9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2015 - Geschichte

Andreas Fanizadeh unterhält sich in der taz mit dem schottischen Kunsthistoriker Neil Macgregor über deutsche Geschichte, deren Rätselcharakter für ihn im Begriffspaar Weimar-Buchenwald zu fokussieren ist: "Im Eingangstor findet sich die in ihrer Typografie an das Bauhaus angelehnte Inschrift "Jedem das Seine". Wie war das möglich? Ich glaube, bisher hat darauf niemand eine befriedigende Antwort. Die drei Aspekte - Aufklärung, Moderne, Faschismus - gehören für mich zur gleichen Geschichte, auch wenn sie völlig inkompatibel erscheinen. Aber, ich würde behaupten, dass es ähnliche Rätsel, nur in kleinerem Maßstab für die anderen europäischen Nationen gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2015 - Geschichte

Warum nur hat die ukrainische Regierung "Dekommunisierungsgesetze" erlassen, die eine nationalistische Geschichtsversion etablieren sollen, fragt sich entsetzt Ulrich M. Schmid in der NZZ. Sicher, man will sich von Putins Russland abgrenzen. Aber so? Den neuen Gesetzen "liegt ein antiquiertes Geschichtsverständnis zugrunde, das von einer "objektiven" historischen Wahrheit ausgeht. Außerdem setzen sie den Sowjetkommunismus und den Nationalsozialismus im Konzept des Totalitarismus gleich und fallen damit auf den Stand der Geschichtswissenschaft der fünfziger Jahre zurück. In der Ukraine fehlt eine Grundsatzdiskussion, ob der Staat sich überhaupt in die historische Forschung einmischen soll. [...] Gerade in der gegenwärtigen Situation ist es gefährlich, eine nationalistische Geschichtsversion zur einzigen Wahrheit zu erklären."

Weiteres: In der NZZ stellt Markus Bauer neue Studien über Vlad III. vor, Vorbild für Bram Stokers Graf Drakula und Rebell gegen die Osmanen, denen er den Tribut verweigerte. Und Christoph Jahr bespricht eine Studie des in Yale lehrenden britischen Historikers Adam Tooze über die globale Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2015 - Geschichte

Heute erscheint in Amerika Timothy Snyders neues Buch "Black Earth", das neues Licht auf die Ursachen des Holocaust werfen will und eine größere Geschichtsdebatte auslösen könnte. Jennifer Schuessler zitiert in der New York Times erste Reaktionen. Kritisiert wird vor allem, dass Snyder den Antisemitismus und die Kollaboration in den osteuopäischen Ländern herunterspiele: "In The National Interest schreibt der Historiker David A. Bell, dass Snyder Versuche nicht kommunistischer Polen, den Juden zu helfen, hervorhebt, während er ohne große empirische Basis behauptet, dass jene Osteuropäer, die beim Holocaust kollaborierten, oft ehemalige Kommunisten gewesen seien, die Kritik an ihrem Verhalten auf die Juden abschieben wollten. Als Ergebnis konstatiert Bell in einem Interview ein "seltsames Ungleichgewicht". "Es gibt immer wieder einen starken Fokus auf ehemalige Kommunisten und Taten der Sowjetunion, die in der Tat schrecklich waren. "Aber dennoch wurden die überlebenden Juden am Ende von der Roten Armee befreit.""

Götz Aly erinnert in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung an den Hilfsverein der Deutschen Juden, der im "Auswandersaal" des Berliner Ostbahnhofs ankommenden Juden aus Osteuropa half: "Sobald ein Einwandererzug avisiert wurde, nahmen die Angestellten des Hilfsvereins die Neuankömmlinge in Empfang: "Für die ärztliche Behandlung sorgt man nach Kräften, und vor allem müssen von den Emigranten schädliche Elemente ferngehalten werden. Nicht umsonst ist der Schlesische Bahnhof Hauptarbeitsgebiet der Fledderer." Nicht selten fehlten "den Armen und Bedrückten", die die Heimat verlassen hatten, "um draußen in der Welt nach einem unsicheren Glück zu jagen", gültige Papiere, nicht selten hatten ihnen Betrüger gefälschte Schiffsfahrkarten angedreht - um all das kümmerten sich die Leute vom Hilfsverein."

Im chinesischen Dandong unterhält sich der Historiker Sören Urbansky für die NZZ mit einem chinesischen Veteranen, Wang Likun, über den Koreakrieg. Während die offizielle Gedenkstätte den Einsatz chinesischer Soldaten zu einem heroischen Akt der Solidarität mit dem in Not geratenen Nachbarstaat stilisiert, erzählt Wang Likun eine andere Geschichte: "Insgesamt forderte der Koreakrieg mehr als drei Millionen Menschenleben, darunter Hunderttausende chinesische "Freiwillige". Anying, Maos ältester Sohn, war einer von ihnen. "Wer weiß schon, wie viele es genau waren?", fragt der alte Wang. Die meisten der chinesischen Soldaten seien jedenfalls Bauern gewesen. "Viele kamen aus dem Süden, aus Sichuan." Er deutet an, dass ihr Kampfeinsatz nicht immer so freiwillig gewesen sein kann. Wer ziehe schon von heute auf morgen in einen Krieg, der Tausende Kilometer fern der Heimat tobt?"

