Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 25.08.2003 - New York Times

Der Schriftsteller John O'Hara (ein Artikel im Atlantic Monthly) "war legendär rüpelhaft, eitel, kleinlich, versnobt, streitsüchtig und einfach schwer zu ertragen", gibt Charles McGrath zu. Umso verdienstvoller sei da die feine Biografie (erstes Kapitel) von Geoffrey Wolff, der versuche "John O'Hara sowohl als Schriftsteller als auch als menschliches Wesen zu rehabilitieren. Das Ergebnis ist eine Biografie, die sowohl befriedigend als auch angenehm unkonventionell ist", lobt er. Selbst wenn Wolff die Kurzgeschichten O'Haras unterschätze, besonders die im New Yorker, die den legendären Erzählstil des Magazins mitbegründeten.

Wer einem klugen jungen Studenten erklären will, wie sich der Kommunismus für einen intelligenten Gläubigen anfühlte, dem empfiehlt Christopher Hitchens (mehr) "Gefährliche Zeiten" von Eric "dem Roten" Hobsbawm, den Hitchens als "ehemals gläubigen Kommunisten, skeptischen Euro-Kommunisten und nun leicht griesgrämigen Post-Kommunisten" charakterisiert. Hitchens schätzt die pragmatisch-loyalistische Art, wie Hobsbawm seinen intellektuell-politischen Werdegang schildert. "... er verlor die historische Wette genau wie die Partei. Geschichte, sagt er, weint nicht über vergossene Milch. So gern ich seine Argumentation zurückweisen wollte (Blut ist wohl doch noch etwas anderes als Milch), merkte ich, wie mich dieser Minimalismus beeindruckte."

Laura Miller klagt in ihrer Last-Word-Kolumne, wie ermüdend die alljährlichen Enthüllungsromane aus dem Literaturbetrieb werden. Dieses Jahr trägt er den Titel "The Storyteller", veröffentlicht unter dem "lahmen Pseudonym" Arthur Reid. Schnell wurde das Pärchen gefunden, dass dahintersteckt. Es hatte seinen Namen in den Druckfahnen "vergessen".

Aus den weiteren Besprechungen: Gary Krist hält Adam Johnsons "Parasites Like Us" für wirklich ehrgeizig und originell. Nur leider scheitert die Geschichte von dem Anthropologen, der seinen zukünftigen Kollegen den Untergang der Menschheit schildert, an den vielen Fehlern in der Beschreibung der Gegenwart. Nett findet Craig Seligman das Format der verbundenen Kurzgeschichten in Sara Pritchards erstem Roman "Crackpots" (erstes Kapitel), als störend empfindet er aber das triefende Pathos und die unpassende frührreife Erzählstimme der Autorin.

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - New York Times

Zeit und Raum, Einstein und Poincare. In "Einstein's Clocks, Poincare's Maps" (mehr hier) erzählt Peter Galison die Geschichte der beiden Genies und wissenschaftlichen Brüder im Geiste, und das auf faszinierende Weise, wie William R. Everdell versichert. Nicht nur verstehe man endlich die Relativitätstheorie, man bekomme auch einen Einblick, wie die scheinbar abstrakten Gedankenspiele von damals heute die Amerikaner im Irak gewinnen lassen, freut sich der Rezensent. "Galison demonstriert überzeugend und in überwältigender Detailfreude, wie die alles entscheidende Frage von 1900, Standardzeit und präzise Längengrade, der Referenzrahmen sowohl für Poincare als auch für Einstein war. Sein Buch ist mehr als eine Geschichte der Wissenschaft, es ist eine Tour de Force des Genres der Wissenschaftsliteratur. Lustvoll die Grenzen der einzelnen Disziplinen überschreitend, erklärt Galison die jahrhundertealte, aber immer noch verwirrende spezielle Theorie der Relativität als Kulturgeschichte der Technologie."

Scott Berg hat über seine zwanzigjährige Freundschaft mit Katharine Hepburn nun ein Buch geschrieben, "Kate Remembered" (mehr hier), dass bei Robert Gottlieb einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. "Ein Gefühl der Ausbeutung; wer aber hier wen ausgebeutet hat, kann man schwer sagen. Alle Biografen nutzen ihre Subjekte in gewissem Maße aus, indem sie sie neu erfinden, und Hepburn beutete jeden aus."

