9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2016 - Geschichte

So etwas wäre in Britannien undenkbar, klagt der Guardian in einem Editorial mit Blick auf die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum über den deutschen Kolonialismus, dabei war der Kolonialismus ein viel größerer und gewichtigerer Faktor in der britischen Geschichte als in der deutschen: "Über das britische Empire wird kaum in Schulen gelehrt. Ein geplantes Museum in Bristol zum Thema scheiterte 2012 in Bitterkeit. Und obwohl Britannien andere Museen hat - vom Britischen Museum abwärts mit einer Bandbreite ideenreicher historischer Ausstellungen -  gibt es kein offizielles Museum zur britischen Geschichte in der Art, wie Deutschland es im Herzen von Berlin unterstützt, ganz zu schweigen von einem Nationalmuseum, das hauptsächlich der imperialen Vergangenheit gewidmet ist."

Im Nachhinein findet Isolde Charim in der taz doch noch etwas Positives an den K-Gruppen, die in den sechziger bis achtziger unschuldige Studenten Jahren mit grauenhaften Flugblättern traktierten: "Die K-Gruppen haben die renitenten Bürgerkinder verändert. Sie haben deren Renitenz in eine Produktivkraft verwandelt. So haben oft die größten Linken die größten Karrieren gemacht. Die Funktion der K-Gruppen war also Renitenzbewirtschaftung. Anders gesagt - die K-Gruppen haben eine bürgerliche Linke erzeugt. Eine linke Theorie, eine linke Kultur, eine Politik - eine Linke, deren Träger renitente Bürgerkinder waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2016 - Geschichte

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial hat unter nkvd.memo.ru ein Verzeichnis mit Namen von 40 000 Mitarbeitern des NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, während der Jahre 1935 bis 1939 veröffentlicht, berichtet Ulrich M. Schmid in der NZZ. Schon warnen "Patrioten" vor einer Spaltung der Gesellschaft. Das Interesse an der Seite ist groß, aber auch nötig: "Die Apologie des Stalinismus findet in der russischen Bevölkerung immer mehr Rückhalt. In einer Umfrage vom November 2014 stimmten 52 Prozent der Befragten der Aussage zu, Stalin habe eine positive Rolle in der Geschichte gespielt."

In der Berliner Zeitung überlegt Götz Aly, was man für die Rückgabe der Handschriftenabteilung der Preußischen Staatsbibliothek anbieten könnte, die die Polen im Zweiten Weltkrieg in Schlesien einkassierten. Fündig wird er im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald: "Die beachtliche Bildergalerie enthält dutzende Gemälde, die aus dem früheren Städtischen Museum von Stettin stammen: einen van Gogh, einen Liebermann, einen Caspar David Friedrich, herrliche Stadtansichten usw. Im Untergeschoss findet sich zum Beispiel der 1,8 Kilogramm schwere, kunstvoll gestaltete Goldring aus Peterfitz, der einst das Stadtmuseum von Kolberg - heute Kołobrzeg - zierte und in der Zeit der Völkerwanderung um 550 n. Chr. geschaffen wurde. Die gesamte Ausstellung und wohl auch die Magazine sind voll von Objekten, die historisch nicht nach Greifswald, sondern in die ehemaligen deutschen Ostprovinzen, jetzt eben polnischen Woiwodschaften, gehören. Warum geben wir sie nicht an ihre geschichtlichen Orte zurück?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2016 - Geschichte

David Gakunzi setzt auf La Règle du Jeu seine Serie über die Rolle Frankreichs beim Genozid in Ruanda fort. Und da ist vor allem die "Opération Noroît", mit der Frankreich den ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana unterstützte: "Ein umstrittener Tyrann, der vor einer bewaffneten Rebellion steht, ein Tyrann ohne Zukunft, ohne Kraft, kurz vor dem Fall - und wir galoppieren mit  bérets rouges und Legionären, mit Helikoptern, Panzern und geladenen Gewehren heran, so wie man einem Freund in Not zur Seite tritt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2016 - Geschichte

