9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2017 - Geschichte

Auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnert Heinrich August Winkler an die Spaltung der SPD vor hundert Jahren: "Die Spaltung der SPD war eine schwere Belastung der deutschen Sozialdemokratie und eine Hypothek für die von ihr erstrebte parlamentarische Demokratie. Doch zugleich war sie, so paradox es klingt, noch etwas anderes: die Vorbedingung der ersten deutschen Demokratie, der Republik von Weimar. Ohne die Bereitschaft der gemäßigten Kräfte der Arbeiterschaft und des Bürgertums zur Zusammenarbeit wäre sie nicht zustande gekommen."

Zynisch attackiert der Spiegel den von einem reichen Exil-Ukrainer finanzierten Film "Bittere Ernte" über den Holodomor, den Hungermord an ukrainischen Bauern, schreibt Regina Mönch in der FAZ. Titel des Spiegel-Artikels "Böse Russen, guter Mäzen". Mönch dazu: "Nur gibt es für die Meinung des Spiegels, hier würden 'alle Russen' als Schurken vorgeführt, im Film kein Indiz. Die Marodeure, die aushungern und töten, sind für die Bauern 'Bolschewisten' oder 'Sowjets' - was der historischen Wahrheit entspricht. Auch der Hinweis, ob die Hungersnot von der Sowjetführung ausgelöst wurde, sei unter Historikern umstritten, führt in die Irre. Nur Trolle behaupten das noch, nicht die Wissenschaft, die sich auf offizielle Dokumente stützen kann."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Elena Panagiotidis Argyris Sfountouris, der 1944 als Vierjähriger das Massaker deutscher Soldaten in Distomo überlebte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2017 - Geschichte

In einem langen Interview mit der Jungle World fordert der senegalesische Ökonom und Anthropologe Tidiane N'Diaye die arabischen Länder auf, sich endlich mit ihrer Geschichte des Sklavenhandels auseinanderzusetzen, der über die Jahrhunderte gesehen nicht nur viel größer war als der transatlantische, sondern auch nicht weniger rassistisch als jener: "Lange bevor europäische Anthropologen im 19. Jahrhundert die bekannten Rassetheorien entwickelten, war Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert einer der ersten, der über Merkmale von Menschengruppen phantasierte. In seinem universalgeschichtlichen Werk 'Muqaddima' entwickelte er in der Einleitung die Idee, dass das Klima direkten Einfluss auf den Entwicklungsstand von Zivilisationen und den Volkscharakter habe. Schwarzen und Slawen wurde darin unterschiedslos ein 'bestialischer Charakter' attestiert. Der syrische Geograph al-Dimashqi schrieb über die Schwarzen: 'Kein göttliches Recht wurde ihnen offenbart. Kein Prophet erschien ihnen. So sind sie unfähig, Vorstellungen von Gebot und Verbot, von Verlangen und Abstinenz zu begreifen. Ihre Mentalität ähnelt der von Tieren.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2017 - Geschichte


Anna Dasovic: "And he knew that someone who had witnessed these things might be too stunned to speak", Video, 2016

In der NZZ berichtet Gabriele Hoffmann von der Ausstellung "Post-Peace", die eigentlich in Istanbul gezeigt werden sollte und nach einer kurzfristigen Absage nun im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zu sehen ist: "Zur ehrlichen Bestandsaufnahme von Post-Peace in Europa gehören Fragen zu Kolonialismus und Faschismus, wie sie in dieser Ausstellung von Künstlern auf gedanklich und technisch unterschiedlichen Wegen beantwortet werden... Die niederländische Künstlerin Anna Dasovic wiederum ist in einer vielteiligen filmischen Arbeit verschiedenen Formen der Erinnerung an den Holocaust nachgegangen. Besonders eindringlich ist ihr Filmprojekt, das mit Aufnahmen von 1945 zeigt, wie Bewohner aus Weimar von amerikanischen Soldaten gezwungen werden, das KZ Buchenwald zu besuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2017 - Geschichte

