Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 20

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - New Statesman

Der Philosoph John Gray bespricht Timothy Garton Ashs neues Buch, eine Sammlung von Feuilletons und Essays, in der auch Garton Ashs Artikel über "Islam in Europa" nachgedruckt ist, der in Perlentaucher und signandsight.com und dann in der internationalen Presse eine furiose Debatte auslöste. Garton Ash bezichtigte dort Ayaan Hirsi Ali eines "Fundamentalismus der Aufklärung". Er hat diese Vokabel nach der Debatte in einer Fußnote zu seinem Artikel zurückgezogen. Gray bedauert das: "Der größte Teil des Staatsterrors im letzten Jahrhundert war säkular, nicht religiös. Lenin und Mao waren bekennende Anhänger einer Aufklärungsideologie. Manche mögen einwenden, dass sie sie missbrauchten. Und doch ist es ein Kennzeichen fundamentalistischer Mentalität, einen reinen Glauben zu postulieren, der frei ist von jeder Komplizenschaft mit irgendeinem Verbrechen seiner Anhänger und fähig - wenn nur in seiner reinen, unverschmutzten Form angewandt - praktisch jedes Böse auszumerzen." (Und trifft das nun auf Ayaan Hirsi Ali zu? Darüber verliert Gray kein Wort. Ihm liegt daran, Aufklärung als Spiegelbild des Islamismus zu sehen.)

Sholto Byrnes bespricht mit großer Sympathie das neue Buch der Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong, "The Case for God: What Religion Really Means", in dem sie den erklärten Atheisten Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Sam Harris Paroli bietet: "Armstrong schreibt über einen Gott, dessen Existenz nicht zu rationaler Zufriedenheit bewiesen werden kann, weder durch die ontologischen Argumente Anselms und Descartes noch durch wissenschaftliche, wie Newton noch glaubte. Schon alleine von seiner 'Existenz' zu sprechen, ist schwierig. Von Anfang an macht Armstrong klar, dass Sprache, die notwendigerweise der menschlichen Auffassungsgabe unterliegt, Gott nicht gerecht werden kann."

Magazinrundschau vom 14.07.2009 - New Statesman

Brauchen wir die Monarchie noch, fragt der britische New Statesman. Wahrscheinlich nicht mehr, meint der eigentlich eher Sympathien für die Monarchie empfindende Historiker A. N. Wilson: "Nach einer Zeit der schlechten Regierungsführung haben wir ein dringendes Bedürfnis nach Erneuerung, Wiederbelebung. Würde es helfen, wenn wir uns von den Monarchen verabschiedeten und vorwärts schritten in ein politisches System, in dem jeder von Begabung - sei es ein britischer Barack Obama oder ein Nelson Mandela - uns die inspirierende Führung anbieten, die wir brauchen? Oder kann unser Weg in das goldene Zeitalter nur in unserer Verwurzelung gefunden werden, unserer Verbundenheit mit der Vergangenheit? Das Klischee, das die Queen in ihrer langen Herrschaft nie einen 'falschen Schritt' getan hat, zeigt die Natur unseres Dilemmas. Als Staatsoberhaupt hat sie nichts getan, um den furchtbaren Machtmissbrauch durch Tony Blair und Gordon Brown in den letzten zwölf Jahren zu verhindern."

Außerdem: Michael Hodges stellt sich vor, es wäre das Jahr 2020 und die Briten würden ihren ersten König wählen. Und eine Reihe von Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern - darunter AS Byatt, Eric Hobsbawm, Will Self und Roger Scruton - erklärt ihre Ansicht zur Monarchie.

