Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 16

Magazinrundschau vom 21.06.2004 - Point

Mit einem ausführlichen Porträt würdigt Pierre-Henri Tavoillot einen der bekanntesten französischen Philosophen: Paul Ricoeur (mehr). Der inzwischen 91-Jährige legt demnächst zwei neue Bücher vor: "Parcours de la reconnaissance" (Stock) und "Sur la traduction" (Bayard). Der Leitfaden seines vielschichtigen Denkens sei der "Dialog: mit Lebenden und Toten, Philosophen und anderen Gelehrten. (...) Seine Bescheidenheit verhindert dabei nicht Ricoeurs Ehrgeiz: Die Philosophie kann, wenn sie auch nicht auf alles eine Antwort hat, doch einige Antworten geben und eben nicht nur Fragen anhäufen. Deshalb ist sein Werk von der Anmaßung einer Systembildung ebenso weit entfernt wie von der falschen Bescheidenheit der Skepsis. Laut Ricoeur ist der Dialog die letzte Rettung für die Philosophie, aber auch für den modernen Menschen. Diese Überzeugung prägt sein philosophisches Werk und seinen intellektuellen Werdegang."
Stichwörter: Ricoeur, Paul

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - Point

In seiner in dieser Woche etwas melancholisch anmutenden Kolumne, denkt Bernard-Henri Levy anlässlich der bevorstehenden Europawahl über "die traurige Leidenschaft" Europa und seinen gegenwärtigen Zustand nach. Levy diagnostiziert "Langeweile" und eine "extreme Kraftlosigkeit", was laut Stendhal im Lateinischen auch "Fiasko" bedeute. "Sind wir dort angekommen?" Seine weiteren Betrachtungen, die ihn von den Surrealisten über den "demokratischen Triumph" einer geschiedenen zukünftigen Königin von Spanien bis zur Homoehe führen, münden in einer Erklärung, warum er gegen eine Einschreibung der christlichen Werte als Basis der europäischen Verfassung ist. "Ein christliches Europa? Eine enge Verbindung zwischen Kirche und Kontinent, wie es Kardinal Martino genannt hat? Meinetwegen. Aber gleichzeitig kennt jeder den jüdischen Anteil etwa an der deutschen und mitteleuropäischen Kultur. Jeder weiß, dass es die Renaissance ohne Vermittlung des Islam nie gegeben hätte und deshalb auch kein europäisches Erwachen. [?] Wäre ich als Atheist weniger Europäer als ein Christ? Nein. Und deshalb bin ich gegen die Aufnahme dieser Bezugnahme in unsere künftige Verfassung."

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - Point

"Die Barbarei kennt keine Zeit", schreibt Bernard-Henri Levy in seiner Kolumne, in der er sich mit den Folterbildern aus Abu Ghraib und mit dem Essay von Susan Sontag dazu auseinandersetzt. Gegen ihr Argument, dass die Aufnahmen und ihre weltweite Verbreitung der Postmoderne mit ihrer "Verrücktheit nach Bildern und dem Virtuellen" geschuldet seien, führt Levy die Dokumente der Wehrmachtsausstellung als eine Art "Präzedenzfall" ins Feld: Schon hier sah man Soldaten, die schäklernd mit ihren Opfern fürs Familienalbum posierten. Obgleich die Situationen nicht vergleichbar seien, wiesen "beide Fälle doch unzweifelhaft eine strukturelle Ähnlichkeit" auf. "Denn die Bilder der Soldaten Jeremy Sivits oder Lynndie England erinnern an die dieser Muschkoten, die keineswegs Mitglieder der SS gewesen sind, sondern es bereits nicht nur für normal, sondern für wichtig gehalten haben, ihre Jagdszenen in Polen zu verewigen, um sie eines Tages ihren Familien und Freunden als Beweis zu schicken."