Der Krieg im Jemen fordert einen hohen Tribut, schreibt die Archäologin Iris Gerlach in der NZZ. Tausende von Toten, 1,4 Millionen Vertriebene und die Zerstörung einzigartiger Kunstschätze, von denen der Jemen voll ist. "Jemen verliert bei diesem Krieg Teile seiner eigenen kulturellen Identität, Symbole und Träger eines gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses gehen für immer verloren. ... Notwendig ist eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit über diese auch in Jemen täglich stattfindenden Zerstörungen, blickte man doch bisher fassungslos vor allem in Richtung Irak und Syrien."

Außerdem: In der SZ kommt der Historiker Fabian Hilfrich auf die "politischen Entscheidungen, die Amerika in den Vietnamkrieg trieben", zurück. In Politico.eu erinnert Aykan Erdemir an die Pogrome gegen die griechisch-orthodoxe Minderheit in Istanbul vor siebzig Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2015 - Geschichte

Im Guardian fordert der Historiker William Dalrymple die Briten auf, sich mehr mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und das sollte bitte in der Schule anfangen: "Meine Kinder haben im Geschichtsunterricht die Tudors und die Nazis rauf und runter durchgenommen, aber niemals einen Hauch indischer oder karibischer Geschichte. Das bedeutet, dass sie, wie die meisten Menschen, die das britische Erziehungssystem durchlaufen, überhaupt nicht darauf vorbereitet sind, entweder das Gute oder das Schlechte zu beurteilen, das wir dem Rest der Welt angetan haben." Bis heute morgen hatte der Artikel 2224 Kommentare und erstaunlich viele lesen sich wie dieser: "Alle Länder haben eine brutale Vergangenheit, wenn man nur weit genug zurückschaut. Die einzigen, die wollen, dass die Briten zurückschauen und sich entschuldigen, sind die, die Geld von uns wollen."



Minoisches Fresko Kreta von Agon S. Buchholz (asb) (Minolta Dimage 7 Hi). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Hansgeorg Hermann besucht für die FAZ das wiedereröffnete Museum der rätselhaften minoischen Hochkultur auf Kreta und erinnert an den Stuttgarter Geologieprofessor Hans Georg Wunderlich, der die Palastanlagen im heutigen Herkleion als Nekropole deutete - eine These, die im neuen Museum nicht erwähnt wird: "Wunderlich, der die bisher einzig vollständige, bis ins Detail zu Ende gedachte und mit Indizien untermauerte These zur Entstehung und vor allem zum angeblich "plötzlichen" Verschwinden der kretischen Hochkultur geliefert hat, gilt als widerlegt. Dies wohl hauptsächlich deswegen, weil er 1974 im Alter von nur 46 Jahren verstarb und seine Forschungsergebnisse nicht mehr verteidigen oder fortschreiben konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2015 - Geschichte

"Wer so spricht wie der Herr Bundesverteidigungsminister, der schießt auch" - dieser Ausspruch des FDP-Abgeordneten Reinhold Maier, geäußert bei einer Bundestagssitzung im Jahr 1958 über die Rolle der Bundeswehr in der Nato, hat die Wahrnehmung von Franz Josef Strauß nachhaltig geprägt. In der FAZ stellt Patrick Bahners das Zitat in seinen Kontext und rehabilitiert den morgen vor hundert Jahren geborenen, für seine "Wortgewalt" berüchtigten Strauß: "Die Rede des Verteidigungsministers war eine geradezu akademisch gründliche Entfaltung der Prinzipien der Abschreckungsdoktrin im Lichte der doppelten Katastrophe der deutschen Außenpolitik im zwanzigsten Jahrhundert. Wenn einige Antworten von Strauß auf Zwischenrufe Assoziationen des Schützenkönigtums weckten, lag das daran, dass es Treffer waren: "Sie machen eine Aktion gegen den Atomtod - ja, glauben Sie, dass wir eine dafür machen?""

Auf Zeit online erinnert Claudia Roth an Strauß: "Er war sicher kein Schleimer oder Opportunist, auch wenn wir heute relativ sicher wissen, dass er viel Schmierstoff gebraucht hat, um seine Netzwerke am Laufen zu halten. Die Frage ist, ob ein Politiker, ein Charakter wie Strauß in der heutigen Mediendemokratie noch erfolgreich funktionieren würde. Vermutlich nicht. Schon damals galt er vielen - mich eingeschlossen - als blanke Zumutung. In der heutigen, oftmals glatt geschliffenen öffentlichen Auseinandersetzung wäre er wohl endgültig nicht mehr wettbewerbsfähig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2015 - Geschichte

