Magazinrundschau
Verrückte Wände
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.08.2018. Ohne die kleinen Magazine gibt es keine neue Architektur, ruft Eurozine. Der Believer hört Miles Davis' "Nardis" mit Bill Evans. In Novinki erinnert der Regisseur Robert Sedláček an den Studenten Jan Palach. Spiked staunt über die Apartheid in Amsterdam. Le Monde diplomatique besucht Swasiland, die letzte absolute Monarchie Afrikas. Der Guardian versucht zu begreifen, warum Matteo Salvinis national-soziale Politik so gut bei den Italienern verfängt. Die NYT zieht eine desaströse Bilanz des Afghanistankrieges.
Eurozine | HVG | New York Times | Believer | Novinky.cz | Film Comment | Merkur | spiked | Le Monde diplomatique | New Yorker | Guardian
Eurozine (Österreich), 27.07.2018
Believer (USA), 30.09.2018
Wunder der Musik in Zeiten des Internets. Miles Davis schrieb einst eine Melodie, zugleich seltsam fanfarenhaft, spröde und in e-moll. Ihr Name ist "Nardis". Davis selbst hat sie nie gespielt. Diese Melodie ist inzwischen längst ein Jazz-Standard, Hunderte Male aufgenommen, besonders verknüpft aber mit Bill Evans, der seine Karriere bei Miles Davis startete. Steve Silberman widmet dieser Melodie einen wunderbar kennerhaften Essay, geht einige der schönsten Aufnahmen der Melodie durch und landet doch immer wieder beim großartigen, traurigen Bill Evans. Man könnte sich fragen, ob Silberman überhaupt je etwas anderes hört: "Für den Hörer, der ich bin, ist 'Nardis' eine komplette Obsession. Ich habe mehr als neunzig offizielle und Bootleg-Versionen dieses Standards in meiner Cloud gepeichert, in einer beweglichen, stets aktualisierten Rangfolge geordnet. Sie folgen mir, wohin immer ich gehe."Hier die erste Aufnahme des Stücks vom Cannonball-Adderley-Quintett, für das Davis es ursprünglich schrieb. Evans ist dabei. Die Aufnahme kam wegen der sperrigen Melodie nicht ohne Widerstände zustande - hier hört man die Melodie zuerst von der Trompete, strahlend und eckig. Aber nur Evans hat die Melodie wirklich verstanden, versicherte Miles Davis.
Novinky.cz (Tschechien), 10.08.2018
Film Comment (USA), 02.08.2018
Zu einem sehr konzentrierten Gespräch hat sich Yonca Talu mit der Kamerafrau Agnès Godard getroffen. Es geht insbesondere um Godards Zusammenarbeit mit der Regisseurin Claire Denis und deren physischer Art, Filme zu inszenieren. Dabei steht die Regisseurin immer sehr dicht neben der Kamerafrau, erklärt Godard: "Ihre Art und Weise, so nahe und präsent zu sein, war für mich ein großer Ansporn, weil ich wusste, dass sie wusste, was ich zu sehen bekomme, wenn ich durch das Okular schaue. Das heißt, sie weiß, wie die Linse den Raum sieht, sie weiß, was auf dem Bild zu sehen ist, und was ich filme, indem sie die Kamerabewegung beobachtet. Ich habe diese Form der Nähe nie als eine Art Überwachung erfahren, sondern ganz im Gegenteil als eine Art Neugier, etwas, das beinahe schon einem Staffellauf gleicht, bei dem die Läufer die Stafette weiterreichen. Ich fühlte mich dann immer so, als ob ich jetzt an der Reihe bin, um loszulaufen, mich ganz ins Zeug zu legen und etwas zu riskieren. Wir führen ausführliche Gespräche und suchen lange nach Drehorten, aber Claire gibt einem nie Beschreibungen an die Hand, wie eine Einstellung auszusehen hat. Sie stellt alles an seinen Ort und schaut dann um sich, wie andere, und auch ich selbst, sich umschauen. Das ist das Gute daran, denn Deine Aufgabe ist es nicht, etwas zu filmen, was bereits beschrieben oder auf ein Blatt Papier gezeichnet wurde, sondern ganz im Gegenteil, etwas zu filmen, was jetzt in diesem Augenblick geschrieben wird. Das ist sehr befreiend."Außerdem schreibt Regisseur Olivier Assayas darüber, wie sehr Ingmar Bergman dem Gegenwartskino fehlt.
