9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2017 - Geschichte

Ein Besuch der als Museum wiedereröffneten amerikanischen Botschaft in Teheran lohnt nicht, lernt man in der NZZ von Philipp Breu: "Es übernimmt eins zu eins die aus Iran längst bekannte antiwestliche und im Speziellen antiamerikanische Propaganda."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2017 - Geschichte

Vor 72 Jahren wurde das Frauen-KZ Ravensbrück befreit. Historiker Henning Fischer spricht im Interview mit Zoe Sona von der taz auch über die Rolle der Kommunistinnen im Lager, die als Parteimitglieder besser organisiert waren als andere Gefangene: "Aus dieser bessergestellten Position heraus waren sie in der Lage, klandestine Netzwerke zu bilden und Widerstand zu leisten, aber aufgrund der Zwangssituation und des Terrorsystems der Lager gerieten sie so gleichzeitig in gefährliche Nähe zur Mordmaschinerie der SS."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2017 - Geschichte

Marine Le Pen hatte neulich behauptet, dass der Kardinal Richelieu recht hatte, die französischen Protestanten zu verfolgen (unser Resümee). Der Politologe Thierry Pech beleuchtet in Le Monde noch einmal den historischen Hintergrund, den Le Pen vergaß zu erwähnen: "Die Geschichte, auf die Marine Le Pen anspielt, beginnt nicht mit der Belagerung der (seinerzeit protestantischen, d.Red.) Stadt La Rochelle durch den Kardinal, sondern mit den Massakern von Massy und vor allem der Bartholomäusnacht, diesem Moment des Grauens, der über die Protestanten von Paris und anderer Städte eine nie dagewesene Welle ultrakatholischer Gewalt brachte. Noch zweihundert Jahre später wurde Voltaire vom Gebrüll aufgeweckt, das alle Jahre wieder am 24. August veranstaltet wurde."

Außerdem: Für die FAZ unterhalten sich Andreas Kilb und Jürgen Kaube mit Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums über "Sinn und Nutzen historischer Urteilskraft".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2017 - Geschichte

Neue historische Lektion des Front national: "Marine Le Pen behauptet, dass die Protestanten unter Richelieu 'Forderungen hatten, die dem Interesse der Nation widersprachen'", meldet die Website des Radiosenders Europe 1. Da blieb am Ende nur die Widerrufung des Edikts von Nantes und die Ausweisung der Protestanten nach Holland und Preußen!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2017 - Geschichte

Österreich widmet seinen Gedenkreigen in diesem Jahre nicht der Reformation, sondern dem 300. Geburtstag der Kaiserin Maria Theresia. In der SZ bedauert Rudolf Meumaier allerdings das geschönte Bild, das die verschiedenen Ausstellungen von der Monarchin zeichnen. Dabei war sie so schön widersprüchlich: "Der Machtmensch Maria Theresia betrachtete das Privileg zu herrschen als göttlichen Auftrag. Von heutiger Warte aus wirkt die junge Maria Theresia in manchen Lebensbereichen nahezu liberal. Sie soll nächtelang gefeiert und getanzt haben. Auch dass sie eine Zeit lang leidenschaftlich um unverschämt hohe Summen zockte, ist überliefert. Unter ihrer Regentschaft wurde 1751 in Wien die Zahlenlotterie eingeführt. Gleichzeitig vertrieb die junge Herrscherin die Juden aus Prag und warf die Protestanten aus dem Land."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2017 - Geschichte

Kerstin Holm erzählt in der FAZ, wie paradox es um die Gedenkfeiern zur Oktoberrevolution in Russland steht: "Einerseits wird mit der Geschichte der Sowjetunion ein nostalgischer Kult betrieben, also müsse man die Revolution als deren Geburtsstunde würdigen, sagt der Stalinismusforscher Oleg Chlewnjuk; andererseits sei der Zusammenbruch des Zarenreichs vor hundert Jahren nur für die Kommunisten ein Grund zum Feiern."

Auf einen interessanten Aspekt von Revolutionen in weit entfernten Ländern macht Sonja Zekri in der SZ aufmerksam: "Die Rückkehr des Revolutionärs aus der Fremde ist ein historisches Motiv, dessen dynamische Wucht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Lenins Ankunft im revolutionären Petrograd vor hundert Jahren war dafür ein frühes Beispiel, Khomeinis Rückkehr ein späteres. Dabei ist der Moment der Ankunft nicht denkbar ohne die Jahre davor, ohne das Exil, den Umweg über das Ausland. Viele radikale Geister, die später in ihren Ländern Umstürze, Revolutionen, Diktaturen oder militante Bewegungen inspirierten oder ins Werk setzten, nahmen den Weg über den Westen, der als eine Art politischer Inkubator, als ideologischer Teilchenbeschleuniger wirkte. Oft war es Frankreich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2017 - Geschichte

In Danzig ist am 23. März das Museum des Zweiten Weltkriegs eröffnet worden. Felix Ackermann hat es für die NZZ besucht und ist beeindruckt: "Konsequent stellen die Ausstellungsmacher neben die Ereignisse in Polen solche in Griechenland, in Slowenien und in der Sowjetunion.  .... Das demonstriert eine zentrale Entscheidung des Gründungsdirektors Pawel Machcewicz: Das Museum erzählt die Geschichte des Weltkriegs souverän multiperspektivisch durch das Nebeneinander unterschiedlicher Erfahrungen. Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar. Damit ist die Kritik, das Konzept sei nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar."