Marco Jorio berichtet in der NZZ über den gerade zu Ende gegangenen Weltkongress der Historiker - in der chinesischen Metropole Jinan. Damit sollte das "Ende des Eurozentrismus" in der Historikerschaft eingeläutet werden, so Jorio. Auch die unterschiedlichen Erwartungen an die Geschichtswissenschaften wurden deutlich: "Während die Präsidentin des CISH, die Finnin Marjatta Hietala, nach der "Nützlichkeit" historischer Forschung fragte, machten die chinesischen Offiziellen, Historiker wie Nichthistoriker, deutlich, dass für sie Geschichte eine angewandte Wissenschaft sei, die in der ökonomischen Aufholjagd Chinas eine zentrale Rolle spiele. Es gehe darum, von den historischen Erfahrungen anderer Länder zu profitieren, um den Entwicklungsprozess ohne Zeitverlust voranzutreiben."

Chinas Kommunisten wollen die Geschichte aber nicht nur für die Zukunft deuten, sie wollen die Vergangenheit umschreiben, erklärt in der SZ Kai Strittmatter anlässlich der großen Militärparade in Peking zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Asien: ""Die Geschichte zu vergessen, ist Verrat", sagte Parteichef Xi gerade wieder einmal. Das ist interessant, weil seine KP das Ausradieren und Umschreiben der Geschichte zu einem zentralen Mechanismus ihrer Herrschaft gemacht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2015 - Geschichte

Endlich würdigt mal jemand die Frauen des Hauses Preußen, freut sich in der Welt Tilman Krause anlässliche einer Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg: "Denn auch Frauen haben Preußen gebaut. Nicht nur durch den territorialen Zuwachs, den sie oft genug als Mitgift oder Anwärterschaft in die Ehe brachten ... Die Frauen haben, etwa in Gestalt von Katharina von Brandenburg-Küstrin oder Sophie Charlotte von Hannover, beispielsweise die medizinische Forschung, die Wissenschaften und die Oper nach Berlin geholt. Sie wurden auch lange Zeit durchaus in Ehren gehalten. Erst mit dem ausgestellten Machismo des "Soldatenkönigs", der sich so kurios im homosexuell begründeten "Weiberhass" seines Sohnes Friedrich fortsetzte, zog jene Frauenfeindlichkeit in Preußen ein, die einzig von der Lichtgestalt der Königin Luise überwunden wurde." (Bild: Kronprinzessin Cecilie von Preußen, offizielles Porträt von Philip Alexius de László aus dem Jahre 1908)

Außerdem: Stefan Rebenich bespricht in der NZZ eine Geschichte Roms des britischen Althistorikers Greg Woolf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2015 - Geschichte

Adolf Hitler war nach innen ein beliebter Sozialpolitiker, erinnert Götz Aly in der Berliner Zeitung. Er führte heute noch geltende Regelungen wie die Abgabenfreiheit der Sonntagsarbeit und die Krankenversicherung für Rentner ein. "Als der Angriff gegen die Sowjetunion im Herbst 1941 zum Erliegen kam, meckerten die Alten: "Zweifrontenkrieg, Hunger, Niederlage. So wird es kommen!" Hat Hitler diese Nörgler ins KZ gesteckt? Nein. Er erhöhte die Renten mit einem Schlag um 15 Prozent! Und das, ohne die aktiv Werktätigen zu belasten. Die Kosten trugen die Zwangsarbeiter, für sie hatten die Unternehmen doppelte Sozialabgaben abzuführen."

Außerdem: In der Welt schreibt Hans Pleschinski ein nicht unbedingt vorteilhaftes Porträt des seit 300 Jahren toten Ludwigs XIV., der sich eine der größten Dummheiten des letzten Jahrtausends, die Widerrufung des Edikts von Nantes, hat zuschulden kommen lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2015 - Geschichte

Peter Brugger erzählt in der FAZ, wie das Elsass vor etwas mehr als 300 Jahren an Frankreich fiel. Im politischen Teil der FAZ erinnert Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin an die heuchlerische Ausländerpolitik der DDR, wo es schon vor dem Mauerfall eine aktive rechtsextreme Szene gab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2015 - Geschichte

Ungarische Forscher glauben, das Grab des türkischen Sultans Süleyman der Prächtige gefunden zu haben, berichtet Boris Kálnoky in der Welt. Süleyman starb 1566 bei der Belagerung der Burg von Szigetvár in Südungarn und wurde auch dort beerdigt: "Nun muss nur noch gegraben werden. Am 1. September soll es losgehen. Dabei lebt bei aller Freundschaft zwischen Ungarn und Türken deren altes Ringen um Geltung in Szigetvár wieder auf. Es war die Türkei, die das schon seit 2013 laufende Süleyman-Projekt finanziell ermöglichte. Damit gingen aber genaue Vorstellungen einher: Ankara wollte eine Moschee, von den Osmanen in der alten Festung errichtet, nicht nur restaurieren, sondern mit einem neuen, 24 Meter hohen Minarett versehen. Es wäre das höchste Gebäude in Szigetvár geworden."