Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 03.11.2003 - New York Times

Edith Grossmanns großartige Übersetzung des Don Quijote nötigt Carlos Fuentes (mehr) uneingeschränkte Bewunderung ab. Denn "nichts ist schwieriger als einen Klassiker in eine zeitgemäße Form zu bringen und ihn dabei doch in seiner Zeit und seinem Raum zu belassen. Edith Grossmann präsentiert ihren 'Quijote' in einfachem, aber reichhaltigem Englisch. Dabei glaubt man keine Sekunde lang, nicht einen Roman aus dem 17. Jahrhundert zu lesen. Das ist wahrlich meisterhaft."

Nobelpreisträgerin Toni Morrison (hier ihr "Paradies" in deutscher Übersetzung) "schreibt am besten über verrückte Leute", urteilt Laura Miller, "und in ihrem neuen Roman 'Love' (erstes Kapitel) wimmelt es nur so davon." Die Witwe und die Enkeltochter eines Hotelbesitzers werden von diesem noch posthum entzweit und bekämpfen sich bis aufs Blut. Unvoreingenommen sollte man diese Geschichte angehen, empfiehlt Miller, denn "Morrisons Image ist so erhaben, dass man leicht vergisst wie reißerisch ihr Erzählen sein kann." Wie reißerisch Toni Morrison vorliest, hört man hier.

Aus den weiteren Besprechungen: Als "gnadenlosen Blick auf das, was passiert, wenn Leute ihre Ideale über alles stellen", beschreibt Thomas Powers Susan Braudys "Family Circle", die romanhafte Schilderung der Ereignisse um Kathy Boudin, die 1981 einer Bande half, einen Geldtransporter zu überfallen und ein Blutbad anzurichten. George Pelecanos sieht sich zwei Bände zu den Sniper-Morden in der Region um Washington vor einem Jahr an: Die Erinnerungen des Polizeichefs Charles Moose fallen durch, die solide Studie zweier Reporter erklärt Pelecanos dagegen zum vorläufigen Standardwerk in dieser Sache.

Im NYT Magazine erklärt uns David Rieff (mehr) auf zehn Seiten, wie die Strategen des Irakkriegs aus der Regierung Bush ihre Sache im Nachkriegsirak vermasselt haben.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - New York Times

J. M. Coetzees (mehr) neues Buch "Elizabeth Costello" ist der Aufmacher der NYT Book Review in dieser Woche. Judith Shulevitz kann hat das schmale Bändchen, das mehr eine Sammlung von Geschichten als ein Roman ist, mit Genuss gelesen. Sie kann sich aber kaum entscheiden, für wen sie nun mehr schwärmt. Für die verführerisch widersprüchliche, aber fiktive Universitätsprofessorin oder den Autor. Denn "Coetzee ist berüchtigt für seine Geheimniskrämerei und berühmt für sein rigoroses Denken, und in der blitzgescheiten und nach innen gewandten Heldin 'Elizabeth Costello' scheint er sein Alter Ego gefunden zu haben." Hier ein Auszug aus dem Roman. Dazu gibt es ein Feature über den verschwiegenen Nobelpreisträger. Und hier unseren Link des Tages.

"Brillant und bewegend" findet Geoffrey Moorhouse "The Storyteller's Daughter" (erstes Kapitel), die Erinnerungen der couragierten Exil-Afghanin Saira Shah, die in den USA eine erfolgreiche Fernsehserie über ihre familiären Wurzeln produziert. Das Buch widmet sich ebenfalls diesem Thema. "Obwohl Shah islamisch erzogen wurde und obwohl sie lernte, ihre Herkunft in einem idealistisch-verklärten Licht zu sehe, begriff sie allmählich, dass sie sich nicht mit einem Land oder einem Volk verbunden fühlte, sondern einem Wertekatalog, den viele Muslime einfach nicht anerkennen."

