Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 33

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - Times Literary Supplement

George Steiner (mehr) hat ein Buch gelesen, das die intellektuelle Landschaft verändern wird, wie er prophezeit: Pierre Bouretz' Studie über die messianische Philosophie des 20. Jahrhundert "Temoins du future", die die wechselseitigen Beziehungen zwischen jüdischem und christlichem Denken in Deutschland untersucht. "Bouretz' Verdienste gehen weit über die einer monumentalen Gelehrsamkeit und vielschichtige Argumentation hinaus... Mehr als jede andere Untersuchung zuvor, erforscht Bouretz die fatale Logik, die von vornherein dem Untergang geweihte Blüte des jüdischen Genius im Kontext des Kaiserlichen und Weimarer Deutschlands. Nichts ist gespenstischer, als den ständigen Wechsel zwischen apokalyptischer Voraussicht und Beschwichtigungen, zwischen Terror und Optimismus, zu beobachten, der von Beginn des Jahrhunderts an bis zu Hitlers Aufstieg das Judentum spaltete."

Neuen Auftrieb hat E. S. Turners Bewunderung für James Thurber bekommen, der von 1927 bis 1961 für den New Yorker zeichnete, karikierte und den "Talk of the Town" aufschnappte. Dessen Briefe - "The Thurber Letters" - wurden nun veröffentlicht, allerdings bleiben Fragen offen: "Nichts in diesem Buch erklärt, warum Thurber zu McCarthys Inquisitionszeiten auf der FBI-Liste der zu beobachtenden Amerikaner stand. Galt ein Humorist von Natur aus als Anarchist? Noch verblüffender war Winstons Churchills Urteil über Thurber als "geisteskranker, verkommener Künstler", ein Eindruck, der wohl entstand, als die beiden gemeinsam zu Gast in einer Villa in Cannes waren. Thurbers Erwiderung: "Nachdem ich Churchills Aquarelle gesehen haben, kann ich sagen, dass sein Problem als Künstler darin besteht, dass er nicht geisteskrank und verkommen genug ist." (Hier finden Sie Thurbers Cartoons).

Alastair Macaulay hat sich die große "Fred and Ginger"-Retrospektive im National Film Theatre angesehen und erinnert daran, dass Graham Greene Fred Astaire für den Menschen hielt, der Micky Maus am nächsten kam. Judith Chernaik versucht, sich Lord Byrons kurzzeitiges Interesse an hebräischer Musik und Synagogen-Gesängen zu erklären.

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - Times Literary Supplement

Nicht weniger als "die Geschichte vor der Nation zu retten", Geschichte ohne Grenzen zu schreiben, versucht C.A. Bayly in "The Birth of the Modern World, 1780 - 1914", und David Arnold ist begeistert von diesem mutigen und brillanten Buch über Geschichte ohne Grenzen: "Bayly hat die seltene Fähigkeit, nicht nur Bedarf anzumelden, sondern die eigenen ambitionierten Versprechen auch zu erfüllen, mit skrupulöser Rücksicht auf die Komplexität seines Sujets. Sein Buch ist nicht einfach eine Beschreibung der Welt, die von Sarajewo über Stalin nach Hiroshima saust, sondern ein langer reflektierte Essay über die verschiedenen Bedeutungen und inhärenten Paradoxien der Modernität selbst."

Glänzendes Timing bescheinigt T.H. Breen Gore Vidal, der mit "Inventing a Nation", das leidenschaftliche und zornige Gegenstück liefert zu all den Hagiografien über die amerikanischen Gründerväter, die derzeit auf dem Markt sind. Deren tröstende Botschaft bestehe darin, meint Breen, dass, so unbefriedigend die derzeitig Regierenden sind, Washington und seine Kollegen keine Schuld trifft. "Vidal hat keine Verwendung für solch eine Nostalgie. In einer rasanten, höchst unterhaltsamen politischen Geschichte der 1790er stellt er die Gründungsväter als so etwas wie die Mitglieder einer dysfunktionalen Familie vor. Der Patriarch ist natürlich Washington, den die anderen zu bewundern vorgaben. Doch sobald sich seine Nachfolger daran machten, zu regieren und aus der Verfassung eine funktionierende Republik zu machen, wendeten sie sich gegeneinander. Vidal erzählt Geschichten von Verrat und Ehrgeiz, Neid und Launenhaftigkeit."

