Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Novinky.cz


Der Entwurf von pmp Architekten für das Sudetendeutsche Museum. Bild: pmp

Jan Šícha hat sich über das Entstehen und die zukünftigen Ausstellungen des Sudetendeutschen Museums in München informiert, das im September seine Pforten öffnen wird, und berichtet darüber aus tschechischer Sicht: "Zu verschiedenen Zeiten wurde je nach Sprachgruppe eine etwas oder komplett andere Geschichte über die gleiche Heimat erzählt. Im 21. Jahrhundert und in der Europäischen Union lässt sich von den Unterschieden im tschechischen und deutschen Erzählen profitieren. Was früher konfliktreich war, ist heute lehrreich. (…) Wäre das Sudetendeutsche Museum vor zwanzig Jahren entstanden, würde sein Hauptthema sicher die Vertreibung sein. Auch hätte man wohl auf einer symbolischen und moralischen Ebene über die Tschechen zu siegen versucht. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Sudetendeutschen haben ihr historisches Erzählen modernisiert. Sie möchten als besonders kreative Gemeinschaft mit einer eigenen Kultur wahrgenommen werden und vor allem die deutsche Gesellschaft ansprechen, die sie aufgenommen hat. Heute, nachdem die meisten, für die die Vertreibung ein lebenslanges Trauma war, nicht mehr da sind, entsteht hier ein Museum, das im deutschen Kontext als Ort fungieren wird, in dem die Kultur einer von vielen Gruppen vorgestellt wird, deren Wurzeln außerhalb des gegenwärtigen Deutschlands liegen."

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - Novinky.cz

Der renommierte tschechische Fotograf Ivan Pinkava erzählt im Gespräch mit Igor Malijevský von seiner Begegnung mit Allen Ginsberg, den er 1990 porträtierte. "Er war zwar schon damals kein richtiger Beatnik mehr - als wir zusammen im Restaurant saßen, sorgte er sich zu meiner Überraschung vor allem darum, dass man ihm keine chemisch behandelte Zitrone in den Tee tat -, aber natürlich war es trotzdem ein tolles Erlebnis, mit ihm den Nachmittag zu verbringen. Er hatte auch Angst, jemand könnte ihm aus meinem Auto die Koffer stehlen, die wir dort drin gelassen hatten und in denen er einfach alles hatte. Später brachte ich ihn vom Atelier zurück ins Hotel, und beschwingt von dem schönen Tag fuhr ich ihm völlig zerstreut mit den Koffern davon. Erst am Abend gelang es ihm irgendwie, mich aufzutreiben. Ich sage mir, dass ich ihn damit ungewollt in die Zeit zurückversetzt hatte, in der alle immer irgendwo on the road waren und nichts als ein Päckchen Joints und ein Notizbüchlein bei sich hatten."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - Novinky.cz

Ondřej Slačálek unterhält sich mit dem polnischen Soziologen Grzegorz Piotrowski am Europäischen Zentrum der Solidarität in Danzig, das sich zum einen mit der historischen Solidarność-Bewegung beschäftigt, zum anderen auch gegenwärtige Oppositionsbewegungen und NGOs unterstützt. "Solidarität wird heute oft als Schwäche wahrgenommen", konstatiert Piotrowski. "Bezeichnend ist, dass das polnische Wort społecznik, das einen Aktivisten oder sonst jemanden bezeichnet, der Dinge für andere tut, unter heutigen Schülern als Schimpfwort benutzt wird. Jeder soll sich um sein eigenes Zeug kümmern, wer sich um andere kümmert, gilt als naiver Idiot." Was den Zusammenhalt in der Opposition betrifft, so gebe es zwar immer mehr Proteste gegen die derzeitige populistische Politik, doch blieben sie isoliert. "Wenn Künstler gegen etwas protestieren, ist es ein Protest der Künstler, wenn Ärzte protestieren, ist es ein Ärzteprotest. Diese Gruppen interessieren sich nicht untereinander für ihre jeweiligen Probleme, sie sympathisieren nicht miteinander. So kann die Regierung sie leicht gegeneinander aufhetzen."

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Novinky.cz

In einem zweiteiligen Interview unterhält sich Ondřej Slačálek hier und hier mit dem ungarischen Historiker Balázs Trencsényi, der sich an der Central European University auf das politische Denken im Mittel- und Osteuropa der letzten zwei Jahrhunderte spezialisiert hat. Trencsényi beobachtet, wie in Ländern, die sich in eine autoritäre Richtung entwickeln, die Kunst wieder politische Bedeutung gewinnt: "Im heutigen Ungarn ist das deutlich zu sehen - während der letzten drei Jahrzehnte war das Filmschaffen nie so politisch wie in den vergangenen fünf Jahren, und das, obwohl es weitgehend von Orbán kontrolliert wird. Vielleicht ist der Grund dafür gerade diese Kontrolle, die Tatsache, dass Filmemacher keine direkte Kritik äußern können. Das zwingt sie, metaphorisch und oft tiefgehender über Politik nachzudenken. Es erinnert in manchem an die Neue Welle der Tschechoslowakei." Trencsényis eigene Arbeit ist gefährdet durch Orbáns Androhung, die Central European University in Budapest zu schließen. "Die Schließung einer Universität ist wirklich ein Ereignis", meint er dazu. "Nicht einmal Stalin verbot Universitäten, die Bolschewisten führten dort gründliche Säuberungen durch, stellten aber nicht den Betrieb ein. Zur Schließung von Hochschulen durch politische Machthaber kam es nur in Polen während der nationalsozialistischen Besatzung und im Protektorat Böhmen und Mähren."

