1967 war das deutsche 1968. Überall Texte
zum 2. Juni. Bei aller Kritik, die man an den 68ern haben kann,
meint Max Thomas Mehr im
Deutschlandfunk: "Die APO sorgte ... für eine grundlegende Modernisierung der Gesellschaft - Stichwort: das Private ist politisch. Frauenemanzipation und Schwulenbewegung, antiautoritäre Kinderläden, aber auch die Impulse der Alternativ- und Anti-Atomkraftbewegung sind heute aus der Gesellschaft
nicht mehr wegzudenken."
Eva Quistorp, die bei der Demo am 2. Juni dabei war,
erzählt - übrigens in der
Welt - wie
das mit den Fake News damals funktionierte: "In jener Zeit gab es weder Handys, noch Computer, kein Internet, und die wenigsten von uns hatten Telefone in ihren WGs, manchmal eines für alle, und das auf dem Flur. Wir waren
auf Gerüchte angewiesen und auf die Radionachrichten. Und schließlich erschienen die Meldungen und die Fotos in der
BZ unter anderem, angeblich sei die Gewalt von den Studenten ausgegangen, die allesamt als 'Krawallbrüder' beschimpft wurden. In dieser Nacht ist mir klar geworden, wie dringend wir
Gegeninformationen brauchten." Ebenfalls in der
Welt erinnerte Wolfgang Kraushaar an das kleine Detail, dass die Idee, selbst Gewalt auszuüben, bei
Rudi Dutschke oder
Bahman Nirumand nicht erst durch den 2. Juni ausgelöst wurde (unser
Resümee).
"Es geht auch um
Verantwortung",
schreibt Gereon Asmuth in der
taz: "Noch immer. Für die Gewalt einer Berliner Polizei, in der es 1967 noch alte Nazi-Seilschaften gab. Für deren von oben gedecktes brutales Vorgehen. Für die systematische
Vernichtung von Beweisen, die Vertuschung des tödlichen Schusses aus der Waffe eines Polizisten. All das ist so unglaublich, dass es nicht nur die damals Beteiligten, sondern auch jüngere Generationen fassungslos macht. Es ist mehr als überfällig, dass sich der
Berliner Senat zu seiner politischen Verantwortung bekennt. Mit einer Bitte um Entschuldigung. Der 2. Juni 2017 wäre dafür das passende Datum." Und tatsächlich
sagt der Berliner Justizsenator
Dirk Behrendt im Interview Plutonia Plarre: "Ich denke über eine Entschuldigung nach." Ebenfalls in der
taz liefert Christian Ströbele seine Version der Heldengeschichte.
Der ehemalige
tazler Klaus Hartung
erinnert - in der
taz - an die Konfrontation von
Jürgen Habermas und
Rudi Dutschke, zu der es bei einem Kongress nach dem 2. Juni kam: Habermas' "böses Wort vom
linken Faschismus führte zu heftigem Streit innerhalb der Linken. Habermas revidierte später den Begriff. Aber die Idee der
emanzipierenden Gewalt in ihrer diffusen Virulenz geisterte fortan durch die antiautoritäre Bewegung. Revolution durch die Revolutionierung der Revolutionäre, also durch gewaltsamen Ausbruch aus der bürgerlichen Herkunft - das war die Suggestion des entfesselten Selbst."
Außerdem: In der Mediathek der
ARD findet sich - noch bis zum 5. Juni - eine Doku über die
Todesumstände Benno Ohnesorgs und die Vertuschungsversuche der Behörden. Beim
BR gibt es Margot Overaths Feature "Chronik einer Hinrichtung". In einem weiteren Feature für den
SWR kontextualisiert Stefan Zednik den Tod Ohnesorgs mit der "Zauberflöte", die der
Schah von Persien im Opernhaus sah, während der Polizist Kurras seinen Schuss auf Ohnesorg abgab.