Aus den weiteren Besprechungen: Carl Hiaasen hat sich prächtig amüsiert mit Garrison Keillors neuem Roman "Love Me", in dem dieser seinen Helden einen Job beim New Yorker ergattern lässt und es zudem noch schafft, J.D. Salinger auftauchen zu lassen. Mike Wallace weiß durch Allen Hershkowitz' autobiografischem Report "Bronx Ecology" nun, wie schwierig es ist, in New York ein Recyclingwerk aufzumachen, es sei denn, man hat siebzigtausend Dollar Schmiergeld parat.

Hingewiesen sei schließlich noch auf eine Reportage im New York Times Magazine von Peter Landesman über den größten Waffenhändler der Welt, Victor Bout. Auch wenn sich der Reporter gelegentlich wie in einem schlechten Hollywood-Thriller vorkam, untersucht er detailliert auf elf Seiten Bouts ausgezeichnete Verbindungen zu den Regierungen dieser Welt.

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - New York Times

Behende und umsichtig wie Lucille Ball selbst (eine der 100 wichtigsten Time-Personen des Jahrhunderts, hier ein Audio-Interview) ist auch Stefan Kanfers Biografie "Ball of Fire" (erstes Kapitel), lobt Terrence Rafferty. Mit der Slapstick-Serie "I love Lucy" (mehr) reüssierte die rothaarige Ball vor fünzig Jahren in dem von Woody Woodpecker und seinen realen männlichen Kollegen dominierten Genre. Unerhört und heldenhaft, damals den Film für das Fernsehen aufzugeben, findet der Rezensent. Noch dazu als Frau. Gelohnt hat es sich. "Der wichtigste Rotschopf des 20. Jahrhunderts war eine sehr wohlgestaltete Frau namens Lucille Ball, nach einer beschäftigten aber nicht glanzvollen Filmkarriere sich dem Fernsehen zuwandte und es den Jungs namens Red, dem Trickfilmvogel und den Millionen Fernsehzuschauern zeigte, wie richtiger Slapstick gemacht werden sollte." Die Frage aber, warum Ball im Fernsehen so viel erfolgreicher war als im Film, kann auch Kanfer nicht beantworten, bedauert der Rezensent.

Es gibt Bücher, die ihre Autoren am liebsten unter den Tisch fallen lassen würden. Gerade die, behauptet Laura Miller in ihrem Essay, sind oft die besseren, aufschlussreicheren. Don de Lillo etwa lehnte es rundheraus ab, ein Frühwerk zu signieren. "Manche Schriftsteller sind toleranter im Umgang mit ihren unglücklichen Werken der Vergangenheit als andere. Jahrzehntelang führte Salman Rushdie einen seiner frühen Romane "Grimus" auf seiner Werksliste, obwohl das Buch vergriffen war; darüber befragt, wies er freundlicherweise darauf hin, dass das Buch wohl nicht die Zeit wert wäre, es zu lesen."

Aus den weiteren Besprechungen: Peter Davidson bewundert Edward Hirsch für dessen sechsten Gedichtband "Lay Back the Darkness", das "unverblümte Epos eines ehrlichen Mannes mit der Mission, sein Leben aufzusaugen und zu verstehen". Terry Teachout glaubt, dass man ohne spezielle Kenntnis der amerikanischen 30er und 40er Jahre wenig Freude an der 800-seitigen Edition der Briefe James A. Thurbers haben wird und sich wahrscheinlich sogar langweilen mag. Zu viel, zu lang, zu verdrießlich: Sasha Frere-Jones empfiehlt Arthur Kemptons "Boogaloo" (erstes Kapitel), ein Überblick über 100 Jahre schwarze Musik, entweder mit einer kohärenten Hintergrundtheorie auszustatten oder es einfach gleich zu halbieren.

