Magazinrundschau - Archiv

Novinky.cz

83 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 9

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - Novinky.cz

Die in Brasilien lebende tschechische Schrifstellerin und Journalistin Markéta Pilátová erklärt, wie viel der in den Siebzigern spielende Film "Roma" des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón noch mit dem heutigen Südamerika zu tun hat: Wer es sich dort halbwegs leisten könne, habe eine Hausangestellte. Und tatsächlich bestehe oft eine Art "hybride Verwandtschaft" zwischen Arbeitgebern und Hausmädchen. (Und wenn diese es einmal schaffen, sich zur Sekretärin oder Verkäuferin hochzuarbeiten, stellen sie nicht selten selbst eines ein.) Wer eine Hausangestellte habe, verteidige sich damit, dass diese meist ungebildeten Frauen vom Land oder aus Slums sonst keine Arbeit finden würden. "Was auch stimmt. Andererseits möchte keiner, der Bedienstete hat, dass sich ihre Rechte erweitern und ihre Dienste teurer werden, oder dass sie im Zuge einer Weiterbildung womöglich noch ihren Job an den Nagel hängen. Das System in Lateinamerika ist so eingerichtet, dass jedes junge Mädchen, das das Pech hat, in einem Slum oder in einer armen ländlichen Gegend geboren zu werden, dankbar sein muss, wenn es eine Stelle als Hausmädchen bekommt. Cuaróns sehr präziser Film betört so vor allem die sozial sensiblen Europäer. In Brasilien hat fast jeder zu Hause Netflix, wo man sich 'Roma' ansehen kann. Und auch ein Hausmädchen. Nur gibt keiner der Intellektuellen und Hipster in meinem Freundeskreis zu, dass der Film mit ihnen und ihrer Welt zu tun hat. Und wenn sie ihn fertiggeguckt haben, fegt María oder Lucía oder Juliana hinterher die Popcorn-Krümel weg."

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - Novinky.cz

Ein interessantes Projekt verfolgt der tschechische Publizist und Poptheoretiker Karel Veselý mit der Website Institute of Anxiety und seinen Podcasts zu Angst, Traurigkeit und Depression in der westlichen Popmusik (hier eine englische Podcastfassung). Depressive britische Rockbands wie Joy Division oder The Fall sind danach untrennbar mit dem Neoliberalismus der Thatcher-Ära verbunden, optimistischer Pop einer Lady Gaga mit dem verzweifelten Eskapismus in der Nachfolge der Finanzkrise von 2008. Und wie sieht es mit der aktuellen Musik aus?, will Tereza Butková wissen? Darauf zitiert Veselý Studien, nach denen es im Mainstream-Pop derzeit deutlich mehr Songs in Moll gebe sowie mit dunkleren und angstbesetzteren Themen. "Das muss aber nicht unbedingt damit zu haben, dass sich die Lebensbedingungen verschlechtert hätten, sondern auch mit der Fähigkeit, Gefühle auszudrücken und zu verstehen. Künstlern steht heute in der Musikindustrie eine größere Gefühlsbandbreite offen als früher. Das hat auch mit dem Wandel des Männlichkeitsbilds zu tun und damit, wie sich Männlichkeit in der Öffentlichkeit präsentiert."

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - Novinky.cz

Saverio Costanzo, der Elena Ferrantes international erfolgreiche "Geniale Freundin"-Tetralogie als TV-Serie verfilmt hat (er traf die unter Pseudonym agierende Autorin nicht persönlich, sie kontaktierte ihn über Mail), erzählt im Gespräch mit Iva Přivřelová, worin er die aktuelle Bedeutung von Ferrantes Werk sieht: "Erzählungen über weibliche Freundschaften findet man in der Literatur noch mehr, hier aber steht für mich vor allem das Thema der Bildung und der Bildungswege im Mittelpunkt. Meiner Meinung nach geht es in der ganzen Geschichte weder um Feminismus noch um weibliche Emanzipation, sondern eben um Bildung. Ein Lehrer kann das Schicksal deines Lebens verändern. Wissen und Kultur stellen die einzige Möglichkeit dar, sich als Mensch zu entwickeln. Das ist für mich die politische Botschaft des Buchs. Übrigens fungiert die Bildung darin nicht nur für die Frauen, sondern auch für einige männliche Figuren als Ausweg aus der Armut."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Novinky.cz

