9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2015 - Geschichte

Timothy Snyder ist mit seinem neuen Buch "Black Earth" recht präsent in diesen Tagen. Im Interview mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung kritisiert er die Provinzialität deutscher Historiker, die internationale Aspekte des Holocaust viel zu wenig wahrgenommen hätten: "Die Frage, inwieweit die Sowjetunion die Bedingungen geschaffen hatte, die zum Holocaust führten, wurde zu einem Tabu. Etwa die Hälfte des Holocaust geschah aber auf sowjetischem Territorium. Praktisch alle Kollaborateure, die Waffen tragen durften, waren Sowjetbürger... Ich sage nicht, dass Josef Stalin oder die Sowjetunion schuld waren, aber ich sage, dass sie ein wichtiger Teil des Kontexts sind. Der Holocaust begann nicht 1933 oder 1939, sondern 1941, als die Deutschen in der Sowjetunion einfielen."

Außerdem: In der Welt berichtet Dankwart Guratz über eine Historikertagung, die sich mit historisierenden Stadtrekonstruktionen in Polen und Deutschland befasste.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2015 - Geschichte

Der Holocaust und andere Genozide sind stets vor dem Hintergrund von Ernährungskrisen und zusammenbrechenden Staaten geschehen, meint Timothy Snyder im Gespräch über sein neues Buch "Black Earth" mit der Welt am Sonntag: "Der Massenmord in Ruanda ereignete sich während eines Bürgerkriegs, ein Jahr nach einer Erntekrise. Die Massentötungen im Südsudan fanden nach einer Dürre statt. Der gegenwärtige Völkermord an den Jesiden in Syrien tritt nach vier aufeinanderfolgenden Jahren von Missernten, der Zerstörung des irakischen Staats und dem Zusammenbruch des syrischen Staats auf. Ich sage nicht, dass sich der Holocaust genauso wiederholen könnte, weil bestimmte Vorbedingungen für ihn auch heute gültig sind. Aber es gibt bestimmte gefährliche Tendenzen, die wir besser und früher wahrnehmen können, wenn wir den Holocaust genauer und breiter interpretieren."

Auch in Frankreich wird über die Publikation von Hitlers Buch "Mein Kampf" gestritten, dessen Urheberrechte Endes des Jahres auslaufen. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon hat sich in einem offenen Brief an den Verlag Fayard gewandt, mit der Aufforderung, die Publikation zu unterlassen. In Libération antwortet der Historiker Christian Ingrao, dass die Veröffentlichung des "erbärmlichen Pamphlets" sich gerade" an Leser wie Sie wenden sollte, um sie zu überzeugen, Hitler nicht mehr zu pathologisieren und dämonisieren und schlicht in historischen und politischen Begriffen über ihn nachzudenken. Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Lektüre von 'Mein Kampf', jeden, der zufällig darüber stolpert, zum Nazi macht. Das ist ein Buch, das nur Bekehrte überzeugen kann."

Michi Strausfeld, die große Entdeckerin der lateinamerikanischen Literatur bei Suhrkamp, unternimmt in der NZZ eine Tour d'horizon der lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen: "Insgesamt sind die Erwartungen der Lateinamerikaner an Europa sehr bescheiden geworden. Aber könnte man nicht die Gemeinsamkeiten der Kulturen vertiefen? Laut Octavio Paz gehört Lateinamerika zu Europa, das gilt unverändert. Es gibt eine kulturelle Kontinuität, die man stärken kann. Und dies gelingt am besten durch das Gespräch mit den Intellektuellen und mithilfe der Literatur, denn darauf ist der Kontinent stolz: für sie das beste Indiz dafür, was Lateinamerika politisch und ökonomisch einmal erreichen kann."

