9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1637 Presseschau-Absätze - Seite 157 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2014 - Geschichte

In Essay in der Welt schreibt der ukrainische Schriftsteller Taras Prochasko so bitter wie gefühlsbeladen, dass Europa seit einem Kosakensturm von 1645 ein dreigeteilter Kontinent geblieben ist. Westeuropa gilt ihm als erstes, Osteuropa als zweites, die Ukraine aber als drittes Europa: "Unsere europäische Geschichte ist die Geschichte eines Opferlamms, eines Holzschilds. Das erste Europa hat uns großgezogen, um uns den russischen Dämonen als Opfer darzubringen. Das zweite Europa, das selbst den Atem des Drachen zu spüren bekommen hatte, hat uns als Schutzschild benutzt. Hin und wieder, wenn der Schild versengt war, hat man ihn weggeworfen. Wenn man heute unsere Friedhöfe und Ruinen betrachtet und dazu die Berichte westeuropäischer Journalisten über unser wildes Land liest, kann man sich lebhaft vorstellen, wie es in den Amtsstuben Europas zugeht, in denen heute über die Zukunft der Ukraine entschieden wird. "Noch zu früh", heißt es dort, "der Zeitpunkt ist vorüber", "nie ist dafür die richtige Zeit"."

In seiner Serie zum Ersten Weltkrieg kommt Christian Thomas heute im letzten Teil zum Friedensvertrag von Versailles, der Deutschland mit der Alleinschuld" eine schwere Hypothek auferlegte und zum "schroffen Monument einer arroganten Siegermentalität" wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2014 - Geschichte

Riga ist Kulturhauptstadt Europas 2014, Judith Leister führt an den historischen Erinnerungsorten der lettischen Hauptstadt entlang auch zum Okkupationsmuseum: "Bis heute tue sich die lettische Gesellschaft mit der Gleichzeitigkeit von Täter- und Opferdiskurs schwer, meint Ivars Ijabs, ein Politikwissenschafter an der Rigaer Universität. "Die Letten wollen ihre Mittäterschaft nicht in ihr historisches Bewusstsein integrieren. Die Viktimisierung dominiert: Wir haben so viel gelitten. Gerade bei älteren Menschen ist die Schuldfrage ein Tabu. Jüngere Historiker sehen das schon anders.""

Weiteres: In der FAZ berichtet Gina Thomas, dass Großbritanniens "hurrapatriotisches Narrativ" zum Ersten Weltkrieg mittlerweile nicht mehr nur von Christopher Clark, sondern auch von linken Historikern wie Douglas Newton in Frage gestellt wird. Hannes Stein stellt in der Welt ein neues Buch über die Watergate-Affäre und Richard Nixons Anteil daran vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2014 - Geschichte

Beeindruckt berichtet Jan Schulz-Ojala für den Tagesspiegel aus Warschau, wo die Polen an den Warschauer Aufstand vor siebzig Jahren erinnern. Die Feiern sind für ihn weder Pop noch Folklore, auch wenn solche Elemente durchaus vorkommen: "Nein, hier artikuliert sich das wache Selbstverständnis eines immer wieder von seinen Nachbarn überrannten Volks, das sich aus einem Widerstandsgeist begreift, den es bis in die jüngste Zeit immer wieder bewies. Positiv ausgedrückt: das Selbstbewusstsein einer Nation - mochte sie noch so sehr für viele Jahrzehnte von der historischen Landkarte Europas getilgt gewesen sein."

Die Briten im Weltkriegserinnerungstaumel: Simon Jenkins kann im Guardian all die Gedenkveranstaltungen, Fernsehfilme und Filmdokus nicht mehr sehen, die - angesiedelt zwischen Downton Abbey und Preußenhorror - von allen Seiten auf ihn niederprasseln: "When in January I apologised to German friends for the impending avalanche of anti-German memorabilia, I little realised how great that avalanche would be. A Martian might think Britain was a country of demented warmongers, not able to get through a day without a dose of appalling battle scenes from past national victories. On Monday the fact that Britain went to war with Germany in 1914 actually led the morning news. Was this on government instruction? Were this North Korea or Maoist China we would ridicule such craven chauvinism."