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - New York Times

Exzellent, exakt, empfehlenswert! John Sutherland berauscht sich an Blake Baileys Biografie ("A tragic Honesty") des ungemein talentierten, glücklosen und vergessenen Schriftstellers Richard Yates (ein langes und aufgeräumtes Interview). "Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war Yates ein ausgereifter Alkoholiker und regelmäßig im Krankenhaus. Stur trank er weiter, welche Medikamente ihm auch verschrieben wurden, mit verheerenden körperlichen Folgen (und einem schönen 'Trinkerroman', "Disturbing the Peace"). Seine Manien wurden immer stärker. Eine Selbst-Kreuzigung auf der Brotlaib-Konferenz 1962 wurde "Teil des örtlichen Sagenschatzes", wie Bailey trocken vermerkt. Als Mann mit begrenzten kulturellen Interessen liebte Yates aber einige Bücher leidenschaftlich. Am meisten "The Great Gatsby", der für ihn "heilige Schrift" war. Man fragt sich, ob der Zusammenbruch, wie für Fitzgerald, eine kreative Voraussetzung darstellte.

Nicht weniger als den Horizont der Amerikaner erweitern will Jon Krakauer mit "Under the Banner of Heaven" (erstes Kapitel), staunt Robert Wright. "Seit dem 11. September 2001 haben die Amerikaner viel über die dunkle Seite der Religion geredet, aber meistens ist es nicht Religion in Amerika, an die sie denken. Das könnte sich mit Krakauers lesenswerter Charakterstudie ändern, der Geschichte des Mormonen Dan Lafferty, der 1984 zusammen mit seinem Bruder dessen Frau und ihre gemeinsame Tochter ermordet hat. Sie waren der göttlichen Mission im Weg und mussten "beseitigt" werden.

Margo Jefferson verfasst eine Elegie auf Willa Carther, die große Schriftstellerin und Theaterkritikerin. Zur Charakterisierung zitiert sie aus einer Cartherschen Kritik zu Eleonora Duse. "Die Kunst anderer Frauen gründet in der Verhüllung. Ihre Kunst basiert auf Enthüllung."

Aus den weiteren Besprechungen: Jorge G. Castaneda, ehemaliger mexikanischer Außenminister, schätzt Rebecca Wests "Survivors in Mexico" (erstes Kapitel) als "ein Buch, das alle Leute, die schreiben wollen, wohl gerne geschrieben hätten". West schildert darin Eindrücke einer Reise, die mehr als 30 Jahre zurückliegt. Obwohl Melvin Konner mit Willard Gaylin nicht in allen Punkten übereinstimmt, preist er dessen Studie "Hatred" doch als "weises und sehr beunruhigendes Buch", als "feine, präzise" Untersuchung des Hasses.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - New York Times

Für kurze Zeit war Wired das coolste Magazin der Welt, schreibt Gary Wolf in seinem Abgesang auf den einst hippen Propheten des digitalen Zeitalters. David Carr hat Wolfs "Wired. A Romance" (erstes Kapitel) weniger als eine Liebeserklärung gelesen, denn als "theologische Autopsie einer Religion", die "in weniger als einem Jahrzehnt aufblühte und wieder erlosch". Grundsätzlich sei das Buch des ehemaligen Wired-Redakteurs Wolf eine Biografie von Louis Rossetto (mehr hier), einer "überlebensgroßen Persönlichkeit", der das Magazin zusammen mit Jane Metcalfe 1993 gründete. "Rossetto, einst Anarchist mit einem Business-Master-Diplom aus Columbia, wusste einiges über Revolutionen." Seine Ambitionen waren aber immer größer als seine Finanzen. "Das Magazin wurde schließlich an Conde Nast verkauft, und seine beiden Gründer gingen mit 30 Millionen und einem ziemlich schlechten Nachgeschmack aus der Sache heraus."

Eine der "überzeugendsten wahren Liebesgeschichten der Gegenwart", jubelt Richard Eder über Marianne Wiggins' Roman "The Evidence of Things Unseen" (erstes Kapitel, Audio Lesung). Eder zeigt sich begeistert vom umfassenden Anspruch des Werks und Wiggins' "Leidenschaft, sich in ein gewaltiges Unbekanntes hineinzustürzen, zu suchen, zu fehlen, sich zu erholen und wieder weiterzumachen, und dabei jeden Grashalm auf dem Weg zu bemerken: das scheint mir Kennzeichen für wahre epische Anstrengung zu sein."