Merkur (Deutschland), 14.08.2018
Elena Meilicke denkt über "crazy walls" nach, womit keine architektonische Raffinesse gemeint ist, sondern die Diagramme und Mind-Maps, die in nahezu jedem gängigen, einigermaßen zeitgenössischen Kriminalfilm auftauchen, sobald die Kamera in die Büros der Ermittler wechselt und deren Ermittlungspartikel zu einer hoffentlich sinnstiftenden Struktur bündeln soll. Die klassischen Ermittler - von Dupin bis Miss Marple - kamen noch ohne solche Hilfsmittel aus. "Doch seit der Jahrtausendwende etwa befinden wir uns genretechnisch in einem neuen Zeitalter: im Zeitalter des 'Post-It Procedural' (Richard Benson), also des Klebzettel-Krimis. Seither werden zu jedem Verbrechen Überblicksdarstellungen und Schaubilder erstellt, seither wird geklebt und geheftet, gezeichnet und geschrieben: ein Großeinsatz von Schreibwaren und paper tools, Ermittlung als (Büro)Materialschlacht. ... Einem zeitgenössischen Publikum muss diese Form der Ermittlung, diese visuelle Aufbereitung von Wissen und Informationen sofort einsichtig und plausibel erscheinen - schließlich ist auch sein Alltag längst von diagrammatischen Bild- und Denkformen durchdrungen. Man hat sie lesen und deuten gelernt, man vertraut auf ihre Fähigkeit, Unsichtbares sichtbar zu machen und dem Formlosen eine Form zu geben."spiked (UK), 09.08.2018
Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 13.08.2018
Alain Vicky schickt einen deprimierenden Bericht aus der letzten absoluten Monarchie Afrikas, aus Swasiland, das König Mswatis III. zu seinem fünfzigsten Geburtstag in Königreich Eswatini umbenannt hat, "Himmliches Tal". An erster Stelle dürfen sich der König und seine Familie an den Reichtümern des Landes bedienen, erklärt Vicky, dann kommen der Polizeiapparat, das Militär, die ausländischen Investoren: "Im Land von König Mswati III. herrscht Polygamie. Ehescheidungen und Miniröcke sind verboten - das wiederum gefällt den Evangelikalen, die der Monarch unterstützt, der ansonsten auf die Tradition und die Heilkraft der Pflanzenmedizin Muti schwört. Mswati III. vertraut nur seinen engsten Angehörigen, der altgedienten Führungsmannschaft und seinem Premierminister Barnabas Sibusiso Dlamini. Und er legt viel Wert auf die alten Bräuche wie den berühmten Schilftanz Umhlanga, den Ende August alljährlich tausende junge Frauen vom Land vor dem Königshof aufführen, um sich für den Harem zu bewerben. Der pittoreske Tanz gilt als große touristische Attraktion. Dabei missbrauche Mswati III. nur die Tradition, um seine Macht zu festigen, beklagt der Historiker Joy Dumsile Ddwandwe. 'Wer seine Tochter nicht zum Umhlanga schickt, kann von den Stammesführern verstoßen werden. Das heißt, es gibt dann keine finanzielle Unterstützung mehr, man kann sogar seine Rente verlieren.'"Charlotte Wiedemann erzählt von ihrer Tour zu den heiligen Stätten Usbekistans: "70 Jahre sowjetischer Einfluss haben Usbekistan nachhaltig geprägt: Religiöses Wissen ist kaum noch vorhanden, der Islam zeigt sich in Kultur und Brauchtum. Und anscheinend haben solche Traditionen im Leben der Frauen besser überlebt als in dem der Männer. Sie seien stärker 'sowjetisiert' worden, wird mir gesagt, und verlangten selbst bei einer Beschneidungsfeier Alkoholisches." Laurent Litzenburger erinnert daran, dass im europäischen Mittelalter Tiere als schuldfähig galten und etwa Schweine wegen Kindsmord zum Tod durch Erhängen verurteilt wurden.