Micha Brumlik erklärt in der taz mit Blick auf die Geschichte des rabbinischen Judentums, warum einige sehr spezielle Ultraorthodoxe auf den Al-Quds-Demonstrationen gegen den Staat Israel protestierten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2014 - Geschichte

Für die FAZ liest der Germanist Helmuth Kiesel im Rahmen eines Selbstversuchs Hitlers "Mein Kampf" und stößt auf "eine über fast achthundert Seiten sich erstreckende Aufblähung eines Einzelnen zum historisch-politischen Alleswisser und Alleskönner".
Stichwörter: Hitler, Adolf, Mein Kampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2014 - Geschichte

In der FR schreibt Christian Thomas sein Dossier zum Ersten Weltkrieg fort und kommt heute zum berühmten August-Erlebnis: "Groß die "trancehafte Lust", wie Carl Zuckmayer schrieb, "fast Wollust des Mit-Erlebens, Mit-Dabeiseins". Im kollektiven Gedächtnis hat sich seit Jahrzehnten die Erinnerung an eine große Euphorie erhalten; dass es sich bei dem großen Miteinander allerdings nicht um eine allgemeine, sämtliche Bevölkerungsgruppen, Schichten und Klassen erfassende Begeisterung handelte, hat sich erst in den letzten Jahrzehnten als Erkenntnis durchgesetzt. Die Kriegsbegeisterung, die die Truppen eskortierte, war ein vor allem bürgerliches Phänomen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2014 - Geschichte



Wieviel Kommerz- und Popelemente darf ein Kriegsfilm haben, fragt sich Julia Szyndzielorz - auch mit Blick auf die Ukraine - in der Welt, nachdem sie "Miasto 44" gesehen hat, ein polnischer Film über den Warschauer Aufstand, "der mit zeitgemäßen Mitteln über die Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Körperteile und Blut regnen vom Himmel. Die Hauptdarsteller küssen sich unter direktem Beschuss, im Hintergund läuft Dub-step. Die Kugeln werden auf der Leinwand zu goldenen Flecken. Sex auf einem Teppich unter Artilleriefeuer. Nacktheit, Blut, Schweiß und Muskeln. Es ist eine Heldengeschichte, die in erster Linie ein jüngeres Massenpublikum ansprechen dürfte, die sich aber auch in die Tradition der Mythologisierung der blutigen Ereignisse einschreibt. Der Fashiondesigner Robert Kupisz entwarf eine Reihe T-Shirts, die für den Film in der größten Buchhandelskette Polens werben sollen." (Foto: Szenenbild)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2014 - Geschichte

Christopher Clark arbeitet mit seiner Relativierung der deutschen Kriegsschuld Revisionisten à la Jörg Friedrich in die Hände gearbeitet, behauptet Heinrich August Winkler in einem Zeit-Essay und benennt gleich den eigentlichen Kriegsgrund: "Der Aufstieg der Sozialdemokraten... erfüllte die herrschenden Schichten mit großer Sorge. Manche Politiker und Publizisten hielten einen Krieg für den einzigen Ausweg, um die Gefahr eines weiteren Linksrucks und einer Deomkratisierung des Kaiserreichs dauerhaft zu bannen." Und noch schlimmer: Wenn man die Schuld am Ersten Weltkrieg leugne, "ist es kein weiter Schritt mehr zu den Behauptung, dass Hitler eben der große "Betriebsunffall" der deutschen Geschichte war."

Zum heutigen hundertsten Todestag würdigen NZZ und Welt den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès.