In ihrer Kolumne beschwert sich Margo Jefferson über ihre Mitbürger, die nichtamerikanische Bücher verschmähen. In den übrigen Besprechungen nimmt sich Christopher Dickey die Memoiren dreier Kriegsreporter vor und sieht in allen den Versuch, mit den erlebten Traumata fertig zu werden, Schuldgefühle zu verarbeiten und manchmal auch auf Rache zu sinnen. Max Frankel hält "Winning Modern Wars" (erstes Kapitel), das polemische Buch von Wesley K. Clark, für den offensichtlichen Versuch eines Imagewandels: vom einst verbitterten Krieger und Talkshow-Experten in einen engagierten Präsidentschaftskandidaten. Einen Weg aus dem derzeitigen Dilemma, für das er Bush verantwortlich mache, zeige Clark nicht. D.T. Max hat sich bei Susanna Moores Kostümdrama "One Last Look" (erstes Kapitel) recht gelangweilt. Sein Urteil: "zu viel Kostüm und zu wenig Drama".

"Warum regieren Frauen nicht die Welt? Vielleicht, weil sie es nicht wollen." Im New York Times Magazine versucht Lisa Belkin sich einen Reim darauf zu machen, dass so viele hervorragend qualifizierte Frauen aus ihrem Beruf aussteigen, kurz bevor sie es in die Chefetage schaffen könnten.

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - New York Times

Die Rolling Stones haben ihre offizielle Chronik herausgebracht, einen opulenten, "sehr unterhaltsamen" Bildband, wie Joe Queenan recht angetan bestätigt. In "According to the Rolling Stones" (Audio-Dia-Show) geht es fast nur um die Musik, meist kommentieren die Gründungsmitglieder Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards die Abbildungen. "Die erste Hälfte des Buches ist bei weitem die beste. Hypnotisiert von Muddy Waters, Howlin' Wolf und Chuck Berry entscheiden sich zwei schüchterne Teenager (Jagger and Richards), ihre eigene Pop-Combo zu gründen. Im Handumdrehen werden sie die zweitgrößte Band der Welt; dann, nachdem die Beatles sich trennen, die allergrößte." Wie in jeder offiziellen Geschichtsschreibung wurde aber auch hier einiges ausgelassen. "Das Buch hat einige nennenswerte Lücken. Der frühere Gitarrist der Gruppe Mick Taylor, der beste Musiker, der je in diesem nun geriatrischen Ensemble gespielt hat, wurde nicht interviewt. Und fast nichts wird gesagt über die feige Verantwortungslosigkeit der Band auf dem Altamont Konzert 1969 (mehr hier und hier)."

Einen interessanten Einblick in die religiöse Diskussion innerhalb der USA bekommt man in der Besprechung von Leon R. Kass' "The Beginning of Wisdom", in der der Theologieprofessor Phyllis Trible die Behauptungen des Konvertierten Kass verärgert zurückweist. In Colson Whiteheads Essaysammlung "The Colossus of New York" erkennt Luc Sante die Umrisse eines großen, noch zu schreibenden Romans über New York und die Menschheit an sich, in der Art von Balzacs ''Comedie humaine". Auch wenn "Burning Tigris", Peter Balakians Untersuchung und Schilderung des Genozids an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs meist im Deskriptiven verharre, werde damit den Leugnern des Völkermordes endgültig der Mund gestopft, glaubt Belinda Cooper. Mit ihrem tragischen, aber nicht langweiligen Roman "She is Me" (erstes Kapitel) hat Cathleen Schine uns "so ein reichhaltiges Porträt normalen Lebens" gegeben, seufzt schließlich Claire Dederer.

Das New York Times Magazine macht auf mit einem 11-seitigen Porträt des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il. Eine Seite lang zeichnet Peter Maass den "Geliebten Führer" als lächerliche Figur, um dann umso wirkungsvoller die Richtung zu ändern: "In der Tat, der Geliebte Führer, der dieses Jahr 62 wurde, weiß einiges über die Welt um ihn herum. Und nach Jahrzehnten der Ahnungsosigkeit, lernt die Welt auch ein bisschen was über den Geliebten Führer. Die Bush-Regierung versucht herauszufinden, wie sie Kims Regime beenden oder wenigstens neutralisieren könnte. Dies erweist sich als außerordentlich schwierige Aufgabe, denn das Regime ist sehr viel stabiler als irgendjemand erwartet hätte und sehr viel gefährlicher."

