Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

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Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Times Literary Supplement

Wie wär es einmal mit Eselgulasch? Oder gesalzenem Thunfischmagen? Schöne Gerichte hat Paul Freedman in zwei neuen Büchern über die italienische Küche entdeckt - "Italian Cusisine" von Alberto Capatti und Massimo Montanari sowie "Al Dente" von William Black. Beide versuchen, freut sich Freedmann, Lebendigkeit, Herzhaftigkeit und Sonderbarkeit des italenischen Essens zu retten, die der eintönige Toskana-Kult immer mehr zu verderben droht.

Weitere Artikel: Wie schon in der vorigen Woche der Economist genießt nun auch E.S. Turner Lynne Truss' offensive Verteidigungsschrift der richtigen Zeichensetzung "Eats, Shoots and Leaves", die durch "bestialische Ingnoranz" und "nachlässigen Journalismus" in Gefahr geraten ist. Der Titel ist Ted Hughes gewidmet. Ganze 1.333 Seiten schwer ist die erste Edition seiner gesammelten Gedichte "Collected Poems". Edna Longley findet die Ausgabe so freudlos wie einen Grabstein. Dabei hat Hughes uns einmal geschockt, seufzt Lobgley, und zwar mit dem Beweis, dass Lyrik zählt und erheitern kann. Die Dichterin Ruth Fainlight (mehr hier) erzählt von ihrer Freundschaft zu Sylvia Plath (mehr hier) und Jane Bowles. Beide Texte sind leider nur auszugsweise zu lesen.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - Times Literary Supplement

Jahrzehntelang schlummerte das Manuskript in den Archiven, nun hat es der Historiker Gerhard L. Weinberg herausgegeben: Hitlers so genanntes "Zweites Buch", das wahrscheinlich 1928 entstanden ist, damals jedoch nicht verlegt wurde, weil die Verkaufschancen eher schlecht aussahen. Jeremy Noakes begrüßt die Publikation mit dem peppigen Untertitel "The unpublished sequel to Mein Kampf": "Wir können uns glücklich schätzen, Zugang zu einem Dokument zu haben, das uns wertvolle Einsicht in die Entwicklung der Ideen gibt, die Hitlers Außenpolitik nach 1933 formten". Im Wesentlichen geht es darin um Hitlers Anschauungen zu Südtirol, zum französischen Erbfeind, einem Bündnis mit England und zum "Lebensraum", wie Noakes erklärt: "Sein Wert liegt auch darin, dass es zeigt, wie stark Hitler an seinen grundlegenden ideologischen Vorstellungen festgehalten hat."

Weiteres: Bharat Tandon stellt gleich acht Bücher über Thomas Hardy vor, den Dichter mit der Liebe zu Insekten, dem wir die Erkenntnis verdanken, dass das Leben aus einer einzigen Reihe von Nadelstichen besteht. Robert Irwin bespricht James Knox' Biografie des Reiseschriftstellers Robert Byron. Jane Jakeman rümpft die Nase über die lieblosen Rezepte von Starkoch Gordon Ramsay: Viel zu wenig Butter für die Spätzle! Nicholas Wadley schließlich hat die große "Gauguin-Tahiti"-Ausstellung in Paris besucht.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - Times Literary Supplement

"Can blue men sing the whites?" - Mark Kidel singt eine Hymne auf Arthur Kemptons brillante, scharfsinnige Geschichte des schwarzen Pop "Boogaloo". Von Sam Cooke über James Brown und Aretha Franklin bis zu Tupac Shakur ist alles drin, versichert Kidel, außerdem viel Witz, Wut und natürlich Blaxploitation. "Arthur Kempton ist zurecht wütend über die Ausbeutung der Schwarzen durch die Weißen. Er beschreibt sehr genau, wie sich die Einkommensunterschiede vergrößert haben, und legt überzeugend dar, dass der Teufelskreis aus Armut, Drogen und Gewalt das Leben der Schwarzen in den USA schwerer gemacht als jemals zuvor. Aber kulturell gibt es eine andere Geschichte zu erzählen - eine der gegenseitige Befruchtung, die sogar in einer ausbeuterische Beziehung entstehen kann."