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - Point

Scharf kritisiert Bernard-Henri Levy die Toleranz, die dem Antizionismus entgegengebracht wird, sei er doch die moderne und hoffähige Variante des Antisemitismus, von dem er sich nur vermeintlich distanziert. Der Antizionismus führe, indem er dem Staat Israel seine Rechtmäßigkeit abspreche (dieses Recht den Palästinensern aber ohne Umschweife zugestehe), die historische Judenverfolgung fort. Wer diesem Gedankengang nicht folgen will, dem rechnet Levy es anders vor: "Nehmen Sie den für fortschrittlich ausgegebenen Antizionismus und zählen Sie ihn zusammen. Die Grabschändungen von Herrlisheim, die - wahrscheinlich - von Neonazis verübt wurden. Die Maghrebiner, die in den Vororten davon träumen, die Intifada weiterzuführen. Die Globalisierungsgegner, die sich mit (Tariq) Ramadan verbrüdern. Die guten Franzosen, die - wie einst Louis-Ferdinand Celine - nicht im geringsten bezweifeln, dass der winzige Staat Israel gefährlicher für den Weltfrieden ist als Nordkorea, Russland, Pakistan und Amerika zusammen. Der radikale Islamismus. Der Lepenismus. (...) All das ergibt irgendwann einen Zeitgeist. Und die Erfahrung zeigt, dass angesichts einen solchen Zeitgeistes, angesichts der Ansammlung von all diesen Beschwörern des Schlimmsten, angesichts dieses Cocktails von Kräften, die zwar von überall kommen, die aber geheimnisvollerweise auf denselben zwanghaften Hass abzielen, es dringend notwendig ist, an das Bewusstsein eines jeden zu appellieren und allen zu erklären, dass der Antisemitismus nicht mein Problem ist, sondern ihres, dass er nicht das Problem der Juden ist, sondern Frankreichs."

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - Point

Bernard-Henri Levy gehörte in Frankreich zu den wenigen, die sich von Anfang konsequent für Salman Rushdie einsetzten, und er hat nicht die Größe, dies in seiner neuen Kolumne zu verschweigen Mehr noch, er war eingeladen zu Rushdies Heirat mit der sehr schönen indischen Schauspielerin Padma Lakshmi, was er dankenswerter Weise ebenfalls ausplaudert, und das war so: "Die kleine Truppe der Freunde, die aus allen Ecken der Welt gekommen waren: London, Paris, Delhi, Berlin, Islamabad. Die beiden Familien, vor allem, so scheint mir, die Familie der Braut. Ein Vertreter des New Yorker Bürgermeisters, feierlich, intelligent. Man beginnt mit der Lektüre eines heiligen Hindu-Textes. Dann ein Gedicht von Tagore in der Bearbeitung von Pablo Neruda. Dann Shakespeare. Dann ein anderer indischer Text. Dann der laizistische Tausch der Ringe. Und dann, ein charmanter Moment, wo Salman einen Ring über einen der Zehen der nackten Füße seiner Geliebten streifen soll, und er vor lauter Rührung den rechten und den linken Fuß nicht mehr auseinander zu halten weiß..."

Ferner im aktuellen Heft eine Hommage von Michel Tournier auf Immanuel Kant. Nur im zahlbaren Inhalt findet sich ein Interview mit Samuel Huntington über den Irak-Krieg.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Point

Bernard Hernri Levy erzählt in seiner Kolumne die traurige Geschichte der jungen afghanischen Journalistenschülerin Homa, die in dem franko-afghanischen Zeitschriftenprojekt Nouvelles de Kaboul volontierte und die sich umbrachte, weil ihr Vater ihr die Heirat mit dem Mann, den sie liebte, nicht gestatten wollte. "Das schlimmste ist, sagt man mir, dass der Vater seiner Tochter sehr nahe stand und dass er, als er ihr seine Entscheidung verkündete, nicht einmal daran dachte, dass er sie zerstört. Er war ein dummer, aber liebender Vater. Der Tradition verhaftet, aber zugleich stolz auf seine kleine Homa und ihren neuen Beruf... Heute berichtet man mir, dass er, wahnsinnig vor Verzweiflung, jedermann versichert, dass er seine Tochter natürlich dem jungen Mann zur Frau geben würde, den sie liebte, wenn Gott sie ihm nur zurückgeben würde. Anders gesagt: Homa ist nicht an der Bösartigkeit, sondern eigentlich an der unendlichen Dummheit gestorben, die der Fundamentalismus in sich trägt."
Stichwörter: Heirat, Jedermann

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Point

Auch in Frankreich läuft in dieser Woche Mel Gibsons Jesus-Film an. Le Point bringt ein instruktives Gespräch mit den Autoren Jerome Prieur und Gerard Mordillat, die eine Fernsehserie bei Arte über die Ursprünge des Christentums vorlegten und bei Seuil "Jesus apres Jesus" veröffentlichen. Das Christentum ist für sie erst im fünften Jahrhundert entstanden: "Wenn es nicht im fünften Jahrhundert zur Reichsreligion gemacht worden wäre, wäre es ein orientalischer Glaube geblieben. Vielleicht wäre das Christentum dann verschwunden, jedenfalls hätte es sich nicht zu einem Machtinstrument in einem großen Teil der Welt gewandelt."