Dennoch hat die polnische Regierung den Gründungsdirektor Pawel Machcewicz jetzt entmachtet, berichtet der Tagesspiegel: "Kulturminister Piotr Glinski ernannte am Donnerstag den Danziger Historiker Karol Nawrocki zum gemeinsamen Leiter der Museen Zweiter Weltkrieg und Westerplatte. Die liberale Opposition und Danzigs Oberbürgermeister Pawel Adamowicz befürchten nun eine Veränderung der Kriegsausstellung hin zur Betonung des nationalen Heldentums. Der bisherige Direktor des vor wenigen Tagen eröffneten Weltkriegsmuseums, Pawel Machcewicz, bleibt den Angaben zufolge formal im Amt, muss jedoch die Vorgaben seines neuen Chefs umsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2017 - Geschichte

Im Interview mit der FR beschreibt der Historiker Manfred Berg, wie Amerika unter Woodrow Wilson zur aktiven Weltmacht wurde und für eine globale Ordnung kämpfte. Der Blick zurück hält auch Lektionen für heute parat, meint er: "Donald Trump steht für einen neoisolationistischen und protektionistischen Nationalismus, wie ihn Wilsons radikale Kritiker vertraten. Die Zwischenkriegszeit ist ein warnendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die stärkste Wirtschafts- und Militärmacht der Erde ihrer weltpolitischen Verantwortung nicht gerecht wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2017 - Geschichte

Im Interview mit der Jungle World erklärt Wolfgang Kraushaar noch einmal, wie sich die deutsche militante Linke bereits in den sechziger Jahren in einen Antisemitismus verrannte, der sie oft genug heute noch prägt. Als Beispiel nennt er neben Dieter Kunzelmann Ulrike Meinhof: Als sie 1972 "im Mahler-Prozess als Zeugin der Verteidigung vor Gericht auftrat, gab sie eine Erklärung ab, in der sie auf eine geradezu obsessive Weise Holocaust-Symbole ausbeutete und skrupellos für ihre eigenen Zwecke funktionalisierte. Sie setzte die Situation in ihrem Kölner Gefängnis mit einem KZ gleich, bezeichnete Auschwitz-Opfer als 'Geldjuden' und behauptete, der Antisemitismus sei 'in seinem Wesen antikapitalistisch' gewesen. Wenn man 'das deutsche Volk' nicht 'vom Faschismus freisprechen' würde - schließlich hätte es ja nichts von dem, was sich in den Konzentrationslagern abspielte, wissen können -, könne man es auch nicht für den revolutionären Kampf mobilisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2017 - Geschichte

Auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnert Heinrich August Winkler an die Spaltung der SPD vor hundert Jahren: "Die Spaltung der SPD war eine schwere Belastung der deutschen Sozialdemokratie und eine Hypothek für die von ihr erstrebte parlamentarische Demokratie. Doch zugleich war sie, so paradox es klingt, noch etwas anderes: die Vorbedingung der ersten deutschen Demokratie, der Republik von Weimar. Ohne die Bereitschaft der gemäßigten Kräfte der Arbeiterschaft und des Bürgertums zur Zusammenarbeit wäre sie nicht zustande gekommen."

Zynisch attackiert der Spiegel den von einem reichen Exil-Ukrainer finanzierten Film "Bittere Ernte" über den Holodomor, den Hungermord an ukrainischen Bauern, schreibt Regina Mönch in der FAZ. Titel des Spiegel-Artikels "Böse Russen, guter Mäzen". Mönch dazu: "Nur gibt es für die Meinung des Spiegels, hier würden 'alle Russen' als Schurken vorgeführt, im Film kein Indiz. Die Marodeure, die aushungern und töten, sind für die Bauern 'Bolschewisten' oder 'Sowjets' - was der historischen Wahrheit entspricht. Auch der Hinweis, ob die Hungersnot von der Sowjetführung ausgelöst wurde, sei unter Historikern umstritten, führt in die Irre. Nur Trolle behaupten das noch, nicht die Wissenschaft, die sich auf offizielle Dokumente stützen kann."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Elena Panagiotidis Argyris Sfountouris, der 1944 als Vierjähriger das Massaker deutscher Soldaten in Distomo überlebte.