Die Briten streiten mal wieder über Britten. Die Highbrows finden ihn zu lowbrow, umgekehrt ist es genauso. Der Tenor Ian Bostridge nimmt ihn gegen seine Kritiker in Schutz: "Mich beschleicht der Verdacht, dass ein Komponist, der es keiner Seite recht machen kann, etwas definitiv richtig gemacht haben muss."

Informativ und unterhaltsam findet Graham Robb Patricia Mainardis Buch "Husband, Wives and Lovers" über Ehe und Ehebruch im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts, als zu Madame Bovarys Zeiten. 1816 hatten nämlich, so Mainardis These, die alten Männer dafür gesorgt, dass die Scheidung wieder abgeschafft wird - aus Angst, angesichts der aufkommenden romantischen Ideale aus dem Rennen geschlagen zu werden. Oswyn Murray deckt die verborgenen Seiten von Bulwer Lytton auf, nämlich seine ernsthaften Arbeiten zur antiken Geschichte. Alan Jenkins bespricht die Bill-Viola-Ausstellung in der National Gallery.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Times Literary Supplement

"Saved!" heißt großspurig eine Ausstellung, in der der National Art Collections Fund Gemälde zeigt, die er mit seinen Geldspritzen für britische Sammlungen "gerettet" hat. James Hall ist genervt von der "Hysterie", die immer dann losbricht, wenn ein alter Meister ins Ausland verkauft werden soll (jüngstes Beispiel: Rafaels "Nelkenmadonna"). "Wo britische Sammlungen nämlich wirklich enttäuschen ist der Bereich der modernen Kunst. Tate Modern und die National Gallery of Modern Art in Edinburgh haben beide recht ärmliche Sammlungen, in den regionalen Museen ist die Situation hoffnunglos."

Die Briten verdanken Sir Henry Cole (mehr hier) nicht weniger als die Weihnachtskarten, die Briefmarke, die erste Weltausstellung, die Albert Hall, das Victoria and Albert Museum und das Royal Colles of Music. J. Mordaunt Crook hat Elizabeth Bonython and Anthony Burton Biografie des selbsternannten Faktotums viktorianischer Kunst "The Great Exhibitor" als eine Lektion in Beharrlichkeit und Opportunismus gelesen.

E.S. Turner fragt sich, ob Alec Guinness wirklich beim Einkaufen die andere Straßenseite benutzt hat, wenn seine Frau nicht ordentlich gekleidet war. Dies zumindest behauptet Piers Paul Reads in seiner neuen Biografie. Nur in Auszügen zu lesen ist Jim Endersbys Besprechung der letzten drei Bände der gesammelten Charles-Darwin-Korrespondenz.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - Times Literary Supplement

Immer dasselbe, stöhnt James Campbell über Toni Morrisons neuen Roman "Love": Frauen lieben, Männer missbrauchen. "Erwachsene heterosexuelle Beziehungen sind selten und wenn, dann flüchtig." Frederic Raphael hat, wie er beteuert, wirklich versucht, Sympathien für John Fowles (mehr hier) zu entwickeln, doch bei der Lektüre seiner Tagebücher hat sich ihm mehrfach der Magen umgedreht: Geradezu abstoßend findet er Fowles "moralische Selbstgefälligkeit".

Im nur auszugsweise zu lesenden Aufmacher feiert Gabriel Josipovici die erste Übersetzung von Paul Valerys Cahiers ins Englische. Denn bisher waren sich zwar alle einig, dass Valery einer der bedeutendsten modernen Denker ist, nur leider habe ihn fast niemand gelesen (mehr zum Beispiel hier). Empfohlen werden auch Fanny Burneys Stück "The Woman-Hater" über Sir Roderick, der sich lieber einem hungrigen Tiger überließ als einer Frau, und die Turner-Ausstellung in der Tate Britain.
Stichwörter: Morrison, Toni, Tate Britain

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - Times Literary Supplement

Par Rogers hat die Briefe der Hester Lynch Piozzi ("The Piozzi Letters") gelesen, die ihre Liebe ebenso der Literatur wie den Literaten schenkte. Absolut bewunderungswürdig findet Rogers die Großzügigkeit, mit der die reiche Witwe ihren untreuen Proteges begegnete - von Samuel Johnson bis James Boswell: "Die besten Schriftsteller sind nicht unbedingt die besten Freunde. Letztere werden mehr geschätzt - zumindest von ihren Zeitgenossen. Nach 50 Jahren jedoch wird den anderen der Applaus gehören", schrieb Piozzi.