Die in Brasilien lebende tschechische Schriftstellerin und Journalistin Markéta Pilátová beobachtet seit der Wahl Jair Bolsonaros die Veränderungen in ihrem Umfeld: Früher habe man sich lieber die Zunge abgebissen, als seine Bekannten zu kritisieren: "Auf einmal befinden sich zwischen den sonst so gemütlichen Brasilianern abgesteckte Gräben und es wird scharf geschossen. Die Anhänger der lange regierenden Partei gelten als 'Kommunisten', die Anhänger des neuen Präsidenten als 'Faschisten'. Die Leute löschen sich gegenseitig aus Facebook, verlassen ostentativ Whatsapp-Gruppen und Grillpartys. Eine abweichende Meinung interessiert keinen. (…) Gemeinsame Abendessen enden statt wie üblich gegen ein oder zwei Uhr früh schon um acht Uhr abends in betroffenem Schweigen. Am liebsten würde ich hier allen das Schild 'Politische Gespräche verboten' empfehlen, das ich vor Jahren im Speisesaal des Hotels Paprsek in den Ostsudeten aufgehängt sah. [Das Schild erinnert an die heftigen Diskussionen zwischen Sudetendeutschen und Tschechen vor dem Zweiten Weltkrieg, die man wenigstens beim Essen zu unterbinden versuchte, die Red.] Ich sehne mich zurück nach der Unschuld jener Zeiten, in denen man mit Brasilianern auf eins ihrer jämmerlichen Biere einkehren konnte und über Renten, Abtreibungen, die Gefahr von Drogen, über die Militärdiktatur und Homosexuelle plaudern und 'Faschisten' und 'Kommunisten' zuhören konnte, die bis spät in die Nacht zusammen tranken. Jetzt geht man nur noch innerhalb der eigenen sozialen Blase zusammen ein Bier trinken."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - Novinky.cz

Der Journalist Jan Rovenský hat in Tschechien den Band "Mezi méty a minarety (Zwischen Mythen und Minaretten)" herausgegeben, der ausführliche Gespräche mit Islamexperten enthält. Novinky veröffentlicht den Auszug eines Gesprächs mit dem Nahost-Korrespondenten Břetislav Tureček, der daran erinnert, dass es Zeiten gab, in denen Muslime den Mitteleuropäern durchaus genehm waren. "Während des Ersten Weltkriegs kämpften muslimische Soldaten auf unserer Seite - also damals noch für Österreich-Ungarn - gegen Russland. Es handelte sich um rund 130.000 osmanische Soldaten, die Wien in den Jahren 1915-1916 anheuerte und die zum Beispiel in Galizien und Rumänien kämpften. Österreich und Deutschland mussten nämlich ihre Reihen auffüllen, unter anderem deshalb weil die Tschechen in großem Stil zu den Russen überliefen. Die Türken schickten ihre militärische Elite nach Europa (…) und die Soldaten, die an der Front verwundet wurden oder sich in den Lagern mit Ruhr oder Typhus ansteckten, kamen zur Behandlung oft zu uns, wo sie auch starben. Es gab Lazarette in Pardubice, Břeclav und Olomouc. In Olomouc (Olmütz) gibt es auch einen großen Soldatenfriedhof, wo viele osmanische Soldaten beerdigt wurden, was kaum bekannt ist."

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - Novinky.cz

Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Einmarsch der Russen in Prag läuft am 21. August in den tschechischen Kinos der Film "Jan Palach" an, die nachempfundene Geschichte des Studenten Palach, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannte (tschechischer Trailer). Gemäß dem Drehbuch der Schriftstellerin und ehemaligen Dissidentin Eva Kantůrková hat sich Regisseur Robert Sedláček auf die Monate konzentriert, die Palachs Freitod im Januar 1969 vorausgingen, und erzählt im Gespräch mit Zbyněk Vlasák: "Die wenigsten machen sich heute klar, dass die Monate nach dem August 1968 freier waren als die Zeit davor. Man konnte ohne Pass in den Westen reisen, ohne dass die Grenzbeamten einen kontrollierten, es wurde einem sogar noch gute Reise gewünscht. Auch Palach fuhr übrigens erst nach dem Sowjeteinmarsch zur Erntehilfe nach Frankreich. Und gerade Palach hat durch seine große Sensibilität als Erster begriffen, dass diese enorme Freiheit zwangsläufig in ihr Gegenteil umschlagen würde (…) Deshalb mögen ihn viele Menschen nicht, denn als er das Streichholz anzündete, haben sie noch einen auf Euphorie gemacht. (…) Es musste erst Palach kommen, damit man aus dieser Illusion aufwachte." Als er seinen Film anging, war Sedláček zunächst stark beeinflusst von der These des Philosophen Václav Bělohradský, dass es sich bei dem Mythos des Prager Frühlings und der Dubček-Schwärmerei um politischen Kitsch gehandelt habe. "Aber dann wurde mir klar, dass das so nicht geht. Dass die Leute wirklich an den 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' geglaubt haben. Und der Glaube der Menschen verleiht den Dingen Ernsthaftigkeit. Ich mag mich nicht mehr über die Frauen lustig machen, die vor dem Gebäude des Zentralausschusses fiebernd auf Dubček warteten. Auch nicht über Leute, die heute Okamura, Babiš oder die ODS wählen. Wenn du an etwas glaubst, ist es die Wirklichkeit. Die Überzeugung von anderen zu verhöhnen, ist ein intellektuelles Verbrechen."