In einem weiteren Artikel beschreibt Mim Udovitch das "nüchterne" Leben des drogenabhängigen Schauspielers Robert Downey Jr.

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - New York Times

"Die englische Sprache ist eine Kaskade aus Wörtern und Bedeutungen und Gebrauchsformen, und die formidable Idee bestand darin, sie alle zu erfassen." Simon Winchesters Entstehungsgeschichte des Oxford English Dictionary muss sich hinter der Brillanz ihres Gegenstands selbst nicht verstecken, jubelt William F. Buckley. 1875 gab der Leiter des Projekts nach fünfzehn Jahren entnervt auf und reichte den Stab an James Murray weiter, der keinerlei akademischen Abschluss vorweisen konnte. Murray schätzte die vor ihm liegende Arbeit auf zehn Jahre, es wurden fünfzig. "The Meaning of Everything" ist voll von "Wissen und frischen Einsichten", schreibt Buckley, der Winchesters Hingabe an die Geschichte ebenso wie dessen "außerordentlich lesbaren" Stil bewundert.

Ward Just fühlt sich durch Arthur Gelbs Erinnerungen an sein Leben als Bürojunge bis hin zum stellvertretenden Herausgeber der New York Times in die Tage von Zigarettenrauch und manuellen Schreibmaschinen zurückversetzt. Sehr amüsant findet Caryn James Diane Johnsons (mehr) neuen Roman "Affairs", der seinen Vorgängern an hinterlistigem Witz und elegantem Stil in nichts nachstehe und diese in Bezug auf die anspruchsvolle Erzählform und den breiten kulturellen Blickwinkel sogar noch übertreffe. Elaine Sciolino schätzt Madeleine Albrights "Madam Secretary", die mit Bill Woodward geschriebenen, sehr offenen und persönlichen Memoiren der ehemaligen Außenministerin unter Bill Clinton. Und Annabel Davis-Goff zeigt mit ihrem neuen Roman "The Fox's Walk" (erstes Kapitel) erneut, dass es möglich ist, über Irlands Geschichte zu schreiben, ohne in Bitterkeit oder Sentimentalität zu verfallen, wie Alice Truax lobend feststellt.

Im New York Times Magazine: Die neuen Ideen der Republikaner wurden in konservativen Think tanks geboren. Matt Bai berichtet, wie John Podesta, der ehemalige Stabschef von Bill Clinton, den neo-cons jetzt Paroli bieten will: Mit einem neuen Think tank für Demokraten, dem Center for American Progress. Hier soll der neue Liberalismus ausgetüftelt werden.

Weitere Artikel: Helen Epstein beschreibt in einer langen Reportage die Gesundheitsprobleme in den ärmeren Vierteln US-amerikanischer Städte: Immer mehr jüngere Menschen leiden an Krankheiten, die man sonst nur mit älteren verbindet: Krebs, Herzinfarkt, Asthma, Diabetes, rheumatische Arthritis ... Und Cathy Horyn zeichnet ein liebevolles Porträt des französischen Designers Jean Paul Gaultier, der im nächsten Frühjahr seine erste Kollektion für Hermes vorstellen wird.

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - New York Times

Die New York Times Book Review zeigt Zähne, auch gegenüber dem Mutterblatt. Seelenruhig lässt man den Herausgeber der New Republic, Peter Beinart, das neue Buch des langjährigen New-York-Times-Kolumnisten Paul Krugman verreißen. Es heißt "The Great Unraveling", und Krugman nennt darin die Bush-Regierung eine "umstürzlerische Macht, die die Post-New-Deal-Ordnung durch eine reine Plutokratie ersetzen will". Zu radikal und noch dazu keine Beweise, kommentiert Beinart lakonisch und gibt Krugman für die Zukunft einen guten Rat: "Er sollte bei dem bleiben, was er so gut kann: einfach beweisen, Stück für Stück, dass die Bush-Administration falsch liegt."