Der Historiker Jon Mathieu stellt in der NZZ eine 500-seitige Geschichte der Berg-Geografie vor, die der Pfarrer Hans Rudolph Rebmann 1606 unter dem Titel "Poetisch Gastmal und Gespräch zweyer alter Bergen" veröffentlichte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2015 - Geschichte

"Europa ist und war ein Einwanderungsland", schreibt Raoul Schrott in einem wunderschön mäandernden Text über Migration in der Welt: Vor 9000 Jahren brauchten uns Bauern aus Nordsyrien den Ackerbau. Und "vor 4500 Jahren wiederum immigrierten nomadische Viehhirten aus den kasachischen Steppen, die sich zu 75 Prozent mit den norddeutschen Schnurkeramikern und den zentraleuropäischen Glockenbecherleuten vermischten und bis nach Griechenland zogen. Ihre ebenfalls indoeuropäische Sprache setzte sich in unseren Breiten durch; sie brachten uns das Rad, Wagen und Reitpferde; ihren Genen haben wir es zu verdanken, dass wir schließlich ganz weißhäutig wurden und die meisten von uns auch im Erwachsenenalter Milch verdauen können."

In der NZZ erklärt Stefan Rebenich die historischen Erkenntnismöglichkeiten, die uns die Papyrologie eröffnet. Und man kann immer noch was finden! "Welche literaturgeschichtlichen Impulse könnten von neuen Fragmenten der griechischen Tragödien- und Komödiendichter ausgehen! Was gäben wir darum, wenn wir in der ursprünglichen Sammlung von 158 Verfassungen, die Aristoteles als Fundament für weitere politikwissenschaftliche und verfassungstheoretische Untersuchungen anlegen ließ, weitere umfangreiche Papyrusreste fänden!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2015 - Geschichte

In der Nähe von Hannover sind Archäologen auf ein riesiges Römerlager aus der Zeit um Christi Geburt gestößen, das "durchaus eine Schlüsselrolle bei der Rekonstruktion der römischen Logistik in Germanien einnehmen" könnte, meldet Berthold Seewald in der Welt: "Mindestens 20.000 Soldaten, etwa drei kriegsstarke Legionen samt Tross, dürften hier einige Tage gerastet haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2015 - Geschichte

Michael Freund interviewt im Standard Timothy Snyder, der in seinem neuen Buch "Blackearth" wieder auf die dunklen Verstrickungen zwischen den Tolitarismen zu sprechen kommt: "Was den Komplex Nationalsozialismus und Kommunismus angeht: Da gibt es große Tabus, weil wir die beiden gerne ideologisch auseinanderhalten wollen. Aber der Punkt ist: Als die Nazis (ab 1941) in die Republiken der Sowjetunion mit der Aufgabe einfielen, die Juden umzubringen, kamen sie in sowjetisierte Gesellschaften. Und da können wir Einiges einfach nicht ignorieren; etwa, dass der Holocaust begann, wo es vorher die Sowjetmacht gab. Im Grunde waren alle Kollaborateure, die Waffen trugen, sowjetische Bürger. Wir sprechen von Ukrainern, Letten etc., doch was die gemeinsam hatten, war ihre sowjetische Staatsbürgerschaft."

Außerdem: In der Welt unterhält sich Thomas Kielinger mit dem Bestseller-Autor Robert Harris, der eine Trilogie über Cicero abschließt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2015 - Geschichte

Akten, die von der Obama-Regierung freigegeben wurden, beweisen, dass ein chilenischer Politiker in seinem Washingtoner Exil 1976 auf Weisung von Augusto Pinochet himself ermordet wurde, berichtet Jonathan Franklin im Guardian: "Orlando Letelier, früherer Verteidigungs- und Außenminister unter Präsident Salvador Allende, wurde nach dem Putsch von 1973 ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Später floh er in die Vereinigten Staaten und arbeitet im Institute of Policy Studies in Washington DC. Letelier, der auch Botschafter Chiles in den USA gewesen war, wurde am 21. September 1976 durch eine Bombe unter dem Sitz seines Auos umgebracht. Eine amerikanische Kollegin, Ronni Moffitt, wurde bei der Explosion ebenfalls getötet. Ihr Ehemann Michael überlebte schwer verletzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2015 - Geschichte