Gordon Bowker hat die jüngst veröffentlichten Polizeiakten zu Malcolm Lowry ("Unter dem Vulkan") gewälzt, der 1957 tot in seinem Cottage aufgefunden wurde, vollgepumpt mit Alkohol und Tabletten. Seine Frau, Witwe eines Mannes, der leider auch, vollgepumpt mit Alkohol und Tabletten, ums Leben gekommen ist, gab eine ausgesprochen unglaubwürdige Zeugin ab. Nach dem Aktenstudium weiß Bowker nun, dass die Polizei absolut nichts weiß. Befriedigend findet L. G. Mitchell allerdings John Brewers "A Sentimental Murder": Eindeutig ein Mord aus Leidenschaft.

Magazinrundschau vom 16.02.2004 - Times Literary Supplement

Nicht weniger als das Totengeläut der Demokratie hat Stein Ringen vernommen. Es klingt aus Norwegen herüber, wo eine Gruppe von Soziologen, Juristen und Historiker im Auftrag des Parlaments eine großangelegte Studie über Macht und Demokratie durchgeführt haben und zu einem niederschmetternden Ergebnis kommen: "Die demokratische Kette, durch die die Regierung unter der Kontrolle der Wähler gehalten wird, ist gerissen. Die Schlussfolgerung ist, dass es nicht nur einige schwache Glieder gibt, sondern dass die einst starke Kette komplett auseinandergefallen ist." Grund sei, dass immer weniger Entscheidungen in politischen Instanzen getroffen werden, so dass sich auch immer weniger Bürger am politischen Leben beteiligen. Und das wohlgemerkt im reichen Norwegen mit seinen guten Schulen, der hohen Lebensqualität und optimistischer Bevölkerung! "Wie", fragt Ringen, "sieht es dann erst in normaleren Ländern aus"?

Großen Spaß hatte E.S. Turner mit Francis Wheens kurzer Geschichte des modernen Wahns "How Mumbo-Jumbo Conquered the World". Abgehandelt werden dabei: Maggie Thatcher und die Ayatollahs, Cherie Blairs Kristall-Tick, amerikanische feel-good-Autoren, Generäle, die an fliegende Untertassen glauben, der dot.com-Boom, Enron und der französische Philosoph, der errechnet haben will, dass sein Penis die Quadratwurzel aus minus eins ist.

Lobende Worte findet John Whale für Werner Hüllens "History of Roget's Thesaurus", die eben nicht nur eine Geschichte ist, sondern auch darstellt, wie das menschliche Gehirn Wörter sortiert. Und Richard Thomson bespricht die große Ausstellung zu Edouard Vuillard in der Royal Academy of Art, nebst einer ganzen Reihe Monografien des Post-Impressionisten.

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - Times Literary Supplement

Enthusiastisch feiert John Rogister die Memoiren des Andre de Staercke, über mehrere Jahrzehnte graue Eminenz der belgischen Politik und Freund von Churchill, Salazar und Clinton. Besonders interessant findet Rogister natürlich, was de Staercke über Churchill zu erzählen hat. Zum Beispiel dessen Geheimplan für den Fall einer deutschen Invasion: "Lass jeden einen Hunnen töten. Einen kann man immer mitnehmen."

Die Herren Frank Kermode, Anthony Holden, Robin Marris, Ken Follett, Linden Stafford und Daniel Marciano widmen sich einem vertrackten Problem der Literaturgeschichte: Wie standen Hamlets Chancen, Laertes im Duell zu besiegen? Wie sah es mit dem Handicap aus? Und hätte Laertes auch gewonnen, wenn er Hamlet mit weniger als drei Treffern Vorsprung getötet hätte? Mick Imlah seufzt wehmütig über Richard Beards Erinnerungen an den guten, alten, bescheidenen und anständigen Rugby "Muddied Oafs - The Last Days of Rugger". Juliet Fleming findet in dem autobiografischen Roman "Old School" des creative-writing-Lehrers Tobias Wolff die creative-writing-Lehrer etwas zu großartig dargestellt. Und Judith Weir stellt uns den Musikkritiker Paul Bowles vor, dessen Rezensionen nun von Timothy Mangan and Irene Herrmann in dem Band "Paul Bowles on Music" herausgegeben wurden.

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Times Literary Supplement

John McCrone hat sich durch einen Stapel von Büchern über das Funktionieren unseres Gedächtnisses geackert und weiß Tröstliches zu berichten: "Je intensiver Psychologen unsere Fähigkeit zur Erinnerung untersuchen, um so deutlicher wird, dass wir vergessen, verzerren, verändern, aussondern und generalisieren." Kein Wunder: "Von einem strikt biologischen Blickpunkt, ist der Begriff Erinnerung falsch. Gehirne sind nicht fürs Nachdenken und Rückblicken entwickelt, sondern für Absichten und Vorwegnahmen - um nach vorne zu blicken, nicht zurück, eher nach außen als nach innen; um zu selektieren, nicht um zu bewahren. Dafür hat die Evolution ihren Job gut gemacht."