Im Interview mit der Zeitschrift L'Histoire, online in der französischen Huffpo, legt der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron dar, warum er die Kolonisierung Algeriens ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" genannt hat. Er spreche damit nicht auf die Algerienfranzosen oder die Verbrechen im Algerienkrieg an: "Da gab es Ausschreitungen, aber das ist nicht mein Punkt. Ich spreche ganz präzise von den Bedingungen der Kolonisierung selbst. Wir wissen, dass die ersten Kolonisatoren vor keinem Mittel zurückgescheut sind, um die begehrten Territorien zu erobern. In Algerien brauchte es siebzig Jahre Krieg und Massaker, um die französische Präsenz durchzusetzen. Ich spreche diese Ausschreitungen nicht als erster an. Das hat schon Clemenceau im Jahr 1885 getan."

Das von der nationalistischen neuen Regierung drangsalierte Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs ist eröffnet worden. Holocaust und die Leiden der Zivilbevölkerung gehören zu seinen wichtisten Themen, berichtet Gabriele Lesser in der taz, und kein Aspekt des düsteren Geschehens wird verschwiegen: "Fotos von Leichenbergen verhungerter Sowjetsoldaten in Gefangenenlagern der Wehrmacht erinnern an die Millionen Opfer in der Sowjetunion. Die verschiedenen Formen der Kollaboration kommen zur Sprache, die meist von den Nazis inspirierten Pogrome der Lokalbevölkerung gegen ihre jüdischen Nachbarn, ebenso wie der Widerstand dagegen. Polen kommt in jedem der Ausstellungssäle vor." In einem Interview mit der Autorin betont Museumschef Paweł Machcewicz, dass das Überleben seines Hauses jetzt von einem Gericthsurteil abhängt - falls er unterliegt wird es einem noch nicht exisitierenden Kriegsmuseum untergeordnet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2017 - Geschichte

In Thessaloniki wird - mit Zuschuss der Bundesregierung - ein Holocaust-Museum gebaut, das das Ausmaß der deutschen Besatzung und der Ermordung griechischer Juden deutlich machen soll, berichtet Elisabeth Heinze auf Zeit online. Von den etwa 80.000 griechischen Juden hatten die Deutschen 90 Prozent umgebracht. Nach dem Krieg erinnerte man sich auch in Griechenland kaum an sie, so Heinze: "Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man in Griechenland an die Idee einer nationalen Identität an und definierte sich vor allem durch die christlich-orthodoxe Religion. Auch sollte nach dem Bürgerkrieg das Land geeinigt werden. Anschließend war der Holocaust lange Tabu, erzählt der Präsident der Jüdischen Gemeinde, David Saltiel: 'Die wenigen Rückkehrer haben nicht darüber gesprochen, was ihnen zugestoßen ist.' Durch die Grenzöffnungen in Albanien und die Einwanderung von Pontos-Griechen in den 90er Jahren gewöhnte man sich wieder an Heterogenität, meint die Historikerin Maria Kavala."

Weiteres: Besprochen wird eine Ausstellung im Jüdischen Museum München über "Jüdische Identitäten im Sport" (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2017 - Geschichte

In Europa und besonders in Frankreich leben immer noch eine ganze Menge "hohe Funktionäre" des Genozids an den Tutsi unbehelligt, obwohl sie von internationalen Behörden durchaus gesucht werden, schreiben Benjamin Abtan, Bernard Kouchner, Beate und Serge Klarsfeld in einem Artikel für Le Monde. Die katholische Kirche trage aktiv zur Vertuschung bei: "In manchen Fällen versteckt sie diese nicht reuigen Mörder, in anderen gibt sie ihnen den Titel des Priesters, vor allem in Pfarreien in der Provinz und auf dem Land. Dass diese 'hauts génocidaires' seit über zwanzig Jahren in Frankreich leben, ohne behelligt zu werden, ist kein Zufall: Die französische Armee schleuste sie aus Ruanda heraus und deckte ihre Flucht... Dies war einer der Höhepunkte der Kollaboration mit dem genozidären Regime von Ruanda, die von Repräsentanten der Linken wie der Rechten in höchsten Kreisen der französischen Politik vor dem Genozid begonnen und während und nach dem Genozid aufrechterhalten wurde."

