9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1634 Presseschau-Absätze - Seite 120 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2017 - Geschichte

Vor 75 Jahren fand in Berlin die Wannsee-Konferenz statt, die sich mit der organisatorischen Umsetzung der Ermordung der europäischen Juden befasste. In der Zeit beschreibt der Historiker Peter Klein den Hergang. Und im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt der Historiker Peter Longerich, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, warum die Konferenz aus Sicht der Nazis notwendig war, obwohl die systematische Ermordung der Juden bereits begonnen hatte: "Es gab  15 Teilnehmer, Adolf Eichmann war Protokollant. Das Reichssicherheitshauptamt war dreifach vertreten. Außen-, Innen- und  Justizministerium sowie die Reichskanzlei waren dabei, ferner Abgesandte von zivilen Besatzungsbehörden und SS-Dienststellen. ... Das ist das Entscheidende des Protokolls, nämlich zu verstehen, dass der Holocaust ein arbeitsteiliges Verbrechen gewesen ist, das nicht nur von der SS, sondern auch mit der Unterstützung von zivilen Behörden durchgeführt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2017 - Geschichte

Roswitha Schieb reist für die NZZ ins Bieszczady-Gebirge im Südosten Polens, wo sich bis 1945 ukrainisch besiedelte Dörfer fanden, die in den Nachkriegskämpfen zerstört wurden: "Über zwei Jahre lang wüteten die Kämpfe zwischen Ukrainern und Polen in diesen Gebieten. Hier war der Zweite Weltkrieg erst im Herbst 1947 zu Ende. Durch die 'Aktion Weichsel' kam es dann zur erzwungenen Umsiedlung der seit Jahrhunderten in den Bieszczady angestammten Volksgruppen der Lemken und Bojken, die sich von der ukrainischen Landbevölkerung durch Trachten, Sitten und Gebräuche und durch ihre Sprache, eine Mischung aus Westukrainisch und Slowakisch, unterschieden. Dennoch galten sie sowohl für die polnische als auch für die ukrainische Seite als Ukrainer."

Außerdem: In der taz erinnert Klaus Hillenbrand an die Wannsee-Konferenz vor 75 Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2017 - Geschichte

In der SZ antwortet der Historiker Martin Schulze Wessel auf einen Text des Kollegen Jürgen Osterhammel über die Frage, warum Russland seine Ex-Kolonien wie die Ukraine nicht freigibt. Laut Osterhammel musste Russland einfach in zu kurzer Zeit zu viel Machtverlust einstecken. Schulze Wessel sieht das Problem eher darin, dass die russischen Kolonien anders als die britischen oder spanischen "nicht durch Ozeane von den imperialen Peripherien getrennt waren. Wo das Kernland endete und wo die koloniale Peripherie begann, war nicht einfach zu bestimmen und unterlag dem historischen Wandel. Durch Siedlung und Assimilation der nicht-russischen Ethnien konnte das Kernland in die Peripherien hineinwachsen. Die westeuropäischen Staaten hatten ein Imperium, Russland war ein Imperium."

In der NZZ liefert der Historiker Christoph Jahr eine kleine Geschichte des Begriffs "Schreibtischtäter".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2017 - Geschichte

Felix Ackermann berichet in der FAZ über eine bemerkenswerte Kooperation deutscher und weißrussischer Stellen, die die Ermordung von psychisch Kranken und von Juden in zwei Ausstellungen in Minsk dokumentieren. Unter anderem geht es um den Vernichtunsort Malyj Trostenez, wo Zehntausende Juden erschossen und verbrannt wurden - so dass fast keine Spur blieb: "Diese doppelte Geschichte der Vernichtung - des menschlichen Lebens und dann der Spuren des Mordes - ist auch ein Grund, warum Malyj Trostenez wie viele andere Massenerschießungsorte auf dem damaligen Gebiet der Sowjetunion in Deutschland fast unbekannt sind. Es sind Waldstücke, deren Geschichte der Vernichtung erst jetzt detailliert rekonstruiert wurde und wo es, wie in den großen Lagern der Aktion Reinhardt im Osten Polens, keine Überreste nationalsozialistischer Herrschaft gibt außer den charakteristischen Senkungen der Aschegruben, in denen die Überreste Tausender Menschen liegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2017 - Geschichte

Zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution unterhält sich Sonja Zekri in der SZ mit dem Philosophen Boris Groys, der das kommunistische Projekt allmählich an sein Ende kommen sieht: "Der Kommunismus hat die Welt weitgehend globalisiert, er war eine weltumspannende Bewegung. Die Ideologie der Globalisierung, der Internationalisierung ist also quasi kommunistisch. Sie kommt erst jetzt an ihr Ende. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump sind Zeichen dafür. Nach dem Ende der Sowjetunion haben wir einen extremen Nationalismus beobachtet, im Baltikum, in Polen, Ungarn, auch Jugoslawien. Jetzt kommt dieser Trend im Westen an. Der Westen reagierte früher mit dem globalisierten Antikommunismus, jetzt reagiert er mit verstärktem Nationalismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2017 - Geschichte

