörperungen des Anderen durch Frisur, Musikvorlieben oder Kleidungsstile nicht ähnlich wie Gender-Aneignungen als fantasmatische Identifikationen verstanden werden können, die über karnevaleske Verkleidungen hinausgehen. Womöglich lässt sich sogar noch in den stereotypisierten Kostümen des Karnevals eine vergleichbare Form der Identifikation beobachten."

Christian Demand untersucht Distinktionsstrategien im modernen Wohnen, für die Schlichtheit und Strenge noch immer unüberbietbar sind: "An das dignifizierende Potenzial derartiger Rangzuschreibungen schließen insbesondere die Wohn- und Wohnbegleitindustrien für ökonomisch Bessergestellte an, deren Rauminszenierungen selten sybaritische Opulenz zelebrieren. In der Mehrzahl der Fälle setzen sie vielmehr auf die edle Entrücktheit vollendeter Reduktion. Von der Immobilienwerbung über die internationalen Design- und Lifestylemagazine bis hin zum Coffee-Table-Architekturbuchmarkt ist die visuelle Standardformel dafür seit gut dreißig Jahren im Wesentlichen dieselbe: ein urbaner, an die 'geadelte Sachlichkeit' der Avantgardearchitektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnter, formstrenger, farbarmer, weiträumiger Minimalismus." (Aber nein, farbarm wohnt man oft nur noch im risikoscheuen Deutschland! Hier die colori pareti 2020 und die colori primari)

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Merkur

Der Merkur stellt die komplette Aprilausgabe frei zugänglich online. Sehr großzügig! Robin Detje ist zum Beispiel in die SPD eingetreten und kommt mit leichtem Schleudertrauma aus seiner ersten Abteilungssitzung: "Deutschland ist ein Lied mit dem immergleichen Refrain. Deutschland ist eine Platte, die hakt. Feigheit und Opportunismus, Opportunismus und Feigheit und Geldgier. Dazu diese fundamentale Unfähigkeit, sich auch überhaupt nur vorzustellen, dass ein Konflikt sich austragen ließe. Ich könnte immer die gleiche Kolumne schreiben, über das Land mit der lähmenden Zukunftsangst vor seiner eigenen Gegenwart, eine Kolumne, die dann von der Realität immer bestätigt, aber nie anerkannt werden würde, was mir in alle Ewigkeit meinen Job garantiert. Meine einzige Hoffnung ist, dass es nicht funktioniert."

Tilman Baumgärtel beobachtet, wie der Ruf von Hongkongs Polizei auf den Hund gekommen ist, seit ihr Bild vom chinesischen Staatsfernsehen und nicht mehr von den großen Regisseuren des Actionskinos bestimmt wird: "Dabei hatten Regisseure wie Johnnie To Kei-fung oder Alan Mak in den letzten Jahrzehnten die Polizei in ihren Filmen immer wieder als effektive, engagierte, unkorrumpierbare und dem Allgemeinwohl verpflichtete Institution porträtiert. Seit immer deutlicher wird, dass China versucht, in Hongkong verstärkt ins politische und kulturelle Geschehen einzugreifen, kann man diese Filme auch als einen Versuch auffassen, die Rechtsstaatlichkeit und das Potential des politischen Modells Hongkongs zu betonen. Die Gesetzestreue seiner Polizei fungierte immer als Lackmustest einer fairen, regelbasierten öffentlichen Ordnung, die es in China nicht gibt."

Weiteres: Johanna Hedva liest Benjamin Mosers bisher nur auf Englisch erschienene Susan-Sontag-Biografie. Marcus Twellmann widmet sich dem Konzept der Urbanormativität, mit dem Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas urbane Dominanz gegenüber dem ländlichen oder peripheren Raum beklagen, und stellt fest: Auch wenn Populisten gegen eine Vorherrschaft der Städte Stimmung machen, lässt sie sich nicht ganz leugnen. Felix Heidenreich betrachtet Emanuel Macrons Strategie der digitalen Souveränität.

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Merkur

Carolin Amlinger kann ihn gut verkraften, den eigenwilligen Sound, mit dem Klaus Theweleit in seinen "Männerfantasien" Affektzustände und Körperstrukturen faschistischer Männer untersuchte. Und wie Theweleit die Angst von Freikorps-Soldaten vor allem Fließenden und Weichen aufzeigte, vor sozusagen "weiblichen" Körperzuständen, gegen die es einen "männlichen" Panzer zu bilden galt, das findet Amlinger auch heute in Zeiten einer rechten Männerbewegung relevant und schlagend. Wobei es heute nicht nur darum gehe, Natur, Sinnlichkeit oder Körper zu kontrollieren, sondern auch die Realität: "Die politische Rechte betrachtet diese ontologische Relativität moderner Gesellschaften mit Argwohn. Die existentielle Überwältigung, die Zustände des Fließens und Strömens bei soldatischen Männern auslösen, lässt sich ebenso erkenntnistheoretisch lesen; die Verflüssigung von absoluten Wahrheitsansprüchen ist für die Neue Rechte Ausdruck zivilisatorischer Auflösung... Die Aufkündigung von Wirklichkeitskonventionen, die in Zeiten gesellschaftlichen Wandels virulent werden, wird als Derealisierung erlebt, als Verlust fester Fundamente und sozialer Stabilität. Ob der Queer-Feminismus die Binarität traditioneller Geschlechterkonzepte hinterfragt oder Migranten und Migrantinnen eine homogenes Kulturmodell hybridisieren - in den Augen der Neuen Rechten ist die Komplexitätszunahme moderner Gesellschaften Ausdruck einer politischen Krise. Der Verlust kultureller Festlegungen befeuert die Angst vor der Körperauflösung der wirkmächtigsten Ganzheitsmaschine, der Nation."

