
"Die Schildkröte kommt nur voran, wenn sie ihren Hals aus dem Panzer streckt." Die Schildkröte ist das indische Kino, und
Outlook widmet eine ganze Ausgabe der Frage, wie weit sie in den vergangenen zehn Jahren ihren Hals gereckt hat, wo sie das hingebracht hat - und ob das Risiko des entblößten Nackens sich ausgezahlt hat. Sandipan Deb, der die Sondernummer
einleitet, ist ganz entschieden enthusiastisch - nicht, weil etwa alle Filme oder auch nur alle Konzepte gut waren, sondern weil alles Mögliche und Unmögliche probiert und der
Tiefschlaf der Achtziger - für Deb eine Dekade der Saturierung und der
Imitate - überwunden wurde. "Die Neunziger sprangen aus dem Bett und machten
ein Dutzend Liegestütze", und anschließend probierten sie etwas Neues aus. Und mit einem Mal erschienen nicht nur die seltsamsten Filme, sondern spielten auch noch
Geld ein!
Rahul Bose, erfolgreich als Regisseur und Schauspieler,
singt eine geradezu lyrische Hymne auf die "Magie des Kinos". "Hin und wieder passiert es, und ein
herrlich ahnungsloser Filmemacher vermeidet fröhlich die Gefahr, kommerziellen und kritischen Erfolg vermählen zu wollen, um einen Film machen, dem am Ende genau das gelingt. Und dann bricht
die Hölle los. Die Puritaner beharren darauf, dass der Film eigentlich nicht gut ist, sonst würden nicht
Horden von geschminkten Teenagern in die Kinos strömen. Die Ketzer entgegnen, dass der prätentiöse Charakter des Films nur clever unter einer Schicht Sentimentalität verborgen liegt. Und dann, eines Tages, geht eine
arme, ungeliebte, unvorstellbar zerbrechliche Frau ins Kino. Und während sie den Film sieht, werden ihre Kleider abfallen und ein Abendkleid aus Gaze enthüllen. Die Linien in ihrem Gesicht werden von Engelsstaub überzogen. Goldene Slipper werden ihre schmutzigen Fußnägel säubern. Und ihr Haar wird unter dem Gewicht einer Krone schmiegsam werden. Eine Krone, die ihr von einem Film geschenkt wid, der ihr Herz und ihren Kopf mit gleicher Leichtigkeit hört, und ein Filmemacher, der nie vergisst, alles, was sie je gesagt hat, mit
Respekt zu behandeln."
Weitere Artikel: N. Chandra Mohan
sondiert die Lage des indischen Films auf dem
Weltmarkt. Jerry Pinto
schreibt eine kleine, aber scharfzüngige Geschichte der
regressiven Werte im neueren Hindi-Film. Bhavani Iyer
sucht die Erklärung für die Vorliebe zum
Melodrama im indischen Nationalcharakter, doch eigentlich will er gar nichts erklären: "Die Intellektualisierung von etwas, das beinahe ein organischer Reflex ist, führt am Ende wahrscheinlich zu einer Vereinfachung einer sehr komplizierten Sache. Oder zu einer Verkomplizierung einer der einfach. Ergo:
Lasst die Tränen fließen!"
Zu den Stars: Die redaktionelle Auszeichnung in Form des Titelbildes für den
"Interessantesten Star der Dekade" wurde ausgerechnet
Aamir Khan verliehen, dem "Filmstar, der ein Filmstar ist, weil er sehr wenige Filme macht", wie Namrata Joshi in ihrem Porträt
schreibt. Der Erfolg hat, indem er bei seinem Schauspiel keine Kompromisse eingeht. Der jede "Imagefalle" vermeidet. Der
Method-Actor, im Film wie im Leben. Nasreen Munni Kabir hat
Shah Rukh Khan auf einer US-Tour begleitet und musste an die
Beatlemania denken. Die Autorin und Fernsehproduzentin Aparajita Krishna
erinnert sich traurig an den
Amitabh Bachchan der späten 60er Jahre, als ihm seine, wie sie schreibt, Figuren noch nicht "abhanden gekommen" waren. Später sah er blendender aus, okay, aber: "Er erinnerte mich nicht mehr an einen Onkel, den ich mal kannte, an eine
Scheu, die ich gesehen, und einen
Zorn, an dem ich vorbeigeeilt war." Und Sanjay Suri
fragt sich, wo die
Schauspielerinnen geblieben sind, von denen man noch nicht im Plural redete: "Irgendwann in den vergangenen zehn Jahren hat sich das, was der indische Film sein könnte, in einen Laufsteg aus Zelluloid verwandelt. (?)Niemand schaut sich mehr einen Film an, in dem
Aishwarya Rai mitspielt. Wir setzen uns hin und schlagen das neueste Aishwarya-Rai-Bilderalbum auf."
Des weiteren
stellt Suveen K. Sinha einige der neuen
Gesangsstimmen der Filmmusik vor und ist froh, dass sie sich nach sieben langen Jahrzehnten endlich mal anders anhören als Mohammed Rafi, Mukesh oder Kishore Kumar. Und zuguterletzt noch ein Blick über die Grenzen von Bombay: Labonita Ghosh
liefert eine Zustandsbeschreibung des
bengalischen Kinos, dass Jahrzehnte nach den großen Zeiten von Mrinal Sen, Satyajit Ray und Ritwik Ghatak eine seltsame Doppelexistenz führt.
Sehr kommerzielle Filme auf der einen und sehr
kompromissloses Autorenkino auf der anderen Seite - "Tollywood ist schizophren geworden". Ach, könnte jemand mal so ein Heft über den
deutschen Film machen, bitte?