Außerdem: In der NZZ berichtet Monika Bolliger über Ausgrabungen auf dem Gelände eines künftigen Parkhauses in Kairo, die eine riesige Pharaostatue zutage förderten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2017 - Geschichte

Nomarussia Bonase arbeitet in Südafrika mit Frauen, die unter der Apartheid sexualisierte Gewalt erlebt haben. Im taz-Interview mit  Johannes Drosdowski  spricht sie nicht so begeistert über die berühmten Versöhnungskommissionen in dem Land: "Die Täter sollten vorsprechen und um Vergebung bitten. Während dieser Zeit haben wir, als gewöhnliche, nicht privilegierte Überlebende der Apartheid, gedacht: Die wollen alle Täter sprechen. Was ist mit den Opfern? Warum wurden sie nicht gerufen? Diese Täter, wen bitten die denn um Vergebung? Nur die Leute im Parlament? Ist das Gerechtigkeit? Also wurde Khulumani gegründet. Khulumani, das heißt, 'frei seine Meinung sagen'. Wir müssen erst über uns selbst sprechen, um darüber reden zu können, was für die Versöhnung getan werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2017 - Geschichte

Eine diskriminierende Einwanderungspolitik, wie sie die Trump-Regierung anstrebt, ist beileibe nichts Neues, schreibt der Sozialhistoriker Hartmut Berghoff in der FAZ: "1924 untersagte der 'Immigration Act' jedwede Einwanderung aus Japan und anderen Teilen Asiens. Zugleich entstand das bis 1965 bestehende, von Johnson aufgehobene System, das die jährliche Zahl der Einwanderer aus einem bestimmten Land auf zwei Prozent der bis 1890 eingewanderten Landsleute begrenzte. Diese Quoten drosselten die Immigration allgemein und diskriminierten gezielt bestimmte unerwünschte Gruppen wie Süd- und Osteuropäer, Araber und Afrikaner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2017 - Geschichte

"Trotz ihrer Bigotterie, ihrer oft reaktionären Ansichten und ihrem regelrechten Hass auf Protestanten und Juden fühle ich mich ihrer Conditio als Frau sehr verbunden", sagt die französische Feministin Elisabeth Badinter im Interview mit der FR über die Habsburger Regentin, Ehefrau und Mutter von 16 Kindern, Maria Theresia von Österreich, der sie zum 300. Geburtstag eine Biografie gewidmet hat: "Sie führte ein Riesenreich in die Modernität. Sie erneuerte das spanische Hofzeremoniell, indem sie eine menschliche Nähe zu den Bürgern und Soldaten einführte. Und sie schaffte es, die Gunst des Volkes zu erlangen, indem sie sich als gute Mutter der Nation präsentierte. ... Dass Maria Theresia für alle drei Faktoren Gatte, Status und Kinder vollumfänglich aufkommen musste, auch wenn sich daraus ständig Widersprüche dazwischen ergaben, macht sie zu einer - und zwar damals einzigartigen - Frau der Moderne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2017 - Geschichte

(Via Kenan Malik) Shashi Tharoor, Autor des Buchs "An Era of Darkness" über Indien als britische Kolonie, beklagt in der International Business Times die anhaltende britische Weigerung, sich mit dem Kolonialismus auseinanderzusetzen: "Britannien hat lange an einer Art historischen Amnesie über Kolonialismus gelitten. Londoner blicken auf die Herrlichkeit ihrer Stadt ohne Idee über den Raub und die Plünderungen, mit der sie bezahlt ist. Viele Briten sind sich der Gräuel, die von ihren Vorfahren begangen wurden, nicht bewusst, und manche leben in der Illusion, dass ihr Empire eine Art Zivilisierungmission für die ignoranten Einwohner Indiens war."