Weiteres: David Caute empfiehlt Caroline Mooreheads exzellente Biografie der Journalistin Schriftstellerin und Neuen Frau Martha Gellhorn. John Burnside begeistert sich für Redmond O'Hanlons teils haarsträubende, teils surreale Studie über Nordatlantik-Fischer, deren Hochsee-Fahrten ein Kinderspiel seien verglichen mit ihren Kampf gegen die Londoner und Brüsseler Bürokratie. Stephen Abell befindet, dass Kultautor Russell Hobans mit seinem neuen Roman "Her Name was Lola" vorhersagbar geworden ist (immerhin ist es schon sein zwölfter). Und David Coward versichert nach Lektüre von Jean-Paul Bertauds neuer Biografie, dass Choderlos de Laclos ein ehrenhafter Aristokrat von republikanischer, aber nicht jakobinischer Gesinnung war und deshalb überhaupt nichts mit dem Valmont aus den "Gefährlichen Liebschaften" gemein hatte.

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - Times Literary Supplement

Geistreich, scharfsinnig und aufregend findet Gillian Beer Francine Prose' Studie berühmter Musen "The Lives of the Muses". Zum Beispiel Lou Andreas-Salome, die immerhin gleich drei Männer inspirierte: Nietzsche, Rilke and Freud, wie Beer anerkennend schreibt: "Lou war diejenigen, die von allen Frauen den geistigen Horizont der Männer, mit denen sie sprach, am weitesten ausdehnte - und diese Männer waren immerhin Giganten. Sie wartete lange, bevor sie sich auf eine sexuelle Affäre einließ, bevorzugte Konversation und war immer in der Lage, zwei Männer auf einmal in einen Strang von Gedanken und Gefühlen einzubeziehen. Sie war heilig. Und ein Monster."

Zurückhaltend bespricht Richard Cork Germaine Greers Band "The Boy" ("Der Knabe"). Weder ihre These, dass Frauen nicht immer das bevorzugte Lustobjekt in der Kunst waren, noch ihre Aufforderung an Frauen, sich an diesen "hinreißenden Knaben" zu erfreuen, mag er kommentieren. Mark Ford stellt zwei Bob-Dylan-Monografien vor: Mike Marqusee "Chimes of Freedom" ) würde Dylan am liebsten zurück auf die Barrikaden heben, so Ford, Christopher Ricks ("Dylan's Visions of Sin") dagegen würde seinem Idol lieber den Ehren-Vorsitz von Oxbridge übergeben. Das Victoria and Albert Museum zeigt in einer Sonderschau, was von der englischen Gotik übrig ist. Viel ist es nicht, wie Alexander Murray einräumen muss, aber doch kostbar.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - Times Literary Supplement

"Selbst zu seinem hundertsten Geburtstag steht sein Name als Synonym für Reaktion, Obskurantismus, Bigotterie und Snobismus, und immer noch ruft er einen fast beeindruckenden persönlichen Abscheu hervor." Die Rede ist von Evelyn Waugh, dem selbst seine beste Biografen nur zubilligen wollten, "als Dichter ein großartiger Stilist" gewesen zu sein, "als Mensch jedoch ein Monster", wie Geoffrey Wheatcroft in seiner eigenen Huldigung schreibt. Angeblich hat Waugh es abgelehnt zu wählen, weil man ja einer Monarchie nicht vorschreiben dürfe, was für ein Parlament sie unter sich zu dulden habe. "Waugh verdient seinen Ruf als pessimistischer Reaktionär, er rechtfertig aber auch David Gilmours eindringliche Worte: 'Pessimisten und Reaktionäre sind die besten Propheten.'"

Weiteres: Ruth Scurr feiert Doris Lessings neue Erzählungen "The Grandmothers", besonders aber das Lachen, das in ihnen "grimmig, sardonisch, tröstlich, zu laut, unkontrolliert, erleichtert unwillig und hysterisch" klingt, aber immer "die Grausamkeiten der Liebe und des Krieges" anzeigt. John Mullan lobt das letzte Werk des britischen Historikers Roy Porter "Flesh in the Age of Reason", in dem Porter gewohnt populistisch erzählt, wie sich das 18. Jahrhundert von der Religion und ihren Priestern abwandte, um ihre Verehrung künftig dem Körper und seinen Ärzten zu widmen. Gut amüsiert hat sich Jeremy Lewis bei den Memoiren "Where There's a Will" des Champagner-Sozialisten, Dramatikers und Anwalts Sir John Mortimer (mehr), der in einigen seiner Fällen die Abgründe der menschlichen Natur kennen lernen musste - nämlich immer dann, wenn sich Erben um ein paar lumpige Schlafzimmermöbel, den alten Bentley und das Set Golfschläger stritten. (Hier eine Geschichte von Mortimer und hier seine Argumente gegen ein Verbot der Fuchsjagd.)