Ein weiteres Buch eines Reporters kommt schon besser weg. In "They Marched Into Sunlight" (erstes Kapitel) stellt David Maraniss eine kleine, aber grausame Schlacht in Vietnam einer zur gleichen Zeit stattfindenden Anti-Kriegs-Demonstration in Wisconsin gegenüber. Manchmal übertreibt Maraniss ein wenig mit seiner allumfassenden Perspektive, schreibt Philip Caputo, grundsätzlich erfülle diese Technik aber ihren Zweck: "Die Fragen, die vor vierzig Jahren so heftig und gewaltsam diskutiert wurden, hallen heute wieder, lauter denn je: Fragen zu Amerikas Rolle in der Welt, imperialer Überdehnung und den furchtbaren Altlasten des Krieges."

Weitere Artikel: Ganz angetan ist Sven Birkerts davon, wie Susan Choi in ihrem Roman "American Woman" (erstes Kapitel) das folgenreiche Zusammentreffen einer radikalen Aktivistin mit der flüchtigen Patty Hearst (Kurzbio) beschreibt: Choi konzentriere sich fruchtbarerweise darauf, wie verschiedene Charaktere sich unter hohem Druck verhalten. Polly Shulman ist dagegen ein wenig genervt von "Quicksilver" (erstes Kapitel), dem ersten Teil einer geplanten Trilogie des Cyperpunk-Vorreiters Neal Stephenson (Bücher). Shulmans Fazit: "Entweder ist es das erste Drittel eines sorgsam konstruierten Meta-Romans, oder einfach ein chaotischer Brocken eines noch größeren Chaos." (Fragen sollte man dem Mann, der sich als "Umberto Eco without the charm" beschreibt, allerdings besser nicht stellen; warum, erklärt er hier.)

Das New York Times Magazine ist diesmal ganz New York gewidmet. Der Schriftsteller Gary Shteyngart (mehr hier) erinnert sich, wie er 1980 erstmals in die Stadt kam, und beschreibt ihre Veränderungen während der neunziger Jahre, als Giuliani und die "dot-commers" den "800 Pfund schweren Gorilla unter den Städten" in einen "knuddligen Schimpansen" zu verwandeln drohten. Heute geht es New York wieder schlechter. Aber das, meint Shteyngart, hat seine Vorteile: "Urbanismus ist nicht immer hübsch. Aber die zerbrochenen Portikos und rissigen Straßenpflaster, die Müllberge und gutgenährten Ratten, die ständige Erinnerung ... an die Stadt, die uns erschreckt und gemacht hat - das ist der Stoff, aus dem die wahren New-York-Geschichten sind. Sind warten dort draußen, in Überfülle. Nehmen Sie einen Zug, spazieren Sie zum Lebensmittelhändler, sehen Sie sich um. Sie finden eine fertige Geschichte - eine wirkliche, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Die Stadt gehört wieder Ihnen."

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - New York Times

Jonathan Rabans Roman "Waxwings" besticht durch seine positive Grundhaltung, lobt Geoff Nicholson, auch wenn der Plot gar nicht danach aussieht: Rabans Held unterrichtet kreatives Schreiben in Seattle und lebt komfortabel vor sich hin. Bis er eine Phantomzeichnung eines mutmaßlichen Kinderschänders sieht, "die, wie er schockiert feststellt, eine groteske Karikatur von ihm selbst darstellt". Hinzu kommt noch ein "illegaler und amoralischer" chinesischer Bauunternehmer, der sein Haus repariert, und fertig ist eine großzügiger, bestärkender Roman. "Am Ende gibt der selbstverliebte Schriftsteller sich dem Leben hin."