Arno Widmann erinnert in der FR an die Aufnahme der aus Frankreich fliehenden Hugenotten, die selbst dem lutherischen Magistrat in Frankfurt mehr als unwillkommen waren: "Als reformierte Christen mussten sie eine zusätzliche Steuer zahlen. Sie durften in der Stadt nicht nur keine Kirche haben. Sie durften nicht einmal Gottesdienste abhalten. Als der Magistrat dann noch versuchte, einige der reicheren Zugezogenen zu zwingen, Frankfurter Bürgertöchter zu ehelichen, wichen viele ins freundliche, aber kommerziell natürlich nicht so interessante Neu-Hanau aus... Wer diese und die späteren Hugenottenansiedlungen betrachtet, dem ist bald klar, dass die entsprechenden Verordnungen zwar Toleranzedikte heißen. Dass es in Wahrheit aber um Einrichtungen ging, die mehr mit der chinesischen Wirtschaftssonderzonen der letzten dreißig Jahre zu tun haben, als mit irgendetwas, was wir uns unter einem Toleranzedikt vorstellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2015 - Geschichte

Peter Payer schreibt in der NZZ zum 161. Geburtstag der ältesten Gebirgsbahn der Welt, der 1854 eröffneten Semmeringbahn. Visuell-ästhetisch wurde sie oft gewürdigt, meint er. "Dass ihre akustischen und olfaktorischen Emanationen von Beginn an eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielten, ist uns heute nur selten bewusst. Doch wie prägten Geräusche und Gerüche die Rezeption der Verkehrsstrecke? Wie wirkten sie auf symbolischer Ebene mit bei der Mythisierung der Semmeringbahn als nationale Ikone von Österreich?" (Bild: Payerbach-Viadukt der Semmeringbahn in Niederösterreich um 1875. Foto: Michael Frankenstein, Wikipedia)

Und Sven Felix Kellerhoff besucht für die Welt das Spy Museum in Berlin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2015 - Geschichte

Annegret Held erzählt in der taz die wilde Geschichte eine Vorfahrin aus Westfalen, die so arm war, dass es sie nach England verschlug: "Die Drehleiermädchen in ihren geschnürten Leibchen, mit ihren "Rhinelander"-Tänzen und dem zarten Ruch von Verwahrlosung erweckten offenbar auf allen Jahrmärkten ähnliche Begehrlichkeiten und riefen gewiefte Mädchenhändler auf den Plan. Der Übergang zur Prostitution war fließend. Man nannte die Mädchen frei nach ihrem Instrument "Hurdy-Gurdy-Girls" und ließ sie in den Londoner Hafenkneipen als Attraktion des Abends tanzen: "German Hurdy-Gurdy-Girls are coming to town!""
Stichwörter: Prostitution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2015 - Geschichte


Titelblätter der Publikationen "Im fremden Land", Gedichte von Mates Olitski, Eschwege 1947, "In heldischn Gerangl", Sammelband zum Aufstand im Warschauer Ghetto, New York 1949, sowie "Zurik zum Lebn" von Malke Kelerich, München 1948. Abbildungen: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz.


Sieglinde Geisel besucht für die NZZ die Ausstellung "Im fremden Land" im Jüdischen Museum Berlin. Sie zeigt Veröffentlichungen aus den Lagern der Displaced Persons, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gründung Israels 250.000 überlebende Juden lebten: "Seit 2009 sammelt die Staatsbibliothek Berlin diese Hefte, Zeitschriften und Bücher der jüdischen Displaced Persons. Schon durch die Sprache erinnern die Schriften an das, was Europa verloren hat: Publiziert wurde auf Jiddisch, die Muttersprache des europäischen Judentums, oder auf Hebräisch, die Muttersprache der Zukunft, denn unter den jüdischen DP war der Zionismus die vorherrschende Ideologie. Jiddische Druckereien gab es in Deutschland keine mehr, hebräische Lettern mussten aus Palästina beschafft werden."

In der taz berichtet Klaus Hillenbrand über die Ausstellung.