Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 16

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - Point

Seine Kolumne schickt Bernard-Henri Levy diesmal als Brief aus Sarajewo, und schon dort kommentiert er - vor dem Ausgang des Referendums - das "Nein" der französischen Linken "nicht nur als absurd, frivol, selbstmörderisch", sondern als "schockierend, ja empörend: Dieses Parfum nationalen Egoismus, diese Ängstlichkeit der Wohlversorgten, die nichts loslassen wollen, diese Kirchturmspolitik und dieser Verzicht auf einen Universalismus, der doch einmal die Noblesse und Größe der Linken ausmachte! Von Sarajewo aus gesehen ist es besonders schockierend, besonders empörend, mit welcher Nabelschau man in Frankreich über Charakter und Eigenschaften eines Vertrags diskutiert, den man des 'sozialen Dumpings' beschuldigt, ohne jemals nach seinem Echo im Herzen des 'anderen Europas' zu fragen, jenes Europas, das wir haben sterben lassen und gegenüber dem wir in der Schuld stehen."

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - Point

In Frankreich geht ein Gespenst um - das Gespenst des Kommunitarismus. Im französischen Internet zirkuliert ein Manifest der "Eingeborenen der Republik", das von linken Soziologen, aber auch gemäßigten Vertretern des Islamismus unterzeichnet wurde und das den Franzosen einen fortgesetzten Kolonialismus vorwirft. Über dieses Manifest und einen angeblichen "Rassismus gegen die Weißen" streiten in Le Point der Philosoph Alain Finkielkraut, Unterzeichner eines Gegenmanifests, und der Verleger Francois Geze. "Auch wenn Frankreich kein Kolonialstaat ist, so begünstigt die Verkennung der Kolonialgeschichte doch Verhaltensweisen, die direkt aus dieser Epoche geerbt wurden: Die Politik gegenüber dem Anderen, dem Immigranten, dem Araber bleibt sehr geprägt von den Geschehnissen in den Kolonien und von dem was sich dreißig Jahre lang in Algerien abspielte", sagt Francois Geze. Und Finkielkraut antwortet: "Diese Petition ist ein absolut reiner ideologischer Diamant. Ihre Unterzeichner sind von einer einzigen Idee besessen. Was sich nicht auf eine direkte Konfrontation zwischen einem hundertprozentig kriminellen Westen und den vollständig unschuldigen Verdammten dieser Erde reduzieren lässt, erklären sie für null und nichtig. Diese Petition ist eine Kriegserklärung an die Wirklichkeit."

Einschlägig Interessierten empfehlen wir David Pryce-Jones' epischen Artikel über "Juden, Araber und die französische Diplomatie", der sich auch mit den hier angesprochenen Themen auseinandersetzt, in der neuesten Nummer von Commentary.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Point

In der Reihe "Quarto" erscheint bei Gallimard unter dem Titel "Islam" eine Sammlung der Werke des Islam-Experten Bernard Lewis (mehr) der als der bedeutendste lebende Orientalist gilt. Le point bringt Auszüge aus Lewis' ausführlichem Vorwort zu der neunbändigen Reihe, in dem er erstmals über seinen intellektuellen Werdegang und seine schon von Kindheit an bestehende Faszination für den Orient erzählt. Er schreibt unter anderem: "Vor einigen Jahren hat man mir in einem Interview folgende Frage gestellt: Warum beschäftigen Sie sich immerzu mit heiklen Dingen? Die Antwort, habe ich meinem Gesprächspartner gesagt, ist in Ihrer Frage schon enthalten. Ein empfindlicher, heikler Punkt im Körper eines Individuums oder in einer Gesellschaft ist immer das Zeichen einer Dysfunktion. Die Empfindlichkeit ist eines der Mittel, das unseren Körper in die Lage versetzt, uns zu warnen und unsere Aufmerksamkeit zu fordern. Und genau das versuche ich zu tun."

In seinen Bloc-notes wirft Bernard-Henri Levy einen Blick in die USA und fasst zusammen, wie einige europäische Ereignisse derzeit in Amerika gesehen werden. So lobt er, dass die Presse in Kommentaren zur Papstwahl nicht in den europäischen Chor der Aufregung über Ratzingers Zeit in der Hitlerjugend eingestimmt habe: "Keine Germanophobie, dieses Verbrechen gegen den Geist. Keine Verteufelung, dieser Blödsinn. Die amerikanische Presse nimmt Benedikt XVI ernst und schlägt vor, ihn nach seiner Arbeit zu beurteilen. Umso besser." Ein weiteres großes Thema in den Medien sei das sich abzeichnende Nein Frankreichs zur europäischen Verfassung. Man frage sich: "Warum verrennen sich diese Leute so? Wie kann man glauben, gegen den Liberalismus zu kämpfen, wenn man mit seiner Stimme das Risiko eingeht, ihn zu stärken?"