Clive James hat sich die Nächte mit der Mafiaserie "Die Sopranos" um die Ohren geschlagen, die es jetzt endlich auf DVD gibt. "Das Gesetz existiert hier nur, um verspottet zu werden; Macht nur, um ausgespielt zu werden; Skrupel nur, um nachgeäfft zu werden. Es ist entsetzlich. Ich liebe es."

Charles Allen erzählt in seinem Buch "Duel in the Snows", wie Lord Curzon, Vizekönig von Indien, eine Invasionsarmee nach Tibet marschieren ließ, weil er glaubte, dass Russland dort gewaltige Waffendepots angelegt hatte. Waffen wurden natürlich nicht gefunden, und John Ure ist nicht nur aus gegebenem Anlass begeistert. Und Lucy Daniel lobt die von Terry Castles üppige, witzige und machtvolle Anthologie "The Literature of Lesbianism", die Texte über lesbische Frauen versammelt.
Stichwörter: Tibet, Lorde, Evolution, Sopranos, Gehirne

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - Times Literary Supplement

Zachary Leader bespricht ausführlich John Updikes (mehr) frühe Erzählungen ("The Early Stories:1953-1975") und versucht, dem Geheimnis der Produktivität und auch des Einflusses von Updike auf die Spur zu kommen. Dazu zitiert Leader Nicholson Baker, der sich in seinem Buch "U and I" an eine Fernsehdokumentation über Updike erinnert: "In einer Szene, als die Kamera ihn bei seinem Aufstieg auf eine Leiter am Haus seiner Mutter verfolgt ..., schleudert er mitten in diesem kniffligen physischen Akt einige erstaunlich klare Glückseligkeiten herunter, etwas über 'diese kleinen, jährlichen Pflichten, die bla bla bla', und ich war erstaunt festzustellen, dass wir es in Updike mit einem Mann zu tun haben, der derartig selbstverständlich spricht, dass er seine beschissenen Memoiren auf einer Leiter schreiben könnte!"

"Downsizing is never easy", können sich die Royals von David Cannadine trösten lassen, dem frisch gekrönten Queen Elizabeth the Queen Mother Professor für britische Geschichte. Immerhin hat die britische Monarchie im 20. Jahrhundert nur abspecken, aber nicht abdanken müssen, wahrscheinlich auch deshalb, wie Cannadine meint, weil Großbritannien - anders als Deutschland und Österreich im Ersten Weltkrieg, und Italien und Jugoslawien - das Glück hatte, auf der Seite der Sieger zu stehen. Es ist tatsächlich eine schöne Ironie, dass George VI. seinen Thron den militärischen Anstrengungen der USA und der UdSSR zu verdanken hat, zweier Nationen, die durch Revolutionen entstanden sind."

Zwei Artikel beschäftigen sich mit Episoden aus der Irisch-Gälischen Geschichte: Declan Kiberd bespricht eine Untersuchung von P. J. Mathews ("Revival") über das Abbey Theatre in Dublin und die Gaelic League, eine Gesellschaft, die 1893 zum Zwecke der Verbreitung der Irischen Sprache und Kultur gegründet wurde. Patricia Craig hat Padraigin Ni Uallachains "A Hidden Ulster. People, songs and traditions of Oriel" gelesen, eine "fesselnde und gelehrte Abhandlung" über die Geschichte der Kultur einer Region in Irland, deren partielles "Überleben als gesprochene Sprache bis ins 20. Jahrhundert" an ein Wunder grenze. Die Autorin ist übrigens selbst eine "exquisite sean-nos-Sängerin" (hmja), so Craig. Fiona Green schließlich freut sich über die "exzellente" Edition der frühen Gedichte Marianne Moores ("Becoming Marianne Moore").