Vorabgedruckt werden einige Auszüge aus dem neuen Buch des liberalen Publizisten Alain Minc, "Les prophetes du bonheur - Une histoire personnelle de la pensee economique" (bei Grasset). Und Bernard-Henri Levy liefert in seiner Kolumne ein recht optimistisches Fazit der Regionalwahlen in Frankreich. Außerdem wird auf einen Dokumentarfilm von Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer") über Haiti hingewiesen.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - Point

Bernard-Henri Levy erfindet in seiner Kolumne, die von den spanischen Massakern handelt, ein neues Wort: "Le munichisme". Damit meint er "jene die sagen, 'es gibt Europa und Europa. Ach, was waren wir gut beraten, als wir uns vom Irak-Abenteuer fern hielten'". Daran will Levy, der gegen den Irak-Krieg war, nicht glauben: "So wenig Bin Laden einen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Europa macht, so wenig wird er zwischen dem 'harten' und dem 'weichen' Europa unterscheiden, zwischen dem amerikanisierten Europa und jenem Europa, das sich auf die Seite des 'Friedens' schlug... Der neue Terrorismus a la Al Qaida will in Europa zuschlagen, irgendwo, irgendwann, immer wenn es möglich ist."

In der selben Nummer findet sich ein Gespräch mit dem Autor Michel Tournier, der über seine üblichen Themen spricht: Mitterrand und die DDR.

Magazinrundschau vom 16.02.2004 - Point

Viel geschmäht wurde Bernard-Henri Levys Buch über den Tod des Journalisten Daniel Pearl, zum Beispiel in der New York Review of Books (hier) und jüngst in der FR, aber man wird Levy nicht vorwerfen können, darin nicht dringlich auf den Vater pakistanischen Atombombe, Abdul Kadir Khan (mehr) hingewiesen zu haben, der jetzt in Ungnade gefallen ist, weil er die Technologie an Nordkorea, Libyen und wer weiß wohin geliefert hat. Levy kommentiert in seiner Kolumne in Le point: "Wie Amerika hatte die Welt die Augen auf Bagdad und seine eingebildeten Massenvernichtungswaffen gerichtet, während die großen Wellen der Weitergabe von Nukleartechnologie von Karatschi ausgingen." Levy macht auch darauf aufmerksam, dass Khan islamistischen Kreisen nahe steht und malt seinen Alptraum "eines pakistanischen Staats" aus, "der im Schutze seiner Allianz mit dem wieder einmal inkonsequenten Amerika Bin Laden die Mittel liefert, um die letzte Etappe seines Kreuzzugs zu beginnen".

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Point

Mit seinem üblichen rhetorischen Feuer verteidigt Bernard-Henri Levy in seiner Kolumne das umstrittene Gesetz, das auch den Schülerinnen das Tragen des Kopftuchs in der französischen Schule untersagt. Er verteidigt das Gesetz im Namen der sakrosankten Laizität aber auch im Namen der Mädchen selbst: "Der Schleier ist nicht ein religiöses, sondern ein politisches Symbol. Der Schleier ist nicht ein Zeichen der Frömmigkeit, sondern der Stigmatisierung und des Hasses. Eine Frau aufzufordern, sich zu bedecken, ihr - entgegen der Wahrheit der Texte - zu erzählen, dass das Tragen des Hidjab ein heiliges Gebot sei, ihr zu verschweigen, dass wichtige Kommentatoren im Gegenteil behaupten, der Hidjab sei das alleinige Privileg der Frauen des Propheten gewesen und dass es Anmaßung sei, ihrem Status nachzueifern - das heißt, diese Frau glauben zu machen, ihr Gesicht sei eine Beleidung Gottes, ihr Körper eine Quelle der Sünde, ihr Geschlecht eine Schande. Darum darf man sich nicht fürchten zu wiedeholen: Durch dieses Gesetz wird der Kampf gegen den Schleier zum Kampf für die Freiheit der Frauen." Vive la republique!