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - New Statesman

Die Journalistin Isabel Hilton skizziert die Proteste gegen die offizielle Politik in China seit 1919. Heute herrscht relative Ruhe, denn die Partei hat laut dem Wissenschaftler Minxin Pei einige Lehren aus dem Aufstand 1989 gezogen, schreibt Hilton. "Autoritarismus war grundlegend, damit die Partei die Kontrolle behielt. Die Partei erkannte auch, so Minxin, dass ihre Herrschaft verletzlich war, wenn sie nicht von einem großen Teil der Elite unterstützt wurde - den Professionellen und der Intelligentsia. Daher entwickelte sie eine Strategie der Kooption. Die Anzahl von Parteimitgliedern unter den Studenten ist gestiegen; Intellektuelle erhalten gut dotierte Regierungsposten. Die Intellektuellen und Studenten, die im 20. Jahrhundert an vorderster Stelle politische Reformen gefordert hatten, sind heute sehr viel weniger bekannt als 1989. Zur Zeit sind die, die politische Reformen fordern - oder verlangen, dass China wenigstens die eigene Verfassung respektiert, wie es die Gruppe Charta 08 letztes Jahr getan hat - eine kleine Minderheit."

Außerdem: Keith Gessen empfiehlt die Lektüre von Orwells Essays aus den vierziger Jahren: "Denn auch wir leben in einer Zeit, in der die Wahrheit aus der Welt verschwindet, genau auf die Art, die Orwell befürchtet hatte: durch Sprache."

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - New Statesman

Der New Statesman hat einen kleinen Schwerpunkt zu Saudi-Arabien - einem zwischen fundamentalistischem Islam und der Öl-Moderne zerrissenen Land. David Gardner schildert die Auswirkungen des totalitären Wahabbismus auf den Alltag: "Der Staat, den Ibn Saud geschaffen hat, hat sich kaum verändert, während seine Bürger in eine Moderne geraten sind, deren Fundament extrem instabil ist, importiert wie die Klimaanlagen, die die gleißenden Malls und die Gated Communities kühlen. In Lautsprecherdistanz zu einer Moschee, in der fanatische Strenge gepredigt wird..., befindet sich in einer Mall ein Laden der La-Senza-Unterwäsche-Kette. Er sieht kaum anders aus als ähnliche Shops irgendwo sonst. Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied. Da Frauen außerhalb der Familie keinen Kontakt mit Männern haben dürfen und in einer Mischung aus Wegschluss und Segregation gehalten werden, können sie logischerweise nicht in einem Unterwäsche-Laden arbeiten - man sieht dort also nur männliche Verkäufer."

Außerdem: Sophie Elmhirst porträtiert Abdul Wahhab, den Gründer des Wahhabismus. Der Jazzkritiker Sholto Byrnes erinnert sich an seine Kindheit in Saudi-Arabien.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - New Statesman

Geradezu allergisch reagiert Andrew Orlowski auf Chris Andersons neues Buch "Free: the Future of a Radical Price", in dem Anderson die Freeconomics des Internets mit neuen Modellen firmeninterner Gegenfinanzierung retten möchte (hier der Essay zu dem Buch). Schon Andersons "The Long Tail" habe sich als Wired-typischer Mix aus manifest-destiny-Rhetorik und opportunistischer Verkaufe erwiesen, meint Orlowski: "Die implizierte Botschaft war, dass die Kleinen gewinnen würden. Viele Leute glaubten, dass Web 2.0 würde die Welt ein wenig fairer machen und lehnten jeden Beweis des Gegenteils ab. Erst vergangenes Jahr zeichnete sich mit einer großangelegten Studie zu Musikverkäufen im Internet ein etwas deutlicheres Bild digitaler Märkte ab. Der Ökonom Will Page und der Online-Händler Andrew Bud fanden heraus, dass die meisten Lieder, die online erhältlich waren, nie heruntergeladen wurden und dass die Konzentration weiter vorangeschritten war als jemals zuvor. Bei den Tauschbörsen zeigte sich das gleiche Muster. Obwohl es nie so billig war, ein riesiges Warenlager zu unterhalten, waren die Waren nichts oder nur wenig wert."

Außerdem: Bill Thompson zeichnet nach, wie kontraproduktiv der erste Sieg über Pirate Bay ist. Tom Hodgkinson findet, dass alle Technologie eh nur ein mieses kapitalistisches Konstrukt ist. Mark Fisher fürchtet, dass das Web kulturelle Innovationen verhindert, weil wir zu beschäftigt sind mit Archivieren, um noch irgendwas zu erfinden. Und James Harkin erklärt, warum feedback loops im Netz nicht unbedingt die Demokratisierung fördern.