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - Times Literary Supplement

Der britische Erziehungsminister Charles Clarke hatte kürzlich erklärt, dass er einige Mediävisten gern aus dekorativen Gründen toleriere. Es gebe nur keinen Grund, dass der Staat sie dafür bezahle. Der Historiker Patrick Wormald erklärt in einer leider nur auszugsweise veröffentlichten Verteidigung der Geisteswissenschaften: "Ich sollte erfreut darüber sein, als Ornament betrachtet zu werden. Wer will schon nützlich sein, wenn er hübsch sein kann?" Andererseits, erinnert er den Minister, unterrichteten die Römer ihre Politik-Kader nicht in römischem Recht, sondern in Rhetorik. Die Mandarine lernten klassische chinesische Poesie, die Brahmanen die Veden. Dies alles waren Studien des Humanismus, so Wormald. Wenn Großbritannien also so lange existieren wolle wie das chinesische Reich - immerhin 2.000 Jahre - sollte es die Beschäftigung mit der Vergangenheit besser nicht verachten.

Etwas zu amerikanisch findet Dominic Hibberd Vincent Sherrys Buch "The Great War and the Language of Modernism". Sherrys These sei zunächst einmal faszinierend, so der Rezensent: Bis zum Ersten Weltkrieg war "die Sprache des englischen Liberalismus noch der Vernunft und den Werten der Zivilisation verpflichtet", fasst er zusammen. Weil aber die Regierung ab 1914 den Krieg als zivilatorischen Akt zu verkaufen suchte, begannen Sprache und ihr Gehalt auseinander zu klaffen: "Schöne Argumente, die keine Beziehung zu aktuellen Ereignissen vertrugen, wurden mit klangvoller Vernünftigkeit versehen ... Die Dichter nutzten dieses Auseinanderklaffen von rationaler Aussage und Realität, um Gefühle und Haltungen darzustellen, die unter dem logischen Diskurs verborgen lagen." Abgesehen davon, dass die Untersuchung sich vor allem mit den Amerikanern Ezra Pound und T. S. Eliot beschäftigt, findet der Rezensent: Sherrys "Version von England (dass er niemals Großbritannien nennt) hat einen schwachen, aber feststellbaren Geruch von Hollywood: ein England der angestammten Rasenflächen und politischen Intrigen, in dem die meisten Autoritäten entweder Idioten oder imperialistische Schufte sind."

Weitere Artikel: Robert Douglas-Fairhurst stellt eine Ausgabe der frühen Briefe von Dante Gabriel Rossetti vor. Nicola Shulman erntet in ihrer Besprechung von Robert Palters "The duchess of Malfi's apricots" die Früchte der Literatur. Monty Python Terry Jones behauptet in seinem Buch "Who mudered Chaucer?", der bedeutendste englische Dichter des Mittelalters (mehr) sei von der Regierung ermordet worden - diese Behauptung, so Rezensent Alexander Rose, "leidet an zwei entscheidenden Mängeln: der Logik und Chronologie".

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - Times Literary Supplement

Mit "das schwule Jahrhundert" betitelt Richard Davenport-Hines seine Besprechung eines Buches von Graham Robb über Homosexualität ("Strangers", W. W. Norton) und meint damit das 19. Der Autor, bekannt als Biograf berühmter Schriftsteller, zeige, dass einige Historiker homosexuelle Geschichte als eine von Sodomie und Prostitution dargestellt hätten: Robb argumentiere, dass die "melodramatischen Historiker aus einem Wirrwarr an Gesetzen, die oftmals faktisch außer Kraft gesetzt waren und die nur sporadisch und auf Gewaltakte angewendet wurden, die Waffe der sexuellen Unterdrückung gemacht" hätten, zitiert der Rezensent Robb. In Wirklichkeit hätte im 19. Jahrhhundert eine erstaunliche Toleranz geherrscht. Insbesondere attackiere der Autor Michel Foucault dem er eine Überschätzung des akademischen Diskurses vorwirft, und Sigmund Freud, dessen "Fehlinterpretationen" er vorwerfe, noch heute Menschen zu verletzen.

Eigentlich könnte man doch genauso gut eine Doktorarbeit über seinen Billardtisch schreiben, provoziert Ferdinand Mount zu Beginn seiner in Auszügen zugänglichen Besprechung eines Buches über die Geschichte der britischen Verfassung (mehr), um sich anschließend um so faszinierter von den sechzehn "sehr informativen" Beiträgen des von Vernon Bogdanor herausgegebenen Buches zu zeigen. Als ein Ergebnis seiner Lektüre findet es Mount merkwürdig, dass die britische Regierung sich von einem Herzstück der Gesetzgebung zu einer "gewöhnlichen Diskussionsrunde unter politischen Freunden" entwickelt habe, zitiert er Anthony Seldon. Das Resultat ist eine sich in "laschen Wellenbewegungen" vollziehende Anhäufung von Entscheidungen, die den Rezensenten "mehr an Mayonnaise als an die Festigkeit eines Rahmenwerks" erinnert.