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - Novinky.cz

Anlässlich des mitteleuropäischen Literaturfestivals "Monat der Autorenlesungen" - die Türkei ist Gastland - hat sich Stepan Kucera mit dem türkischen Autor und Cumhuriyet-Journalisten Özgür Mumcu unterhalten, dessen erster Roman im Herbst in Deutschland erscheint. Jeder Gegner der Erdogan-Regierung, so Mumcu, sei mit Druck und Rechtsunsicherheit konfrontiert, "und dabei weiß man nie, welches Wort oder welche Tat einen ins Gefängnis bringen (…) Als Cumhuriyet vorletztes Jahr den Right Livelihood Award erhielt, wurde unsere Arbeit dadurch im Ausland bekannter, aber ich kann nicht sagen, dass es uns zu Hause in der Türkei geholfen hätte." Fast die Hälfte der Türken hätten zwar Erdogan nicht gewählt, darunter Säkularisten, junge liberale Städter, viele kurdische Bürger, aber das Problem sei, dass es sich um eine unhomogene Mischung handele, die oft unterschiedliche Meinungen vertrete, "weshalb diese Menschen es nicht schaffen, gemeinsam aufzustehen und eine einheitliche Front gegen Erdogan zu bilden." Auf die Frage, wie die europäischen Länder in dieser Lage helfen könnten, meint Mumcu: "Die Europäische Union und das liberaldemokratische Modell sind heute in der Krise. Ich glaube, wenn Europa einen Weg finden würde, die Welle der Populisten mit autoritären Neigungen in Schach zu halten, und zeigen würde, dass die auf sozialer Gerechtigkeit gründende liberale Demokratie weiterhin lebensfähig ist, würde das auch den Menschen in der Türkei helfen, die die gleichen Werte vertreten."

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - Novinky.cz

Zwanzig Jahre nach der Gründung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds zieht Ondřej Matějka vom Institut für das Studium totalitärer Regimes eine positive Bilanz. "Wer erinnert sich noch, was für ein Schreckgespenst ein gewisser Franz Neubauer damals für die gerade erst frei gewordene tschechische Gesellschaft darstellte? Der einflussreiche bayerische Politiker und Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der von der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei regelmäßig wie über einen Genozid sprach. (…) Nur ganz allmählich verloren die Sudetendeutschen ihren fordernden Ton. Möglicherweise kamen bei der überempfindlichen tschechischen Seite auch eigentlich gut gemeinte Gesten als Druck an. Eine Rolle spielte dabei auch das Gefühl der Scham und Erniedrigung, wenn ehemalige deutsche Landsleute mit ihren westlichen Paradeautos auf den Dorfplätzen der verarmten [tschechischen] Grenzregion auffuhren." Nach und nach sei jedoch die deutsche Vergangenheit zu einem Teil der tschechischen Geschichte geworden, den man sich gerne über sich selbst erzählte. Das Unrecht, das Deutschen geschah, könne man in Tschechien inzwischen klar bekennen und werde auf Gedenktafeln dokumentiert. "Wir haben nicht allzu viele Geschichten, die uns überzeugend 'in den Westen' führen. Diese tschechisch-deutsche ist eine von ihnen."

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Novinky.cz

Nicht zufällig ist die Prager Burg - Sitz der böhmischen Könige - heute Sitz des tschechischen Staatspräsidenten: Petr Pithard untersucht in einem Essay das Verhältnis der Tschechen zu ihren Politikern und Herrschern durch die Geschichte hindurch und kommt zum Schluss: "Schon zu Zeiten Österreich-Ungarns erwarteten wir vom Staatsoberhaupt, dass es gute und gerechte Entscheidungen für uns fällt. Das tun wir immer noch, für die Politik selbst haben wir allerdings weder Lust noch Zeit übrig. Und wundern uns dann, wenn es nicht gut endet …" Ihre Präsidenten seien für die Tschechen allmählich etwas wie die Zaren für Russland. "Wir erwarten zu viel von ihnen und verzeihen ihnen fast alles. Wir vergöttern sie oder hassen sie. Und vor allem lassen wir ihnen durchgehen, dass sie nicht einmal die Verfassung respektieren, an die sie sich halten sollten: Wenn sie nicht passt, wird eben improvisiert."
Stichwörter: Tschechien

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - Novinky.cz

Der unermüdliche Charles Aznavour, der demnächst, 93-jährig, ein Konzert in Prag geben will, erinnert sich im Gespräch mit Šárka Hellerová an das Jahr 1969, als er wegen der Selbstverbrennung Jan Palachs sein geplantes Konzert absagte und stattdessen an Palas' Begräbnis teilnahm: "Das erste Mal war ich als Tourist in Prag gewesen und hatte mich in Land und Leute verliebt. Dann bot man mir in dem amerikanischen Film 'The Games' die Rolle des [tschechischen Wunderläufers] Emil Zátopek an. Und als dann das mit Jan Palach passierte, sagte mir eine innere Stimme, dass ich dabeisein müsse. (…) Es war eine traurige Zeit und ein sehr trauriger Tag. Was Jan Palach getan hatte, erforderte großen Mut, es war das höchste Opfer. Es war ein begründeter Hilferuf für sein blutendes Land. Sein Name wird immer in Erinnerung bleiben, denn es war eine bedeutende Tat." Der 20-jährige Student Jan Palach hatte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst angezündet.