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - New Statesman

Die Oscars brauchen eine gründliche Überholung, meint Ryan Gilbey, der nicht nur angesichts der diesjährigen Nominierungen den Eindruck hat, dass die Academy die Entwicklungen in den letzten fünfzig Jahren verpasst hat. Und er macht ein paar Vorschläge, zum Beispiel, mehr ausländische Filme aufzunehmen: "Nennen Sie es positive Diskriminierung oder affirmative action, aber ab sofort sollten die Nominierungen für den 'Besten Film' auf sechs erhöht werden, zwei davon müssen aus nicht englischsprachigen Ländern kommen. Man muss die Mitglieder der Academy dazu zwingen, Filme zu berücksichtigen, die nicht in ihrer lokalen Einkaufspassage gezeigt wurden. Anders ist es einfach nicht möglich, das Ungleichgewicht auszubalancieren. Lasst den 'Vorleser' gegen 'Waltz with Bashir' antreten und wir werden einige echte Tränen von Kate Winslet sehen."

Nach drei Jahren quittiert Alice O'Keeffe ihren Job als Kunstkritikerin beim New Statesman. Es war eine bizarre Zeit, meint sie. "Die zeitgenössische Kunstszene bot ein sklavisch dem Geld dienendes Catering, weil sie ausschließlich die Reichen bediente. Da die Käufer oft keine Ahnung von Kunst hatten, gab es keine rationale Verbindung zwischen der Qualität eines Kunstwerks und seinem Preisschild."

Magazinrundschau vom 10.02.2009 - New Statesman

Der in Neuseeland lehrende Philosoph Denis Dutton erklärt in seinem neuen Buch "The Art Instinct" und in einem Artikel im New Statesman, dass unser ästhetischer Geschmack nicht nur von unserer kukturellen Umgebung geprägt, sondern ebenso genetisch programmiert ist: "Zum Beispiel hat der Biologe Gordon H. Orians die ideale Landschaft beschrieben, die Menschen an sich angenehm finden. Diese Landschaft hat große Ähnlichkeit mit den Savannen und Waldgebieten, in denen sich die Hominiden von den Schimpansen abgespalten haben und wo sich ein Großteil der frühen menschlichen Evolution abspielte... Afrikanische Savannen sind gewissermaßen auch der Lebensraum, für den sich die fleischfressenden Hominiden entwickelt haben - Savannen enthalten mehr Protein pro Quadratkilometer als jeder andere Landschaftstyp. Außerdem bieten Savannen Nahrung auf und nahe dem Boden, im Gegensatz zu Regenwäldern, durch deren Geäst sich Affen viel leichter hangeln können."

Als das Buch, das sein Leben veränderte, stellt der Philosoph John Gray "The Pursuit of the Millennium" von Norman Cohn vor (deutsch: "Das neue irdische Paradies"), in der Cohn den revolutionären Millenarismus im mittelalterlichen Europa untersucht. Von da an waren Gray Weltveränderungen jedweder politischer Couleur suspekt. "Zugleich wurde ich überzeugt, dass kein Blick auf die Welt ernst genommen werden könnte, der die anhaltende Macht der Religion vernachlässigt."

Weiteres: Isabel Hilton wirft ein Schlaglicht auf China, das gerade das Jahr des Ochsen eingeläutet hat. Und Alice O'Keefe will Charlotte Roches nun als "Wetlands" auf Englisch erschienenen Hygiene-Führer zwar nicht als feministisches Manifest durchgehen lassen, aber durchaus als "scharfzüngige, tabubrechende Comedy".