9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2014 - Geschichte

Der polnische Autor Stefan Chwin erinnert in der FAZ an den Warschauer Aufstand vor genau siebzig Jahren und die dunkle Romantik, die sich für ihn damit verband: "Was konnte ich dafür, dass der kollektive Tod der polnischen Jugend in einem wahnsinnigen Aufstand hundertmal schöner war als das vernünftige Optieren für das Leben, obwohl an so einem Tod überhaupt nichts Sinnvolles war - nur eine Menge Asche, Schmutz, Blut und Gestank des aus den Wunden fließenden Eiters?"

Der Historiker Gregor Schöllgen gerät in der SZ über die Unverschämtheit der Amerikaner, Deutschland zu besetzen, in patriotische Wallung: "Solange die Deutschen in der Rolle des Mündels verharren, haben die Amerikaner keine Veranlassung ihre Besatzermentalität abzulegen. Umgekehrt spricht einiges dafür, dass ein mit angemessenem Selbstbewusstsein auftretender deutscher Partner auch für die USA die attraktivere Alternative ist. Für die Nachbarn, die laut über eine europäische Führungsrolle Deutschlands nachdenken, gilt das ohnehin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2014 - Geschichte

In der FR unterhält sich Arno Widmann mit dem Historiker Jürgen Osterhammel über den Beginn des Ersten Weltkriegs. Osterhammel erzählt auch, wie die Kolonien und Dominions von den europäischen Mächten in den Krieg hineingezogen wurden: "Der Truppeneinsatz von Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika musste viel stärker politisch verhandelt werden. Das ließ sich nicht einfach in London dekretieren. Aber sogar in Indien, das über 800.000 kämpfende Soldaten stellte, genügte kein einfacher Erlass. Nachdem Großbritannien nach dem Großen Aufstand von 1857 Indien beinahe schon einmal verloren hatte, hütete man sich, zu sehr in die indische Gesellschaft einzugreifen... In Neuseeland und Australien spielt übrigens die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg noch immer eine große Rolle. Neuseeland hatte immerhin ein Zehntel seiner Bevölkerung auf die Schlachtfelder geschickt."

Heute gehört das Feuilleton der taz Gabriele Goettle. Sie porträtiert den Soziologen Jörg Becker, der viel über die Manipulation der Medien durch amerikanische PR-Agenturen erzählt. Interessant ist seine Erinnerung an den Mordanschlag von Solingen, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen: "Täter waren angeblich vier junge Neonazis, die sich haben verführen lassen und dafür zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Inzwischen sind sie, glaube ich, wieder frei und leben irgendwo in anderen Städten. Die linke Opposition hier in Solingen hat diese Verführungsthese nie geglaubt. Nie, nie, nie! Einer der Gründe war, die vier Jugendlichen gingen damals in eine Kampfsportschule, und der Leiter dieser Schule war "zufällig" ein Informant des Verfassungsschutzes. Dieser Mann bekam keine Aussagegenehmigung im Prozess. Er verschwand spurlos aus Solingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2014 - Geschichte

Nach all den Debatten zum Ersten Weltkrieg zieht George-Biograf Thomas Karlauf in der Welt eine Zwischenbilanz: "Zum ersten Mal scheinen die Deutschen, denen die Ereignisse von 14/18 nach 1945 verständlicherweise unendlich fern gerückt waren, wieder ein unmittelbares Verhältnis zum Ersten Weltkrieg herstellen zu können. Der historische Abstand ist geschrumpft. Man kann das bedauern. Man kann aber auch die These vertreten, dass die Deutschen damit ein Stück weit europäischer werden."

Ebenfalls in der Welt besteht die in UK lehrende Historikerin Annika Mombauer dagegen darauf, dass Deutschland und Österreich, wenn vielleicht auch nicht die alleinige, so doch ganz gewiss die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trugen. Und Matthias Heine grübelt über den deutschen Panzer, der - egal, ob damit Fahrzeuge oder Fußballspieler gemeint sind - "weltweit Inbegriff aller deutschen Nationaleigenschaften geworden" sei.