Weitere Artikel: Im Close Reader bewundert Margo Jefferson den Fotoband "Harvard Works Because We Do", der - ergänzt durch Interviews - die Geschichte der Universitätsarbeiter erzählt, die von 1998 bis 2001 für menschlichere Arbeitsbedingungen an der schwerreichen Eliteeinrichtung kämpften. Jefferson fühlt sich auf angenehme Weise an die literarischen Dissidenten der Samizdat-Bewegung im ehemaligen Ostblock erinnert. Ex-Diplomat Richard Holbrooke jubelt, dass sich Stephen C. Schlesinger mit "Art of Creation" der so lange stiefmütterlich behandelten Gründungskonferenz der Vereinten Nationen 1945 in San Franciso annimmt, und das gleich auf so "exzellente" Art und Weise. Ansonsten bleibt das Urteil der Rezensenten eher verhalten: Thomas Mallon hält Joan Didion zwar für eine der "Großen", ihren neuen Kalifornien-Roman "Where I was From" (erstes Kapitel) empfiehlt er aber eher Didions "langjährigen Bewunderern". Und Stephen Metcalf orakelt zu Jhumpa Lahiris begabtem, aber trockenen Debütroman "Namesake": "Einfach Gesagtes kann nicht immer tief Gefühltes aufwiegen."

Schließlich spendiert uns die NYT Book Review ein kleines feines Gedicht von John Updike. Hier die letzten Verse:

"... Small dry red planet, when you loom
again, this world will be much changed:
our loves and wars, at rest, as one,
and all our atoms rearranged."

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - New York Times

Ladies der Nacht! Daphne Merkin feiert ein Buch, dass ihr nach langer Zeit wieder einmal zu denken gegeben hat über die Beziehung von Mann und Frau: Virginia Roundings "Grandes Horizontales", ein Porträt vier legendärer Kurtisanen, die in der schillernd dekadenten Zeit der Zweiten Republik Dichter, Denker und Lenker mühelos um den Finger wickelten. "Die faszinierendeste war Apollonie Sabatier alias 'La Presidente', die ihr Leben als Aglae-Joesphine Savatier begann. (Rounding betont, dass ihr Nachname mit seiner Nähe zu 'savate', also 'alter Schlappen', 'für eine schöne junge Frau wohl kaum angebracht war')." Madame Sabatier bekam Liebesbriefe von Baudelaire, ihr skandalöses Marmorabbild kann im Musee d'Orsay bewundert werden (oder hier). Dass die Autorin die Fakten manchmal dem "impressionistischen Flair" opfert, stört Merkin nicht. Roundings Bericht bleibe "faszinierend".

"Who killed Daniel Pearl?", fragt Bernard-Henri Levy in seinem neuen Buch, das Robert D. Kaplan als "fesselnde Synthese aus Philosophie und Reportage" würdigt. Und auch Mariane Pearls Erinnerungen "A Mighty Heart" seien bemerkenswert wegen der "unheimlichen Tiefe", mit der sie die letzten Wochen ihres Mannes schildere.

Aus den weiteren Besprechungen: Jonathan Lethems (eine Lesung zum Nachhören) "melancholisch-wundervoller" Roman "The Fortress of Solitude" (erstes Kapitel) entringt A.O. Scott genussvolle Seufzer. Man glaubt fast, er wäre selbst gerne als weißer Junge in Brooklyn aufgewachsen. Robert Sullivan tituliert Gail Sheehy als "Therapeutin der Nation", was sein ohnehin verhaltenes Lob über ihren 9/11-Witwen-erinnern-sich-an-ihre-gestorbenen-Männer-Report (erstes Kapitel) noch ein wenig gezwungener klingen lässt. Und zum Schluss ein wenig Poesie: Louis Simpson ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens, jubelt David Orr nach der Lektüre von Simpsons neuem Gedichtband "The Owner of The House". Wie sich das liest? "Reumütig, einfach, lustig und ernst".

Das New York Times Magazine widmet sich mit einem Special hingebungsvoll der Männermode.