In der NZZ stellt der Slawist Felix Philipp Ingold das Moskauer Forschungsinstitut unter der Leitung des Mathematikers Anatoli Fomenko vor, das die russische Desinformationsstrategie auf den Bereich einer alternativen Geschichtsschreibung ausweitet. Dessen Erkenntnisse - etwa, dass Jesus auf der Krim geboren wurde - wären witzig, würde sich nicht etwa Putin mit seinem Machtanspruch auf die Krim auf sie berufen: "Fomenko glaubt aufgrund seiner mathematischen und astronomischen Berechnungen die Lebensdaten des Heilands exakt mit 1053 bis 1086 angeben zu können (wodurch zumindest das überlieferte Sterbealter Jesu, 33 Jahre, bestätigt wäre)... Die diesbezüglichen fomenkistischen Erwägungen und Behauptungen laufen darauf hinaus, den Begründer des Christentums als historische Gestalt dem heiligen Russland zuzuordnen. Die 'neue Chronologie' versetzt auch zahlreiche andere biblische Gestalten sowie Landschaften und Legenden in den 'russländischen' Kulturraum − sie seien in alten byzantinoslawischen Schrift-, Bild- und Bauwerken unzweifelhaft, wenn auch stark verfremdet wiederzuerkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2016 - Geschichte

Die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor wendet sich im Gespräch mit Anne-Catherine Simon von der Presse gegen eine Selbstfdefinition über den Opferstatus und eckt damit auch bei vielen Juden an. Wer nicht vergebe und auf die Reue der Täter warte, gebe den Tätern nur ein weiteres Mal Macht, sagt sie: "Auch Hitler und Himmler und Mengele, allen habe ich vergeben. Sich damit zu beschäftigen, wer mir was angetan hat, wird zu einer Buchhaltung, die eine gefährliche Falle für die Opfer ist. Es ist ein endloser Teufelskreis, ein Terrain, auf dem man nie gewinnen kann. Ich habe aber nur ein Leben, und das möchte ich so gut wie möglich leben!"

Für die NZZ besucht Judith Leister das Sudetendeutsche Museum in München, in dessen Wissenschaftlichen Beirat auch die tschechische und jüdische Seite vertreten war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2016 - Geschichte

In der NZZ schreibt der Historiker Gerd Koenen zum späten Tod des kubanischen Patriarchen, in dessen überspannter Politik sich stets echte Überzeugungen mit narzisstischem Größenwahn verbanden: "Über drei Jahrzehnte hat Fidel Castro die Rolle eines Befreiers des Kontinents, und mehr noch: eines globalen Antagonisten 'des Imperiums', zu spielen versucht - eine Option, die er in der Kubakrise 1962 bis an den Rand der atomaren Selbstauslöschung durchzuspielen bereit war. Kubanische 'Internationalisten' (Geheimdienstler; Parteikader oder Militärs) operierten konspirativ in zwei Dutzend Ländern der Welt. In den afrikanischen Kriegen der siebziger und achtziger Jahre, von Angola bis Äthiopien, haben rund 400.000 reguläre kubanische Soldaten gekämpft, von denen mindestens zehntausend gefallen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2016 - Geschichte

"Eine Revolution ist kein Rosenbett": Fidel Castro, charismatischer Revolutionsführer und starrsinniger Autokrat, der über Kuba mehr als fünfzig Jahre herrschte, ist tot. Die New York Times weiß ihn in ihrem Nachruf als Amerikas hartnäckigsten Plagegeist zu würdigen: "Am Freitag starb Fidel Castro, der feurige Apostel der Revolution, der 1959 den Kalten Krieg in die westliche Hemisphäre trug, ein halbes Jahrhundert lang den USA trotzte, elf amerikanische Präsidenten plagte und zwischenzeitlich die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte." Der frühere Korrespondent Richard Eder erinnert sich in einem Video an seinen Besuch bei Castro 1964.

