Magazinrundschau - Archiv

Pritomnost

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - Pritomnost

Nach den soeben in Tschechien beschlossenen verschärften Ausländergesetzen und Waffenbesitzerleichterungen fragt sich Edita Wolf, wann genau eine Zeitenwende spürbar sei, sprich, wann Tschechien sich endgültig von der Demokratie abkehre. Ihr Musiklehrer habe damals von der Neuzeit gesprochen, die 1492 begonnen habe, und gesagt: "Aber denkt nicht, dass Kolumbus eines Tages auf seinem Schiff aufwachte, aus dem Fenster guckte, die Morgenluft schnupperte und sagte: Ich spüre die Neuzeit!" Wann ist dieser Moment, fragt sich Wolf, wenn sich etwas endgültig geändert hat und diese Änderungen spürbar werden? "Ist Thomas Mann eines Morgens aufgewacht, hat das Fenster seiner Berliner Wohnung geöffnet, die Luft geatmet und gesagt: 'Ich spüre den Holocaust'? Die tschechische Geschichte verläuft schlecht, sehr schlecht. In dieser Woche hat das Abgeordnetenhaus in ungewöhnlicher Hast direkt vor den Ferien gleich vier Gesetze beschlossen. Von jedem kann man sagen, dass es nicht nur gegen die europäischen Normen und Werte verstößt, sondern auch auf grundlegende Weise das demokratische System beschädigt. (…) Ist das jetzt der Wandel oder ist er schon lange geschehen? (…) Wird die Europäische Union das schon wieder geradebiegen, oder sogar wir selbst, weil die tschechischen Massen sich auf wundersame Weise zur Demokratie durchringen werden, weil plötzlich jemand bemerken wird, dass Journalisten, Schriftsteller, Filmemacher oder anderes Kulturgeschmeiß schon seit Monaten oder gar Jahren auf die Probleme und Gefahren aufmerksam machen, die die Demokratie bedrohen? (…) Als Sie heute Morgen das Fenster geöffnet und die Luft eingeatmet haben, was haben Sie gespürt?"

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Pritomnost

Nicht zum ersten Mal erregt der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman mit seinen öffentlichen Äußerungen Anstoß. Adam Drda kritisiert: "Zeman hat mit seiner unnachahmlichen Art seinen Beitrag zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz geleistet, indem er verkündete: " Ich bin einer der sechs Millionen Juden, die in Europa von den Nationalsozialisten ermordet wurden." (…) und hinzufügte, er paraphrasiere den Kennedy-Satz "Ich bin ein Berliner". (…) Es ist höchst unanständig, sich selbst und andere gutgenährte Machthaber den Juden zuzurechnen, die - vor nicht langer Zeit - unter unbeschreiblichen Qualen sterben mussten. Das Wort "Paraphrase" kaschiert hier nur Geschwätz, und JFK wird sich vermutlich im Grabe umdrehen." Auch Zemans Ankündigung, es drohe ein "Superholocaust" durch den IS, dem man sich militärisch entgegenstellen müsse, fand Drda einfach unpassend: "Ein Gedenktag für die Opfer des Holocaust gehört den Opfern des Holocaust; es ist nicht der Tag des Kampfes gegen den Terrorismus, Islamismus oder Rassismus. Dementsprechend sollte der Charakter öffentlicher Auftritte sein. Es ist eine Frage des Taktes."