Laura Miller empfiehlt das Studium der Werke des britischen Architekten Christopher Alexander (hier sein Musterbaukasten zum Selbstentwerfen von Räumen oder Städten, zu empfehlen sind auch die Informationen über Alexanders Einfluss auf das Studium orientalischer Teppiche). Er verfasse "jene Sorte von Büchern, mit denen jeder ernsthafte Leser sich bisweilen auseinandersetzen sollte: umfangreiche, herausfordernde, grandiose Traktate, die den Leser ermutigen, das eigene Denken auseinanderzunehmen und wieder neu zusammenzusetzen."

Weitere Besprechungen: Besonders gefallen hat Fareed Zakaria an Simon Schamas inhaltlich wie stilistisch gelungener "A History of Britain" der Schluss: ein "brillanter essayistischer Blick" auf das moderne England, durch die Augen von Winston Churchill und George Orwell. Jonathan Wilson lobt Alan Lightman hingegen, dass dieser bei "Reunion" (erstes Kapitel) ganz auf Sepzialeffekte verzichtet hat. Herausgekommen sei ein schlichter, eleganter Roman über die Art, wie wir uns die Vergangenheit zurechtkonstruieren.

Magazinrundschau vom 21.07.2003 - New York Times

Als 1854 Commodore Perry mit seinen schwarzen Schiffen die Öffnung Japans erzwang, war das der Auftakt für einen sechzigjährigen - fruchtbaren - Clash of Civilizations, wie Christopher Benfey in seinem wunderbaren Buch "The Great Wave" (erstes Kapitel) beschreibt. William Deresiewicz preist Benfeys Studie herausragender Protagonisten der japanisch-amerikanischen Annäherung als eine "Symphonie von Charakteren und Ideen" und lobt den Autor, der sein Subjekt mit "der Gründlichkeit eines Gelehrten, der Schärfe eines Kritikers und dem erzählerischen Gefühl eines Schriftstellers" gemeistert habe. Benfey zeige die vielfältigen gegenseitigen Einflüsse der beiden Nationen anhand von Personen auf. "Kakuzo Okakura, der Connoisseur, Kurator und Kulturhistoriker hatte bei Ernest Fenollosa gelernt, dem Tokioter Philosophieprofessor, der für die japanische Kunstpolitik verantwortlich zeichnete, und war selbst wieder der Mentor von John La Farge, dem Maler, der am meisten dafür sorgte, dass japanische Ideen und Methoden der Ästhetik die amerikanische Kunst beeinflussten."

Michel Houellebecq ist ein hässlicher Schriftsteller, vulgär, oft dumm, sexbesessen, urteilt Jenny Turner nach der Lektüre von "Platform". Aber, fragt sie, "ist es fair von einem Roman zu verlangen, dass er artikuliert und verständlich daherkommt? Wenn ja, dann ist 'Platform' eine Katastrophe". Abgesehen davon jedoch erkunde Houellebecq in seiner Abrechnung mit dem Sextourismus "ein nicht wegzudiskutierendes aktuelles Schema im europäischen Denken der Jahrhundertwende".

Besprochen wird auch Leslie Epsteins neuer Roman "San Remo Drive" (erstes Kapitel). "Einer der besten Hollywoodromane, die je geschrieben wurden", jubelt Elizabeth Frank. Die Tochter des berühmten Drehbuchautors Philip G. Epstein habe sich aus einer Flut von Kindheitserinnerungen bedient, ohne je in Nostalgie abzudriften. Ganz begeistert ist auch Simon Winchester von "Parting the Desert" (erstes Kapitel), Zachary Karabells großartiger Geschichte des Suez-Kanals und dessen Schöpfer Ferdinand de Lesseps.

Und hier noch die Schlussverse von August Kleinzahlers Gedicht zu Ehren eines schlafenden Terriers:
Sweetie boy,
you lovely little killer-toy:
Willie, hold on.