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - New York Times

Begeisterung auf allen Rängen: Kein Verriss, kein Mittelmaß, nur Lobpreisungen sind diese Woche aus der Redaktion der Book Review zu vernehmen: "Reisen ist für Leute, die nicht wissen, wie man glücklich wird", lässt Nell Freudenberger (eine Lesung mit ihr zum Anhören) einen indischen Hausbesitzer in einer ihrer Geschichten sagen. Jennifer Schuessler hat die Erzählsammlung "Lucky Girls" rund um Amerikaner im Ausland auf jeden Fall glücklich gemacht. "Junge Autoren, die so ehrgeizig - und dabei so gut - sind wie Nell Freudenberger, geben uns Grund zur Hoffnung." Die Lorbeeren habe sich Freudenberger nicht nur durch ihren "hinreißenden" Stil verdient, meint die Rezensentin, sondern vor allem durch ihren sezierenden Blick auf die weltreisenden Landsleute. "Ob sie in AIDS-Waisenhäusern in Bangkok arbeiten, den Hippie-Trails durch den Hindukusch folgen oder einfach hinter den blumengeschmückten Mauern der luxuriösen Ghettos irgendwelcher Aussteiger herumhängen, diese Menschen sind einsame Ein-Mann-Territorien. Freudenbergers Geschichten sind voller Mütter (üblicherweise abwesend), Väter (üblicherweise geistig abwesend) und Liebender, aber ihre Charaktere geben nicht viel auf soziales Miteinander."

Großes Lob heimst auch Richard A. Posners Traktat "Law, Pragmatism and Democracy" ein. Alan Ryan schätzt nicht nur Posners außergewöhnliches Flair und sein fundiertes Wissen, sondern glaubt auch, dass Posner ein paar bedenkenswerte Vorschläge macht, wie die amerikanische Demokratie leistungsfähiger werden kann.

Die Titelbesprechung widmet sich Caroline Alexanders "The Bounty", in der sie den Kapitän William Bligh als gar nicht so grausam rehabilitiert und die meuternden Matrosen einer ungewöhnlichen Dünnhäutigkeit bezichtigt. Abraham Verghese findet Tracy Kidders Porträt (erstes Kapitel) des Arztes und Albert-Schweitzer-Nachfolgers Paul Farmer "inspirierend, verstörend, mutig und völlig fesselnd". Ebenfalls angetan ist Eric Weinberger von Charles Baxters Roman "Saul and Patsy". Baxter erinnert ihn manchmal an Jonathan Franzen, "aber der Vergleich ist ein wenig unfair für Baxter, der ja schon ein wenig länger im Spiel ist".

Das New York Times Magazine widmet seine Titelgeschichte Diane Arbus, deren Fotografien (Buch) ab 25. Oktober in einer großen Retrospektive im San Francisco Museum of Modern Art gezeigt werden.

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - New York Times

Zwei gingen fort, einer kam zurück. Jason Kersten bleibt in seinem gelungenen Erstling "Journal of the Dead" (erstes Kapitel) bei den Fakten, wenn er die wahre Geschichte zweier Freunde erzählt, deren Wandertour im Süden der USA für den einen mit dem Messer des anderen im Rücken endet. Die nachdenkliche Unaufgeregtheit imponiert Bruce Barcott, der das Journal der Toten ohne Bedenken empfehlen kann. "Kersten erzählt diese traurige Geschichte in einem spärlichen, zurückgenommenen Stil, der perfekt zu den Sekundärcharakteren des Buches passt. Eine der unerwarteten Freuden des Buches ist die Beschreibung des Lebens in den staubigen Wüstenstädten New Mexicos. Die Polizeibeamten und Rechtsanwälte werden als ungewöhnlich anständige Menschen beschrieben, die eine bizarre Situation zu lösen versuchen."

In ihrer Last-Word-Kolumne wehrt sich Laura Miller gegen den verbreiteten Irrglauben, Lesen sei gut für den Menschen. "Einige der eifrigsten Leser, die ich kenne, sind auch die engstirnigsten Denker. Jemand kann bemerkenswert unsensibel anderen gegenüber sein, obwohl er Berge von Klassikern studiert hat. Und Lesen kann einem, wie im Fall von Emma Bovary, sogar den Appetit auf das richtige Leben verderben."