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - Times Literary Supplement

Mit großem Vergnügen hat David Lodge John Boormans Erinnerungen "Adventures of a Surburban Boy" gelesen, in denen sich der Regisseur an seiner Herkunft aus der Vorstadt abarbeitet. "Gab es jemals eine derart schleichende soziale Revolution wie den Aufstieg der Doppelhaus-Vororte? Sie haben es alle verpasst, die Akademiker, die Politiker, die Upper Class. Während sie sich um Sozialismus und Faschismus Sorgen machten, hat ihnen der Kuckuck ein Ei ins Netz gelegt, aus dem Margaret Thatcher schlüpfen würde."

Was kann uns "Matrix" über den cartesianischen Skeptizismus sagen? Besitzt Schwarzenegger kantianische Urteilskraft? Und müsste Sci-Fi nicht eigentlich Sci-Phi geschrieben werden? In seinem Buch "The Philosopher at the End of the Universe" versucht Mark Rowland, über seine Lieblingsfilme zu den großen Fragen der Menschheit vorzustoßen, eine Idee, die Colin McGinn nicht wirklich überzeugend findet, aber dennoch ganz hübsch: "Philosophie braucht alles an Humor, was sie kriegen kann".

Nur Spott hat Eric Griffiths für das neue Buch "After Theory" von Terry Eagleton (mehr hier) übrig, dem letzten linken Literaturtheoretiker Großbritanniens. Auf charmante Weise antiquiert und höchst amüsant findet der Rezensent Eagletons Glauben, dass Theorien Auswirkungen auf praktisches Handeln haben könnten. Mit Gewinn hat dagegen Henri Astier Dominique Noguez' eloquente Verteidigung von Michel Houellebecq gelesen, in der Houellebecq allerdings genauso erscheine, wie man ihn sich vorstellt: "Selbstbezogen, trübselig und oft betrunken." Mary Beard hat in der BBC-Produktion über Pompeii: The Last Day zwar keine direkten Fehler entdeckt, will die Doku-Ficton aber trotzdem nicht als historisch korrekt durchgehen lassen.

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - Times Literary Supplement

Mit einem gewissen Befremden betrachtet George Steiner den zurückliegenden Adorno-Sommer, all die Tagungen und Veröffentlichungen von Briefwechseln, Biografien und Erinnerungen: "Ist diese Flut Beweis einer bewundernswerten Gründlichkeit und Großzügigkeit des deutschen Verlagswesens oder eher Beweis einer Sucht nach Hegelscher Totalität?"

Jeremy Adler ist dagegen ganz zufrieden damit, was die Deutschen in letzter Zeit so alles über Kafka geschrieben haben und empfiehlt Hanns Zischlers "Kafka geht ins Kino" (von 1996) und Peter Demetz' "Die Flugschau von Brescia", die nun beide ins Englische übersetzt wurden. Angela Hewitt rühmt Charles Rosens "Piano Notes", und ist auch kein bisschen überrascht, dass Rosen empfiehlt, "Bücher zu lesen, am besten Krimis, während man eine schwierige Passage übt. Mein eigener Klavierlehrer, ein Franzose, pflegte die Marseillaise zu singen, wenn er etwas teuflisch Schweres spielte (meist eine schnelle Passage in einem zeitgenössischen, atonalen Stück), um zu sehen, ob es in die automatischen Reflexe übergegangen ist."

Christopher Chippindale lobt Francis Pryos überzeugende Darstellung der britischen Frühgeschichte "Britain BC". Zu lesen ist außerdem erstmals in englischer Übersetzung Algernon Charles Swinburnes Ode an den "teuren und ehrenwerten" Marquis de Sade, "Charenton en 1810", die Swinburne allerdings verfasst hatte, bevor er irgendetwas von de Sade lesen durfte (mehr hier).