Bereits zu seinem neunzigsten Geburtstag im August  schrieb Jon Lee Anderson im New Yorker auf Castros Langlebigkeit, die ihn auch die zahllosen Attentatsversuche der CIA und die Invasion in der Schweinebucht überstehen ließ.

Der Guardian hat schon ein Dossier zu ihm zusammengestellt und alle ikonischen Bilder der Revolutionszeit aus dem Archiv geholt. Außerdem verlinkt er auf Raùl Castros Auftritt im kubanischen Fernsehen. Eine große Bilderstrecke bringt auch Slate.fr.

Libération kommentiert Castros Tod schon sehr nüchtern:


 

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Als "eine Art Erlösung" begrüßt Andreas Kilb die Berufung des Historikers Raphael Gross zum neuen Direktor des Deutschen Historischen Museums, das unter der unglückseligen Ägide des Vorgängers Alexander Koch in eine existenzielle Krise geraten war: "Das Personal des Hauses spaltete sich in Gegner und Anhänger des Direktors. Ein aufwendig erarbeitetes 'Leitbild' schlug falsche nationale Töne an. Der Ausstellungsbetrieb degenerierte zusehends, bis hin zu einer Schau über das Kriegsende 1945, in der die Geschichten von Tätern vor die ihrer Opfer rückten."  In der SZ setzt Franziska Augstein ihre Hoffnungen auf den neuen Mann, der bis 2015 das Jüdische Museum in Frankfurt leitete: "Der neue Direktor ist ein zurückhaltender Mann. Ungern gibt er Interviews. Soll heißen: Er macht es nur, wenn er es für absolut nötig hält. Derzeit meint er: Erst mal muss man zeigen, was man kann; dann darf man sich für Komplimente oder Kritik bedanken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2016 - Geschichte

SZ-Reporter Julian Hans erlebt in Moskau, wie dort gerade russische Geschichte gemacht wird: "Unter dem Schriftzug 'Russland - meine Geschichte' neigen die Besucher ihre Häupter und küssen das Heiligenbild. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ist die Stunde null, damit beginnt die Ausstellung. Gemeinsam wurde Hitlerdeutschland besiegt, aber was tun die vermeintlichen Verbündeten aus dem Westen? Sie schließen sich zusammen, um die Sowjetunion zu vernichten! Auf einem großen Bildschirm steigen Atompilze auf. Daneben sind 'Pläne zur Bombardierung der UdSSR mit Atomwaffen' aufgeführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2016 - Geschichte

Nicht nur China und Russland kehren zu einer Verklärung des Nationalstaats zurück, sondern auch der Westen, stellt der Historiker Jörg Himmelreich in der NZZ fest. Dafür muss sich die Politik allerdings die Geschichte ganz schön zurechtbiegen: "In dieser für den Einzelnen so unübersichtlich gewordenen Welt von heute stiftet die ideologische Rückbesinnung auf eine vermeintlich geordnete Nation der Vergangenheit neue Orientierung und verlorenen Sinn. Daraus wächst eine neue Form der politisch ideologisierten Geschichte. Daher die allseits propagierte Rückkehr zum geordneten Nationalstaat. Jetzt schreibt die Politik die Geschichte um."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2016 - Geschichte

Im politischen Teil der FAZ erinnert Adam Krzeminski an die "Zweikaisererklärung" vom 5. November 1916, in der der deutsche und der österreichische Kaiser eine Wiederauferstehung Polens durch ihre kaiserlichen Gnaden annoncierten - es sollte allerdings auf "Russisch-Polen" beschränkt bleiben: "Dennoch lösten sie eine Kettenreaktion aus, die in den nächsten hundert Jahren die europäische Geschichte dramatisch prägte."

Das war denn auch fast die letzte Amtshandlung Kaiser Franz Josephs I., der vor hundert Jahren gestorben ist. In der FAZ erinnern der Osteuropahistoriker Arnold Suppan und Stephan Löwenstein (im politischen Teil) an das Ereignis.