Magazinrundschau vom 03.02.2009 - New Statesman

Brian Cathcart freut sich über Graham Farmelos Biografie des französisch-schweizerisch-englischen Physikers Paul Dirac, "The Strangest Man". Farmelo, einst selbst theoretischer Physiker und jetzt Spezialist der Wissenschaftskommunikation, habe eine 'wunderbar dichte und intime Studie' über einen Mann veröffentlicht, der von Kollegen wie Heisenberg, Schrödinger oder Bohr in Ehren gehalten, von der Welt jedoch weitgehend vergessen wurde. Wir erfahren von Diracs eigenwilligen Vorlesungen, seinem Hass auf den brutalen Schweizer Vater. "Wir kommen auch dazu, Diracs oberflächlich gesehen unwahrscheinliche Ehe mit der übersprudelnden, stürmischen Margit 'Manci' Wigner zu verstehen - und wir erfahren nebenbei zwei wunderbare neue Anekdoten. Erstens, dass Dirac, als er fürchtete, er könne sich verliebt haben, das tat, was man von Akademikern erwartet: er las ein Buch zum Thema - George Bernard Shaws 'Getting Married'. Und zweitens, als Manci sich beschwerte, er weiche Fragen über Gefühle in ihren Liebesbriefen aus, schlüsselte er die Fragen methodisch in nummerierten Rastern (im Text wiedergegeben) auf und beantwortete eine nach der anderen. All dies und erstaunliche Wissenschaft, ebenso flüssig abgeliefert."

Weitere Artikel: Robbie Graham und Matthew Alford folgen dem Geld, um herauszufinden, warum Hollywood so pro-establishment ist, und Harry Mount trauert um die britische Boheme deren "Lebensräume begraben wurden, entweder unter Beton oder Handelsketten."

Magazinrundschau vom 20.01.2009 - New Statesman

Lieben Sie Schokolade? Dunkle Schokolade, die mit der Geduld und Finesse eines Wein- oder Olivenbauern produziert wird? Dann ist das Ihr Artikel. Xan Rice stellt den italienischen Honorarkonsul Claudio Corallo vor, der auf Sao Tome seine eigene Schokolade produziert, die zu den besten der Welt gehört. Corallo ist 57, schlank, Anarchist (oder einfach Querkopf) und spricht fünf Sprachen fließend. "Seine Riegel, mit einem Kakaogehalt von 60 bis 100 Prozent, können Ingwer enthalten, arabische Kaffeebohnen, Orangenschalen oder Rosinen, die monatelang in seiner hausgemachten alkoholisierten Kakaomasse eingeweicht wurden. Sie verkaufen sich für sieben bis neun Euro pro 100 Gramm in Europa, der Vereinigten Staaten und Japan. Das setzt Corallo in den selben Markt wie die führenden Chocolatiers der Welt, Valrhona und Pralus in Frankreich, Amedei und Domori in Frankreich. Doch hat er wenig mit ihnen gemeinsam. Erstens macht Corolla seine Schokolade an - oder zumindest fast an - der Quelle, nämlich auf Sao Tome, vor der Westküste Afrikas. Die Insel hat 160.000 Einwohner, lückenhafte Stromversorgung und Flüge nach Europa gehen einmal die Woche ab. Genauso ungewöhnlich ist, dass er den ganzen Prozess kontrolliert, vom Baum bis zum Riegel."
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Magazinrundschau vom 23.12.2008 - New Statesman

Wird Englisch die Sprache der Weltliteratur? Oder ist die angelsächsische Literatur provinziell? Der Schriftsteller Jonathan Derbyshire macht sich einige grundsätzliche Gedanken zum Konzept der Weltliteratur seit Goethe: "Es gibt einen entscheidenden Haken an Goethes Theorie der Weltliteratur: Goethe reservierte eine besondere Rolle für eine spezielle Nationalliteratur - die deutsche. Er schrieb, dass es die 'Bestimmung' der deutsche Sprache sei, stellvertretend für alle Bürger der Welt zu werden. Mit der zentralen Rolle, die Übersetzungen in der deutschen Literatur spielten, bräuchte niemand, der gut genug Deutsch kann, Griechisch, Latein oder Italienisch zu lernen, die Leser könnten Homer, Vergil oder Dante in deutscher Übersetzung lesen, die genauso gut, wenn nicht besser als die Originale wären. Daher sei Deutschland der literarische Marktplatz par excellence. Und Weltliteratur, so stellt sich heraus, bedeutet gar nicht so sehr die Überwindung nationaler Grenzen, sondern die Globalisierung einer nationalen Sprache. Man könnte sagen, dass heute die USA (oder die 'Anglosphäre', wenn man Großbritannien mit einschließen möchte) die Rolle spielen, die Goethe für Deutschland vorschwebte."