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - New York Times

David Lipski, Autor des Musikmagazins Rolling Stone, hat ein wunderbares Buch (erstes Kapitel) über die Militärakademie West Point geschrieben, schwärmt David Brooks, der nebenbei ein bekannter Redakteur des neokonservativen Weekly Standard ist. "Lipsky hat offensichtlich gelernt, West Point zu bewundern, aber das Buch ist keine Weißwäsche oder eine Verkaufsbroschüre. Es beschreibt grundlegend den Wettstreit zwischen zwei Wertesystemen. Da ist einmal das pure "huah"-Wertesystem des Militärs, das Disziplin, Selbstaufopferung, Pflicht, Ehre, Mut und kontrollierte, aber doch primitive Gewalt hochhält. Und dann gibt es das Wertesystem der Gesellschaft im Ganzen (und des Rolling Stone im Besonderen), das Freiheit, Selbstverwirklichung, Spaß und Kommerz liebt." Doch was bitte schön ist "huah"? Ein "Allzweck-Ausdruck. Sie wollen einen Kadetten beschreiben, der sehr gung-ho ist, nennen Sie ihn huah. Sie verstehen eine Anweisung, sagen Sie huah. Sie stimmen dem zu, was ein Kadett gerade gesagt hat, murmeln Sie huah", zitiert Brooks den Autor.

"Je älter Harry wird, desto besser wird Rowling." John Leonard liebt den neuen Harry Potter! "'The Order of Phoenix' beginnt langsam, wird schneller und rast dann - Purzelbäume schlagend - auf sein furioses Ende zu". Das Buch ist in fast jeder Hinsicht "reichhaltig und sättigend. Es löst auch einen authentischen apokalytischen Schauder aus, so alt wie Daniel im Alten Testament oder die Offenbarung im Neuen, oder die Schriftrollen vom Toten Meer und die Gedichte von Blake." (Hier finden Sie noch ein NYT-Dossier zu Harry Potter.)

Besprochen werden weiter Stephen S. Halls Studie über die "Händler der Unsterblichkeit" (erstes Kapitel). Es geht dabei um den neuen Wissenschafts- und Industriezweig der Lebensverlängerungs-Technologie. Katherine Goviers Roman "Creation" über John James Audubons (mehr hier) Expedition entlang der nördlichen Küste des Golfs von St. Lawrence 1833. Und "Trading Up", der neue Roman der "Sex and the City"-Autorin Candace Bushnell. Virginia Heffernan war leicht beschwipst nach der Lektüre: "Bushnell beweist, dass sie immer noch die Philosophen-Königin einer sozialen Szene ist, die nicht von Eitelkeit oder Bewusstsein angetrieben wird, sondern von reiner Perversität. Wenn Bushnells Prosa wie ihr Marken-Drink ist, der fruchtige pinkfarbene Cosmopolitan, schüttet sie immer noch eine Menge Wodka und Orangenlikör hinein."

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - New York Times

Zynisch, traurig oder bitter notwendig? Der langjährige Times-Krisenreporter Chris Hedges hat ein Handbuch über den Krieg geschrieben, "What Every Person Should Know about War" (erstes Kapitel). Zusammengefasst in Kapiteln wie ''Das Leben im Krieg", "Kampf" oder "Gefangenschaft und Folter" finden dort alle Betroffenen und Interessierten praktische Antworten auf Fragen wie "Werde ich religiöser?" oder "Werde ich an Sex denken?". Robert Pinskys Urteil fällt gespalten aus. Einerseits findet er Hedges' Idee, die Hölle auf Erden im Stil eines Eheratgebers zu erklären, "fesselnd, eigentümlich und bedeutsam", andererseits hält er die Methode für etwas zu "exzentrisch und selbstironisch", um dem Thema gerecht zu werden. Aber vielleicht ist es ja für die Zukunft nicht schlecht zu wissen, "dass es zu Beginn des Jahres 2003 30 aktive Kriege auf der Welt gab, in einer Welt, die nur zu acht Prozent ihrer überlieferten Geschichte 'völlig friedlich' war. Dass in Friedenszeiten amerikanische Soldaten statistisch gesehen weniger Frauen vergewaltigen als die Männer gleichen Alters im Krieg. Oder dass aufgrund des verbesserten Trainings im Vietnam-Krieg schon neunzig Prozent der Soldaten ihre Waffe abfeuerten, während das im Ersten Weltkrieg nicht einmal die Hälfte taten."