Oliver Staudt diskutiert außerdem schon sehr intensiv Thomas Pikettys demnächst erscheinende Geschichte der Ungleichheit "Kapital und Ideologie". So viel vorweg: "Als entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit wird die 'identitäre Falle' identifiziert. Die Sozialdemokratie sei im Grunde Opfer ihres eigenen bildungspolitischen Erfolgs geworden, indem sie sich schleichend von einer Arbeiterpartei in eine Akademikerpartei verwandelt habe. Die ehemalige Klientel empfinde sich heute als Globalisierungsverlierer und drohe, zwischen einer 'Kulturlinken' (gauche brahmane) und einer 'Businessrechten' (droite marchande) politisch heimatlos geworden, sich auf die nationale Identität zurückzuziehen. In der Regierung Macrons, de facto aber auch bei den britischen remainers, sieht Piketty eine Koalition dieser zwei Lager von Globalisierungsgewinnern, die sich selbst als progressiv betrachten und einen verächtlichen Blick auf die Abgehängten werfen."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Merkur

Im Merkur sucht Kevin Vennemann dem kapitalistischen Arbeitsmarkt und dessen Mechanismen der Entfremdung mit Hilfe von Heike Geißlers 2014 erschienener autofiktionaler Erzählung "Saisonarbeit" auf die Spur zu kommen. Karl Marx' Arbeitstheorie im Gepäck und Maya Derens Kurzfilm "Meshes of the Afternoon" von 1943, beleuchtet Vennemann die erzählerische Besonderheiten Geißlers, die das Thema Arbeit und Selbst, wie Vennemann es im Titel fasst, eindrucksvoll literarisiert: "In 'Saisonarbeit' gibt es zwei Hauptfiguren: eine Ich-Erzählerin und eine erzählte Figur. Die Erzählerin berichtet von der Zeit der erzählten Figur bei Amazon, vom ersten Moment bis zum letzten und darüber hinaus. Dabei benutzt sie aber nicht die dritte Person Singular - sie. Sondern die direkte, formale Anrede - Sie. Die Erzählerin leitet also die angesprochene, erzählte Figur an, ihre Welt gemäß den Instruktionen der Erzählerin zu errichten. Ein Beispiel, ganz zu Beginn: 'Ihr Freund hat Ihnen vorm Losgehen viel Glück gewünscht und nochmals gesagt, Sie müssten das nicht machen. Aber das stimmt nicht, Sie müssen das machen, Sie müssen jetzt das Erstbeste versuchen, um Geld ins Haus zu bekommen.' ... Heike Geißlers Erzählerin denkt im Namen ihrer Angesprochenen anders: 'Sie bevorzugen es, auf Menschen zu treffen, die sind, was sie tun, und Sie wurden vor einigen Jahren gefragt, ob es Ihnen um Authentizität gehe. Das war die Frage eines etwas irritierten Journalisten, die Sie bejahten.' Teilweise zumindest mag der kritische Erfolg von Saisonarbeit daran gelegen haben, dass es Geißler gelungen ist, die vollkommene menschliche Leere einzufangen, in der das Fließband vor sich hin rattert, jener entauthentifizierende Inbegriff der Arbeitsteilung. Geißler reißt auf diese Weise das entsetzlichste Zukunftsszenario an, das die meisten von uns, die wir in ihrem literarisch gebildeten Publikum aufmerksam zuhören und zustimmend nicken, in Erwägung zu ziehen vermögen: die Möglichkeit nämlich, dass auch wir dereinst unser Privileg einzubüßen gezwungen sein könnten, wirklich fest daran zu glauben, dass wir tatsächlich Menschen seien, 'die sind, was sie tun.'"

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Merkur

Heute wird Kultur oft als Gegenpol zur Migration gesetzt, als wäre sie das verlässlich Bleibende gegenüber dem stetig unzuverlässigen Wandel. Doch aus dem Blickwinkel der Deep History ergibt sich für den Wissenschaftsphilosophen Oliver Schlaudt eine ganz anderes Bild: Erst die Migration hat den frühen Menschen abgenötigt und ermöglicht, sich einen Vorrat an Techniken anzueignen, mit dem sie auf Veränderungen reagieren kann: "Das Rätsel, wie sich der Mensch in seiner langen Migrationsgeschichte neue Habitate erschließen konnte, löst sich nun auf. Mit dem Auftauchen von Kultur begegnen die frühen Menschen der Natur nicht mehr einfach mit einem unveränderbaren Organismus (beziehungsweise einem Organismus, der sich nur auf der unendlich langsamen Skala der Evolution verändert), sondern durch eine variable Kultur. Mit den schneidenden Kanten steinerner Abschläge, die bereits vor über drei Millionen Jahren auftreten, wurden große Tierkadaver als Nahrungsquelle zugänglich. Mit den - sehr viel jüngeren - Jagdwaffen war der Mensch nicht mehr darauf angewiesen, Aas zu finden oder Raubtiere von ihrer Beute zu vertreiben, sondern konnte nun selbst jagen. Auch mit dem Feuer vermochten Menschen sich als Nahrungsquelle zu erschließen, was vormals unerreichbar oder wertlos war. Die Kultur bildet einen Puffer zwischen dem menschlichen Organismus und seiner Umwelt. Sie transformiert die ökologische in eine kulturelle Nische."