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Novinky.cz

Tereza Simunková unterhält sich mit der tschechisch-deutschen Publizistin Alena Wagnerová über Geschlechterrollen vor und nach der Wende. Wagnerová, die in den 60er-Jahren nach Deutschland emigrierte, erinnert sich an ihr damaliges Befremden: "In der Tschechoslowakei hatte ich mich als mündiges, dem Mann gleichberechtigtes Subjekt gefühlt, als Mensch mit eigenem Status. In Deutschland erlebte ich dann, dass ich durch die Stellung meines Mannes definiert wurde. Auf einer Einladung wollte die Gastgeberin mir ihre sechs Töchter vorstellen und begann aufzuzählen: Gerdas Mann ist Lehrer, Magdas Mann Bibliothekar, Ursulas ist Pfarrer … Und unser Vermieter wunderte sich darüber, dass ich die Heizkostenrechnung selbst bezahlte." Während die berufliche Gleichberechtigung der Frau in Deutschland erst im reformierten Eherecht 1977 erreicht wurde, wurden Mann und Frau in der CSSR bereits 1950 rechtlich gleichgestellt. Der emanzipative Vorsprung der kommunistischen Gesellschaft gegenüber dem Westen habe allerdings in den Zeiten der sogenannten"Normalisierung" zu stagnieren begonnen (in der Zeit stagnierte im Grunde alles). Der Fall der Mauer bewirkte nach Wagnerová sogar einen Rückschritt: "Die Rückkehr des Kapitalismus brachte die Marginalisierung der Frauen in der Gesellschaft mit sich: Die Männer gewannen ihre alten Jagdgründe in Handel und Unternehmertum zurück, die sie im Sozialismus verloren hatten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Verstaatlichung, die vor allem Männer betraf, da ihnen die meisten Unternehmen gehörte, die normativen männlichen Verhaltensmuster geschwächt hatte. Die Rückkehr des Kapitalismus hat die Männer bereichert, sie haben neues Selbstbewusstsein gewonnen."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - Novinky.cz

Der Publizist und Politologe Jiři Pehe spürt in einem großen Essay dem kulturellen und politischen Geist Mitteleuropas nach - in der Geschichte Österreich-Ungarns und in den Theorien deutscher Hegemonie. In der Literatur spielte es bei Kafka, Stefan Zweig, Bruno Schulz oder Gregor von Rezzori keine Rolle, ob der Verfasser aus österreichischer, galizischer, böhmischer oder ungarischer Region stammte. Auch die moderne Literatur und die Essayistik der Dissidenten  - Václav Havel Sławomir Mrożek, Milan Kundera und György Konrád und Adam Michnik - sei von einem gemeinsam Stil und Denken geprägt gewesen. "Warum jedoch", fragt Pehe schließlich, "ist von diesem mitteleuropäischen Geist und der natürlichen regionalen Zusammenarbeit so wenig übrig geblieben in der gegenwärtigen vierten Inkarnation Mitteleuropas? Warum hat sich das 'zurückgeschenkte' Mitteleuropa auf eine Kooperation im Rahmen der Visegrád-Gruppe beschränkt? Warum - obwohl Tschechen, Slowaken, Ungarn und Polen heute ganz frei zusammenarbeiten können - strahlt diese Region so wenig von dem aus, was sie vor hundert Jahren und während des Totalitarismus verbunden hat?" Und Pehe gibt selbst eine ernüchterte Antwort: "Es zeigt sich, dass die intellektuelle, kulturelle, aber auch politische Produktion in Mitteleuropa viel mehr in dem Modus 'gegen etwas sein' beziehungsweise gar in offener oder verhohlener Subversion verankert ist als in einer positiven Zusammenarbeit und der gemeinsamen Suche nach produktiven Lösungen."