Im Close Reader empfiehlt Margo Jefferson, doch mal wieder Eugene O'Neill (mehr hier) zu lesen. "Er ist einer dieser Schriftsteller, die mal 'in' sind und dann wieder nicht, weil ihre Fehler so sichtbar sind. Er verwirrt uns mit Metaphern und Metaphysik, mit Bergen von Slang und Dialekt." Aber "alles, was er geschrieben hat, ist lesenswert".

Aus den weiteren Besprechungen: Zwei große Biografien widmen sich zwei großen Amerikanern: Garry Wills glaubt George M. Marsden nach der gewinnbringenden Lektüre von "Jonathan Edwards" (erstes Kapitel) durchaus, dass der calvinistische Erneuerer die wichtigste religiöse Figur der Neuen Welt war. Joseph J. Ellis preist Walter Isaacsons "Benjamin Franklin" als ein gründlich recherchiertes, packend geschriebenes und überzeugend argumentiertes Porträt des vielbegabten Politikers, Philosophen und Erfinders. Und Daniel Mendelsohn merkt man die Freude an, dass "The Book Against God" (erstes Kapitel), der Debütroman des gnadenlosen Literaturkritikers James Wood (mehr hier), recht misslungen ist. Die Tatsache, dass "Woods erste fiktionale Unternehmung nicht an den künstlerischen und moralischen Standard heranreicht, nach dem sie so offensichtlich strebt, wirft interessante Fragen zu Woods Arbeit auf - nicht als Autor, sondern als Kritiker."

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - New York Times

Ist es schon so weit, dass wir Robert Lowell (mehr hier und hier) wiederentdecken können, fragt William H. Pritchard mit den neuerschienen "Collected Poems" auf dem Schreibtisch. Angebracht wäre es, denn "Lowell holte mehr raus aus dem amerikanischen Leben in der Mitte des Jahrhunderts - literarisch, kulturell, politisch - als irgendjemand anderes". Seit seinem Tod 1977 hätte es für Amerikas einst meistgefeierten Poeten "nur eine Richtung gegeben: nach unten." Lohnen würde es sich alleine schon um zu entdecken, wie viel Leben er in seine Gedichte reinzupacken suchte, um es dann wieder auszusenden. Zum Nachprüfen gibt es ein paar Gedichte als Kostproben. "Here the jack-hammer jabs into the ocean; My heart, you race and stagger and demand More blood-gangs for your nigger-brass percussions ..."

Das Entscheidende an Hillary Clintons "Living History" (Auszug im Original, mehr auf Deutsch hier) ist nicht die Zeitgeschichte, die aufgeschrieben wurde, sondern diejenige, die ausgelassen wurde. "Diese Augenwischerei sagt uns etwas über die Geschichte aus, wie Hillary sie haben will", stellt Maureen Dowd in ihrer kühl-distanzierten Kritik fest. Dies ist nicht Geschichte im Verständnis von Churchill, sondern von Carville - Wahlkampfliteratur für die 2008 HILLARY! Präsidentschaftskampagne." Und auf die Erklärung Hillarys, bei Bill geblieben zu sein, weil er nicht nur ihr Ehemann, sondern ja auch ihr Präsident gewesen sei, bemerkt die Rezensentin süffisant: "Da fragt man sich schon, ob Hillary ihrem Bill vergeben hätte, wäre er nur ihr Bundes-Wirtschaftsvertreter gewesen."

