
Tereza Simunková
unterhält sich mit der tschechisch-deutschen
Publizistin Alena Wagnerová über
Geschlechterrollen vor und nach der Wende. Wagnerová, die in den 60er-Jahren nach Deutschland emigrierte, erinnert sich an ihr damaliges Befremden: "In der Tschechoslowakei hatte ich mich als mündiges, dem Mann
gleichberechtigtes Subjekt gefühlt, als Mensch mit eigenem Status. In Deutschland erlebte ich dann, dass ich durch die
Stellung meines Mannes definiert wurde. Auf einer Einladung wollte die Gastgeberin mir ihre sechs Töchter vorstellen und begann aufzuzählen: Gerdas Mann ist Lehrer, Magdas Mann Bibliothekar, Ursulas ist Pfarrer … Und unser Vermieter wunderte sich darüber, dass ich die Heizkostenrechnung
selbst bezahlte." Während die berufliche Gleichberechtigung der Frau in Deutschland erst im reformierten Eherecht 1977 erreicht wurde, wurden Mann und Frau in der CSSR bereits 1950 rechtlich gleichgestellt. Der emanzipative Vorsprung der kommunistischen Gesellschaft gegenüber dem Westen habe allerdings in den Zeiten der sogenannten"Normalisierung" zu stagnieren begonnen (in der Zeit stagnierte im Grunde alles). Der
Fall der Mauer bewirkte nach Wagnerová sogar einen Rückschritt: "Die
Rückkehr des Kapitalismus brachte die Marginalisierung der Frauen in der Gesellschaft mit sich: Die Männer gewannen ihre alten Jagdgründe in Handel und Unternehmertum zurück, die sie im Sozialismus verloren hatten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Verstaatlichung, die vor allem Männer betraf, da ihnen die meisten Unternehmen gehörte, die normativen
männlichen Verhaltensmuster geschwächt hatte. Die Rückkehr des Kapitalismus hat die Männer bereichert, sie haben neues Selbstbewusstsein gewonnen."