Außerdem freut sich Bernard O'Donoghue in seiner auszugsweisen veröffentlichten Besprechung ausgewählter Werke von Penelope Fitzgerald (mehr) über die fehlende Eitelkeit der Autorin und über die "freundliche Güte", mit der die Autorin die Welt betrachte. Und Peter Mandler bezweifelt, dass sich die britische Geschichte alphabetisch ordnen lässt und listet Auffälligkeiten und Fehler des von Mark Garnett und Richard Weight verfassten Buches auf.

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - Times Literary Supplement

Im Rückblick reibt sich Bronwen Maddox die Augen: Sage und schreibe "fünf Kriege in sechs Jahren" hat Tony Blair geführt. "Die Kriege begannen praktisch in dem Moment, als er das Amt übernahm": Operation Desert Fox im Irak 1998, Kosovo, Sierra Leone, Afghanistan und noch einmal Irak. Was den Premier so kriegslüstern macht, lässt sich wunderbar in "Blair's Wars" nachlesen, lobt Maddox. So habe der altgediente BBC-Korrespondent Kampfner auch eine Schrift von 1993 ausgegraben, in der Blair seine politische Grundlagen umreißt: "Das Christentum ist eine sehr harte Religion... Es urteilt. Es gibt richtig und falsch. Es gibt gut und böse." Wie man eine solche Politik nicht mitmacht, erfährt man dann in den Erinnerungen von Blairs Ex-Außenminister Robin Cook "The Point of Departure".

Wenn John Le Carre nicht so ein heilloser Antiamerikaner wäre, seufzt James M. Murphy, hätte sein neuester Roman "Absolute Friends" (erstes Kapitel) ein toller Thriller sein können. So sei leider nur "Agitprop" rausgekommen. Den Plot will der Rezensent nicht verraten, nur soviel: Es geht um ein großes Täuschungsmanöver, dass sich die US-Geheimdienste unter neokonservativer Anleitung ausgedacht haben, um Europa in einer heiklen Angelegenheit ins amerikanische Lager zu ziehen...

Mit Verblüffung hat Paula Marantz Cohen eine neue Orson-Welles-Biografie "The Stories of His Life" von Peter Conrad aufgenommen. Sie sieht beim Autor die gleichen Stärken und Schwächen wie bei seinem Sujet: "Brillanten Anspielungsreichtum und liederlichen, oft prätentiösen Exhibitionismus." Nur in Auszügen zu lesen ist Peter McDonalds Besprechung des wiederaufgelegten Kommentars W.H. Audens zu Shakespeares "Sturm" aus den vierziger Jahren.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Times Literary Supplement

Ausgesprochen anregend findet Eric Korn eine große Bibliografie des Kaffees (mehr) von Richard von Hünersdorff und Holger G. Hasenkamp, die es mit jeder Kulturgeschichte aufnehmen kann. Im Deutschland-Kapitel findet Korn etwa - wie man das nicht anders erwartet hätte - eine Ansammlung von Vorschriften, Gesetzen und Anweisungen, die alle darauf zielten, den Kaffee-Konsum zu reduzieren.

Weiteres: Der Dramatiker Tony Kushner (mehr hier) huldigt zum fünfzigsten Todestag seinem großen Vorbild Eugene O'Neill (mehr hier). Von J. Mordaunt Crook erfahren wir, welche Bauten zu England "tausend schönsten Häusern" gezählt werden (Oxford, Cambridge, Eton), ausgewählt hat die Bauten Simon Jenkins für sein Buch "England's Thousand Best Houses". Und David Melling schließlich stellt eine Studie von Margaret Barker über die israelitischen Wurzeln der christlichen Liturgie vor, in der sich Jesus als Großer Hohepriester darstellt.

Außerdem zu lesen sind Auszüge aus der Autobiografie des Schauspielers Harold Lloyd (1801 - 1891, mehr hier), in denen er auch von seinen Tagen in der Bowes Academy erzählt, dem Vorbild von Charles Dickens berüchtigter Dotheboys Hall in "Nicholas Nickleby". Im Gegensatz zu Dickens und den Gerichtsakten bescheinigt Lloyd dem Schuldirektor William Shaw allerdings, "ein ausgesprochen wertvoller und gutherziger, vielleicht etwas sonderlicher Gentleman" gewesen zu sein. (Shaw wurde 1823 angeklagt, weil zwei seiner Schüler infolge von Misshandlungen erblindet waren.)