Aus den weiteren Besprechungen: Ein zweites Debüt, "Brick Lane" (eine Lesung mit der Autorin zum Anhören hier), hat es sogar bis auf den Titel geschafft. Nicht ohne Grund, wenn man Michael Gorra glauben darf, der Monica Alis Selbstfindungsgeschichte in Londons Bangladeshi-Immigrantenszene, "wirklich lohnenswert" fand. Benedict Nightingale hält Helen Sheehys Biografie der Stummfilmschauspielerin Eleonora Duse (erstes Kapitel) für fesselnd, lustig, bewegend - mit einem Wort: vorbildlich. Ebenfalls in höchsten Tönen lobt Will Blythe Sena Jeter Naslunds "Four Spirits" (erstes Kapitel), Roman rund um den Bombenanschlag in der Baptistenkirche im amerikanischen Birmingham, bei dem 1963 vier schwarze Mädchen getötet wurden. "Als wenn Virginia Woolf nach Birmingham gekommen wäre, um für die Bloomsbury Times über die Bürgerrechtsbewegung zu berichten."

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - New York Times

Seit der erfolgreichen Verfilmung von "The Talented Mr. Ripley" (mehr hier) erfreut sich das zwischen "ernsthafter Literatur, Pulp Fiction, Comic und psychatrischer Fallstudie" pendelnde Werk von Patricia Highsmith (mehr hier) später Aufmerksamkeit. Zwei neue Bücher beleuchten das Leben der exzentrischen Autorin, mit unterschiedlichem Fokus, wie Elise Harris in ihrer Doppelbesprechung feststellt. Andrew Wilson zeichne sich in seiner Biografie "Beautiful Shadow" vor allem durch die Distanz zu seinem Subjekt aus, die es ihm ermögliche, "Highsmith's bizarre persönliche Vorlieben zu dokumentieren ohne dabei aber ihre intellektuellen und emotionalen Einsichten unter den Tisch fallen zu lassen." Von Marijane Meakers "Highsmith", dem Report ihrer dreijährigen Beziehung mit der Schriftstellerin in den Jahren 1959 bis 1961 dagegen hat die Rezensentin zudem gelernt, dass Highsmith "Frauen in sexueller Hinsicht bevorzugte, für alles andere nahm sie lieber Männer."

Anlässlich des bevorstehenden hundertsten Geburtstags von Evelyn Waugh (eine gutgemachte Führung durch Leben und Werk hier) sieht sich Jim Holt veranlasst, ein paar Klischees richtig zu stellen. Vor allem, seit aus seinem beliebtesten, aber auch meistgehassten Roman "Brideshead Revisited" eine Fernsehserie (mehr hier) wurde, gilt Waugh vielen als snobistischer, nostalgischer, romantisch-katholischer Liebhaber englischen Landlebens. Dabei sah Waugh das moderne Leben als "wild, amoralisch und chaotisch an. Seine perfekt modulierte Sprache erlaubt es ihm aber, diese zornige Vision in eine raffinierte Farce umzuwandeln."

Aus den weiteren Besprechungen: Ganz aus dem Häuschen ist Norman Rush über David Quammens "Monsters of God", der kunstvolle wie konzentrierte Bericht über die bedrohliche Lage der Großraubtiere der Erde sowie die Versuche zu ihrer Rettung. Michael Janeway hat zwei neue politische Bücher besprochen und kann keinem etwas abgewinnen. Die Abrechnung des früheren Clinton-Beraters Dick Morris mit seinem Dienstherrn erscheint ihm zu rachetrunken, um ernst genommen zu werden, während Joe Conasons Angriff auf die Republikaner zu faktenlastig und zu gesetzt daherkommt, um im "Schrei oder Stirb"-Geschäft der politischen Auseinandersetzungen Gehör zu finden. Obwohl Margot Livesey einige Schwierigkeiten mit Margaret Leroys Roman "Postcards from Berlin" (erstes Kapitel) hat, war sie doch gespannt darauf, wie er ausgeht. Kein Wunder, bei dem Titel!