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Point

Im Mai feiert die Zeitschrift Le Debat ihr 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sprach Le Point mit dem Historiker und Chefredakteur von Debat Pierre Nora über die Bedeutung der Geisteswissenschaften und die heutige Rolle des Intellektuellen. Nora, auch Herausgeber des ambitionierten Projekts "Lieux de memoire" (mehr Informationen und Leseproben hier), sei einer der wenigen Intellektuellen, die fähig sind, "Generalist zu sein, ohne bei Allem und Jedem mitreden zu müssen". Nora ist überzeugt, dass seine Aufgabe darin bestehe, komplizierte Probleme klar und einfach darzustellen und zu zeigen, dass vermeintlich einfache Probleme viel komplexer sind, als man meine. Über die vielgeschmähten "Medien-Intellektuellen" sagt er: "Ich glaube, dass man sich von dieser Figur nicht hypnotisieren lassen sollte. Sie verdankt sich eher der Persönlichkeit von Bernard-Henri Levy, und der ist ein Sonderfall: 'schön, reich und intelligent'. Man findet für seine Tochter nicht immer eine so gute Partie. Für die Medien auch nicht." Gleichzeitig gesteht er: "Stimmt schon, dass ich oft den Eindruck habe, dass wir so etwas wie die letzten Dinosaurier sind. Das ist deprimierend und anregend zugleich: die vom Aussterben bedrohten Arten haben Seltenheitswert. Dann muss ich aber immer wieder denken, dass es immer ein paar geben wird, die die Staffel weitertragen. Jene 'paar', wie Gide gesagt hat, 'durch die die Welt gerettet wird'."

Nicht online lesen dürfen wir leider den Titel über le choc - die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Point

Aus Anlass des Erscheinens seines Buchs "Der europäische Traum" in Frankreich, bringt Le Point ein Interview mit dem amerikanischen Publizisten Jeremy Rifkin (mehr). Unter der Überschrift "Es lebe das europäische Modell" erklärt Rifkin eingangs, warum er nicht mehr glaubt, dass sich Amerikaner und Europäer zumindest in grundlegenden Dingen einig seien. Das liege vor allem an der europäischen Neigung zu grenzenloser Selbstkritik. "Wir haben zwei sehr unterschiedliche Weltauffassungen. Der amerikanische Traum ist ein strenges Land, in dem es aber viele Möglichkeiten gibt. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Punkt. Der europäische Traum stellt Gemeinschaft über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtümern, beständige Entwicklung über unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum, persönliche Entfaltung über verbissenes Arbeiten, universelle Menschenrechte über Eingentumsrechte. (...) Die Wahrheit ist, dass die Amerikaner nur über ihre Erfolge sprechen, die Europäer dagegen nur über ihre Misserfolge."

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Point

Große Angst geht um vor dem französischen Referendum zur europäischen Verfassung. Bernard Henri Levy wendet sich in seiner Kolumne gegen die "Demagogie" der Verfassungsgegner: "Es stimmt nicht, dass die Verfassung zu einem Rückschritt der Demokratie führen wird, im Gegenteil: Sie kommt voran, nicht weit genug, aber in entscheidender Weise, denn das europäische Parlament, das ein Scheinparlament war, wird legislative Macht erhalten. Die Demokratie wird auch vorankommen, weil die nationalen Parlamente ihr Kontrollrecht besser werden ausüben können. Sie wird vorankommen, weil der Präsident der Kommission, der bisher ernannt wurde, nun gewählt wird; und sie wird vorankommen, weil die Verantwortlichkeit für die europäische Währung, die bisher allein bei der Zentralbank lag, nun einer stärkeren Wirtschaftsregierung anvertraut wird."

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - Point

In seinem neuen Buch "Traite d'atheologie" (Grasset, erstes Kapitel) setzt sich Michel Onfray mit den monotheistischen Religionen auseinander. In einem Interview erläutert der als "Verteidiger von Materialismus und Hedonismus" apostrophierte Philosoph seine Auffassung, wonach Religionen "Lebensvernichter" seien. Man könne die theoretischen Probleme, die im Zusammenhang mit der Sterblichkeit des Menschen stünden, nicht mit "magischem Denken" lösen, Glaube sei "Bequemlichkeit". "Der Irrtum der Gläubigen besteht darin, dass sie nach Heiligkeit streben. Ich dagegen strebe nach immanenter und irdischer Weisheit. Es ist besser, ein zumindest teilweise erfolgreicher Gelehrter zu sein als ein offensichtlich gescheiterter Heiliger."