New Yorker (USA), 20.08.2018
Joshua Yaffa schreibt ein nicht immer vorteilhaftes, letztlich aber bewunderndes Portärt über den Hedge-Fonds-Betreiber Bill Browder, der zur bête noire Wladimir Putins wurde, so noire, dass Putin ihn sogar auf seiner berühmt-berüchtigten Pressekonferenz mit Trump in Helsinki nannte. Browder, der aus dem kommunistischen Hochadel der USA kommt (das gibt es, sein Großvater war Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Amerika!) war zu frühen Putin-Zeiten Investor in Russland und sorgte für Ärger, als er für geschäftliche Transaktionen mehr Transparenz forderte. Aber sein Anwalt und Steuerberater Sergej Magnitski wurde festgenommen, in Gefängnissen gequält und starb nach Folterungen im Jahr 2009. Browder setzte in den USA den von Barack Obama verabschiedeten "Magnitsky Act" durch, der zeigt, wie wunderbar Sanktionen funktionieren, wenn sie ins Zentrum des Regimes zielen und Personen im direkten Umkreis Putins treffen, schreibt Yaffa, der unter anderem mit der Obama-Beraterin Celeste Wallander gesprochen hat: "Der Magnitsky Act bedrohte den unausgesprochenen Pakt, der Putins Beziehungen zu denen regelt, die seine Macht durchsetzen, seien es Beamte des Innenministeriums oder Bürokraten in der Steuerbehörde. 'Er beweist, dass Putins 'Kryscha' nicht dicht hält, erklärt Wallander. Kryscha ist Russisch für 'Dach' und bedeutet im Kriminellenjargon den Schutz, den ein Pate anderen anbieten kann. 'Er bringt seinen Gesellschaftsvertrag mit den Insidern seines Systems durcheinander."Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Julian Jacksons Biografie des französischen Generals und Staatsmanns Charles de Gaulle, der für die Franzosen heute eine eher zeremonielle Präsenz hat - "wenn er noch irgendwo lebt, dann in der endlosen Parade von Bücher über den Zweiten Weltkrieg von Briten und Amerikanern, in denen er als die größte Nervensäge in der Geschichte der liberalen Weltordnung erscheint." Carrie Batton hört Westküsten-HipHop von YG. Alex Ross besucht Bayreuth. Und Anthony Lane sah im Kino Spike Lees "Blackklansmen".
Guardian (UK), 13.08.2018
HVG (Ungarn), 08.08.2018
András Hont vergleicht die neurechten Entwicklungen in Ungarn mit der Situation in den USA und stellt wesentliche Unterschiede fest, wobei auch abzusehen ist, dass die ungarische Regierung ihren nächsten Gegner im Sinne einer neuaufgelegten "geistig-moralischen Wende" bereits als Ziel erfasste: die kulturelle und wissenschaftliche Elite des Landes. "Die revolutionäre Rhetorik - abgesehen davon, dass sie von der getanen Arbeit ablenkt und statt dessen die anstehenden 'Herausforderungen' zum Thema macht - soll die jugendliche Leidenschaft befeuern. Die Revolte allerdings wird ein wenig dadurch aus der Bahn geworfen, dass die herrschende Macht hinter den Revolutionären steht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der hiesigen Bewegung und den Verhältnissen jenseits des Atlantiks. Die Künstlerwelt von Hollywood und New York, die amerikanische Universitätsaristokratie sind stark und einflussreich - unabhängig von Trumps Sieg. In Ungarn fechten Vertreter der kulturellen und wissenschaftlichen Elite ihre letzten Überlebenskämpfe. Betrachten wir die Ereignisse des Sommers, den begonnenen Kulturkampf, werden genau sie die neuen Ziele der Revolution werden und nicht die Europäische Kommission oder das 'Netzwerk von Soros'."New York Times (USA), 08.08.2018
Siebzehn Jahre dauert, mit mehr oder weniger Intensität, der amerikanische Einsatz in Afghanistan, und fast genau so lang der Einsatz im Irak. Mehr als drei Millionen Amerikaner wurden in diesen Kriegen eingesetzt, 7.000 sind ums Leben gekommen. C. J. Chivers schildert diesen Krieg aus Sicht eines jungen einfachen Soldaten, der gerade mal ein paar Jahre alt war, als das World Trade Center in New York angegriffen wurde. Die Bilanz der Kriege ist für Chivers absolut desaströs, auch in Nebeneffekten, die kaum je benannt werden: "Hunderttausende Waffen, die an angebliche Verbündete verteilt worden waren, sind verschwunden. Eine kaum zu beziffernde Anzahl befindet sich auf dem Markt oder in den Händen von Feinden Amerikas. Milliarden von Dollar, die Sicherheit schaffen sollten, gingen ebenso wohl an Pädophile, Folterer und Diebe. Nationale Polizeien oder Armeeeinheiten, die das Pentagon als wesentlich für die Zukunft ihrer Länder bezeichnet hatte, sind zerfallen. Der Islamische Staat hat Terrorangriffe in der ganzen Welt durchgeführt oder bezahlt, genau jene Art von Verbrechen, die der globale 'Krieg gegen den Terror' verhindern sollte."
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