Weitere Rezensionen: Amanda Foreman hält David Gilmours Biografie (erstes Kapitel) von Lord Curzon (kurzer Lebenslauf) für eine gelungene Verteidigung des als Totengräber des Kolonialismus geschmähten Vizekönigs von Indien. Zur ausgiebigen Schilderung der Ungerechtigkeiten gegen den schillernden Politiker hätte sie sich allerdings auch ein paar Gegenargumente gewünscht. James McManus empfiehlt den Roman "The Company You Keep" von Neil Gordon: In 42 langen E-Mails treffen Woodstock und islamischer Fundamentalismus aufeinander, spannend und "völlig glaubwürdig". Als erstklassige Unternehmensgeschichte würdigt Richard Lingeman "Wheels for the World" (erstes Kapitel) von Douglas Brinkley: Henry Ford, seine bahnbrechende Idee und sein Erfolg stehen am Beginn und im Zentrum dieser Chronik der ersten 100 Jahre der Ford Motor Company. (Den Kunstsinn der Autobauer zeigen die Fresken Diego Riveras).

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - New York Times

Porträts und Sachbücher beherrschen diese Ausgabe. Zwei exzellente neue Biografien widmen sich legendären Seestrategen: Edgar Vincent hat mit "Nelson" (erstes Kapitel) ein Buch geschrieben, dass Hilary Spurling "in jeder Hinsicht bemerkenswert" findet, "technisch, historisch und psychologisch". Was sie aus dem meisterhaften Poträt gelernt hat: Horatio Nelsons "Entschiedenheit, zusammen mit seiner unglaublichen strategischen Kühnheit und Einfachheit, ließ ihn auf See praktisch unbesiegbar erscheinen. Hinter den Kulissen war er ebenso unwiderstehlich: sanft, höflich, überlegt, herzlich und phänomenal effizient." Wie eine Abenteuergeschichte liest sich Evan Thomas' "John Paul Jones" (erstes Kapitel) über Nelsons gleichnamigen amerikanischen Widerpart, schreibt Nathaniel Philbrick. Trotz seiner dunklen Vergangenheit schaffte es Jones, erster Lieutenant in der jungen amerikanischen Kontinentalmarine zu werden. Er verstand, "dass das Meer einen Weg bot, um den Krieg zum Ufer des Feinedes zu bringen", und "unternahm eine Serie von gewagten Kommandounternehmen". Er tat auch, was "herzlich wenige amerikansiche Marineoffiziere bisher versucht hatten - ein Schiff der Royal Navy angreifen".

Bill Keller verweist auf zwei politische Essays , die das andere Amerika jenseits der internationalen Arroganz der Bush-Regierung aufscheinen lassen. "Rogue Nation" von Clyde Prestowitz und "At War With Ourselves" von Michael Hirsh. "Beide Bücher sind multilateralistische Widerlegungen der herrschenden 'Wir über alles'-Doktrin. Beide Bände sind kurz und für eine breite Leserschaft gedacht. Beide kommen zu dem Schluss, dass der Unilateralismus der Bush-Regierung falsch ist, nicht weil er irgend einen abstrakten moralischen Code verletzen würde, sondern weil er den amerikanischen Interessen schadet."

Außerdem: Faszinierend findet Bernard Weinraub "When Hollywood Had a King" (erstes Kapitel), Connie Brucks Biografie des letzten großen Hollywoodmoguls Leo Wassermann. Auch wenn der Rezensent Brucks Stil als oft schwerfällig kritisiert, hat ihre Recherchearbeit ihn beeindruckt. Bruno Maddox empfiehlt Jasper Ffordes bizarren Roman "Lost in a Good Book" (erstes Kapitel) - der zweite Band mit der literarischen Detektivin Thursday Next - als "immens vergnügliches Lesererlebnis". Next muss sich in Klassiker hineintelepotieren, um ihren Ehemann zu retten. Taylor Antrim lobt Heidi Julavits für ihr Talent zum kreativen Detail, das sie in ihrem zweiten Buch "The Effect of Living Backwards" voll auslebt. Ihre Heldin etwa lässt sie ob der Frage, ob sie und die Passagiere die Flugzeugentführer a la 9/11 überwältigen wollen, die wunderschöne Bemerkung machen: "Wir können die Möglichkeit einer guten altmodischen Entführung nicht ausschließen. Wir dürfen die Retro-Strömungen innerhalb des Terrorismus wirklich nicht unterschätzen."
Stichwörter: Heidi, Retro, 9/11