In seinen bloc-notes verteidigt Bernard-Henri Levy die Grundsätze von Geheimhaltung und Schweigepflicht, Werte, die zunehmend in Gefahr gerieten.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Point

Der aus Algerien stammende Anthropologe, Islamexperte und Schriftsteller Malek Chebel hat ein "Manifest für einen aufgeklärten Islam" (Hachette) veröffentlicht und vertritt als zentrale Figur der Integration die These, diese könne nur über den Weg der Meritokratie beschritten werden. In einem ausführlichen Interview antwortet er auf die Frage, ob der Islam nicht einen großen Reformator, einen Luther brauche: "Einen Luther, Gandhi oder Mandela! Ja, natürlich, aber ein großer Reformator lässt sich nicht einfach verordnen, dafür gibt es bestimmte Bedingungen. Niemand hat Atatürk, Nasser oder Bouguiba programmiert, keiner von ihnen wollte den Islam bewegen. Ein großer Mann entsteht aus der Situation. Der islamische Luther wird an dem Tage kommen, an dem die Geisteshaltung der Muslime und die Entwicklung des muslimischen Denkens dafür bereit sind. Außerdem wird er mit Sicherheit aus dem Inneren kommen. Die Integrationsbilanz in Frankreich wird als negativ beurteilt. Aber ich bin optimistisch. In der französischen Gesellschaft gibt es interessante soziologische Entwicklungen."

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Point

In einem Interview spricht der junge türkische Intellektuelle Levent Ylmaz über seinen gerade erschienenen Essay "Le temps moderne. Variations sur les Anciens et les contemporains" (Gallimard) und die Eignung der Türkei für einen EU-Beitritt. Zur Meinung von Peter Sloterdijk befragt, wonach sich die Türkei nie ganz von ihren imperialistischen Träumen verabschiedet hätte, sagt Ylmaz: "Der Traum einer Türkei, die von Bulgarien über Turkestan oder den Kaukasus bis zu den islamischen Republiken Asiens reicht und der seit der Auflösung der Sowjetunion von einigen gehegt wird, ist längst ausgeträumt. Der Irak-Konflikt hat die Türken noch ein wenig mehr darin bestärkt, dem Orient den Rücken zu- und sich eher Berlin und Paris hinzuwenden - so, wie Ende des 19. Jahrhunderts, als Guillaume II und Abdulhamid sich verbündeten. Herr Sloterdijk wird sich also andere Argumente suchen müssen."

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Point

Der Schriftsteller Simon Leys ist in Frankreich eine legendäre Figur (und in Deutschland leider zu unbekannt). Er beschäftigte sich Ende der sechziger jahre als erster kritisch mit dem Maoismus und der Kulturrevolution ("Les habits neufs du president Mao" - "Maos neue Kleider") und zog damit den Hass seiner Zeitgenossen auf sich. Im Gespräch mit Laurent Theis erklärt er, was er meint, wenn er die Chinesen "das intelligenteste Volk der Welt" nennt. "Diese lapidare Formulierung will nur sagen, dass die Chinesen Menschen sind, die in einem die Lust wecken, bei ihnen in die Schule zu gehen, so viel ist von ihnen zu lernen. Ich finde bei ihnen eine überwältigende menschliche Qualität, zu der sich schon Claudel und Michaux geäußert haben, wenn auch auf ganz verschiedene Art und Weise. Wer auch immer bei Chinesen wohnen durfte, hat dies gefühlt. Somit hatte ich nicht im Traum daran gedacht, dass die Verächter meiner Schriften über die Gräuel des Maoismus mir vorwerfen würden, anti-chinesisch zu sein, wo es doch die Liebe zu China war, die mich zum Anti-Maoisten gemacht hat."

Im Literaturteil stellt Le Point die fünfzehn besten Bücher des Jahres vor (darunter Philip Roths "The Dying Animal", Amelie Nothombs "Biographie de la faim" und Art Spiegelmans "In the Shadow of No Towers"). Und Sarah Weisz meldet mit einiger Sympathie den überraschenden Erfolg von "Kiffe kiffe demain", dem Roman der 19-jährigen Schülerin Faiza Guene über das Leben in der Banlieue.