Nicht ein gutes Haar lässt der Historiker Jeremy Adler in der SZ an der "kritischen" Ausgabe von "Mein Kampf", die vor einem Jahr erschienen ist. Er will sie weder als kritische noch als bloß kommentierte Ausgabe gelten lassen und findet falsche Akzente bis ins Detail: "Die luxuriöse Aufmachung wirkt ebenso fragwürdig. Ein Historiker bezeichnete sie als 'skandalös', weil sie dem Text eine neue 'Aura' verleiht. Einer kuriosen Entscheidung zufolge hat man das Buch in feinem grauen Leinen gebunden, was an das Feldgrau des deutschen Militärs erinnert, und noch dazu mit braunen Lettern versehen, der Kennfarbe der Nazis. Dies beinhaltet eine Ästhetisierung des Faschismus, wie seinerzeit von Leni Riefenstahl und Albert Speer gehandhabt, und vor der Walter Benjamin so eindringlich gewarnt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2017 - Geschichte

Joel Whitney, Mitbegründer des superlinken Magazins Guernica, legt ein Buch über die kulturelle Einflussnahme der CIA im Kalten Krieg vor, das Patrick Iber in der New Republic bespricht. Er wolle "zeigen, dass die von manchen getroffene Unterscheidung zwischen einer 'guten, literarischen' CIA und einer 'bösen', die Linke auf der ganzen Welt drangsaliserte und Demokratie rund um den Globus unterminierte, künstlich sei. Whitneys Argument ist, dass die Regierung Kultur zur Waffe gemacht habe und Medien kompromittierte, die noch heute dazu dienten 'unsere Interventionen zu rechtfertigen'. Der Begriff 'Fink' (Informant, Spitzel), den er im Titel benutzt, impliziert schon, dass die Hauptpersonen des Buchs Komplizen der Verbrechen der Agentur seien." Whitneys Bête noire ist die Paris Review, über die er schon 2012 bei Slate einen Essay publizierte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2017 - Geschichte

Luther war ein echter Antisemit - und das nicht nur aus religiösen Gründen, da gibt es für Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann keinen Zweifel, wie er im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt: "In Luthers Tischreden finden sich Äußerungen wie: 'So wie die Elster das Rauben nicht lassen kann, so kann der Jude nicht davon absehen, Christen umzubringen.' Diese Vorstellungen, die mit biblischen Befunden nichts mehr zu tun haben und von einer geradezu naturhaften Andersartigkeit der Juden ausgehen, sind für mich vormoderne Formen dessen, was dann ab dem späten 18. Jahrhundert rassetheoretisch ausformuliert wurde. Die häufig aufgestellte Behauptung, der rassische Antisemitismus sei etwas völlig Neues, muss meines Erachtens korrigiert werden."
Stichwörter: Antisemitismus, Die Räuber

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2017 - Geschichte

Martin Luther war einfach virtuos darin, die neue Druckerpresse für die Verbreitung seiner Thesen zu nutzen. So dominierte er den Diskurs in der Öffentlichkeit, während seine Gegner alt aussahen, erzählt Hendrik Tieke in der FR: "Luthers Gegner unterschätzten die Wirkung der Druckerpresse zunächst völlig. In den ersten Jahren der Reformation verfassten sie nur wenige Flugschriften und Flugblätter. Stattdessen versuchten sie Luther auf althergebrachtem Wege zur Umkehr zu bewegen: durch theologische Dispute oder durch Vorladungen vor weltliche und geistliche Autoritäten. Solche Veranstaltungen fanden jedoch immer nur vor einem kleinen Publikum statt - und was die Öffentlichkeit davon erfuhr, bestimmte Luther."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2016 - Geschichte

Nach über 850 Jahren verschwindet die rumäniendeutsche Gemeinschaft in Siebenbürgen, berichtet Michaela Nowotnick in der NZZ. Der Hauptgrund dafür ist, dass die meisten nach der Wende nach Deutschland gezogen sind. Jetzt geht es nur noch darum, die Vergangenheit zu archivieren: "Der Prozess der Auflösung wird unter anderem von dem 80-jährigen Wolfgang Rehner begleitet, dem ehemaligen Stadtpfarrer von Hermannstadt. Im Ruhestand hat er begonnen, die in ihrem Umfang weltweit einmalige Bibliothek mit Büchern mit Bezug zu den Siebenbürger Sachsen, den sogenannten Transsilvanica, aufzubauen. Im Archivraum nebenan sitzt Monica Vlaicu, auch sie jenseits der 70, zwischen unzähligen Stapeln von Dokumenten, zwischen Stammbäumen, Briefen, Tagebüchern, Fotografien. Nachlässe von Pfarrern, Schriftstellern, Malern und Intellektuellen. Von Architekten und Privatsammlern. Und immer mehr auch Zeugnis der nahezu verschwundenen Alltagskultur."