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Novinky.cz

Ondřej Slačálek führt ein hochinteressantes Gespräch mit dem bulgarischen Politologen Ivan Krastev über die Krise der EU und die Zukunft der Demokratie(n), aus dem sich hier leider nur ausschnitthaft zitieren lässt. Eine mögliche Erklärung für die allgemeine Krisenstimmung sieht Krastev darin, dass es keine zukunftsgerichteten Ideologien mehr gibt. "Die Einzigen, die heute selbstbewusst über Zukunft reden können, sind die, die sich mit den Technologien befassen. Sie erzählen uns, wie wir kommunizieren werden, wie die künstliche Intelligenz funktionieren wird und so weiter. Sie haben aber nicht viel dazu zu sagen, wie die Gesellschaft organisiert sein wird, und es scheint sie auch nicht besonders zu interessieren. Mit dieser technologischen Entwicklung aber betreten wir vermutlich eine Ära, in der wir unsere auf Arbeit gründende Identität verlieren. Dabei war es das, was die Moderne gekennzeichnet hat: wir sind, was wir tun. Diese Gesellschaft wird womöglich von einer Gesellschaft ersetzt werden, in der Arbeit ein Privileg darstellt. ... Und auf so eine Entwicklung sind wir nicht vorbereitet."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Novinky.cz

Stepan Kucera unterhält sich mit dem mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Kriegsreporter und Videojournalisten Ben C. Solomon, der als einer der Ersten mit der Technik der Virtual Reality gearbeitet hat, "um den Leuten Situationen in Konfliktgebieten so nah wie möglich zu bringen": "Im verzweifelten Kampf der Medien, Aufmerksamkeit (und Werbeinserenten) zu gewinnen, sei Videojournalismus grundsätzlich ein mögliches Mittel, aber, so Solomon, 'wenn es keine gute Geschichte gibt, nützt die beste Technik nichts'. Gibt es eine Konstante, die Solomon auf allen Kriegsschauplätzen der Welt findet? 'Obwohl wir im Wesentlichen gleich sind, halten wir uns immer für anders als die anderen. Das ist meiner Meinung nach der gemeinsame Nenner aller Kriege - dass so viele Menschen auf der Welt eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten sehen. Meine Arbeit besteht darin, das Gemeinsame zu zeigen, das uns verbindet.' Glaubt er, dass seine Arbeit etwas verändern kann? 'Wir alle, die als Kriegsreporter arbeiten, glauben daran und hoffen, dass wir etwas verbessern können. Als ich mit sechzehn eine Reportage über die amerikanische Irak-Invasion gesehen habe, hat das mein Leben und meine Wahrnehmung der USA nachhaltig verändert. Ich hoffe, dass meine Arbeit ebenfalls auf jemanden so einen Einfluss hat wie die damaligen Journalisten auf mich.'"

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - Novinky.cz

Über das Verhältnis von Avantgardekunst und Faschismus unterhält sich Ondřej Slačálek mit dem Oxforder Historiker Roger Griffin, der die nationale Neugeburt als ein Kernziel des Faschismus begreift: "Jede Art von Faschismus hat ihre eigene Vorstellung vom Niedergang, dem es zu begegnen gilt. Für den italienischen Faschismus war es die Rückständigkeit Italiens, die Tatsache, dass der Großteil der Bevölkerung bäuerlich und ungebildet war. In diesem Zusammenhang war die moderne Kunst mit Modernisierung und Zukunft assoziiert. Im italienischen Faschismus war sie ein Bestandteil des Modernisierungspakets. (…) Deutschland hingegen hatte schon eine Modernisierung durchlaufen, und die verschiedenen Avantgardeströmungen erschienen den Nazis als Zeichen des Niedergangs. Es herrschte eine starke Abneigung gegen den Kosmopolitismus; moderne Kunst begann den dekadenten Zustand der Weimarer Republik zu symbolisieren. Während in Italien besonders der Futurismus stark mit der faschistischen Diktatur verbunden war, stritten sich in Deutschland die Nationalsozialisten darüber, ob der Expressionimus deutsch oder antideutsch sei. Goebbels und seine Fraktion verteidigten den Expressionismus als neue nordische Kunst (…) Die Rosenberg-Fraktion wiederum behauptete, der Expressionismus sei ein Ausdruck des Verfalls. Hitler hielt sich letztlich an Rosenberg, aber selbst nach dem Jahr 1937 und der berühmten Ausstellung zur 'entarteten Kunst' gab es unter den Nazis eine Subkultur, die moderne Kunst und Jazz liebte."

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - Novinky.cz

In Brünn debattierte eine Diskussionsrunde über Trump, den Brexit und die "Postpravda". Dabei bemerkte der Publizist Petr Fischer, dass der englische Begriff "post-truth" und das deutsche "postfaktisch" etwas ganz anderes seien. "Für die Deutschen ist die Wahrheit nicht verschwunden, sie sehen die Krise im Aufweisen der Fakten, über die wir weiterhin reden müssen, um die Wahrheit zu finden. (...) Für die Briten geht es offenbar um eine viel tiefere Krise. (...) Aber im Grunde wurde schon bei Lyotard festgestellt, dass es keine großen Wahrheiten gibt, dass wir uns viel mehr darauf verständigen müssen, wie wir uns aus den kleinen Wahrheiten die Welt aufbauen." Die Politologin Kateřina Smejkalová mochte hingegen für die aktuellen Tendenzen weder auf den Begriff "postfaktisch" noch auf "post-truth" zurückgreifen, sondern schlicht auf den amerikanischen Ausdruck "bullshit".
Stichwörter: Postfaktisch, Brexit